Leiden auf dem Lande

Für viele arme Menschen wird die Nähe zur Last
Kunst an der Bushaltestelle, gut und schön. Wo aber bleibt der Bus?
Foto: ddp/Jens Koehler
Wer in dörflichen Gemeinschaften lebt, kann dort von einem engen sozialen Netzwerk profitieren. Doch Hartz-IV-Empfänger geraten schnell unter sozia­len Druck. Ihnen drohen stärker als in der Stadt Stigmatisierung und Ausgrenzung.

Die Armut scheint in der Stadt zu leben. Wenn Medien über existenzielle finanzielle Not berichten, präsentieren sie in der Regel Bilder aus einer urbanen Umgebung: Soziale Brennpunkte, Hochhaussiedlungen, Spielplätze, auf de­nen arbeitslose Jugendliche "abhängen", Menschen, die in Unterführungen und Kaufhauseingängen übernachten. Auf dem Land, wo noch jeder jeden kennt, scheint es solche offensichtliche Not nicht zu geben. Die gängige Vorstellung geht davon aus: Dort hilft man sich gegenseitig, auch ohne Geld. Dort scheint ein Überleben einfacher zu sein. Diese funktionierenden Dorfgemeinschaften gibt es, keine Frage. Doch nicht alle profitieren von ihr.

Wer einen genaueren Blick wagt und länger mit den Bewohnern spricht, nimmt die kleinen aber entscheidenden Unterschiede wahr und erkennt das soziale Gefälle - auch auf dem Land. Menschen, die von Armut bedroht oder betroffen sind, fühlen sich in der Regel ausgeschlossen aus der Dorfgemeinschaft. Sie schämen sich ihrer Armut, werden ausgegrenzt und ziehen sich oft auch aktiv zurück. Das sind die Ergebnisse der Studie "Armut in ländlichen Räumen", die das Sozialwissenschaftliche Institut der Evangelischen Kirche Deutschland (SI) in den Jahren 2009 und 2010 erstellt hat. Dafür haben die Mitarbeiterinnen des Instituts dreißig Menschen, die von Armut und sozialer Ausgrenzung betroffen sind, zu Hause besucht: Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 78 Jahren, mit kleinem Einkommen, niedriger Rente oder mit Hartz IV, mit Familie oder alleinstehend.

Zum Beispiel Cordula (Name von der Redaktion geändert). Sie ist 44 Jahre alt und alleinerziehende Mutter von drei Kindern. Sie lebt in Landesbergen, einer Gemeinde mit 2.800 Einwohnern im Landkreis Nienburg in Niedersachsen. Eine ländliche, dünnbesiedelte Region. Sie und Ihre Kinder haben die Ausgrenzung, die die ewige Finanznot mit sich bringt, immer wieder erfahren. Zum Beispiel, als die Tochter zu Hause vergeblich auf eine Schulfreundin wartete, mit der sie sich zum Spielen verabredet hatte. Doch als sie sich am Telefon nach ihr erkundigte, hörte sie von ihrer Freundin: "Mein Papa möchte das nicht, euer Haus sieht so dreckig aus." Das Kind begann zu weinen, Cordula war geschockt. "Wir können nichts dazu, dass das Haus nicht angemalt ist. Wir wohnen hier nur zur Miete!"

Auf dem Land ist Mobilität der Schlüssel zur Teilhabe

Bis zur Kreisstadt Nienburg, wo die zuständigen Ämter und die notwendigen Fachärzte sitzen, ist Cordula eine halbe Stunde mit ihrem Motorroller unterwegs. Auch zum Interview mit den Sozialwissenschaftlern kommt Cordula trotz strömenden Regens mit dem Roller. Denn der Bus fährt nur zweimal am Tag. Und er kostet Geld. Mobilität ist in ländlichen Regionen für diejenigen, die wenig Geld haben, ein großes Problem. Denn das Netz aus Bussen und Bahnen hat weite Maschen. Dabei ist Mobilität der Schlüssel zur Teilhabe am sozialen Leben. Wer kein Auto hat, der kann ei­nen Arbeitsplatz im übernächsten Ort kaum erreichen oder seine Kinder zum Sport oder Musikunterricht fahren. Und auch die Fahrt zum Arzt wird im Zweifelsfall zum unüberwindlichen Problem.

Cordula sieht immer wieder mit Sorge, welche tiefgreifenden Auswirkungen ihr Leben mit wenig Geld auf ih­re Kinder hat. Die Familie lebt von sgb-II-Leistungen, im Volksmund Hartz IV genannt. Cordula bemüht sich um Arbeit und um Weiterqualifizierung, hat aber bisher nur einen Praktikumsplatz im Altenheim bekommen. Wie die meisten Eltern setzt sie sich sehr dafür ein, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung bekommen und an Klassenfahrten, Ferienprogrammen, Musikunterricht teilnehmen und in den Sportverein gehen können. Bildung ist der wichtigste Faktor, um Kinder aus armen Familien aus der drohenden oder schon bestehenden Isolation zu holen - da sind sich die Fachleute einig.

Dass solche Teilhabe jedoch mit den bislang geltenden Regelsätzen nicht zu gewährleisten ist, wie das Bundesverfassungsgericht bereits im Februar 2010 in einem Urteil festgestellt hatte, hat auch Cordulas Sohn erfahren. Die Kosten für eine Klassenfahrt ins Ausland wollte das Arbeitsamt nicht übernehmen, weil es schon die vorherige bezahlt hatte. Dass Cordulas Sohn wegen Krankheit nicht mitfahren konnte, spielte jetzt keine Rolle. Der Antrag wurde abgelehnt. Die von der Schule für solche Situationen eingerichtete Kasse wollte der Junge aus Scham nicht nutzen. "Er meinte immer, er möchte es nicht, dass die anderen für ihn zahlen", erinnert sich Cordula. "Da ist er hier geblieben, als einziger." Möglicherweise ersparen die aktuellen Veränderungen im SGB-II Cordulas Kindern so etwas in Zukunft - sicher ist das aber nicht.

Soziale Kontrolle

Im ländlichen Raum fällt es den Menschen - nicht nur den Kindern - offenbar viel schwerer, Hilfe in Anspruch zu nehmen, als in der Stadt. Der Gang zu einer so genannten Tafel, wo es gespendete Lebensmittel kostenlos gibt, wird zum peinlichen Erlebnis: "Ich hab mich jedes Mal umgesehen, ob da keiner ist, der mich sieht", erinnert sich Cordula. Wenn ihr Bekannte entgegenkamen, hat sie die Straßenseite gewechselt. Doch dann wich die Scham, gegen die Stigmatisierung konnte sie sowieso nichts tun. "Die Leute bei uns in der Straße, die wissen es im Grunde genommen ja alle. Früher haben die mal gefragt, aber jetzt reden die gar nicht mehr mit mir! Für die bin ich eine Asoziale, weil ich zur Tafel gehe."

Auch die Studie zur "Dunkelziffer der Armut" der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung aus dem Jahr 2005 zeigt: In Städten wird ein Sozialhilfeanspruch eher realisiert als in kleinen Gemeinden. Der hohe Grad der sozialen Kontrolle im ländlichen Raum macht es denen, die arbeitslos werden und die in Not geraten, schwer. Sie wollen nicht, dass andere ihre Schwierigkeiten sehen und sie ins Gerede kommen. Menschen, die von Armut und Ausgrenzung betroffen sind, tun unendlich viel dafür, um ihren Mangel zu verbergen: gegenüber den Nachbarn, gegenüber der eigenen Familie, in der Schule, im Freundeskreis. Nichts wünschen sie sich mehr, als so zu sein wie die "normalen" Leute, die nicht von der staatlichen Grundsicherung leben müssen. "Wenn die erfahren, man bezieht Hartz IV, dann ist man bei denen schon unten durch", weiß Cordula. "Als Hartz-IV-Empfänger ist man ja nichts mehr. Nicht kreditwürdig, keiner will was mit einem zu tun haben." Dann kommt auch bei Cordula das Gefühl auf: "Du bist ja nichts mehr wert."

Rückzug aus dem Leben

Das Erleben der Ausgrenzung führt bei den Betroffenen auch zum aktiven Rückzug aus dem sozialen Leben. Je länger dieser Zustand andauert und sich verfestigt, desto höher wird die Schwelle, erneut auf Menschen zuzugehen und teilhaben zu wollen. Dieser Teufelskreis entwickelt sich langsam und schrittweise. Ihn aufzuweichen oder gar zu durchbrechen, ist offenbar für beide Seiten schwierig.

Das Leben auf dem Land stützt dieses System der Ausgrenzung. Denn anders als in anonymen Großstädten kennt man sich untereinander, zumindest oberflächlich. So entsteht eine erhebliche soziale Kontrolle, die auch Cordula erfahren hat. "Hier ist das wirklich so, dass jeder von jedem weiß, was für eine Unterhose er trägt. Hier ist nichts mehr anonym." Das schränkt die Handlungsspielräume des Einzelnen zumindest subjektiv ein.

Die Kirche könnte hier korrigierend wirken. Denn sie spielt in den sozialen Gefügen auf dem Land eine bedeutende Rolle. Mehr noch als in der Stadt gelten auf dem Lande kirchliche Mitarbeitende, insbesondere Pastorinnen und Pastoren, als anerkannte Instanz. Insbesondere in Krisen- und Übergangssituationen werden sie in der Regel als kompetente Ansprechpartner erlebt. Und doch lässt sich vom Einsatz für die Armen und vom christlichen Miteinander mit ihnen bisher in den Kirchen noch zu wenig finden. Auch Cordula hat versucht, in der Kirchengemeinde Kontakt zu finden. Es ist ihr nicht gelungen: "Es gibt bei der Kirche nur Handarbeitskreise und so was", sagt sie. Und in denen säßen wieder Leute, die schon jahrelang dabei sind. "Da fühlst du dich nicht zugehörig. Du merkst, wer immer in der Kirche ist und Geld da lässt." Wie "eine Aussätzige" habe sie sich in den kirchlichen Veranstaltungen gefühlt, ließ sich dadurch schnell verunsichern - und zog sich zurück.

Dabei ist das Interesse der Kirchengemeinden, sich mit dem Armutsthema zu beschäftigen, aufgrund der öffentlichen und auch der innerkirchlichen Diskussionen deutlich gestiegen. Im Europäischen Jahr gegen Armut und soziale Ausgrenzung 2010 haben viele Gemeinden öffentlichkeitswirksame Aktionen durchgeführt. Zahlreiche Kirchenvorsteherinnen und -vorsteher fragen sich, was sie tun können, um der Armut in ihrer Gemeinde zu begegnen. Doch in ländlichen Gemeinden, wissen die Kirchenvorstände trotz aller sozialen Kontrolle oft nicht, wer in Not oder in Armut lebt. Denn das Getratsche der Leute geht an Ihnen vorbei. Manchmal klingelt zwar jemand an der Pfarrhaustür und bittet um Unterstützung. Oder Konfirmandeneltern lassen durchblicken, dass sie die Konfirmationsfeier, die Schuhe und Bekleidung und auch die Konfirmandenfreizeit nicht bezahlen können. Doch wer - wie viele Amtsträger der Kirche - aus einem gut abgesicherten, bürgerlichen Milieu stammt, kennt oft niemanden, der arbeitslos ist oder der Hartz IV bekommt. Die Empfänger tun viel dafür, dass andere ihre Hilfebedürftigkeit nicht mitkriegen. Ar­mut versteckt sich, besonders auf dem Land.

Armut versteckt sich

Nötig ist also eine Hilfe, die nicht beschämt und stigmatisiert und die es finanziell benachteiligten Menschen ermöglicht, diese Unterstützung anzunehmen ohne den Schutz ihrer Privatsphäre aufzugeben. Wie so etwas funktionieren kann, lässt sich in Bienenbüttel sehen. Die kleine Ortschaft in der Lüneburger Heide ist mit Öffentlichem Personennahverkehr schlecht versorgt. Auf Initiative von Kirche und Diakonie hat sich ein soziales Netzwerk gebildet, dass sich dem Problem der fehlenden Mobilitätsangebote angenommen hat und eine Lösung entwickelte: Seit Januar 2010 betreibt ein Verein einen Bürgerbus. Senioren, Erwachsene, Jugendliche und Kinder können diesen Service kostenlos nutzen. Für alle, die kein eigenes Auto vor der Tür haben, bedeutet das ein konkretes Angebot für eine bessere Lebensqualität.

Einen anderen Ansatz verfolgt das Familienforum in Lüchow-Dannenberg, das eine mobile Beratung anbietet. Gesprächsabende zu aktuellen Themen und wohnortnahe Veranstaltungen organisiert das Elternforum unter anderem in Kindergärten, Schulen oder Gemeindehäusern der kleinen Orte. Familien in prekären Lebenssituationen werden damit erreicht. Zwei Beispiele, die Mut machen. Sie befreien die Betroffenen zwar nicht aus ihrer finanziellen Not. Aber sie können helfen, die bitteren Folgen der Armut auf dem Land wie Stigmatisierung und soziale Isolation zu mildern.

Marlis Winkler hat das Forschungsprojekt "Armut in ländlichen Räumen" des Sozialwissenschaftlichen Institutes der EKD geleitet.

LITERATUR

Marlis Winkler: Nähe, die beschämt. Armut auf dem Land. LIT Verlag, ­Berlin 2010, 112 Seiten, Euro 16,90.

Marlis Winkler

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