Eine eigene Provinz im Gemüte

Was ist und zu welchem Ende treiben wir Ästhetische Theologie?
Henri Matisse: "Ikarus", 1947. (Foto: akg-images)
Henri Matisse: "Ikarus", 1947. (Foto: akg-images)
Was Ästhetische Theologie eigentlich ist, darüber besteht Klärungsbedarf: Steht sie im Gegensatz zur Ethik oder wendet sie sich gemeinsam und untrennbar mit ihr verbunden gegen die alte dogmatische Theologie?

Seit den Tagen der Reformation stehen sich Bilderfreunde und Bilderfeinde gegenüber. Und der neuzeitliche Protestantismus sieht sich durch Søren Kierkegaard vor die Alternative gestellt: Entweder ästhetisches Heidentum oder ethisches Christentum - so die etwas vergröberte Alternative des radikalen Dänen.

Bisweilen deckt sich die unterschiedliche Haltung gegenüber dem Ästhetischen auch mit innerprotestantischen Konfessionsdifferenzen. So neigen Lutheraner ("non gaff ghen caelum ... hie unden hastus" - "Gaffe nicht in den Himmel, hier unten hast du's", Martin Luther) eher dem ästhetikaffinen Typus zu, während Reformierte tendenziell zum ästhetikrepugnanten, der Ästhetik eher abgeneigten Typus zu zählen sind.

Seit dem 20. Jahrhundert aber verlaufen die religiöse Sensibilität für die ästhetische Dimension des Glaubens und die äs­thetische Darstellung des Undarstellbaren ebenso wie das theologische Interesse da­ran quer zu überkommenen theologischen und konfessionellen Lagern, auch wenn sich de­ren Grundüberzeugungen auf ihre Beschäftigung mit dem Ästhetischen auswirken.

Bilderfeind und Bilderfreund

Doch was ist eigentlich Ästhetische Theologie? Schon eine kurze Orientierung zeigt, dass es hier ebenso vielstimmig zugeht wie in allen anderen Bereichen der Theologie und der Ästhetik beziehungsweise Kunstwissenschaft. Eine erste Sondierung hat sich deshalb an der dreifachen Verwendung des Begriffs ästhetisch / Ästhetik zu orientieren.

Denn unter "Ästhetik" kann erstens eine Theorie des Schönen (oder Erhabenen, oder sogar Hässlichen), zweitens eine Theorie der - ebenfalls nicht nur schönen - Künste und drittens eine Theorie der Wahrnehmung (von griechisch aisthesis) verstanden werden. Für die Theologie ergeben sich daraus drei unterschiedliche Ansatzpunkte für das Gespräch mit der Ästhetik.

Ein sachlich und historisch erster Ansatzpunkt resultiert aus dem Verhältnis zwischen dem Schönen und dem Göttlichen, wobei das Schöne seit der Antike als eines von drei Transzendentalien neben dem Wahren und dem Guten verstanden wird. So vor allem in der platonisch-neuplatonischen Tradition, die im katholischen Bereich bis heute lebendig ist und in Hans Urs von Balthasar ihren prominentesten Vertreter in neuerer Zeit gefunden hat.

Darstellbarkeit des Undarstellbaren

Gott als "summum bonum", als das höchste Gut, ist auch schön, herrlich und erhaben. Alles Schöne und Erhabene ist durchscheinend für das Göttliche und fungiert als ein innerweltlicher Verweis auf das Überweltliche.

Eine zweite Schnittstelle wird durch das Verhältnis zwischen Kunst und Religion sowie die Frage nach den angemessenen Darstellungsformen der christlichen Religion markiert. In diesem Zusammenhang wird etwa seit der alten Kirche die Bilderfrage verhandelt. In neuerer Zeit korrespondiert diesem Verhältnis das Gespräch zwischen moderner Kunst und christlicher Theologie.

Religions- und christentumstheoretisch verbirgt sich dahinter die Frage nach der angemessenen Darstellung des undarstellbaren Göttlichen. Weil das Denken und die Sprache dazu nur unzureichend in der Lage sind, kommt die Kunst als Sprache des Glaubens ins Spiel. Demnach vermag es die "Heilige Kunst" - nicht nur in Gestalt der vorneuzeitlichen "ars sacra", sondern erst recht in Gestalt der modernen autonomen Kunst - das Göttliche beziehungsweise die Transzendenz darzustellen und für die religiöse Aneignung zugänglich zu machen.

Drittens speist sich das Gespräch zwischen Theologie und Ästhetik aus dem Verhältnis zwischen religiöser und ästhetischer Wahrnehmung und Erfahrung ebenso wie aus der Frage nach den anthropologischen Voraussetzungen für den religiösen Vollzug und dessen theologische Bestimmung. Als Voraussetzung für die Frage nach der Darstellbarkeit des Undarstellbaren fungiert nämlich die Frage nach der Erkennbarkeit beziehungsweise Wahrnehmbarkeit des Göttlichen.

Geschmack für das Unendliche

Vor diesem Hintergrund bildet die neuzeitliche protestantische Theologie eine reichhaltige ästhetische Semantik aus, die das Wesen der Religion im Gefühl verortet und den Sinn für das Göttliche als Geschmack für das Unendliche bezeichnet. Die christlich-religiöse Erfahrung wird in diesem Kontext vor allem als Ahndung und Andacht beschrieben.

Ästhetische Theologie lehrt - ebenso wie ethische Theologie -, die neuzeitliche Genese des Protestantismus besser zu verstehen. Denn in der Neuzeit, insbesondere seit der so genannten Sattelzeit (Reinhart Koselleck), also dem Zeitraum zwischen 1750 und 1850, treten das Ästhetische und das Ethische in kritischer Weise an die Seite beziehungsweise an die Stelle des Dogmatischen.

An die Stelle einer kirchlich sanktionierten Dogmatik tritt nunmehr verstärkt eine Theorie der christlich-religiösen Lebens- und Weltanschauung, sowie einer ihr entsprechenden Lebensführung und Weltgestaltung. Exemplarische Vertreter dieser Entwicklung im Protestantismus sind Johann Joachim Spalding, Johann Gottfried Herder, Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher und Wilhelm Martin Leberecht De Wette.

Für sie, die Autoren der Gründerzeit einer ethisch-ästhetischen Umformung des protestantischen Denkens, schlossen sich beide Wege nicht aus. Ethik und Ästhetik werden vielmehr um 1800 als sich einander ergänzende Theorieformen verstanden, um die Erfahrungsdimension des christlichen Glaubens und seinen praktischen Weltbezug in angemessener Art und Weise zu erfassen.

Moralisches Religionsverständnis

Das ändert sich im weiteren Verlauf der protestantischen Theologiegeschichte. Schon bald ist hier ein starkes Gefälle zugunsten der Ethik zu konstatieren. Die Gründe dafür sind vielfältig. Wachsende protestantische Vorbehalte gegenüber dem Ästhetischen resultieren etwa aus der Verbindung von Katholizismus und Spätromantik.

Umgekehrt erklärt sich die zunehmend ethische Profilierung des Protestantismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor dem Hintergrund eines praktischen Christentumsverständnisses seitens des Pietismus und seiner Wirkungsgeschichte bis in die Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts hinein sowie eines moralischen Religionsverständnisses seitens der Aufklärung, das in Kants Religionsphilosophie seinen wirkmächtigsten Ausdruck gefunden hatte.

Zuletzt wurde eine unvoreingenommene Beschäftigung mit dem Ästhetischen auch durch die Sakralisierung der Kunst seitens des radikalen Ästhetizismus verhindert. Denn hier fungiert die Kunst als Ersatzreligion. "Die Kunst erhebt ihr Haupt, wo die Religionen nachlassen" - so Friedrich Nietzsche -, und sie verheißt Erlösung in Gestalt des kultisch inszenierten Gesamtkunstwerks (Richard Wagner).

Schickt sich die Kunst aber an, die Religion zu verdrängen und ihre Aufgaben zu übernehmen, dann erscheint sie kaum noch als attraktive Gesprächspartnerin für die Theologie.

Jenseits der Dogmatik

Es bedurfte deshalb erst der theologiegeschichtlichen Wiederentdeckung jener Ursprungskonstellation in der Sattelzeit, die sich durch eine unauflösliche Doppelreflexion auf die ethisch-ästhetischen Dimensionen des neuzeitlichen Christentums ausgezeichnet hatte. Diese Wiederentdeckung ging einher mit der neueren Schleiermacherforschung seit den Achtzigerjahren.

Ein besonderes Verdienst kommt dabei Thomas Lehnerer zu. Er besorgte nicht nur die erste zuverlässige Edition von Schleiermachers Ästhetik, sondern legte auch deren anspruchsvollste Rekonstruktion sowie eine eigenständige theoretische Umsetzung des schleiermacherschen Programms in Gestalt einer eigenen Kunsttheorie vor. Darüber hinaus hat Lehnerer auch als Künstler dazu beigetragen, religiösen und ästhetischen Diskurs unter den Bedingungen der Moderne in neuer Weise aufeinander zu beziehen.

Ausgehend von der Wiederentdeckung und Fortschreibung des schleiermacherschen Programms richtet sich der theologiegeschichtliche Forscherblick inzwischen auch verstärkt auf das geistesgeschichtliche Umfeld, etwa die Ästhetisierung der religiösen Semantik in Pietismus und Aufklärungstheologie, sowie die Verbindung von Kunst- und Religionstheorie bei Klassikern und Romantikern.

Neben dem historischen Beitrag ästhetischer Theologie zur Erhellung der neueren Entwicklungsgeschichte des Protestantismus empfiehlt sich das ästhetische Reflexionsparadigma jedoch auch aus systematisch-theologischen Gründen für die gegenwärtige theologische Selbstverständigung des Protestantismus: Der Protestantismus ist aus der Reformation hervorgegangen, doch gerade weil die Stellung der Schrift so zentral für das neue Selbstverständnis der Protestanten wurde, musste sich das Erwachen des historischen Bewusstseins an der Schwelle zur Neuzeit auf das protestantische Schriftprinzip als prekär erweisen.

An der Schwelle zur Neuzeit

Die so genannte Krise des Schriftprinzips, welche vor allem in der Auflösung des Dogmas von der Verbalinspiration zum Ausdruck kam, brachte vielfältige theologische Bemühungen hervor, die Bedeutung der heiligen Schriften als religiös-ästhetische beziehungsweise literarische Texte zu interpretieren, ohne dabei auf ihre religionsproduktive und glaubensstiftende Leistung zu verzichten.

Zwar sind bereits bei Martin Luther erste Ansätze zu einer ästhetisch-literarischen, beziehungsweise symbolisch-metaphorischen Interpretation der biblischen Bildsprache sowie der sich darauf gründenden christlichen Glaubenssprache festzustellen, aber erst die Vertreter der mythischen Schule in Göttingen sowie insbesondere Herder und De Wette entdecken den poetischen Charakter der biblischen Bücher des Alten und Neuen Testaments.

Und wenn die heilige Poesie seit Klopstocks "Messias" die beste Art und Weise war, Gott und sein heilsgeschichtliches Handeln darzustellen, dann wurde diese genuine Dichtertheologie bei Herder und De Wette zur zentralen Darstellungsform ihres ästhetischen Religions- und Christentumsverständnisses.

Damit war ein aussichtsreicher hermeneutischer Weg eröffnet, der bis heute auf vielfältige Art und Weise beschritten wird und gegenwärtig vor allem in der rezeptionsästhetischen Erforschung der biblischen Schriften tragfähige Antworten auf die brennende Frage nach der bleibenden Orientierungskraft der Bibel als Glaubensbuch eröffnet.

Moderne Bedingungen der Rede von Gott

Im Zusammenhang mit ihr steht auch die Frage nach der Möglichkeit, unter modernen Bedingungen von Gott zu reden, und am Gottesgedanken festzuhalten. Denn zeitgleich mit dem Erwachen des historischen Bewusstseins ereignet sich an der Schwelle zur Moderne auch der Paradigmenwechsel von der alteuropäischen Metaphysik zur neuzeitlichen Vernunftkritik und den modernen Erfahrungswissenschaften.

Zwar kam bereits Kant im Zuge seiner Vernunftkritik zu der Schlussfolgerung, dass "alle unsere Erkenntnis von Gott bloß symbolisch" (Kritik der Urteilskraft) ist. Doch die eigentliche Leistung ästhetisch-symbolischer Sprachformen für die christlich-religiöse Gottesvorstellung wird von J. G. Hamann und J. G. Herder gesehen und metakritisch zum Zuge gebracht.

Dabei stellen sie dem rationalistischen Ideal eines klar definierten Begriffsgebrauchs das Ideal einer empfindungsreichen und ausdrucksstarken Bildsprache gegenüber, deren Leistungskraft nicht auf Abstraktion, sondern auf Intuition beruht. Damit war ein aussichtsreicher Weg eröffnet, der gegenwärtig etwa in der metaphorologischen Erforschung der christlich-religiösen Glaubenssprache weiterentwickelt wird.

Zuletzt spielt das Gespräch mit der Ästhetik auch eine entscheidende Rolle bei der vielleicht wichtigsten Frage in der modernen protestantischen Theologie, nämlich: Was ist überhaupt Religion? Steht der Religion überhaupt eine Sphäre eigenen Rechts im Ensemble der symbolischen Kulturformen zu? Die Ästhetik spielt dabei eine zentrale Rolle, denn die Autonomisierung der Religion als einer "eigenen Provinz im Gemüte" (Schleiermacher) erfolgte ja auf dem Weg der Parallelisierung zwischen religiöser und ästhetischer Erfahrung.

Gefühlsbegriff

Herder, Schleiermacher und De Wette entdeckten den Gefühlsbegriff und seine ästhetischen Anrainerbegriffe - Sinnlichkeit, Sinn, Geschmack, Anschauung, Phantasie, Einbildungskraft -, um die Unverwechselbarkeit der Religion darzutun. Das leuchtet zwar nicht unmittelbar ein, weil sich die Ästhetisierung des modernen Religionsbegriffs weniger als Autonomisierung denn als Funktionalisierung darzustellen scheint.

Um den Vorgang als Befreiung der Religion zu sich selbst und nicht als Indienstnahme für etwas anderes zu verstehen, bedarf es deshalb der Kontextualisierung in die Debattenlage um 1800. Dann entpuppen sich sowohl der ästhetische Religionsbegriff als auch der religiöse Kunstbegriff als eine bewusste und gezielte Innovationsstrategie, um sowohl die Religion als auch die Kunst von unzureichenden Bestimmungen abzugrenzen und in ihrer jeweiligen Eigenständigkeit hervorzuheben.

Worin unterscheiden sich aber religiöse und ästhetische Erfahrungen überhaupt? Um Antworten ist in der neueren Fachliteratur vielfältig gerungen worden. Einigkeit ist freilich nirgends in Sicht, was vor allem an dem jeweils unterschiedlichen Verständnis von Kunst und Religion liegt.

Doch das muss kein Grund gegen die weitreichenden Entsprechungen zwischen beiden Erfahrungsformen sein. Zuletzt bleibt es ohnehin in genuin protestantischer Weise dem Einzelnen überlassen, was er für sich und sein Leben als heilsam und trostreich erfährt oder als im weitesten Sinne anregend und erweiternd.

Zu welchem Ende also treiben wir Ästhetische Theologie? Die Antwort: Um der Theologie einen Raum zu eröffnen, der ihr die Möglichkeit bietet, ihren Gegenstand mit den wissenschaftlichen Mitteln der Zeit kritisch-konstruktiv zu erforschen und weiterzutreiben - in der Überzeugung, dass gerade hier die entscheidenden, die Menschen bewegenden Grenzüberschreitungen zwischen den je eigenen Provinzen im Gemüte stattfinden. Vielleicht aber erweist sich ja auch, dass jene Grenze längst obsolet ist.

LITERATUR

Markus Buntfuß: Die Erscheinungs­form des Christentums. Zur ästhe­tischen Neugestaltung der Religionstheologie bei Herder, Wackenroder und De Wette (Reihe: Arbeiten zur Kirchengeschichte 89), De Gruyter Berlin / New York 2004, 246 Seiten, Euro 84,95.

Markus Buntfuß ist Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule Neuendettelsau.

Markus Buntfuß

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