"Zu meinem Gedächtnis"

Ein Buch über christliche Erinnerungsorte
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Die Kirche im Dorf, das Abendmahl, das Internet - das sind mögliche Erinnerungsorte des Christentums, denen sich ein lesenswerter Aufsatzband widmet.

Seit den Diskussionen der vergangenen Jahre über Erinnerungskultur und kulturelles Gedächtnis wissen wir, dass Erinnerungsorte durchaus nicht nur reale Orte oder Gegenstände sein müssen. Auch immaterielle Orte, Ereignisse der Vergangenheit, Persönlichkeiten, Rituale, Liturgien, Institutionen und Kunstwerke können Erinnerungsorte sein, wenn sie als eine Art von Kristallisationspunkt dienen, an dem das Gedächtnis seine Erinnerung festmacht und sich zu erinnern beginnt. Solcher Art sind die Erinnerungsorte des von dem katholischen Kirchenhistoriker Wolf und seinem evangelischen Kollegen Markschies zusammengestellten, reich illustrierten Buches.

Christus als zentraler Ort

In dem brillant geschriebenen Vorwort begründen die Herausgeber überzeugend, dass sie keiner Mode folgen, wenn sie nun auch noch ein christliches Erinnerungsorte-Kompendium vorlegen, sondern dass das Christentum "als Offenbarungsreligion nicht anders denn als Erinnerungsreligion zu denken" sei. Erinnerung und Erinnerungsorte gehörten von Anfang an zum Christentum. Dabei leite sich das christliche Konzept der Erinnerung von Jesu Auftrag beim letzten Abendmahl her: "Tut dies zu meinem Gedächtnis."

In diesem angedeuteten Sinne ist Christus selbst der zentrale christliche Erinnerungsort. Einen besonderen Akzent setzt Etienne François, der unter der Voraussetzung, dass Abendmahl / Eucharistie theologisch als zentrale Erinnerungsorte des Christentums verstanden werden, darauf hinweist, dass in der Erfahrung der meisten Menschen "jedoch die Kirche im eigenen Dorf", im eigenen Umfeld, den wichtigsten christlichen Erinnerungsort darstellt.

Halt und Identität

Als liturgischer Erinnerungsort sei jede Kirche zugleich auch der Erinnerungsort einer spezifischen Gemeinschaft, sei mit ihr konstitutiv verbunden und trage dazu bei, "diese Gemeinschaft als solche zu formieren". Sie gebe ihr "Halt und Identität". In den gegenwärtigen Diskussionen darüber, Kirchen zu entwidmen und nicht mehr in jeder Kirche an jedem Sonntag Gottesdienst zu feiern, könnten diese Überlegungen zu Gründlichkeit und Tiefe beitragen.

Die Aufsätze von Arnd Brummer und Reinold Hartmann mit ihren teilweise steilen Thesen über die modernen Medien als christliche Erinnerungsorte sollten von den an der Öffentlichkeitsarbeit Interessierten zur Kenntnis genommen werden: Brummer schreibt erst grundsätzlich über den Begriff "Medien", ehe er auf den "Medienprofi" Paulus eingeht. Seit Paulus agierten christliche Medien "empfängerorientiert". Dem Massenmedium Buch folgten die Massenmedien Film, Hörfunk und Fernsehen. Wenn Kirche weiter empfängerorientiert verkündigen wolle, und das sei ihr Auftrag, müsse sie sich der elektronischen Medien (Facebook) bedienen.

Kein Grund zur Angst

Der Aufsatz, der teilweise sehr radikal argumentiert, ist von einer großen Gelassenheit getragen. So meint Brummer: "Es gibt nichts Neues, nur die Medien, die das Alte präsentieren, sind neu." Für Angst bestehe kein Grund. Mit seiner Ansicht, "nur die Botschafter selbst können die Glaubwürdigkeit" der Botschaft "schmälern", und der sich daraus ergebenden Schlussfolgerung, die Wahl kirchenleitender Personen solle auch nach medientauglichen Gesichtspunkten erfolgen, wird er hoffentlich Aus­einandersetzungen auslösen, die längst hätten geführt werden müssen.

Das gesamte Buch eröffnet mit seinen gut geschriebenen, anregenden und sich gegenseitig ergänzenden Beiträgen von "Altötting" über "Humanae vitae" bis "Wittenberg" ein weites Denk- und Diskussionsfeld und ist höchst lesenswert.

Christoph Markschies / Hubert Wolf (Hg.): Erinnerungs­orte des ­Christentums. Verlag C. H. Beck, München 2010, 800 Seiten, Euro 38,-.

Jürgen Israel

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