Auf die Täter fixiert

Die Diskussion über das Sühnopfer Christi entspringt einer Salon- und Kanzleitheologie
Karfreitagsprozession in Kalkutta: Christen begegnen einem  muslimischen Bettler. Foto: dpa/Piyal Adhikary
Karfreitagsprozession in Kalkutta: Christen begegnen einem muslimischen Bettler. Foto: dpa/Piyal Adhikary
In der evangelischen Kirche wird ­heftig diskutiert, ob der Kreuzestod Jesu als Sühnopfer zu verstehen ist. Dabei begehen beide Seiten ­den­selben Fehler, kritisiert Rainer ­Stuhlmann, der lange Zeit den ­Theo­logischen Ausschuss der rheinischen Landes­synode leitete. Er macht deutlich, warum es sinnvoll ist, Christus als das "Lamm Gottes" anzurufen, das "die Sünde der Welt" trägt.

Christus hat mit seinem Tod am Kreuz die Strafe Gottes für die Sünde der Menschheit auf sich genommen und damit Gott versöhnt." So steht es in großen Lettern in der Melanchthon-Ausstellung "Grenzen überwinden", die seit 2007 durch Europa tourt. So ungeniert stellt dieses offizielle Dokument der evangelischen Kirche das Evangelium auf den Kopf.

Denn nach biblischem Zeugnis wird Gott nie und nimmer versöhnt. Im Gegenteil: Wenn im Neuen Testament von Versöhnung im Zusammenhang mit dem Tod Jesu geredet wird, dann ist Gott nie das Objekt, sondern immer das Subjekt der Versöhnung: "Gott versöhnte die Welt", schreibt Paulus in den Briefen an die Korinther und Römer. Gott selber muss also nicht versöhnt werden. Und schon gar nicht durch den Tod seines Sohnes. Daran lässt das Neue Testament keinen Zweifel.

Wenn Christus mit seinem Tod Gott versöhnen würde, wie es kirchliche Tradition behauptet, dann erschiene Gott wie ein beleidigter Corps-Student, der Satisfaktion fordert, ja wie jemand, der auf Blut steht, dem ein Sühnopfer dargebracht werden muss, um seinen Zorn zu stillen. Gegen diese theologische Missdeutung des Todes Jesu wird heute gestritten, nicht allein im Namen des "modernen Menschen", sondern zu Recht im Namen der Heiligen Schrift. Und das lutherische Augsburger Bekenntnis wie der reformierte Heidelberger Katechismus irren in dieser Sache, wenn sie an der Heiligen Schrift gemessen werden. Das auszusprechen, ist für eine Klärung unabdingbar.

Bad und Kind ausgeschüttet

Andererseits schütten manche mit ihrem Feldzug gegen die Sühnopfertheologie das Kind gleich mit dem Bade aus, wenn sie jede Heilsbedeutung des Todes Jesu bestreiten. Sie propagieren dann den harmlosen lieben Gott wie den großen Hund, dessen Herrchen beteuert: "Der ist lieb. Der tut nichts". So werden sie - wie die (falschen) Freunde Hiobs - zu Anwälten des lieben Gottes. Und das kommt natürlich an. Keine Frage! Ja, populistisch-bekömmliche Theologie verkauft sich auch gut. Was die Parteien im Streit um die Sühnopfertheologie trotz aller scharfen Gegensätze aber miteinander verbindet, ist eine verhängnisvolle Reduktion. Nur für die Täter, die Sünder, kommt die Bedeutung des Todes Jesu in den Blick. Doch was der Tod Jesu für die Opfer, für die Leidenden, bedeutet, bleibt weitgehend unbedacht, und Sünde wird auf Schuld reduziert. Doch die entscheidende Fra­ge ist: Befreit der Tod Jesu von dem Bö­sen, das Menschen tun? Das Böse, das Menschen erleiden, bleibt im Streit um die Sühnopfertheologie dagegen leider ausgeklammert oder wird höchstens am Rande erwähnt.

In dieser Verkürzung verrät sich das Erbe Augustins und der westlichen Kirchenväter. Das konnte man schon vor zwei Jahrzehnten beim Tübinger Systematiker Jürgen Moltmann lernen. Die lateinischen Kirchenväter haben das Neue Testament eben mit der Brille des Römischen Rechtes gelesen. Und das ist täterfixiert und opfervergessen. Wir kennen das auch aus den Diskussionen um die Strafrechtsreform. Täterfixiert und opfervergessen ist die gesamte Erlösungslehre des Westens mit ihrer Konzentration auf Sünde und Vergebung und der im Mittelalter entwickelten Bußpraxis geworden.

Der Protest der Reformation gegen diese Bußpaxis bleibt aber in der gleichen beschränkten Sicht- und Denkweise gefangen. So kommt es zu Martin Luthers Engführung des Abendmahles auf Sündenvergebung. So bleibt protestantische Passionsfrömmigkeit weitgehend auf Sünde und Vergebung beschränkt. Und so wird der Tod Jesu von seiner Auferweckung isoliert. Die absurde Proklamation des Karfreitags als "höchstem evangelischem Feiertag" ist ja bis heute nicht verstummt.

Im weichen Sessel von A 14

Dagegen ist die Erlösungslehre der orthodoxen Kirche näher am Neuen Testament, weil sie diesen Irrweg nicht mitgegangen ist. Christus erlöst nicht nur und nicht primär von dem Bösen, das ich tue, sondern von dem Bösen, das ich erleide. Die Heilsbedeutung des Todes Jesu ist ja zum Beispiel im Apostolischen Glaubensbekenntnis gar nicht und im Nizänischen Glaubensbekenntnis mit dem bloßen "für uns" (eben nicht nur "für unsere Sünden") der Schrift gemäß ganz weit gefasst. Und die Vergebung der Sünden ist hier das Werk des Heiligen Geistes. Die hitzige Debatte um das Sühnopfer im deutschen Protestantismus ist Salon- und Kanzlei-Theologie.

So können nur die vom Leid Verschonten denken. Denn im weichen Sessel, auf die Besoldungsgruppe A 14 gebettet, lässt sich trefflich über Sünde und Sühne disputieren. Aber wer fürchten muss, wie ein Lamm abgeschlachtet zu werden, und so geht es vielen Menschen auf der Welt, ist dem Verständnis der biblischen Metapher "Lamm" näher als wir. Diese Bibelleser können uns die Augen dafür öffnen, dass das "Lamm Gottes" (Johannes 1,29.36) nicht ein Tier im Opferkult meint, sondern den, der wie sie der Ohnmacht preisgegeben und von Gott verlassen ist. Und die Sünde der Welt, die es wegträgt, ist nicht nur das Böse, das die Welt tut, sondern auch und vor allem das Böse, das sie erleidet. Was für ein Frevel, angesichts heutiger Passionsgeschichten das Agnus Dei aus der Liturgie tilgen zu wollen!

Diese biblische Weite kann uns die weltweite Ökumene lehren. Die von Misereor vertriebenen Hungertücher predigen den Gekreuzigten als den, der mit den leidenden Geschöpfen solidarisch ist und so ihr Stellvertreter, nämlich ihr Anwalt wird. Dass die Solidaritätschristologie sich um den Gedanken der Stellvertretung herummogeln würde, ist einfach Unsinn. Als Anwalt an der Seite der Opfer tritt Christus den Tätern als deren Richter gegenüber. Er zieht sie zur Verantwortung, indem er sie mit den Opfern ihrer Taten konfrontiert. Vergebung, Freispruch für die Täter im Augenkontakt mit ihren Opfern ist dann die Gnade, die Gelegenheit zu Reue und Umkehr schenkt.

Ein Opfer wie ich

Die Bilder aus dem Mittelalter führen uns das Gleiche vor Augen. Auf dem Isenheimer Altar hat Matthias Grünewald den Körper des Gekreuzigten für die Sterbenden im Colmarer Hospiz gemalt, über und über mit eiternden und blutenden Geschwüren übersät. Und so sahen damals auch die Körper der Kranken aus. Von Mutterkorn vergiftet, verfaulten sie in einem langsamen quälenden Sterbeprozess. Die Leidenden blickten also auf zum "großen Schmerzensmann", wie Jesus in dieser Tradition ausdrucksstark bezeichnet wurde. Und der predigt den Menschen nicht: "Ich bin für deine Sünden gestorben." Wenn die qualvoll Sterbenden den Gekreuzigten anschauten, wurden sie vielmehr gewiss: "Der Sohn Gottes, weiß, wie mir zumute ist. Er hat meine Krankheit am eigenen Leibe ertragen. Er ist ein Opfer wie ich. Und weil er der Sohn Gottes ist, ist er für die Opfer der beste Anwalt der Welt. Nur er kann mir Gerechtigkeit verschaffen. Nur er kann mich vom Bösen erlösen."

Die gegenwärtige Sühnopfer-Debatte ist immer noch gefangen von der lutherischen Frage "Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" Aber das ist nicht die Frage des Paulus und nicht die des Neuen Testamentes. Sicher kann man dort - wie Luther - auf diese Frage eine Antwort finden. Aber da steht mehr und anderes. Denn zuerst werden Leiden und Sterben Jesu - von der jüdischen Tradition des leidenden Gerechten her und mit Hilfe der Klagepsalmen in ihrer Bedeutung für die Opfer gedeutet. Nur so gibt es überhaupt einen Zugang zu dem Gedanken, dass die Passion Jesu die Passion Gottes ist. Erst wenn mit der Auferweckung des Gekreuzigten den Opfern Gerechtigkeit widerfährt, können die Täter hoffen, dass Gott (auf andere Weise) auch ihnen gerecht wird. Im Abendmahl wird wie im Pessachmahl die Befreiung aus vielfältiger Sklaverei proklamiert und nicht nur aus der Schuld. Vor dem "für uns" steht das "mit uns" gerade auch bei Paulus, der mit seinen Leiden "geachtet ist wie ein Schlachtschaf" (Römer 8,36) und "die Leiden des Messias am eigenen Leibe trägt" (2.Korinther 4,10 u. ö.).

Auch unsere säkularen Zeitgenossen sind in dieser Sache näher an der Bibel als die kirchliche Tradition. Denn sie fragen nicht nach einem gnädigen Gott, sondern nach Gottes Gerechtigkeit. Ja, geradezu leidenschaftlich kann es im Religionsunterricht zugehen, wenn das Blut Jesu thematisiert wird und die Jugendlichen entdecken, wie sein gewaltsam vergossenes Blut nach Gottes Gerechtigkeit schreit, für ihn und die vielen. Erst wenn sie die Bedeutung des Todes Jesu für die Opfer erkannt haben, finden sie einen Zugang zu seiner Bedeutung für die Täter. Und der wird für sie dann plausibel - anders als die Formeln kirchlicher Tradition.

Wesentliches wird verdunkelt

Wer im Zusammenhang mit Auschwitz von Vergebung zu reden wagt, erntet meist jüdischen Protest. Und ich verstehe diesen als die berechtigte Kritik an einer unbiblischen Gnadenlehre, die über der Gnade für die Täter die Gerechtigkeit für die Opfer vergisst. Vielleicht gibt es ja auch einen Zusammenhang zwischen dieser täterfixierten und opfervergessenen Gnadenlehre und dem Rätsel, warum so viele Kinder und Jugendliche gerade in der Kirche missbraucht worden sind. Denn die Abgeschiedenheit des Beichtstuhls erspart den Blick auf die Opfer. Vergebung bleibt unter uns und wird zu einem problematisch exklusiven Geschehen zwischen Täter und liebem Gott. Die Opfer aber bleiben im wahrsten Sinne des Wortes "außen vor". So können sie verschwiegen und vergessen werden.

In der traditionellen kirchlichen Gnadenlehre wird Wesentliches verdunkelt: Die Täter begegnen Christus als dem Richter ihrer Taten und als Anwalt ihrer Opfer. Er fordert Gerechtigkeit für die Opfer und erspart den Tätern nicht die "Wiedergutmachung", die ihnen möglich ist, wenn er sie freispricht. Denn Vergebung kann nicht folgenlos bleiben. Sie zielt auf Reue und Umkehr. Um der Opfer und der Täter willen.

Rainer Stuhlmann

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