Unterwegs im Reich des Todes

Die Katakomben von Paris - ein 330 Kilometer langes Labyrinth unter der Metropole
Straßen entlang von Gebeinen. Foto: Martin Glauert
Straßen entlang von Gebeinen. Foto: Martin Glauert
In leere unterirdische Steinbrüche verfrachtete man im 18. Jahrhundert in Paris die Knochen von fast sechs Millionen Toten. Der Arzt und Journalist ­Martin Glauert hat sich auf einen Gang durch die Katakomben dreißig Meter unter der Erde begeben.

Der Eingang zur Unterwelt öffnet sich mitten im Trubel der Weltstadt Paris. Auf einem belebten Platz im Zentrum steht ein ehemaliges Zollhaus, dessen Keller über einen Ausgang ganz besonderer Art verfügt. "Barrière d’enfer", also "Höllentor" nannten die Einwohner dieses alte Gebäude seit jeher, und das hat seinen guten Grund. Eine enge Wendeltreppe führt steil hinab unter die Erde. Nach neunzig Stufen hat der Schwindel die letzte Orientierung geraubt, benommen tritt man in einen düsteren Gang, der in den rohen Stein gehauen ist. Nur mannshoch ist dieser Tunnel, und bevor man einen Arm ganz ausgestreckt hätte, stößt er an die feuchten Wände. Von der Decke tropft Wasser, der Boden ist glitschig, nur gelegentlich beleuchtet eine Glühbirne notdürftig den Weg.

Riesige Maulwurfsgänge

Ab und zu ist ein Straßenname in die Wand gemeißelt, denn die Stollen verlaufen genau unterhalb der Straßen und tragen auch deren Namen. Die Oberwelt ist zum großen Teil mit Steinen erbaut worden, die hier unten herausgeholt wurden. Seit dem 13. Jahrhundert stieg der Bedarf an Baumaterial für die großen Kirchenbauten von Paris, für Herrenhäuser und Wohnungen an, und so entstanden unterirdische Steinbrüche, die den Boden unter der Stadt wie riesige Maulwurfsgänge aushöhlen. Dabei kam es in gewisser Regelmäßigkeit immer wieder zu größeren Unglücken, bei denen ganze Straßenzüge einbrachen. So auch am 17. Dezember 1774, als die Rue d’Enfer auf einer Länge von dreihundert Metern einstürzte und Pferdefuhrwerke, Häuser und Menschen dreißig Meter in die Tiefe hinabgerissen wurden.

Die Gänge sind eng, finster und verwirrend, gewunden wie ein Labyrinth. Gelegentlich stößt man auf Metallgitter, hinter denen Nebengänge ins Dunkel führen. Aus diesen abgesperrten Stollen werden Geräusche und Gesprächsfetzen herangetragen, das Echo von Stimmen, die in die Irre führen können. Das erfuhr Philippe Aspairt, ein Pförtner des Val-de-Grâce-Hospitals, dessen Schicksal einen frösteln lässt. Im November 1793 stieg er alleine, nur mit einer Laterne bewaffnet, in dieses Gangsystem hi­nab und verirrte sich hoffnungslos. Sein Skelett wurde erst elf Jahre später zufällig von Vermessungsarbeitern gefunden. An der Decke verläuft seither eine rußschwarze Linie, die früheren Besuchern in diesen dunstigen Stollen die Orientierung ermöglichen sollte, bevor es das elektrische Licht gab.

Foto: Martin Glauert
Foto: Martin Glauert

Ab und zu ist ein Straßenname in die Wand gemeißelt, denn die Stollen ­verlaufen genau unterhalb der Straßen und tragen auch deren Namen.

Foto: Martin Glauert
Foto: Martin Glauert

Während die Priester im 18. Jahrhundert die Bestattungsliturgie sangen, warfen Knechte die Gebeine in die Katakomben. Dort wurden sie zu einer Wand aufgestapelt und die Schädel darauf dekorativ verteilt.

Unerwartet steht man plötzlich vor zwei mächtigen hölzernen Säulen, die schwarz und weiß bemalt sind. Sie umrahmen eine eiserne Pforte, darüber verkündet eine Steinplatte warnend: "Halt! Dies hier ist das Reich des Todes." Öffnet man dieses Tor und tritt in den dunklen Gang ein, so stößt man unvermittelt auf unzählige Knochen und Schädel, die rechts und links bis zur Decke dicht gestapelt sind. "Oh God", stöhnt die Amerikanerin neben mir entsetzt und schlägt die Hände vors Gesicht. Kinder beginnen zu weinen, einige Besucher kehren auf der Stelle um. Andere dagegen versuchen, mit Witzen ihr Gruseln zu überwinden: "He, da liegt ja meine Oma!" Die Beinknochen sind vom Boden aus ordentlich bis zur Decke aufgestapelt. Zwischendrin grinsen Schädel die Besucher an. Man hat sie zu Mustern zusammengefügt, meist sind sie in malerischer Kreuzform angeordnet.

Löcher in den Schädeln

Bräunliche Schädel liegen neben kalkweißen, die Jahrhunderte haben die Knochen spröde werden lassen. In die feinen Ritzen hat sich eine hauchdünne Schimmelschicht gesetzt, in den leeren Augenhöhlen wächst Moos. Sieht man genauer hin, entdeckt man in einigen Köpfen Löcher, die mit deutlicher Sprache davon erzählen, wie der ehemalige Besitzer zu Tode gekommen ist. Inmitten des Knochenstapels hat man eine Steinplatte eingemauert mit der knappen Auskunft "Cimet. St. Nicolas 24 Août 1804". All diese Knochen stammen von den unterschiedlichen Friedhöfen von Paris und wurden von dort hierher geschafft. Warum?

Mit der wachsenden Bevölkerung der Stadt im Mittelalter waren auch die Friedhöfe rasch überfüllt. Um Platz zu schaffen, begann man im 14. Jahrhundert, auf den Kirchhöfen Beinhäuser zu errichten. In diese "Ossuarien" räumte man nach abgelaufener Grabesfrist die Knochen eines Beerdigten und hatte somit wieder eine leere Gruft für die nächste Bestattung zur Verfügung.

Foto: Martin Glauert
Foto: Martin Glauert

Unterirdische Steinbrüche entstanden seit dem 13. Jahrhundert.

Aufgrund des großen Andrangs wurden die Ruhefristen kürzer und kürzer, und schließlich grub man auch noch nicht verweste Leichen wieder aus, um sie ins Beinhaus zu schaffen. Die Folge war ein infernalischer Gestank, der sich in der Umgebung der Friedhöfe ausbreitete und wütende Proteste der Nachbarn hervorrief. Den Anblick halb verwester Leichenhaufen mochten die Anwohner vielleicht noch tolerieren, die stechenden Verwesungsdämpfe aber führten schließlich dazu, dass sogar die Milch in den Küchen sauer wurde und Wein zu Essig wurde. Zum Eklat kam es schließlich durch das Unglück in der Rue de la Lingerie im Mai 1780. Ein überfülltes Massengrab auf dem dortigen Friedhof bekam Risse und zerbarst unter seinem inneren Druck, die dort gestapelten Leichen überfluteten regelrecht die Keller der angrenzenden Häuser.

Auf ausdrückliche Anordnung des Königs beschloss man nun, die Knochen der Beinhäuser in die leeren unterirdischen Steinbrüche zu verfrachten, die Idee der Katakomben war geboren. Der erste Transport fand in der Abenddämmerung des 7. April 1786 statt und begann auf dem Cimetière des Innocents, dem "Friedhof der Unschuldigen". Während die beiwohnenden Priester die Bestattungsliturgie sangen und die schwarz verhängten Wagen segneten, warfen Knechte die Gebeine durch einen Schacht in die Tiefe. Dort wurden sie zu einer Wand aufgestapelt, nach vorne schön gleichmäßig mit dekorativen Schädelmustern, die restlichen Knochen aber warf man dann einfach wild durcheinander dahinter.

Irgendwo auch Robespierre und Danton

Viele Jahreszahlen an den Knochenstapeln stammen aus der Zeit der Französischen Revolution, als die scharfe Klinge der Guillotine unermüdlich für Nachschub sorgte. Ihrem Blutdurst fielen schließlich selbst diejenigen zum Opfer, die sie in Gang gesetzt hatten, und so liegen auch die Gebeine von Robespierre und Danton irgendwo anonym inmitten der Millionen Knochen.

Foto: Martin Glauert
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"Halt. Dies ist das Reich des Todes." Die Steinplatte über der eisernen Pforte verkündet das Unfassbare.

Foto: Martin Glauert
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Inmitten des Knochenstapels hat man eine Steinplatte eingemauert - all diese Knochen stammen von den unterschiedlichen Friedhöfen von Paris und wurden von dort hierher geschafft.

Die verwinkelten, unübersichtlichen Gänge mit ihren dunklen Ecken und Steinvorsprüngen sind im Mai 1871 der Schauplatz einer tragischen und grausamen Episode der Pariser Commune: Erbitterte Kämpfe wüten in Paris, als das Regiment aus Versailles die Hauptstadt von den Aufständischen zurückerobert. Eine Anzahl verzweifelter Kommunarden sucht Zuflucht in den Katakomben, als jedoch die Regierungstruppen alle Ausgänge verbarrikadieren, sitzen sie in der Falle. Mit Laternen steigen die Eroberer nun in das Labyrinth der Katakomben hinab und beginnen eine mörderische Menschenjagd. Ei­ne makabre Szenerie - als ob es nicht schon genug Tote hier unten gegeben hätte.

Krankenstation der Résistance

Das weitverzweigte Netz von Stollen und Höhlen bot auch später im Zweiten Weltkrieg der französischen Widerstandsbewegung Schutz. Die Résistance verlegte ihren Befehlsstab hierher, Krankenstationen wurden aufgebaut und ein eigenes Telefonnetz verlegt. Durch dieses listige Ausnutzen der Ortskenntnisse gelangen dem französischen Untergrund immer wieder empfindliche Schläge gegen die deutschen Besatzungstruppen.

Wir gelangen in eine Krypta, die den Namen "La Passion" trägt. Die Wände sind mit Knochen ausstaffiert, in der Mitte des Raumes steht eine steinerne Säule, die ringsum mit Gebeinen umstapelt ist und wie ein riesiges Fass aussieht. Das Licht wirft die Silhouetten der Besucher auf die Skelette und schafft eine paradoxe Situation: Hier fällt der Schatten der Lebendigen auf die Toten.

Foto: Martin Glauert
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Gebeine von mehr als sechs Mil­lionen Toten liegen hier unter der Erde.

Foto: Martin Glauert
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Das weitverzweigte Netz von Stollen und Höhlen bot auch später im Zweiten Weltkrieg der französischen Widerstandsbewegung Schutz.

Tatsächlich gilt es heute noch in bestimmten Kreisen als chic, in den Katakomben bizarre Partys oder Messen zu feiern. Grufties und Drogenfreaks, Yuppies und Satanisten steigen nachts durch Gullis in das Netz ein und treffen sich in stillgelegten Stollen irgendwo in diesem 330 Kilometer langen Labyrinth unter den Straßen von Paris.

Sechs Millionen Tote

Die Atmosphäre dieser Krypta löst bei den Besuchern unterschiedliche Gefühle aus. Bei einigen schlägt das Grauen in Albernheit um. Junge Mädchen lassen sich für das Erinnerungsfoto lächelnd vor Totenköpfen ablichten oder küssen einem Knochenmann auf die Stirn, ein cooler Jugendlicher setzt einem Schädel jovial seine Baseballmütze auf. Andere gehen schweigsam daran vorüber und werfen einen missbilligenden Blick auf solche Szenen. Die Anwesenheit von fast sechs Millionen Toten, mit denen man hier dreißig Meter unter der Erde den knappen Raum teilt, berührt seltsam und nachhaltig. Tausende aus allen Ländern der Welt steigen jährlich hier herab, um sich die Antwort auf eine Frage geben zu lassen: "Was wird aus mir, wie einzigartig und wie wichtig bin ich über die Zeit?"

Martin Glauert

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