Sorgenkind Gottesdienst

Konfirmandenunterricht - eine Pfarrerin vergleicht Theorie und Praxis
Für unkonventionelle Arbeitsformen fehlt oft einfach die Zeit. Foto: epd/Jens Schulze
Für unkonventionelle Arbeitsformen fehlt oft einfach die Zeit. Foto: epd/Jens Schulze
Praktische Konsequenzen aus einer ­bundesweiten Studie zur Konfirmanden­arbeit in Deutschland kündigt der ­Sammelband Konfirman­denarbeit gestalten an. Die ­Berliner ­Pfarrerin Jutta Schreur hat seine Aussagen auf ihre Alltags­tauglichkeit überprüft.

Leander hat klares Weiß und Schwarz gewählt, Symbol für die hellen und die dunklen Seiten des Lebens. Und Floriane zeichnet sorgfältig die Linien der großen Blüte nach, die ihren Stuhl schmückt. Ben hingegen kleckst alle Farben bunt durcheinander - wenig Aufwand und große Wirkung, ein Motto, das er auch sonst umzusetzen versucht. "Mein Platz im Leben" heißt das Projekt, das unsere Konfirmandengruppe für den Vorstellungsgottesdienst vor der Konfirmation bearbeitet. Und das Bemalen der Stühle ist der wichtigste und für die Konfirmanden lustvollste Teil daran. Kleine Kunstwerke entstehen.

Die Konfirmanden zeichnen Fantasiemotive und Albrecht Dürers "Betende Hände", aber auch das Brandenburger Tor, das Logo vom Lieblingsverein oder die Arche Noah mit Regenbogen und Friedenstaube. Und Robbie erläutert den Streifenverlauf auf seinem Stuhl so: "Am Anfang sind die Linien noch wackelig und verschwommen, weil man noch nicht so genau weiß, was man will, und je älter man wird, desto klarer und sicherer wird es." Ganz nebenbei entwickeln sich ernsthafte Gespräche über Lebens- und Wertvorstellungen, Erwartungen, Wünsche und Träume. Es ist ihr Leben, ihr Alltag, der zur Sprache kommt.

Mit diesem Projekt, das wir, zwei Pfarrerinnen, gemeinsam mit der Jugendarbeit der Gemeinde gestalten, gelingt es uns deutlich besser, die Jugendlichen zu motivieren, als das mit Arbeitsblättern und Gruppendiskussionen der Fall ist. Wir könnten uns also auf die Schulter klopfen, haben wir doch hier einmal vieles von dem verwirklicht, was in dem im Gütersloher Verlagshaus erschienenen Buch Konfirmandenarbeit gestalten empfohlen wird: Das Projekt geht von den Jugendlichen und ihren Interessen aus, hat damit Lebensrelevanz und bietet Raum für Kreativität sowie eine Vernetzung von Konfirmationsunterricht (KU) und Jugendarbeit.

Das Autorenteam von Konfirmandenarbeit gestalten will "Perspektiven und Impulse für die Praxis aus der Bundesweiten Studie zur Konfirmandenarbeit in Deutschland" aufzeigen. Die bundesweite Studie samt den Problemanzeigen, die sich daraus ergeben, wird in einem Überblick zu Beginn noch einmal kurz vorgestellt, ehe im Weiteren zunächst die Akteure der Konfirmandenarbeit und ausgewählte Handlungsfelder bedacht werden und die nächsten Kapitel der Didaktik sowie strukturellen und organisatorischen Rahmenbedingungen der Konfirmandenarbeit gewidmet sind. Im Schlusskapitel "Weitere Perspektiven" finden sich Überlegungen zur besonderen Situation in Ostdeutschland, und es stellt das Thema KU in den europäischen Kontext.

Neue Strukturen nötig

Ist das Buch eine Hilfe für uns an der Basis, die Konfirmandenarbeit ei­ner durchschnittlichen Berliner Gemeinde? Ja, denn es bietet neben einem guten Überblick viele Anregungen zum Nach- und Weiterdenken, auch in den Gemeindegremien, und es macht deutlich, dass besserer Konfirmandenunterricht neue Strukturen braucht und eine Sache der ganzen Kirchengemeinde sein sollte.

Zunächst kann ich bestätigen, dass ich mich in einem Dilemma verstanden fühle. Denn so gut unser Stuhlprojekt gelingt, es ist eher die Ausnahme als die Regel. Es ist deutlich aufwändiger und deshalb seltener als das Unterrichtsgespräch mit Gruppenarbeit und andere konventionelle Arbeitsformen, denn für größere Projekte wie zum Beispiel Lernstraßen fehlt oft schlicht die (Vorbereitungs-)Zeit. Warum? Zum Beispiel we­gen der Arbeitsverdichtung bei den Pfarrerinnen und Pfarrern durch Stellenstreichungen oder wegen Gemeindefusionen.

Mitunter fehlen Mitarbeitende, denn nicht in allen Gemeinden gibt es Teamer, die bei der Vorbereitung und Gestaltung des KU mitwirken und außerdem ein wichtiges Bindeglied zwischen Konfirmandinnen und den Pfarrerinnen und Pfarrern sind. Ihnen ist daher im Buch ein eigenes Kapitel gewidmet.

Zwischen allen Stühlen

Das zweite Dilemma sind die unterschiedlichen Erwartungen an den KU. "Die Jugendlichen wünschen sich ein Angebot, dessen Bedeutung für ihr eigenes Leben erfahrbar und erkennbar ist", heißt es im Buch. Und die Eltern, zeigen unsere Elternabende, wünschen sich vor allem Wertevermittlung und Grundwissen über Bibel und Christentum, auch als kulturelles Erbe, und die Kirchengemeinderäte erhoffen sich neben der Vermittlung zentraler Texte eine gelingende Gemeindebindung und Nachwuchs für den Gottesdienst. Und die Pfarrer schließlich haben den Anspruch, nicht nur Wissen weiterzugeben, sondern auch Glaubensüberzeugungen.

Natürlich sollen bei alledem Spiel und Spaß nicht zu kurz kommen. Aus diesem Mix ein schlüssiges Konzept zu entwickeln, bleibt nach wie vor weitgehend den Pfarrerinnen und Pfarrern überlassen, die damit einerseits große Macht haben, andererseits aber überfordert sind. Und die letztlich "methodisch und inhaltlich nicht die Konfirmandenarbeit machen, die ihnen eigentlich vorschwebt", sitzen sie doch zwischen allen Stühlen. Die Autoren empfehlen daher zu Recht strukturelle Veränderungen wie die stärkere Einbindung anderer Haupt- und Ehrenamtlicher in den Konfirmandenunterricht, über die Rolle der Teamer hinaus.

Ferner fordern sie mehr Aus- und Fortbildungsangebote und mehr Zusammenarbeit unter den Pfarrerinnen und Pfarrern, um den jeweiligen Neigungen stärker gerecht zu werden und eine Neubewertung des KU als "ebenso zentrales Arbeitsfeld wie Verkündigung und Seelsorge". Das würde auch eine verstärkte Eltern- und Familienarbeit ermöglichen, die aufgrund der vielen verschiedenen Formen von Familienleben immer wichtiger wird, für die aber oft zu wenig Zeit bleibt, um über Elternabende hinaus Eltern einzubinden und Vorschläge wie den eines eigenen "ElternKonfers" zu verwirklichen.

Gottesdienste öffnen

Bei den Handlungsfeldern des KU ist dem Thema "Gottesdienst" ein eigenes Kapitel gewidmet, handelt es sich doch hier um ein besonderes "Sorgenkind" der Konfirmandenzeit. Die Konfirmanden bewerten den traditionellen Gottesdienst als "langweilig, steif und unfröhlich und kalt", und das ist kein Vorurteil Unwissender, denn am Ende der KU-Zeit, in der Gottesdienstbesuche zum Pflichtprogramm gehören, hat sich diese Einschätzung nicht etwa geändert, sondern verstärkt. Aber die Konfirmanden stehen mit ihrer Bewertung nicht allein, das zeigen ja die sinkenden Zahlen beim Gottesdienstbesuch. Und so halten die Autoren fest: "Die Mehrheit der Gemeindeglieder, ob jugendlich oder nicht, findet in diesen Formen nicht Ausdrucksmöglichkeiten des eigenen Glaubenslebens wieder."

Sie schlagen daher vor, grundsätzlich alle Gottesdienste so zu öffnen, dass sich verschiedene Menschen aktiv daran beteiligen (Partizipation), alle Beteiligten sich um Verständlichkeit bemühen (Kommunikation) und dass neben dem Verstand auch die Gefühle angesprochen werden (Emotion). Vor allem, was den letzten Punkt betrifft, heben sie die wesentliche Rolle der Musik hervor, und in der Tat klagen die Konfirmanden immer wieder über "die blöden Lieder" oder "langweilige Orgelmusik", setzen sich aber gerne ans Klavier oder Schlagzeug im Jugendkeller oder greifen zur Gitarre.

Weder die Erkenntnisse noch die Verbesserungsvorschläge des Autorenteams sind neu, aber auch hier gilt: Gute Gottesdienste brauchen eine gute Vorbereitung, Kommunikation muss geübt werden (Lektorenkurse), wer mehr Menschen einbeziehen will, braucht genügend Zeit und - wie auch die Autoren anmerken - kooperationswillige Kirchenmusiker. Es bedarf einer Schwerpunktsetzung in den Gemeinden. Und wenn die Autoren schreiben, bei der Gottesdienstgestaltung sei "die gesamte volkskirchliche Gemeinde in den Blick zu nehmen", ist zu fragen, ob es diese volkskirchliche Gemeinde im klassischen Sinne überhaupt noch gibt.

Wie beim Gottesdienst fallen auch bei anderen Inhalten des KU Erwartungen und Erfahrungen auseinander. Themen, an denen die Konfis ein besonderes Interesse haben, kommen gegenüber der Vermittlung biblischen und christlichen Grundwissens zu kurz. Mehr Mitbestimmung der Konfirmanden fordern daher die Autoren, mehr ethische Fragestellungen sowie Blicke über den eigenen Tellerrand hinaus auf andere Religionen.

Nicht den Trends hinterherhecheln

Es ist auch meine Erfahrung, dass etwa beim Thema "Leben und Tod", verbunden mit dem Besuch einer Bestatterin, die aus ihrem Alltag erzählt, die Jugendlichen sehr viel engagierter bei der Sache sind als beim Vergleich der Schöpfungsberichte. Besuche in Moscheen und Synagogen, mit Vor- und Nachbereitung, sind auch sehr beliebt. Lebensweltliche Themen wiederum müssen sorgfältig gewählt werden. So habe ich schon erlebt, dass ein Rollenspiel strikt abgelehnt wurde, das sich mit Schule befasste. Schule hätten sie den ganzen Tag schon genug, hieß es. Auch "Freundschaft" und "Liebe" sind zumindest in gemischten Gruppen heikle Themen, ebenso "Schönheit/Körper", obwohl das Thema Markenkleidung, Magersucht und Modelwünsche in den Gruppen immer wieder eine Rolle spielt. Die Genderfrage wird zu Recht bedacht; erfahrungsgemäß gibt es sehr rasch Mädchen- und Jungengruppen, und es ist zu überlegen, ob nicht für beide andere Inhalte nötig wären.

Was im Buch kaum auftaucht, im Alltag der Konfirmanden aber eine große Rolle spielt, sind virtuelle Netzwerke wie Facebook und alles, was sich an ethischen Fragen in Zusammenhang mit Computer und Internet ergibt, wie Cybermobbing oder Ballerspiele. Biblische Anknüpfungspunkte gibt es genug. Ein müdes Lächeln dürften den meisten Konfis hingegen die Vorschläge zum Einsatz des Handys im KU entlocken, sie besitzen längst internetfähige Smartphones. Statt dem Trend hinterherzuhecheln, ist es auch denkbar, bewusst ein Gegengewicht zur virtuellen Kommunikation zu setzen. So hat ein Kollege mit Klosterwochenenden gute Erfahrungen gemacht, bei denen auf alle technischen Geräte verzichtet wurde.

Im KU versuchen wir, junge Menschen bei der Suche nach ihrem Platz im Leben in einer sich immer schneller verändernden Welt zu begleiten. Und das vorliegende Buch ermutigt dazu, dabei neue Wege zu gehen, theologisch begründet, theoretisch untermauert, mit praktikablen Schritten und Anregungen für alle, die am KU beteiligt sind und ihn verantworten.

Literatur: Thomas Böhme-Lischewski u. a. (Hg.): Konfirmandenarbeit gestalten. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2010, 304 Seiten, Euro 34,95.

Jutta Schreur

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