Helfen hilft - auch den Helfenden

Warum ehrenamtliches Engagement dazu beiträgt, ein gutes Leben zu führen
Zwei "Lockvögel" werben an der Hauptwache in Frankfurt am Main Ehrenamtliche für die Diakonie. Foto: dpa/Sven Stausberg/Saatchi & Saatchi
Zwei "Lockvögel" werben an der Hauptwache in Frankfurt am Main Ehrenamtliche für die Diakonie. Foto: dpa/Sven Stausberg/Saatchi & Saatchi
Der Ruhestand trifft viele Menschen unvorbereitet - sie müssen mit Mühe ein als sinnvoll empfundenes Leben zurückgewinnen: Matthias Hoof, Diplompsychologe und Theologe in Hattingen, über Sinn und doppelten Nutzen des Ehrenamtes im Europäischen Jahr der Freiwilligendienste 2011.

Mein Gott, hast du mich erschreckt!" - "Ich wohne hier!" - "Aber doch nicht jetzt, um diese Zeit." Wie ein geordnetes Familienleben durch Frühpensionierung aus den Fugen geraten kann, hat Loriot alias Vicco von Bülow in dem Film Papa ante Portas vorgeführt. Mit seiner Ökonomisierung des Drei-Personen-Haushaltes ruft der zwangsverrentete Kaufmann Heinrich Lohse unter anderem eine schwere Ehekrise hervor.

Aus dem vollen Berufsleben in die Erwerbslosigkeit. Dieses Schicksal kann Menschen auch lange vor der Rente treffen. Die meisten erwischt es unvorbereitet. "Plötzlich wusste ich nicht, was ich mit mir anfangen soll”, berichtet eine Betroffene. Das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden, von anderen abhängig zu sein, ist aber nur die Innenseite. Viele geraten, spätestens mit Hartz IV, auch finanziell in eine prekäre Lage. "Es ging mir richtig schlecht”, sagt die Frau, die es mit Anfang fünfzig traf. Dass sie aus dieser misslichen Lage herausgekommen ist, hat sie unter anderem dem Ehrenamt zu verdanken, das man ihr angetragen hat.

Plötzlich erwerbslos, durch Berufsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit oder Frühpensionierung: Jedes Jahr trifft es Zigtausende. Nicht alle werden damit so fertig wie die Betroffene oder das Ehepaar Lohse im Film. Gemeinsam beschließen die beiden am Ende, künftig etwas Sinnvolles machen zu wollen. Kann es gutes Leben ohne Erwerbsarbeit geben? Offenbar lässt sich diese Frage nicht mit einem klaren Ja oder Nein beantworten.

Etwas Sinnvolles tun ist der Schlüssel

Die einen schaffen es mühelos, weil sie über genügend finanzielle, soziale und psychische Ressourcen verfügen. Die anderen fallen in ein tiefes Loch: Ihr bisheriges Leben bricht mit einem Mal weg. Sie finden - wenn überhaupt - erst nach längerer Zeit in ein norma- les Leben zurück. Mühsam müssen sie erst lernen, die neuen Freiheiten richtig zu nutzen, die plötzlich im Übermaß vorhandene freie Zeit sinnvoll zu gestalten.

Die freie Zeit sinnvoll gestalten, etwas Sinnvolles tun, ist das der Schlüssel für ein gutes Leben ohne Erwerbsarbeit? Aber was ist sinnvoll? Und was ist gut? Der Begriff des "guten Lebens" findet sich schon in der antiken Philosophie bei Aristoteles. Für ihn ist er eng mit dem Begriff des "Glücks" verbunden. Er entkoppelt die Vorstellung eines glücklichen Lebens jedoch gänzlich von der menschlichen Arbeit: Am glücklichsten könnten Menschen dann leben, wenn sie von der Sorge um die alltäglichen Bedürfnisse befreit seien, also wenn sie nicht arbeiten müssten. Wirklich gutes Leben gibt es demnach nur ohne Erwerbsarbeit.

Dazu steht das jüdisch-christliche Arbeitsethos in scharfem Kontrast. Hier hat die Arbeit eine zentrale Bedeutung für die Gestaltung und Sicherung menschlichen Lebens. Sie ist dem Menschen zudem von Gott aufgegeben und dient letztlich dessen Verherrlichung. Dieses Verständnis von Arbeit prägt die westlichen Gesellschaften trotz Säkularisierung und anhaltender Massenarbeitslosigkeit bis heute. Ein Leben ohne Erwerbsarbeit kann folglich eigentlich kein gutes, kein wirklich erfülltes Leben sein. Wenn der Sinn des Daseins zentral über den Beruf und die Arbeit definiert wird, ist die persönliche Sinnkrise mit dem Verlust derselben vorprogrammiert.

Von Gott gegeben

An Sinn mangelt es, so der Philosoph Wilhelm Schmid, in unserer Gesellschaft allenthalben: am Sinn der Arbeit, am Sinn des eigenen Lebens, am Sinn des Lebens überhaupt. Was aber hilft heraus aus der kollektiven Sinnkrise? Wie und wo lässt sich Sinn finden? Die psychologische Sinnforschung hat gezeigt, dass Sinn ein vielschichtiges Phänomen ist. Sinnerleben beginnt mit einfachen Wahrnehmungen, die wir als in sich stimmig auffassen. Ständig schreiben wir Handlungen Sinn zu, verfolgen sinnvolle Ziele und Pläne und suchen nach einer Bedeutung für das, was wir tun und erleben. Persönliche Lebensbedeutungen sind die eigentlichen Sinnquellen, aus denen jeder Einzelne Sinn und Bedeutung schöpft.

Der Sinn des Lebens als übergreifender Gesamtzusammenhang ergibt sich aus den verschiedensten Lebensbedeutungen. Dazu zählen unter anderem Fürsorglichkeit, das Bedürfnis, etwas Bleibendes zu schaffen, soziales Engagement und die individuelle Religiosität, die man unter dem Oberbegriff "Selbsttranszendenz" zusammenfassen kann. "Selbsttranszendenz" bedeutet, ich überschreite meinen eigenen Lebensbereich und öffne mich für andere Welten außerhalb meines Selbsts: für die Mitwelt, die Menschen um mich herum, für die Umwelt, die Gesellschaft und ihre großen Themen und Probleme, und schließlich auch für eine andere Welt, die des Transzendenten. In alledem lässt sich Sinn finden, Sinn, der ein gutes und glückliches Leben ermöglicht.

Helfen ist ein alltäglicher Vorgang. Ich halte jemandem die Tür auf, ein Ortskundiger zeigt mir den Weg, Freunde packen beim Umzug mit an. Wenn Menschen sich für sozial Benachteiligte einsetzen, bezeichnet man das als "prosoziales Verhalten". Ein soziales Ehrenamt zeichnet sich dagegen durch eine regelmäßige, auf Kontinuität angelegte Hilfe aus. Genau diese Art von Hilfe, also die freiwillige, unentgeltliche, organisierte und längerfristige Unterstützung von Hilfebedürftigen, ist gemeint, wenn hier gesagt wird: Helfen hilft. Nicht nur den Hilfe Empfangenden, sondern auch den Helfenden selbst. Die Motivforschung zum ehrenamtlichen Engagement hat längst nachgewiesen: Wer sich für andere engagiert, hat auch selbst etwas davon - Anerkennung und Wertschätzung, soziale Kontakte, die Möglichkeit der Selbsterfahrung und eventuell einen guten Ausgleich zum beruflichen Alltag.

Kein Heilmittel in Krisen

Aber kann Helfen in Zeiten der Krise wirklich helfen? Steht da nicht das eigene Überleben an erster Stelle? Wie steht es zum Beispiel mit Arbeitslosen? Die im Auftrag des Bundesfamilienministeriums alle fünf Jahre durchgeführten Freiwilligensurveys zeigen, dass das Engagement von Arbeitslosen im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung eher unterdurchschnittlich ist. Auch sind sie deutlich weniger engagiert als Berufstätige. Allerdings lässt sich auch beobachten, dass unter arbeitslosen Akademikern die Quote der Engagierten immerhin nahezu 50 Prozent beträgt.

Dies macht deutlich, dass auch andere Faktoren wie Bildung und soziale Herkunft eine Rolle spielen. Und diejenigen, die sich trotz Arbeitslosigkeit ehrenamtlich bei einer Wohlfahrtsorganisation, in einem Verein oder einer Kirchengemeinde betätigen, berichten durchweg von guten Erfahrungen. Eine notwendige Aufgabe zu übernehmen, andere zu unterstützen, sich gesellschaftlich oder politisch zu engagieren, kann dazu beitragen, die durch den Verlust des Arbeitsplatzes ausgelöste Krise zu überstehen und das Leben wieder als sinnerfüllt zu sehen.

Sinnvolles erleben, Sinn erfahren, etwas Sinnvolles tun: das sind die Säulen solcher Arbeit am Sinn. Im freiwilligen Engagement für andere können alle drei Säulen zum Tragen kommen. Natürlich ist ehrenamtliche Arbeit kein Allheilmittel gegen persönliche Krisen. Soziale Netzwerke, Hobbys und Offenheit für neue Erfahrungen sind genauso wichtig, nicht zuletzt auch der persönliche Glaube und das Eingebundensein in eine religiöse Gemeinschaft.Das alles aber kann durch die Aufnahme eines Ehrenamtes positiv ergänzt werden.

Doch sollten Ehrenamtliche nicht zu Lückenbüßern werden, wenn bei den Hauptamtlichen Personal abgebaut wird. Unbezahlte Arbeit kann auch kein dauerhafter Ersatz für die Wahrnehmung sozialer Aufgaben sein, die eindeutig dem Sozialstaat obliegen. Auch kann sie kein Ersatzangebot sein, wenn Menschen bezahlte Arbeit und Teilhabe am ersten Arbeitsmarkt wollen. Aber sie kann durchaus zu einer weiteren Qualifizierung für spätere berufliche Aufgaben beitragen.

Kultur des Helfens

Nach den beiden neueren Freiwilligensurveys ist das Engagement in der Altersgruppe der 60- bis 69-Jährigen mit 37 Prozent Anteil im Vergleich zur Gesamtbevölkerung überdurchschnittlich. Seit 1999 hat es deutlich zugenommen. Ältere Menschen sind zudem nach Eintritt in den Ruhestand immer länger engagiert, wie der steigende Anteil der Ehrenamtlichen unter den über 70-Jährigen zeigt. Erst wenn die physischen Kräfte merklich nachlassen, ziehen sich viele zurück. Die Bedürfnisse, anderen zu helfen, etwas für das Gemeinwohl zu tun, und der Kontakt mit sympathischen Menschen haben für ältere Engagierte deutlich mehr Bedeutung als für Jüngere. So sind sie auch überproportional in sozialen Bereichen tätig.

Die Sozialforschung bestätigt, dass das Engagement älterer Menschen eine gute und sinnvolle Gestaltungsmöglichkeit für sie selbst darstellt. Besonders diejenigen, die frühzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden, können sich so weiterhin am gesellschaftlichen Leben beteiligen, Einfluss nehmen, in Kontakt kommen, eigene Kompetenzen einbringen und neue hinzulernen. Auf diese Weise gewinnt das Leben im Alter noch einmal ganz anders an Sinn und Struktur. Zumindest so lange wie es geht.

Unsere Gesellschaft lebt davon, dass Menschen gemeinschaftsaktiv sind, also am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, in Vereine gehen, ihresgleichen treffen, eine Kultur des Miteinanders pflegen und tradieren. Genauso lebt diese Gesellschaft davon, dass Menschen aufeinander Acht geben, sich für andere interessieren und, wenn es sein muss, praktische Hilfe leisten, freiwillig, ohne dafür bezahlt zu werden. Ohne eine solche Kultur des Helfens werden die durch den demographischen Wandel bedingten Probleme künftig nicht bewältigt werden können. Davon werden nicht nur die Adressaten der Hilfe profitieren. Und nicht nur der Sozialstaat, der dadurch teilweise entlastet wird: Helfen hilft auch den Helfenden. Wer für andere etwas Gutes tun kann, erfährt dadurch selbst Wertschätzung und Anerkennung, Glück und Erfüllung.

Information Europa Volunteering
Information bmfsj
Ehrenamtsportal
Ehrenamt in der EKD

Matthias Hoof

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