Religiöse Banausen

Ethik heute
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Anstatt die christliche Religion immer mehr aus dem öffentlichen Leben ins Private zu verdrängen, plädiert Schreiber für eine religiöse Bildungsoffensive.

Schafft sich Deutschland ab, indem es zu viele Menschen anderer Traditionen, Kulturen und Religionen bei sich aufnimmt? Die so gestellte Frage vernachlässigt die Ausgangslage: Immer we­niger gebürtige Deutsche sind sich ihrer kulturellen und religiösen Wurzeln bewusst.

Selbst die jüdisch-christlichen Zehn Gebote sind kein Allgemeingut mehr - von der zunehmenden Zahl an religiösen Ignoranten und mutmaßlichen Atheisten ganz zu schweigen.

Kein Wunder, dass uns überzeugte Muslime für religiöse Banausen und haltlose Spaßgesellen halten, von denen man sich distanzieren oder die man missionieren müsse. Anstatt die christliche Religion immer mehr aus dem öffentlichen Leben ins Private zu verdrängen, plädiert Schreiber für eine religiöse Bildungsoffensive.

Denn: "Spaßgesellschaft war gestern - zumindest hierzulande." Jetzt geht es darum, der ehrwürdigen Ethik des Alten Testaments ihre metaphysische Begründung und damit ihre unaufgebbare Verbindlichkeit zurückzugeben. Dass die menschliche Natur diesen elementaren Geboten kaum gewachsen scheint, mindert ja ihren Forderungscharakter keineswegs.

Dass wir uns mit Partnerschaft statt Ehe, mit Fonds-Spekulationen statt kaufmännischer Redlichkeit oder "geilem" Geiz einfach abfinden, ist eine unbedachte Kapitulation vor der Macht des Faktischen. Beim Durchgang durch die Zehn Gebote verleugnet der Autor nicht, dass die meisten in ihrer archaischen Schlichtheit ethischen Problemen der Moderne scheinbar nicht gewachsen sind. Das trifft beispielweise auf das fünfte Gebot angesichts In-vitro-Fertilisation und Präimplantations-Selektion zu.

Das erste Gebot als Angelpunkt

Doch auch Kompliziertes lässt sich auf einfache ethische Grundsätze zurückführen, wenn sie nur fest genug gegründet sind. Weil Schreiber den Gottesbezug aus dem ersten Gebot als Angelpunkt und Letztbegründung der Gebote ernst nimmt, widmet er ein ganzes Kapitel der Gottesfrage. Gegen alle biologistischen Erklärungsversuche der menschlichen Na­tur verteidigt er Immanuel Kants Postulate der reinen praktischen Vernunft: Gott, Freiheit und Unsterblichkeit. Von Parmenides bis Martin Heidegger, von René Descartes bis Rüdiger Safranski zieht er die Philosophen zurate, um die Zweifel am Sein Gottes zu zerstreuen.

Die universale, durch die Autorität Got­tes verbürgte Moral der Zehn Gebote wird schließlich mit philosophischen Ethiken und religiösen Moralvorstellungen in Islam, Buddhismus und Ko­nfu­zia­nismus konfrontiert. Diese sind nicht we­niger als die vorherigen Kapitel reich an historischen Informationen und Zitaten aus religiösen Texten. Dabei zei­gen sich Übereinstimmungen und Ergän­zungen. Die alten Griechen etwa grif­fen auf die Vernunft zurück, weil ihre religiöse Basis zu diffus war. Und Friedrich Schiller führte die ästhetische Moralbegründung gegen Kants reine Pflichtethik ins Feld.

Der Spiegel-Autor Mathias Schreiber sucht und findet einprägsame Formulierungen und einschlägige Begriffe für die "einfache Botschaft der Zehn Gebote". Wo sie ihm nicht zu Gebote stehen, schöpft er aus einem reichen Zitatenschatz prominenter Autoren - von Johann Wolfgang von Goethe bis Thomas Mann, von Sigmund Freud bis Jan Assmann, Martin Buber oder Fjodor Dostojewski. Dadurch liest sich das Buch abwechslungsreicher und vielfach sogar spannender, als es die Fülle des behandelten Stoffes ahnen lässt. Doch ob auf diesem intellektuellen Niveau jene erreicht werden, die ei­ne Aufbesserung ih­rer Moralauffassung nötig hätten, ist leider zu bezweifeln.

Mathias Schreiber: Die Zehn ­Gebote. Eine Ethik für heute. dva / Spiegel Verlag, München / Hamburg 2010, 288 Seiten, Euro 19,90.

Götz Planer-Friedrich

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