Fastenzeit

Geschichten vom Fleisch
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Es geht bei der Frage unseres Fleischkonsums nicht allein um das persönliche Wohlbefinden. Denn sobald wir unsere Gabeln heben, beziehen wir Position. Wir setzen uns in Beziehung zu Nutztieren, zu Farmern, Nationalökonomien und Weltmärkten. Dazu zwei Leseerfahrungen.

Wenn wir Kinder haben, beginnen wir zu erzählen. Und wir werden uns der Geschichten bewusst, die unsere Entscheidungen rechtfertigen. Jona­than Safran Foers Buch Tiere essen ist eine kritische Erkundung der Geschichten, die unsere Essgewohnheiten begründen. Als er Vater wird, gewinnt die Frage nach der Ernährung seines Sohnes ungeahnte Dringlichkeit. Foer, in seiner Jugend eher "Gelegenheitsvegetarier", macht Ernst und will wissen: Warum essen wir Tiere? Und wie können wir das verantworten, wenn wir wissen, wie sie leben und sterben?

Drei Jahre lang hat Foer recherchiert. Entstanden ist ein Buch, das journalistisch-gründlich, aber auch erzählerisch stark und argumentativ klug ist. Er schildert die Absurditäten der Zucht, beschreibt die Grausamkeiten der Tierhaltung und die Torturen der Schlachtung, das unhygienische Resultat. Bei dem, was wir gern für Ausnahmen halten, handelt es sich um die unvermeidbaren Standards industrieller Massentierhaltung: Die Herstellung von Fleisch aus Lebewesen zu billigsten Preisen kalkuliert das Leiden mit ein. Selbst "Bio"-Schnitzel entstehen als Teil dieses Systems.

Essen ist nicht rational

Konsequenzen hat das nicht nur für die Tiere. Die Viren der Vogel- und Schweinegrippe sind erst durch die Bedingungen der Massentierhaltung entstanden. Die Fakten sprechen gegen die Massentierhaltung und Fleischkonsum über­haupt. Doch Foer weiß: "Essen ist nicht rational. Essen ist Kultur, Gewohnheit und Identität." Der Verzicht auf Fleisch bedeutet daher auch einen radikalen kulturellen Einschnitt: Als Jude haben die Essenstraditionen seiner Familie und Gemeinde für ihn eine zutiefst religiöse und geschichtliche Bedeutung. Sie beinhalten aber auch einen ethischen Anspruch, denn den jüdischen Speisegesetzen zu folgen, heiße auch, Fleisch zu essen, ohne "Gottes lebendigen Geschöpfen Schmerzen zuzufügen".

Ist "koscheres Fleisch" also "ein Widerspruch in sich geworden"? Foers analysiert Mythen ums Essen, benennt unsere Lügen und erzählt von Lebenserfahrungen. Dabei ist er nie dogmatisch, sondern ist sich der Schwierigkeiten einer Ernährungsumstellung bewusst.

Wie das praktisch aussehen kann, hat Karen Duve probiert. Etwa zu der Zeit, als klar war, dass der amerikanische Bestsellerautor auch bald in Deutschland veröffentlicht würde - ein Schelm, wer Böses dabei denkt - entscheidet sie sich, ein Jahr lang "anständig" zu essen und plant - als Form der "Selbstmotivation" - gleich ein Buch darüber. Und so folgt man der Autorin gedanklich auf einen Weg, mit dem man selbst vielleicht liebäugelt, vor dem man in der Praxis aber zurückgeschreckt ist. Duve beginnt damit, zwei Monate nur noch Bio-Produkte zu kaufen. Auf ihre schlechten Gewohnheiten will sie erst einmal nicht verzichten. Und dazu gehört Cola light: "Coca-Cola (...) besteht doch sowieso fast ausschließlich aus Chemie. Das einzig natürliche darin ist Zucker, und selbst der ist im Light-Produkt durch Chemie ersetzt, sodass sich die Bio-Frage erst gar nicht stellt."

Selbstironische Ehrlichkeit

Die Haltung selbstironischer Ehrlichkeit bietet die Möglichkeit der Identifikation. Das Buch von Duve ähnelt damit Diät-Ratgebern, die mit dem Bekenntnis des Autors beginnen, er selbst sei auch furchtbar dick gewesen. Die Botschaft: Jeder kann mitmachen, es gibt keine Ausreden mehr.

Auf der anderen Seite beschönigt Duve nichts: Ernährungsumstellung bedeutet Verzicht - spätestens, als sie im nächsten Schritt nur noch vegetarisch isst. Es folgt eine Zeit als Veganerin, in der Milchprodukte und Eier tabu sind, weil auch für sie Massentierhaltung notwendig ist. Zum Schluss lebt sie sogar "frutarisch", ernährt sich nur noch von Pflanzen, die für ihre Ernte nicht zerstört werden. Das macht den Alltag zunehmend kompliziert. Aber: "Freiheit bedeutet nicht nur, zu tun, was man will, sondern auch, zu wissen, was man tut, Überzeugungen zu haben und danach zu handeln."

Dabei erscheint Duves Motivation immer ein wenig selbstbezogen. Ein "besserer Mensch" möchte sie werden - ihr moralischer Anspruch droht zuweilen in Selbstgerechtigkeit zu kippen, deren empörter Tonfall anstrengend sein kann. Am Ende steht die Erkenntnis: "Ich gestehe mir ein, dass die Moral in meinem Leben nicht einen so hohen Stellenwert besitzt, wie ich mir das immer eingebildet habe. Gleichzeitig versuche ich, die Schäden, die ich anrichte, so gering wie möglich zu halten." Ihre Ernährung wird sie dauerhaft ändern, wenn auch weniger radikal als im Experiment.

Doch es geht bei der Frage unseres Fleischkonsums nicht allein um das persönliche Wohlbefinden. Foer: "Sobald wir unsere Gabeln heben, beziehen wir Position. Wir setzen uns in die eine oder andere Beziehung zu Nutztieren, zu Farmern, Nationalökonomien und Weltmärkten." Lange werden wir das wohl nicht mehr verdrängen können.

Jonathan Foer: Tiere essen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010, 399 Seiten, Euro 19,95.

Karen Duve: Anständig essen. Ein Selbst­versuch. Galiani Verlag, Berlin 2011, 335 Seiten, Euro 19,95.

Natascha Gillenberg

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Foto: privat

Natascha Gillenberg

Natascha Gillenberg ist Theologin und Journalistin. Sie ist Alumna und Vorstand des Freundes- und Förderkreises der EJS.


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