Kein Mittel zum Zweck

Musik und religiöse Erfahrung
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Rainer Bayreuthers Buch behandelt Musik als Gegenstand religiöser Erfahrung, Musik als Ausdruck religiösen Fühlens. Enttäuscht werden diejenigen sein, die religiöse Musik funktionalisieren wollen.

Einfache Fragen haben es in sich. So auch die Frage, was religiöse Musik ist. Beim Nachdenken erweist sie sich als äußerst kompliziert. Auch die schlichte Antwort des Musikwissenschaftlers Rainer Bayreuther hat es in sich: "Religiös ist diejenige Musik, mit der ein Mensch eine religiöse Erfahrung gemacht hat." Das wird in weit ausgreifenden Überlegungen erläutert, die dem Leser Geduld und geistige Disziplin abverlangen.

Mit seinem streng philosophisch argumentierenden Traktat beansprucht Bayreuther nicht weniger, als eine "Theorie der religiösen Musik" vorzulegen, die die Frage, was religiöse Musik ist, ausgehend vom Erfahrungsgegenstand Musik erörtert und dogmatisch-theologische Setzungen zurückweist. Damit plädiert er sowohl "für klare wissenschaftliche Zuständigkeiten auf allen Seiten" wie "für die Pluralität religiöser Erfahrungen von Musik".

Sein Buch behandelt Musik als Gegenstand religiöser Erfahrung, Musik als Ausdruck religiösen Fühlens, die Strittigkeit der Religiosität von Musik in der Geschichte, religiöse Erfahrung von Musik und religiöse Musik. In der Analyse der religiösen Erfahrung von Musik soll der Punkt ermittelt werden, an dem das Denken solcher Erfahrung an die Theologie verwiesen werden muss. Dabei grenzt sich der Autor scharf von kulturwissenschaftlichen Forschungen ab, die nur den kulturellen Umgang mit Musik, aber nicht diese selbst erfassen, und von kirchlichen wie theologischen Versuchen, der Musik eine "religiöse Dimension" zuzusprechen, die der schlichten sinnlichen Wahrnehmung verborgen sei. Er beharrt darauf, dass die Antwort auf die Frage "Was ist religiöse Musik?" in der Musik selber gefunden werden könne, unabhängig davon, "dass irgendein Erlebnis die Musik zu einer religiösen macht".

Spannend wird dieser Ansatz dort, wo Bayreuther an aktuellen theologischen Konzepten wie dem von Peter Bubmann zeigt, wie eine umfassende Funktionalisierung der Musik als Ausdruck fürs Religiöse den ausdrückenden Menschen zum eigentlichen Gegenstand religiöser Erfahrung erhebt. "Gott" wird als Akteur ausgeschlossen. Den Kirchen wirft der Autor vor, viele ihrer Strategien zielten nur auf solche unechten religiösen Erfahrungen. Echte religiöse Erfahrung lasse sich nicht "durch menschliche Aktivität herbeizitieren".

Das undifferenziert gebrauchte Argument, Musik werde auch in religiösen Vollzügen verwendet, belegt nach Bayreuthers Ansicht nichts. Ja, Musik sei ein "Medium des Heiligen Geistes" (so das EKD-Memorandum "Kirche klingt"), aber ein Medium des Satans könne sie auch sein. Auch das Argument, man müsse sich auf die kirchenmusikalische Tradition besinnen, hält der Autor für untauglich. Denn jede religiöse Erfahrung sei ein singuläres Ereignis. Die Erinnerung an das erste Mal erwirke daher kein zweites Mal, an dem religiöse Musik wieder zum Ereignis werde. Sie werde nur zum Ereignis, indem das musikalische Werk sich durch sich selbst einen Weg zu den beteiligten Akteuren bahne und sie in die Physis des Werks hineinführe.

Dieses Buch wird alle enttäuschen, die Musik in der Kirche gern als Mittel zum Zweck einsetzen und durch ihre Funktionalität als religiös rechtfertigen wollen. Wer aber Musik um ihrer selbst willen wahrnehmen und sich für religiöse Musikerfahrung offen halten möchte, wo und wann es Gott gefällt, wird bei Bayreuther überzeugende Argumente dafür finden.

Rainer Bayreuther: Was ist religiöse Musik? Wissenschaftlicher Verlag Bachmann, Badenweiler 2010, 304 Seiten, Euro 32,90.

Michael Heymel

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