Beziehungsfronten

Berliner Weihnachtsbuch
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Miniaturen zwischen Verzweiflung und Hoffnung: Ein "weihnachtliche Stadtspaziergang" soll das Leben von Menschen in der Stadt zu Weihnachten.

Weihnachten, so die Ansicht von Christina-Maria Bammel, ist vor allem ein Fest, das an der Beziehungsfront "gefeiert - oder eben oft eher ausgefochten wird". Ein Fest, bei dem die Menschen ein Idyll vergangener Tage nachzeichnen und sich auf die Suche nach vielleicht schon Verlorenem machen. Angesichts dieser Bestandsaufnahme versucht die Theologin mit ihrem Buch Und sie wunderten sich sehr. Weihnachten für Realisten, das Weihnachtsfest mit der Lebensrealität der Gegenwart in Beziehung zu setzen: "Denn die Städte des 20. Jahrhunderts eignen sich ebenso wenig für nachmoderne Märchenmirakel wie das Bethlehem damals, zu Zeiten römischer Besatzung."

Die Pfarrerin schreibt auf, was sie an wundersamen Begegnungen in der Millionenstadt Berlin erlebt oder erdacht hat: Liebesgeschichten, Beziehungsgeschichten, Rettungsgeschichten. Sie erzählt von einem Anwalt, der dem gutbürgerlichen Weihnachtsfest im Kreise der Familie eine Weihnachtsfeier mit Obdachlosen und Flüchtlingen vorzieht. Notiert, wie eine EnDDReißigerin einen krummgewachsenen Weihnachtsbaum kauft. Oder lässt eine Frau die Wohnung der viel zu früh verstorbenen Freundin auflösen und dabei an ein vorgezogenes Weihnachtsfest im September denken.

Bammels Geschichten haben häufig kein Happy End. Die Erzählungen sind durchbrochen von Leid und Schmerz. Eine alte Dame, die sich eben noch vor Glück mit ihrer wiedergefundenen Jugendliebe auf dem Tanzparkett dreht, steht wenig später wieder alleine da. Ihr Geliebter wird bei einem Autounfall, den sie selbst mit Schnittwunden überlebt, aus dem Leben gerissen. Eine andere Geschichte erzählt von einer jungen Frau, die mit einem Auslandsstipendium nach Philadelphia zieht. Täglich öffnet sie - in Vorfreude auf das baldige Wiedersehen - ein kleines Geschenk ihres Freundes, der in Deutschland zurückgeblieben ist. Und dann stirbt er wenige Tage vor der Rückkehr der Freundin bei einem Autounfall auf einer Brandenburger Allee.

So gesehen sind die kurzen, oft nur wenige Seiten umfassenden Geschichten Miniaturen zwischen Verzweiflung und Hoffnung. Der "weihnachtliche Stadtspaziergang", wie die Theologin ihr Buch nennt, soll das Leben von Menschen beschreiben, die das "mehr als zweitausend Jahre alte Gen der Weihnachtssehnsucht" in sich tragen. Dem Weihnachtskitsch soll dabei die mitunter bittere Alltagsrealität entgegengestellt werden.

Ein Anspruch, der nicht immer gelingt: Denn die Grenzgänge zwischen Realität und Wunder wirken mitunter stark überzeichnet. Etwa wenn der Versuch unternommen wird, die Sprache der Protagonisten nachzubilden, oder gängige Stereotype aus der Großstadt Berlin eingebaut werden. Vieles wird dadurch leider sehr vorhersehbar. In einer Geschichte etwa nimmt eine Pfarrerin eine wohnungslose Tramperin mit grüngefärbten Haaren im Auto mit. Die junge Frau, so ist zu erfahren, hat in ihrem Leben schon viel durchgemacht - schlimme Kindheit, obdachlos und schwanger, Sohn bei Pflegevätern. Ziemlich abgerissen eben. Und so wundert es kaum, dass das Mädchen zuletzt auch noch die auf der Rückbank liegende Parfümflasche der Pfarrerin mitgehen lässt.

Am Ende des Buches - und wenn man der Zeitangabe trauen darf, weit nach Mitternacht - zieht die Autorin ein kurzes aber durchaus einfaches Resümee: "Am Anfang ist Beziehung, und sie wird immer wieder neu entdeckt", lautet ihre Essenz. Allein, den Geschichten, die sich in ähnlicher Weise vielerorts ereignen oder wiederholen mögen, geht, zwischen zwei Buchdeckel gepresst, mitunter der Zauber verloren.

Christina-Maria Bammel: Und sie wunderten sich sehr. Weihnachten für Realisten. Kreuz Verlag, Stuttgart 2011, 160 Seiten, Euro 14,95.

Barbara Schneider

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