Theologisches Gewissen

Kurt Marti - sanfter Aufklärer und Seismograf seiner Epoche
Kurt Marti. (Foto: Alexander Egger)
Kurt Marti. (Foto: Alexander Egger)
Kurt Marti, Pfarrer und Schriftsteller, ist am 31. Januar 90 Jahre alt geworden. Ein Portrait des Schweizers, der durch seine "Leichenreden" berühmt wurde.

Am Elfenauweg, ausgerechnet, ist er jetzt zu Hause. Hat er doch in einer seiner Kolumnen von der "Schule für Elfenkunde" und den "Elfen-Beauftragten" in der isländischen Hauptstadt Reykjavik geschwärmt. In Zeilen voller Augenzwinkern versteht er die Elfen, Gnome und Trolle als ökologische Schutzgeister im Dienste der "Bewahrung der Schöpfung", Reich-Gottes-Gehilfen aus den verborgenen Welten der Vulkaninsel. Und es verwundert nicht, dass sich unweit seiner Berner Adresse ein verwunschenes Naturparadies an der Aare findet.

Eine tief gefasste Quelle

Einfach ist es nicht, bis zu Kurt Marti vorzudringen. Bereits im vergangenen November klagte er über Interview-Anfragen. Er sei ein Greis und lebe zurückgezogen. Sein Redefluss ähnelt einer tief gefassten Quelle irgendwo im Berner "Högerland", wie eine seiner Publikationen betitelt ist und damit die sanft geschwungene Hügellandschaft meint: Mal kommen die Worte langsam und spärlich, dann sprudeln sie munter vor sich hin und die Gedanken hüpfen nur so. Lebendig und charmant, bedient er nicht die auf knackige Statements bedachte Erwartung, erzählt aber manche Anekdote. Etwa über Niklaus Meienberg, den streitbaren investigativen Journalisten und Schriftsteller, der einst für den "Stern" Pariser Berichterstatter war und dem wegen seiner unverblümten Schreibe mancher Knüppel zwischen die Beine geworfen wurde. "Kannst du nicht schreiben wie der Kurt Marti?", habe Meienbergs Mutter zu ihrem Sohn gesagt und damit gemeint: Er solle seine Meinung weniger polternd sagen.

Gewiss: Kurt Marti ist kein Polterer. Gerne wird er als "sanfter Aufklärer" und "Seismograf seiner Epoche" bezeichnet. Mit seinen Ansichten hat er allerdings nie hinter dem Berg gehalten. Seine im letzten Jahr erschienenen Notizen und Details, 1400 Seiten gesammelter Kolumnen aus den Jahren 1964 bis 2007, veröffentlicht in der eingestellten Zeitschrift "Reformatio", zeigen die breite Begabung und das breite Interesse des Pfarrers und Schriftstellers. Er spricht von Theologie, Literatur und Philosophie, ein paar Seiten später aber von Stadtplanung, italienischen Einwanderern und dem Hauseigentümerverband.

Er ist ein Spaziergänger, der die Veränderung der Stadt gehend beobachtet. Er ist ein Korrespondent, dem eingegangene Reaktionen Anlass für zähe Nachfragen sind. Und immer wieder stellt sich Marti auf die Seite des kleinen Mannes, es ist eine Theologie von unten, die der Schriftsteller betreibt.

Kritik an "frommen Schnulzen"

Dies alles in einem klaren schnörkellösen Stil, der die Dinge beim Namen nennt. Die allererste Kolumne handelt von der Erneuerung des kirchlichen Liedgutes und zerlegt das heute gerne gesungene "Danke" als "fromm polierte Schnulze": "Danke für diesen guten Morgen / Danke für jeden neuen Tag, / Danke, dass ich all meine Sorgen / Auf dich werfen mag". Die "heruntergeschlagerte" Dankeshymne hat es Marti gar nicht angetan und vor allem, dass das Danken von Lust und Laune abhängig scheint. "Was heißt hier 'mag'? Mag ich einmal und das andere Mal nicht?" Und er zitiert Jazzpapst Joachim Ernst Berendt, der sich vehement gegen die Instrumentalisierung von zeitgenössischer Musik für kirchliche Zwecke wehrt. "Ich bin entsetzt, wenn der Jazz herhalten soll, damit die Kirche 'überhaupt einen Kontakt herbeiführen' kann."

So geht es Seite um Seite weiter, und der Themenvielfalt entspricht die der Stile. Mal ist Marti aphoristisch kurz und listig, mal zeigt er sich als Erzähler, mal als unnachgiebig recherchierender Journalist. Er entfaltet in den über 250 Texten eine produktive Streit- und Einmischungskultur, die man sich heute aus den Tastaturen von theologischen Denkern nur wünschen könnte. Die Notizen und Details, deren Titel sich anlehnt an Ludwig Hohls Nuancen und Details, sind eine Summa, die im vergangenen Jahr für den Schweizer Buchpreis nominiert war, der diese Ehrung aber leider verwehrt blieb.

Bekannt durch "Leichenreden"

Bekannt wurde Kurt Marti aber nicht mit Kolumnen, sondern mit seiner Lyrik. "Leichenreden" heißt der 1967 erschienene schmale Gedichtband, mit dem Marti in der literarischen Welt wohl am stärksten identifiziert wird. Rasch wird klar, dass hier einer eine neue Sprache anschlägt. Gedichtabsätze von "dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen / dass gustav e. lips / durch ei­nen verkehrsunfall starb" bis zu "dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen / dass einige von euch dachten / es habe ihm solches gefallen" haben sich in die Gedächtnisse einer Generation von Theologinnen und Theo­logen eingebrannt.

Marti gelingt es hier - wie ein paar Seiten weiter in der "Not eines überaus dicken Mädchens", die endet mit "ach wäre ein gott / der fleisch wird im fleisch / eines überaus dicken mädchens" - eine welt- und menschenfreundliche Theologie anzureißen, welche überinterpretierte theologische Schwergewichte wie die In­karnation leichtfüßig und produktiv in Szene setzt. Theologie und Literatur verschränken sich, der Geist weht ge­sellig.

Mit solchen Gedichten und dem von Marti formulierten und von Dorothee Sölle aufgenommenen Konzept einer "Theo-Poesie" kamen die Ehrungen - und in den Siebzigerjahren eine verweigerte Berufung auf den Lehrstuhl für Homiletik an der Universität Bern. Denn es gibt neben dem sanften Marti, dessen Haltung in seiner Lyrik quasi durch die Hintertür einfließt, auch den politisch und gesellschaftlich konkreten Denker. Der, wenn es denn die Argumente erfordern, keinen Hehl aus linken und grünen Ansichten macht.

Seine Statements zu Christentum und Marxismus waren der damals im Kanton Bern maßgeblichen und mit kirchlichen Würdenträgern verbandelten Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, dem Vorläufer der heutigen nationalkonservativen Schweizerischen Volkspartei svp, nicht genehm. "Man sagte: Wir wollen keinen, der die Studenten 'links' indoktriniert", so Marti heute.

Beeindruckt von Karl Barth

Vierzig Jahre später haben seine Texte längst Eingang gefunden in kirchliche Gesangbücher. Und derzeit wollen die Schweizer Reformierten auf der Grundlage eines seiner Gedichte mit einem Bekenntnis der individualistischen Beliebigkeit ihrer Glaubensaussagen Gegensteuer geben. Der Gedichtanfang ist bezeichnend für die Arbeitsweise Martis: Er gräbt Details aus, die allen entgehen - und die nach Bekanntwerden allen einleuchten. Ihm sei aufgefallen, dass in keinem der altkirchlichen Bekenntnisse die zentrale Aussage vorkomme, dass Gott Liebe sei. Er beginnt sein Bekenntnis mit den Worten: "Ich glaube an Gott, der Liebe ist."

Wie ist Kurt Marti geworden, was er ist? Sein theologisches Initialerlebnis beschreibt er in den Lebenserinnerungen Ein Topf voll Zeit, welche die Schul- und Studienjahre fassen. Es ist der Erzähler Marti, der in sehr persönlich gehaltenen Episoden über seine Entwicklung berichtet, ein reflektiertes Coming-of-Age-Tagebuch. Dabei verschränken sich Weltgeschehen und Lebensgeschichte.

Kurt Marti leistet Aktivdienst in den Schweizer Bergen. Der hellwache angehende Pfarrer als junger Mann nimmt nazifreundliche Strömungen in der Schweizer Politik und Kultur - so ein geplantes "Totaltheater" mit den eidgenössischen Gründungsmythen - wahr und sucht Orientierung.

Es ist Karl Barth, der ihn dabei tief beeindruckt. Als Gymnasiast hört er von ihm von den "Deutschen Christen", welche mit vielen exegetischen Verrenkungen Jesus als Arier statt Juden interpretierten. In der Kriegszeit hört er die Stimme des - von den Schweizer Behörden überwachten - Theologieprofessors aus seinen Broschüren, in denen Barth unerschrocken die "verzagten Anpassungsreden" einiger Bundesräte kritisiert. Und theologisch wie politisch luzid feststellt: Es sei zum aufsteigenden Nazi-Weltreich Nein zu sagen, weil "die innerste Mitte dieses Weltreichs im Hass und in der Verstoßung der Juden besteht".

Der glaubwürdige Mensch

Die persönliche Haltung Karl Barths wird ihm zum entscheidenden Erlebnis, die für Marti in seiner Theologie wurzelt: "Woher aber nahm der Basler Professor seine Klarsicht, seinen Widerstandsmut?" stellt er mehr fest, als er fragt. Und zwar spricht Marti davon, dass er zur Theologie wie die Jungfrau zum Kinde gekommen sei - unzweifelhaft war aber Barth hier Hebamme. Es ist nicht der gelehrte Systematiker, der Bücher wie Folianten veröffentlicht, der Marti besticht. Der glaubwürdige Mensch, der mitten im politischen und theologischen Leben steht, ist das Vorbild.

Theologisch hat Kurt Marti völlig andere Akzente gesetzt als Karl Barth. Was ihn mit diesem verbindet, ist darin das zähe Festhalten daran, dass Gott immer wieder anders ist als wir Menschen ihn denken und fühlen wollen. Stellvertretend eine Passage aus Martis "theologischem Notizbuch": "Oft hat man Grund zu sagen: 'Der Teufel ist los.' Nie heißt es: 'Gott ist los.' Halten ihn die Kirchen so sicher unter Verschluss?"

Happy Birthday, Kurt Marti!

Daniel Klingenberg

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