Mindestens sieben Siegel

Aus seinen Finanzen macht der Vatikan ein Geheimnis und befeuert damit die Gerüchteküche
Vis-à-vis: Eine Heiligenstatue und der Sendemast von Radion Vatika in Kreuzform. Der Sender verschlingt große Summen. (Foto: dpa/Alessandro Bianchi)
Vis-à-vis: Eine Heiligenstatue und der Sendemast von Radion Vatika in Kreuzform. Der Sender verschlingt große Summen. (Foto: dpa/Alessandro Bianchi)
Was der Vatikan einnimmt und was er ausgibt, ist nicht leicht zu durchschauen. Dabei spielt die Vatikanbank zuweilen eine dubiose Rolle.

Vielleicht besitzt Papst Benedikt XVI. ja noch seinen Geldbeutel aus Kardinalszeiten, aber seit er auf dem Stuhl des Petrus sitzt, braucht er ihn nicht mehr. Denn der Papst bezieht kein Gehalt. Er trägt Dienstkleidung, und die wird ihm gestellt. Benedikt geht hin und wieder in den Vatikanischen Gärten spazieren, aber er kauft weder im Supermarkt noch in der Apotheke des Vatikan ein. Wenn seine Schuhe durchgelaufen sind, bekommt er ein neues Paar. Und den Haushalt führen Ordensschwestern.

Wo die Ausgaben für den persönlichen Bedarf des Papstes aufgelistet werden, weiß man freilich nicht. Denn die Finanzen des Vatikans sind mehrere Bücher mit mindestens sieben Siegeln, und sie sind schwer auseinanderzuhalten.

Defizite im Haushalt

Die päpstlichen Jahresbilanzen, die erst seit Mitte der Neunzigerjahre veröffentlicht werden, sind zudem nur ein Teil der Wahrheit, sie stellen allenfalls einen kleinen Ausschnitt der wirklichen finanziellen Verhältnisse dar. Im letzten abgeschlossenen Rechnungsjahr wiesen die Haushalte zum dritten Mal hintereinander Defizite auf: Der Heilige Stuhl, also die eigentliche Kirchenleitung, verzeichnet für 2009 Einnahmen von rund 250 Millionen Euro, die Ausgaben lagen dagegen mehr als vier Millionen darüber. Verwaltet wird der Etat von der Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls (APSA), die seit 2002 Kardinal Attilio Nicora leitet.

Größte Kostenfaktor sind die Personalkosten für etwa 2.750 Mitarbeitende, darunter gut sechzig Kardinäle, die im Vatikan arbeiten. Sie verdienen kaum mehr als ein deutscher Studienrat. Hohe Summen verschlingen die Medien, vor allem Radio Vatikan und die Tageszeitung Osservatore Romano. Einnahmen erzielt dagegen das Fernsehen des Vatikan, das seine Live-Übertragungen an TV-Sender in der ganzen Welt verkauft.

Woher die Haupteinkünfte des Vatikan stammen, bleibt freilich vage. Aus Zuwendungen der Diözesen, heißt es. So führen unter anderem die deutschen Bistümer einen Teil ihrer Kirchensteuern nach Rom ab. Verglichen mit dem Achthundertmillionen-Euro-Budget des Erzbistums Köln, das sich mit Chicago um den Rang als reichste Diözese der Welt streitet, nimmt sich der Finanzrahmen der römischen Kurie, die für etwas über eine Milliarde Katholiken zuständig ist, bescheiden aus.

Doch das hieße Äpfel mit Birnen vergleichen. Denn neben dem Kassenbuch der apsa gibt es noch den Haushalt des Staates der Vatikanstadt, verwaltet vom "Governatorat" unter Kardinal Giovanni Lajolo. Dessen Minus betrug 2009 7,5 Millionen Euro, dank einiger Sparbemühungen immerhin nur die Hälfte des Defizits vom Vorjahr. Den genauen Umfang des Staatshaushaltes, der etwas höher liegt als der Kurienetat, verschweigt aber das dürftige Communiqué des Kardinalsrates für die wirtschaftlichen Angelegenheiten, dem Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone als engster Mitarbeiter des Papstes vorsteht.

Zwei Haushaltsbücher

Die Unterscheidung zwischen päpstlicher Kurie und Vatikanstaat fällt selbst Politikern und geübten Diplomaten nicht immer leicht. Dabei handelt es sich um zwei verschiedene Institutionen. Der "Heilige Stuhl", die zentrale Leitung der katholischen Kirche, ähnelt als Körperschaft völkerrechtlich dem Internationalen Roten Kreuz. Der Vatikanstaat hingegen, nach der Staatsform eine absolutistische Wahlmonarchie, ist mit etwa 1.000 Einwohnern, von denen die Hälfte den Vatikanpass besitzt, der kleinste Staat der Welt.

Verwirrung entsteht, weil der Papst sowohl Staatsoberhaupt der Vatikanstadt wie zugleich unumschränkter Leiter der Kirche ist. Und in internationalen Verträgen kommt es zu Verwechslungen, wenn der vatikanische Staat durch den Heiligen Stuhl und dessen Botschafter, die Nuntien, vertreten wird. So sind die Führung von zwei Haushaltbüchern im Vatikan erklärlich und jene Unübersichtlichkeiten der päpstlichen Finanzen, die die Verantwortlichen gerne im Ungewissen lassen.

Der Haushalt des Governatorats umfasst vor allem die Umsätze, die auf dem Gebiet der knapp einen halben Quadratkilometer großen Vatikanstadt getätigt werden. Dazu gehören die Eintrittsgelder für die Vatikanischen Museen und die Gewinne, die Post und Münze erzielen. Die Briefmarken und der Euro des Vatikan - dieser ist der Eurozone assoziiert - sind bei Sammlern sehr begehrt. Auch Supermarkt, Tankstelle und Apotheke dürften auf der Aktiv-Seite des Governatorato stehen. Sie sind bei den Einkaufsberechtigten, den Mitarbeitenden im Vatikan, äußerst beliebt, da keine Steuern erhoben werden, die Preise also niedriger sind als sonst in Rom. Auch in diesem Haushalt sind die Personalkosten für knapp neunzehnhundert Staatsangestellte ein gewichtiger Negativposten, trotz deren bescheidenen Gehälter.

Keine Vermögensbilanzen

Hinzu kommen die Unterhaltkosten für Gebäude und Kunstschätze. Der Petersdom stellt zwar einen beträchtlichen Wert dar, aber er lässt sich genauso wenig versilbern wie die Sixtinische Kapelle mit ihren weltberühmten Fresken. Die Pietá Michelangelos ist ebenso wenig verkäuflich wie die antike Skulptur des Laokoon in den vatikanischen Museen. In einer Vermögensbilanz werden solche Eigentumswerte üblicherweise mit einem Erinnerungsposten von zum Beispiel einem Euro aufgelistet. Ob dies aber auch im Vatikan geschieht, weiß man nicht. Denn eine Vermögensbilanz legt die Leitung der römisch-katholischen Weltkirche genauso wenig vor wie deutsche Bistümer.

"Bei der Präsentation der konsolidierten Jahresbilanz fehlen viele, allzu viele Posten", stellt Gianluigi Nuzzi fest. Der italienische Journalist kritisiert, dass das "Bilanzbuch der katholischen Kirche viele leere Seiten" aufweist. Vor allem fehlten genaue Angaben über die Vermögensverhältnisse und Kapitalerträge aus den Unternehmen, an denen die römische Kirche beteiligt ist, und die Einnahmen aus Immobilien.

Nuzzi hat sich mit den Finanz- und Politskandalen der römisch-katholischen Kirche beschäftigt und in seinem Buch Vatikan AG veröffentlicht. Er stützt sich dabei auf geheime Aufzeichnungen ei­nes vatikanischen Insiders. Das Buch ist nicht nur die jüngste, sondern auch eine der seriösesten Veröffentlichungen über die Finanzen des Vatikan. Denn die Geheimnistuerei, mit denen die römische Kurie - wie die katholische Kirche insgesamt - Geld und Vermögen verschleiert, wecken natürlich eine besondere Neugier, die zumeist spekulative, nicht selten sensationsgeprägte Publikationen hervorbringt. Von Gerüchten umwoben ist vor allem der Reichtum des Vatikan. Und weil es genaue Zahlen nicht gibt, schwanken die Schätzungen nach wie vor zwischen 1,5 und mehr als zwölf Milliarden Euro.

Den Grundstock des Kapitalvermögens bilden die Früchte der Lateranverträge, mit denen die Faschisten den Papst 1929 für den Verlust des Kirchenstaates bei der Einigung Italiens entschädigten: 1,75 Milliarden Lire in bar und Staatsanleihen, nach heutigem Kaufkraftwert etwa eine Milliarde Euro. Welche Erträge damit inzwischen erwirtschaftet wurden, lässt sich kaum ah­nen. Eine Tonne Gold soll heute in den vatikanischen Tresoren liegen, wird gemunkelt. Und der Immobilienbesitz, der jährlich geschätzte 36 Millionen Euro Mieterträge einbringt, ist einschließlich der päpstlichen Sommerresidenz in Castel Gandolfo, der Fläche nach mehr als dreimal so groß wie das eigentliche Staatsgebiet der Vatikanstadt.

Ethische Grundsätze für Geldanlagen

Die Aktienanlagen folgten lange den höchsten Gewinnerwartungen. Doch dann sah sich Papst Paul VI. veranlasst, für Geldanlagen ethische Grundsätze vorzuschreiben. Denn im Zusammenhang mit seiner Enzyklika "Humanae vitae" von 1968, die die künstliche Empfängnisverhütung verwarf, wurde bekannt, dass der Vatikan an einem Chemiekonzern beteiligt war, der auch Antibabypillen produzierte.

Da auch die Vermögensverwalter des Vatikan keine Hellseher sind, bescherte die Bankenkrise ihnen Verluste. Schon 2008 habe die internationale Finanzkrise die Budgets des Vatikan "stark geprägt", stellte das Bilanzcommuniqué des Kardinalsrates für die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Vatikan fest und deutete damit eine Ursache der aufgezeigten Defizite an.

Vornehmlicher Finanzdienstleister für APSA und Governatorato ist die sogenannte Vatikanbank, eine der dubiosesten Einrichtungen hinter den Leonischen Mauern. In seinem Buch versucht Nuzzi einen Blick hinter deren Kulissen zu werfen. Das 1942 von Papst Pius XII. gegründete "Institut für religiöse Wer­ke" (IOR) soll als Vermögensverwalter für die Kurie und den Vatikanstaat, international wirkende Ordensgemeinschaften, Bistümer in aller Welt und kirchliche Einrichtungen und Stiftungen fungieren. Und die Kapitalerträge dienten der Finanzierung kirchlicher Dienste, heißt es.

Auf fünf Milliarden Euro beliefen sich die Gelddepots, vermuten die "Vaticanisti", jene Journalisten, die sich in der Zentrale der römisch-katholischen Weltkirche besonders gut auskennen. Doch nichts Genaues weiß man nicht. Denn die Vatikanbank veröffentlicht keine Bilanz. Und entgegen ihrer offiziellen Bezeichnung als "Institut für religiöse Werke" verfolgte sie nicht immer fromme Ziele. Tiefpunkt ihrer Geschichte war der Skandal um Erzbischof Paul Marcinkus, den seinerzeitigen Leiter des ior, der Anfang der Achtzigerjahre Geschäfte mit betrügerischen Bankiers aus dem Dunstkreis um Freimaurerlogen und Mafia betrieb. Man könne, erklärte der aus den USA stammende geistliche Bankier, die Kirche nicht mit Ave Marias leiten.

Seit damals versucht die Kurie, sich von der Bank zu distanzieren: Das Institut sei schließlich nicht die Vatikanbank, sondern lediglich eine eigenständige Bank im Vatikan. Doch als Oberhaupt des Vatikan ist der Papst quasi Allein­eigentümer des ior. Und ein großer Teil dessen, was es aus Geldgeschäften und Aktienanlagen erzielt, wird sowohl dem Kirchenoberhaupt zur persönlichen Ver­fügung gestellt als auch an den Haushalt des Heiligen Stuhls überwiesen: 2009 waren es fünfzig Millionen Euro.

Mafiose Strukturen

Nachdem die kriminellen Geschäfte um Marcinkus, für die der Vatikan jede Verantwortung zurückwies, aufgeflogen waren, versuchte Papst Johannes Paul II. im IOR personell reinen Tisch zu machen. Doch vergeblich, wie Nuzzi in seinem Buch aufdeckt. Denn untergründig wirkten mafiose Strukturen. So war die Vatikanbank in den Neunzigerjahren wiederum in Korruptionsaffären mit Politikern der alten "Democrazia Cristiana" verwickelt. Der aus vatikanischer Sicht tragische Schluss: Die Verurteilung beteiligter Politiker, darunter Altministerpräsidenten Giulio Andreotti, würde das Ende einer christlich-demokratischen Partei in Italien bedeuten.

Das Buch Vatikan AG wurde vom päpstlichen Presseamt nicht dementiert, sondern einfach totgeschwiegen. Und auf italienische Medien wurde heimlich Druck ausgeübt, um es zu boykottieren. Gleichwohl scheint das Buch Papst Benedikt XVI. veranlasst zu haben, den langjährigen Chef des ior, Angelo Caloia, vorzeitig in den Ruhestand zu schicken und durch Ettore Gotti Tedeschi zu ersetzen. Dieser gilt als ausgewiesener Bankfachmann, strenggläubig und dem Opus Dei nahestehend. Dennoch geriet die Vatikanbank jüngst erneut in die Schlagzeilen, als italienische Staatsanwälte wegen des Verdachts zu ermitteln begannen, das ior habe mit einer Transaktion von zwanzig Millionen Euro an die Frankfurter Filiale der J. P. Morgan-Bank gegen Geldwäschebestimmungen verstoßen. Und die Sum­me wurde deswegen beschlagnahmt.

Die Zeiten, als die Vatikanbank als Oase für ausländische Geldanleger und als Waschanlage für schmutziges Geld der Mafia galt, schienen vorbei, als der Vatikan nach langem Sträuben im Dezember 2009 eine neue Währungsvereinbarung mit der EU schloss. Über frühere Abkommen hinaus verpflichtete der Heilige Stuhl den Vatikanstaat, geeignete Maßnahmen zur "Verhinderung von Geldwäsche, Betrug und Fälschung von Bargeld und bargeldlosen Zahlungsmitteln, Medaillen und Marken" zu treffen sowie "statistische Berichtspflichten" zu erfüllen.

An der Bereitschaft zur Transparenz, wie sie wenigstens teilweise in der Bankenwelt sonst üblich ist, scheint es im Vatikan jedoch immer noch zu hapern. Das zeigt der aktuelle Fall einer an sich erklärungspflichtigen Geldüberweisung in Millionenhöhe. Ob es sich nur um einen Verfahrensfehler handelte, wie Bankchef Tedeschi meint, oder lediglich um den Versuch, den Vatikan - wie in den Achtzigerjahren - als Opfer darzustellen, wird der IOR-Chef erst noch nachweisen müssen.

Mangel an Transparenz

Beim vierten Buch der vatikanischen Finanzen öffnet der Kardinalsrat wenigstens die letzte Seite: bei der Kollekte unter dem Titel "Peterspfennig". Seit Jahrhunderten wird dieser jährlich weltweit - symbolträchtig um das Fest Peter und Paul - in den Bistümern gesammelt. "Der Peterspfennig ist der bezeichnendste Ausdruck der Teilhabe aller Gläubigen an den wohltätigen Initiativen des Bischofs von Rom für die Weltkirche" - mit diesen Worten versuchte Benedikt XVI. schon bald nach seiner Wahl die Katholiken zu motivieren. Der Erlös ist ausschließlich für karitative Zwecke - nach Entscheidung des Papstes - bestimmt. Er wird zum Beispiel durch das päpstliche Hilfswerk "Cor unum" an bedürftige Gemeinden und Ordensvereinigungen oder an Opfer von Naturkatastrophen verteilt.

Unabhängig von der Widmung ist das Ergebnis der Sammlung so etwas wie ein Gradmesser für das Ansehen des jeweiligen Papstes. Bei der ersten Kollekte nach Ratzingers Wahl 2006 verdoppelte sich der Peterspfennig gegenüber dem Vorjahr auf über hundert Millionen Euro. 2009 kamen zwar nur noch 65 Millionen zusammen, aber das waren immerhin fünf Millionen mehr als 2008.

Hajo Goertz

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