Nicht vertuschen

Missbrauch in der Kirche
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"Spirituelle Macht ist wohl die gefährlichste, verleiht sie doch die Befugnis, sogar über das ewige Schicksal eines anderen Menschen zu entscheiden", stellt Bischof Geoffrey Robinson fest und bestimmt damit einen wesentlichen Unterschied zwischen den Verbrechen von Geistlichen und denen anderer Täter.

Der Skandal des sexuellen Missbrauchs durch Weltpriester und Ordensgeistliche hat eine doppelte Ebene: Die eine ist die des Verbrechens eines geistlichen Täters an einem minderjährigen oder abhängigen Opfer; die andere Ebene sind kirchliche Strukturen, die solche Untaten begünstigen und der bisherigen oft geübten Praxis des Vertuschens und der Missachtung von Opfern Vorschub leisten.

Papst und katholische Bischöfe beteuern wieder und wieder, die geistlichen Verbrechen rückhaltlos aufklären zu wollen, endlich die Perspektive der Opfer einzunehmen, die Täter zu belangen und Wiederholungen zu verhindern. Doch Anforderungen der gesellschaftlichen Öffentlichkeit wie von Kirchenmitgliedern, förderliche kirchliche Strukturen zu thematisieren und überfällige Reformen anzugehen, werden im Vatikan wie von den deutschen Bischöfen regelmäßig als "unsachgemäß" zurückgewiesen.

Selber Mißbrauchsopfer

Mit dieser zweiten Ebene des Skandals beschäftigt sich Geoffrey Robinson in seinem Buch Macht, Sexualität und die katholische Kirche. Robinson, Weihbischof in Sydney und Beauftragter der australischen Bischofskonferenz für sexuelle Missbrauchsfälle, weiß, wovon er spricht, denn in seiner Jugendzeit ist er selbst, freilich außerhalb der Kirche, sexuell missbraucht worden. Auch wenn seine Forderungen nach umfassender Reform der Kirchenstruktur von der anderen Seite des Globus kommen, sind sie für europäische und deutsche Christen nicht minder beachtlich, denn der Skandal sexuellen Missbrauchs durch Priester ist ein globales Phänomen, und die Strukturen der katholischen Kirche wirken sich eben weltweit aus.

Jeder sexuelle Übergriff sei Machtmissbrauch, betont Robinson. Das gilt in den Familien, in denen Gewalt gegen Kinder verübt wird, das gilt in gesellschaftlichen Abhängigkeitsbeziehungen, das gilt in der Kirche. "Spirituelle Macht ist wohl die gefährlichste, verleiht sie doch die Befugnis, sogar über das ewige Schicksal eines anderen Menschen zu entscheiden", stellt der Bischof fest und bestimmt damit einen wesentlichen Unterschied zwischen den Verbrechen von Geistlichen und denen anderer Täter. Die ständige Gefahr des Missbrauchs spiritueller Macht gründet seiner Ansicht nach in einem überhöhten Papst-, Bischofs- und Priesterbild.

Anschein der Vollkommenheit

Ein Papst, der über den dogmatisch definierten Bereich hinaus als unfehlbar dargestellt wird, ein Bischof, der sich allumfassender unkontrollierter Entscheidungsbefugnis wähnt, ein Priester, der sich als von Gott ins geistliche Amt berufen und damit seiner Gemeinde gegenüber herausgehoben versteht - ein solches Selbstverständnis verleitet nach Ansicht des Autors dazu, den Anschein der Vollkommenheit zu erwecken und im Fall des Versagens das Fehlverhalten zu vertuschen, um das Bild der Kirche rein zu halten, und sei es auf Kosten der Opfer.

Die Entwicklung dahin zeichnet Robinson in einem kritischen, aber keineswegs einäugigen Abriss der Kirchengeschichte nach. Dabei kommt er zu Ergebnissen, die in zahlreichen Fragen mit ebenso weltweiten Forderungen von Gläubigen nahekommen: von der Dialogverpflichtung Geistlicher mit Laien über die Entpflichtung priesterlichen Zölibats bis zur Berufung von Frauen in geistliche Ämter. Sein Bezugspunkt für die umfassenden Kirchenreformen ist nicht der Zeitgeist, sondern die Bibel - und damit bekommen seine Schlussfolgerungen zugleich eine ökumenische Dimension, sind sie doch geeignet, das Gespräch mit anderen christlichen Kirchen zu entlasten.

Geoffrey ­Robinson: Macht, ­Sexualität und die katholische Kirche. Publik-Forum Verlags­gesellschaft, Oberursel 2010, 318 Seiten, Euro 18,90.

Hajo Goertz

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