Eine winkende Katze

Im Dresdner Hygienemuseum: "Kraftwerk Religion. Über Gott und die Menschen"
Rituale sind, solange sie einigermaßen vertraut sind, der Kitt der Religionen. (Fotos: DHMD)
Rituale sind, solange sie einigermaßen vertraut sind, der Kitt der Religionen. (Fotos: DHMD)
Heißt Aufklärung über die Religion, ­Abschied von ihr zu nehmen? Diese Frage legt die Sonderausstellung des Deutschen Hygienemuseums in Dresden "Kraftwerk Religion. Über Gott und die Menschen" nahe.

Wer sich in die Welt der Religionen begibt, kann dies mit zwei Sichtweisen tun: mit der wissenschaftlichen, objektiven oder der inneren, der des Subjekts. Natürlich kann er auch zwischen diesen Sichtweisen hin- und herschalten, das gehört zum Reiz der Sache. Im Dresdner Hygienemuseum wird der Besucher mit nicht weniger als dreihundert kulturhistorischen Objekten und Kunstwerken aus der vielfältigen Geschichte der Religionen konfrontiert - und mit einer Menge historischer Fakten, privater Glaubenszeugnisse und Einblicke in aktuelle öffentliche Debatten, alles multimedial aufbereitet. Christen, Juden, Muslime, Hindus, Buddhisten, und nicht zuletzt Atheisten - sie alle haben ihren Platz im "Kraftwerk Religion".

Woher kommt die Katze?

Erst einmal stoßen Besucherin und Besucher auf Fremdartiges, auch Befremdliches. Etwa auf die winkende Katze. Die hat inzwischen auch hierzulande Karriere als Glücksbringer gemacht. Aber woher stammt sie? Doch wohl aus China? Und was hat sie zu bedeuten? Aber nein, nicht aus China, wird man belehrt, da wird die Katze zwar heute massenproduziert, aber ihr Herkunftsland ist Japan: Sie winkt mit der einen Pfote das Geld herein und hält mit der anderen den Kunden (symbolisch) fest. Ein Wunder also, dass sie nicht vor viel mehr Innenstadt-Shops ihr segensreiches Wirken entfaltet.

Gleich nebenan steht ein massiger Buddhakopf. Nur der Kopf, ohne Rumpf. Kaum eine Wellness-Einrichtung kommt heute noch ohne einen solchen aus. Hier erfährt man, dass diese Nur-Kopf-Darstellung auf einen Buddhisten verletzend wirken muss, besonders, wenn der Kopf respekt- und würdelos auf dem Boden platziert wird, möglicherweise gar in einem Etablissment, in dem Alkohol ausgeschenkt wird. Hoffen wir, dass das Hygienemuseum würdig genug ist.

Aber wenden wir uns zurück nach Europa, zur Religions- und Kirchengeschichte. Sie wird durch kurze, recht unterhaltsame Videobeiträge vermittelt. So zum Beispiel das Thema "Konfessionen" -hier in Dresden naheliegender Weise am Beispiel August des Starken. Dieser Herrscher hatte befunden, dass die polnische Königskrone eine Messe wert sei und war katholisch geworden - zum schweren Missvergnügen seiner Untertanen und seiner Gattin, die ihrem berüchtigt vitalen Eheherrn von Stund an den Rücken kehrte. Der Kurfürst aber ließ seine Hofkirche so einrichten, dass Prozessionen innerhalb der Kirche, verborgen vor den Augen des Volkes, abgehalten werden konnten. Die erbitterte Kurfürstin, Christiane Eberhardine von Brandenburg-Bayreuth, bat derweil ih­ren Sohn Friedrich-August inständig, Lutheraner zu bleiben. Andernfalls sei zu befürchten, dass er in die Hölle käme - der Originalbrief ist zu besichtigen.

Heute liegt das Terrain des ehemaligen Kurfürstentums ganz in den östlichen deutschen Bundesländern, und es ist bekannt, dass in keiner Region der Welt Menschen so wenig religiös sind wie gerade hier. Die ältere Generation wird das nicht verwundern, auch nicht den mit der deutschen Geschichte Vertrauten, wohl aber viele Jüngere, die hier lernen können, dass in der DDR zwar offiziell Religion verpönt war, aber dennoch oder gerade deshalb intensiv eine Art von Pseudo- oder Ersatzreligion gepflegt wurde. Dazu gehörte der Kult um kommunistische Märtyrer: Ernst Thälmann, von den Nazis im KZ ermordet, ist ein solcher. Neben einem Porträt des ehemaligen KPD-Vorsitzenden steht der möglicherweise despektierliche (aber despektierlich gegen wen?) Satz, sein Konterfei habe so selbstverständlich in den DDR-Klassenzimmern gehangen wie Kruzifixe in bayerischen Schulen.

Arbeiterfamilie als Ikone

Christliche Märtyrer erlitten demgegenüber im Kommunismus ihr Martyrium noch einmal, symbolisch jedenfalls: Nach der Oktoberrevolution wurden in der Sowjetunion Heiligenbilder zu Futtertrögen und Fensterläden umfunktioniert. Wenn man dann doch eine Ikone der heiligen Familie aus jener Zeit zu entdecken glaubt, handelt es sich bei näherem Zusehen um eine Arbeiterfamilie.

In unserer Demokratie wird Religion Gott sei Dank weder gewaltsam verordnet noch verfolgt. Heiß debattiert wird sie jedoch immer wieder, etwa wenn es um Kruzifixe in öffentlichen Schulen geht. Die Besucher können sich hierzu Meinungen von Personen aus Politik, Kirche und Gesellschaft anhören - etwa die von Andrea Nahles, Generalsekretärin der SPD, oder die von Innenminister Thomas de Maizière. Auch eine freikirchliche Pastorin, eine muslimische Lehrerin, eine atheistische Betriebswirten und andere kommen zu Wort. Wer schon eine Meinung zur Causa hat, wird vielleicht wanken, wer noch nicht, sich vielleicht eine bilden.

So auch in der Frage "Muss der Staat seine Bürger vor bestimmten Religionsgemeinschaften schützen oder nicht?" Ein "Elektro-Meter" der Scientologen kitzelt die Neugierde, anschließend kann sich der Besucher wieder verschiedene Standpunkte anhören.

Minarett als Bastelset

Wer sich dies erspart, steht schneller vor einem besonders putzigen Exponat, einem Minarett-Bastelset. Doch wer dies für ein besonders gelungenes Beispiel dafür hält, wie man schon bei Kindern interreligöse Toleranz einübt, sieht sich hinsichtlich der Motive der Hersteller getäuscht: Der Bastelsatz sei, so lautet die Information, von einem Schweizer Grafikbüro ausdrücklich zu dem Zweck ersonnen worden, den Protest der Eidgenossen gegen jedweden Minarettbau zu unterstützen. Bleibt zu hoffen, dass der Schuss in diesem Fall nach hinten losgegangen ist. Jedenfalls handelt es sich um ein Beispiel dafür, "dass sich die öffentliche Wahrnehmung von Religion und Glaube stark verändert hat", wie die Organisatoren der Ausstellung in einem Begleitleporello sibyllinisch vermerken.

Wie wahr, seufzt der Besucher, während er zwei handbeschriebene DIN-A4-Seiten beäugt, die die "geistliche Anleitung" der Attentäter vom 11. September 2001 enthalten - ein Stück aus dem Fundus des FBI. Hier wird er darüber belehrt, in welcher Durchführungsphase der Tat die Attentäter welche Koranverse zu wiederholen hatten.

Wer bis hierhin gekommen ist, dem ist schon klar geworden, dass Konzentrationsdisziplin gefordert ist, so viele Informationen gilt es aufzunehmen. Vielleicht ist ein geführter Besuch durch die Ausstellung einem Alleingang vorzuziehen, so dass die Gefahr gemindert wird, sich in der thematischen Vielfalt zu verzetteln.

Barbie für Muslime

"Gemeinschaften" ist das Thema des zweiten Ausstellungsteils - wann man dazugehört, wie man hineinkommt und was sie zusammenhält. Scheinbar selbstverständliche Vorstellungen von rein und unrein, heilig oder unheilig prägen uns lange, bevor wir uns dafür oder dagegen entscheiden könnten, heißt es unter dem Stichwort "Tradieren". Hier findet sich ein Modell der Erziehungsschule in Neuendettelsau aus den Fünfzigerjahren und gleich in der darauffolgenden Vitrine eine muslimische Barbiepuppe, eigens für den saudi-arabischen Markt produziert. Für den Verkauf in den USA, in Ägypten und in Eu­ropa ist sie zusätzlich mit Badeschlappen, einem pinkfarbenen Gebetsteppich und farblich dazu passendem Gepäckwagen für den Flughafen ausgestattet. Fragt sich, welche "scheinbar selbstverständlichen Vorstellungen" mit diesem Objekt geprägt werden.

Sozusagen der Kitt der Religionen aber sind die Rituale, jedenfalls, so lange sie selbstverständlich oder doch wenigstens einigermaßen vertraut sind. Anders die fremden: Sie können locken, Ehrfurcht einflößen, abstoßen ... oder nur harmlos-kurios wirken. Letzteres et­wa in einem zu betrachtenden Fernsehbeitrag, der zeigt, wie Hinduisten aus Köln ihre Gottheiten im Rhein dem Ri­tus gemäß bestatten.

Dass Rituale auch völlig losgelöst von jeder Religion existieren können, ist wohl unmittelbar einsichtig. Dafür, dass pseudoreligiöse (also ideologisch-weltanschauliche) Systeme besonderen Wert auf Rituale legen, wird auch am Beispiel der DDR expliziert. Dort gab es zum Beispiel auch einen Jahresschlusskalender. Dieser mit 31 Türen versehene Dezemberkalender ist ebenfalls zu besichtigen. Ob es allerdings die oft kolportierte "geflügelte Jahresendfigur" wenigstens als Terminus allen Ernstes gegeben hat, erfährt man leider nicht.

Wer sieht wie Gott aus?

Dem Thema ihres letzten Teils, "Offenbarung und letzte Fragen", nähert sich die Ausstellung - ja wie? - vorsichtig oder leichtgeschürzt, nämlich über die Dokumentation eines "International God Look-Alike Contest": Der Brite Adam Chodzko inserierte in mehreren internationalen Zeitschriften: "Künstler sucht Leute, die denken, dass sie wie Gott aussehen, für interessantes Projekt." Die Auswahl der ihm zugesandten Porträts mag sich dem Betrachter zu der Herausforderung auftürmen, in all diesen Gesichtern das Ebenbild Gottes zu entdecken.

Wer sich stattdessen fürs Amüsieren entscheidet, kann damit gleich fortfahren, während er nämlich Fotos von Geistern betrachtet, die irgendwer einst für authentisch gehalten hat, oder die von schwebenden Tischen. Ob der notwendige Ernst schon wieder hergestellt ist, wenn der Besucher anschließend dazu eingeladen wird, eine persönliche "letzte Frage" mittels Notizzettel an eine Magnetwand zu heften, sei dahingestellt, jedenfalls erinnert das Verfahren wahlweise an den Religions- oder Staatsbürgerkundeunterricht.

"Schmunzeln is good for you" - wer wollte daran zweifeln? Aber wo bleibt das "Kraftwerk Religion"? Gemach, kommt noch. Während der Besucher - mag sein, ungläubig - auf die Röntgenbilder eines von schwerer Krankheit Geheilten starrt, dringt eine seltsame Mischung von Geräuschen an sein Ohr: Gesänge - vertraut oder unvertraut - und rezitatives Gemurmel. Fast zerstört das die Konzentration auf die Information: Dieser Mann sei davon überzeugt, am Ziel einer Wallfahrt gesundet zu sein. Die katholische Kirche habe diesen Fall hochoffiziell und amtlich zum Wunder erklärt.

Aber weiter, den Stimmen und Geräuschen nach in einen verdunkelten Raum: Endlich Gelegenheit, sich zu setzen. Ein Videoprojektor wirft Filmausschnitte an die Wand. Betende, den Gottesdienst vorbereitende und feiernde Menschen rund um die Erde werden gezeigt: Griechisch-orthodoxe Christen, Buddhisten in Buthan, Juden in Budapest, Katholiken in Italien, Muslime in Marokko, evangelische Christen in Dresden. "Kraftwerk Religion" eben. Die Religion hat Energie, sie liefert Energie, lautet die Botschaft. Wie die Form der Energie, wie der Empfänger die Verwendung und das Ergebnis beeinflussen, bleibt unbestimmt: Die Welt der Religion ist groß und bunt, und sie wird im Hygienemuseum vorgeführt. Das ist im großen Ganzen gelungen. Dass der Spiritus loci darüber hinaus Neigungen zur Spiritualität offenbaren würde, war ja auch nicht zu erwarten gewesen. Kraftwerk Religion. Über Gott und die Menschen. Noch bis zum 5. Juni 2011 im Deutschen Hygiene­museum in Dresden zu sehen.

Zur Museumshomepage

Constanze Broelemann

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