Lehren aus der Krise

Der Unterschied zwischen Leistung und Erfolg
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In seinem neuesten Buch greift Erhard Eppler in die aktuelle, durch die Finanz- und Wirtschaftskrise ausgelöste Debatte ein.

Der Protestant Erhard Eppler, der am 9. Dezember 85 Jahre alt wird, ist seit Jahrzehnten einer der einflussreichsten Programmatiker der SPD. Als Minister für wirtschaftliche Zusammenarbeit im Kabinett Willy Brandts begleitete er den politischen Aufbruch zu Beginn der Siebzigerjahre. Nicht erst seit seinem Rückzug aus der offiziellen Politik in den Neunzigerjahren widmet sich Erhard Eppler dem Schreiben. Als 1992 Kavalleriepferde beim Hornsignal erschien, verortete Siegfried Unseld den Autor Eppler in der Tradition von Böll, Grass und Johnson: "Eppler stellt sich als Aufgabe ..., unsere Freiheit wie auch unsere Gebundenheit gegenüber der Sprache wieder bewusst zu machen, eine Sprache zu finden, die den Gefahren, die drohen, angemessen ist."

In seinem neuesten Buch greift Erhard Eppler in die aktuelle, durch die Finanz- und Wirtschaftskrise ausgelöste Debatte ein. Er weist darauf hin, dass die Ideologie grenzenlosen Wachstums durch deregulierte Märkte gescheitert ist. Eppler verweist darauf, dass schon vor vierzig Jahren die Grenzen des Wachstums erwartbar waren. Schon damals war bekannt, dass nachhaltiges Wirtschaften die Lebensgrundlagen schonen und Ungleichheit und ein schwacher Staat Armut, Krankheit und Kriminalität fördern. Denn schon mit Meadow‘s Grenzen des Wachstums (1972) und durch die Ölpreiskrise (1973) sei deutlich geworden, dass "das gewohnte, bequeme und daher selbstverständliche ,Weiter so!‘ nicht in den unendlichen Fortschritt führt, sondern in Katastrophen, es erschließt keine Zukunft, sondern verschließt sie." Darüber hinaus werde Wachstum künftig immer mehr dafür verwendet werden müssen, mit den Folgen des Wachstums fertig zu werden.

Eppler legt dar, warum diese Einsichten lange Zeit überspielt, geleugnet und verdrängt worden sind. Er unterscheidet zwischen "Leistung" und "Erfolg". Sein politisches Ziel ist eine solidarische Leistungsgesellschaft, deren Leitbild nicht der Mensch mit den kräftigsten Ellbogen ist, sondern der mit Verantwortungsgefühl und einem Gespür für die Bedürfnisse anderer.

Drei Jahrzehnte lang hat sich die Politik - auch die SPD - von der marktradikalen Welle treiben und den Medien und Teilen der Wissenschaft einreden lassen, was unweigerlich in die Krise führen musste: weniger Staat, mehr privat, keine Regulierung der Märkte. Eine der Folgen dieser Politik: "Gewachsen ist der private Reichtum, fast ausschließlich der einer kleinen Minderheit, gewachsen ist aber auch die öffentliche Armut, am deutlichsten abzulesen an der Finanznot der Gemeinden."

Dabei geht es Eppler nicht um die Umkehrung der Formel "privat geht vor öffentlich", sondern um die Einsicht, "dass in der marktradikalen Epoche ein Ungleichgewicht zwischen beiden entstanden ist, das weder der Gesellschaft noch den einzelnen gut tut. Und um Konsequenzen aus der Tatsache, dass, wo wirtschaftliches Wachstum und damit auch der private Konsum die Lebensqualität nicht mehr erhöhen können, das Aushungern der öffentlichen Hände die Lebensqualität verringert."

Erhard Eppler: Eine solidarische Leistungsgesellschaft. Dietz-Verlag, Bonn 2011, 140 Seiten, Euro 16,90.

Wolfgang Brinkel

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