"Wir mussten einfach weg"

Eine Zeitzeugin der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl blickt zurück
Neues Zuhause in Drushnaja: Walentina Satschock. Foto: Margarethe Steinhausen
Neues Zuhause in Drushnaja: Walentina Satschock. Foto: Margarethe Steinhausen
Die Explosionen im japanischen AKW Fukushima erinnern an Tschernobyl. Vor genau 25 Jahren explodierte dort einer der Reaktoren des Atomkraft­werks. 300.000 Einwohner mussten ihre Heimat verlassen. Eine davon ist ­Walentina Satschock. Die Jour­na­listin Margarethe Steinhausen ist ihr begegnet

Wenn Walentina Satschok sich an ihr früheres Zuhause in Bragin erinnert, steigen ihr die Tränen in die Au­gen. Auch noch nach 25 Jahren leidet sie un­ter "nostalgija". Sie denkt an die fruchtbare Erde im Süden Weißrusslands und ihr Haus mit dem großen Garten, das wenige Monate nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl dem Erdboden gleichgemacht wurde. Vor allem aber denkt Walentina an die vielen Familienmitglieder, die die atomare Katastrophe nur um wenige Jahre überlebt haben.

Am Feiertag Radoniza, dem Tag, an dem in Weißrussland der Toten gedacht wird, fährt sie mit ihrem Mann Leonid zurück in die verstrahlte Zone und besucht die Gräber ihrer Angehörigen. Vater und Mutter sind früh an Krebs gestorben, ebenso ihr Bruder und ihre Großmutter. Wenn die inzwischen siebenundvierzigjährige Walentina durch die Gräberreihen geht, stößt sie auf die Namen vieler ehemaliger Klassenkameraden. "Wenn ich dort wohnen geblieben wäre, dann wäre ich vielleicht auch längst tot", seufzt Walentina.

Sie sitzt in der Abendsonne auf einer Bank vor ihrem neuen Haus in der Nähe des Narotsch-Sees, etwa 500 Kilometer von ihrer alten Heimat entfernt und wiederholt immer wieder: "Wir mussten einfach weg, wir mussten weg." Der Ernst und die Entschlossenheit, mit der sie damals ihren Mann zum Aufbruch überredet hat, sind heute noch zu spüren. Aber auch der Schrecken von damals wird wieder lebendig, wenn sie von den letzten Apriltagen des Jahres 1986 erzählt. Walentina hatte schon am Tag der Katastrophe von einem Unfall in Tschernobyl erfahren. Ihre Heimatstadt Bragin liegt im Grenzgebiet Weißrusslands zur Ukraine, nur 36 Kilometer von Tschernobyl entfernt. Ein Bekannter hatte einen riesigen Feuerschein gesehen und von einem Brand im Atomkraftwerk berichtet.

Niemand hatte die geringste Ahnung, wie ernst dieses Unglück war, welche verheerenden Folgen drohten. Überall kursierten zwar Gerüchte, aber es gab keine Informationen oder gar offizielle Warnungen. In Rundfunk und Fernsehen herrschte Funkstille. Deshalb nahm Walentina Satschok, die damals als Grundschullehrerin arbeitete, ohne Bedenken gemeinsam mit Mann und Kindern an den offiziellen Mai-Paraden zum Gedenken an das Kriegsende teil. Tausende waren auf den Straßen unterwegs, völlig ahnungslos, dass sie einer gefährlichen Strahlung ausgesetzt wa­ren. "Da haben wir alle unsere Dosis abbekommen", sagt Walentina bitter. "Wenn man uns sofort gewarnt hätte, dann würden viele heute noch leben oder hätten nicht so stark mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen."

Von wegen "Kur"

Walentina wurde erst misstrauisch als am 10. Mai ihre beiden Töchter "zur Kur" verschickt werden sollten, so die verharmlosende offizielle Bezeichnung für die Evakuierung aller Kinder aus der stark verstrahlten Zone im Süden Weißrusslands. Nur Kinder bis zum dritten Lebensalter durften von ihren Müttern begleitet werden. Walentina brachte ihre damals zehn- und fünfjährigen Töchter zum Gebietskomitee, das die Verschickung organisierte, aber kein Wort darüber verlor, wo die Kinder untergebracht werden sollten. Es hieß, sie würden auf Sanatorien in Minsk oder in der Umgebung der Hauptstadt verteilt. Erst drei Monate später hat Walentina ihre Töchter wiedergesehen.

Während der Sommermonate nach der Reaktorkatastrophe hatte sie miterlebt, wie sämtliche Nachbardörfer komplett evakuiert wurden. Auch die Bewohner von Bragin sollten nach und nach umgesiedelt werden. Aber überall im Land herrschte Wohnungsnot, obwohl die Regierung in unverstrahlten Gegenden in aller Eile neue Wohnblocks hochziehen ließ. In Bragin versiegelten Soldaten die Trinkwasserbrunnen, sie schrubbten Dächer und trugen verstrahlte Erde aus den Gärten ab. Schlagartig wurde Walentina klar, wie gefährlich es war, zu bleiben oder sich auf eine Warteliste für Umsiedler setzen zu lassen. Heute weiß sie, dass sie erst sieben Jahre nach der Katastrophe an der Reihe gewesen wäre. Auch wenn sie das damals nicht ahnen konnte, so war ihr doch klar, dass jeder weitere Tag in dem verstrahlten Gebiet gefährlich war. Fieberhaft überlegte sie, wohin sie mit ihrer Familie gehen konnte. Der Druck war enorm, denn Walentina war wieder schwanger.

Erster Ausweg: der Altai, eine Region in Sibirien. Dorthin waren viele Bewohner aus Bragin geflüchtet. Aber Walentinas Mann war wehrpflichtig, er hätte jederzeit zu einem Sondereinsatz im Atomkraftwerk abkommandiert werden können. Erst nach vier Monaten bekam das Paar die Erlaubnis, in eine unverstrahlte Gegend zu ziehen. Eine Wohnung gab es immer noch nicht. Irgendwann rief eine Freundin an, der in Witebsk ein Platz in einem Wohnheim zugewiesen worden war. "Hier ist Platz für Euch", versprach die Freundin. Walentina zögerte nicht lange. Zu packen gab es nichts, denn die Familie durfte nichts mitnehmen. Kein Möbelstück, keine Kleidung, kein Fotoalbum. Nicht einmal das, was sie auf dem Leibe trugen. An einem Kontrollpunkt musste die Familie die Kleidung abgeben und bekam neue. Ihre Möbel wurden verbrannt, das eigene Haus zerstört. "Wir haben bei Null wieder angefangen", sagt Walentina mit leiser Stimme.

Acht Quadratmeter für fünf Personen

Der Platz im Witebsker Wohnheim entpuppte sich als winziges Zimmer mitten in einer Dreizimmerwohnung, in der noch zwei weitere Familien Zuflucht gefunden hatten. Acht Quadratmeter für eine bald fünfköpfige Familie. Bis Mitte der Neunzigerjahre haben die Satschoks durchgehalten. Dann war auch die so resolut wirkende Walentina am Ende. "Radioaktive Strahlung hin oder her - wir wollten zurück in die Heimat."

Das ging nicht nur Walentina Satschok so. Viele Bewohner aus den verstrahlten und evakuierten Dörfern sind in den Neunzigerjahren zurückgegangen. Der Grund war nicht nur das Heimweh. Häufig waren die alten Eltern Zuhause geblieben und drängten die Jüngeren, doch wieder zurückzukommen. Zudem war der Neuanfang für viele Umsiedler in unverstrahlten Landesteilen schwer. Die vom Staat in aller Eile errichteten Wohnungen waren oft feucht, kalt und viel zu klein. Ein weiteres Motiv für viele Rückkehrer war die Tatsache, dass die ehemals evakuierten Gebiete nach und nach wieder bewohnt wurden. Beispielsweise von Tschetschenen, die 1993 vor dem Krieg in ihrem Land nach Weißrussland geflohen waren. "Zuhause hatten sie Krieg, bei uns die Strahlung", sagt Walentina lakonisch. Damals waren ihre Kinder sehr oft krank, sogar ihr sechsjähriger Sohn hatte schon ein Magengeschwür. Walentina wusste nicht mehr weiter.

Da hielt ihr eines Tages eine Arbeitskollegin eine Zeitung mit einer seltsam anmutenden Anzeige vor die Augen. Ein Verein aus Deutschland bot an, im unverstrahlten Norden des Landes gemeinsam mit umzugswilligen Menschen aus der Tschernobyl-Region Häuser zu bauen. Nach acht entbehrungsreichen Jahren wieder in einem eigenen Haus wohnen zu können: In Walentinas Ohren klang das wie ein Lotteriegewinn. "Ein Jahr lang gemeinsam mit Deutschen und Weißrussen bauen, und dann sollte uns das Haus gehören!" Walentina lächelt zum ersten Mal. Ihr Mann Leonid hielt das für ein Hirngespinst. Doch für Walentina war die Anzeige der rettende Strohhalm, an den sie sich klammerte. "Ich riskiere häufig etwas."

Jeden Tag eine Hauswand

1994 macht sich das Ehepaar auf und fährt zum Narotsch-See, wo das Dorf mit dem vielversprechenden Namen "Drushnaja" entstehen soll: das freundliche Dorf. Als Walentina und Leonid die Anhöhe mit Blick auf den See erreichen, stehen sie vor einem einzigen Haus, drum herum nur Leere und steiniger Boden, dazu ein rauer Wind. Aber: unverstrahlte Erde und saubere Luft! Walentina atmet einmal tief durch und füllt die Bewerbungsunterlagen des Vereins "Heim-statt-Tschernobyl" aus. Schon im nächsten Jahr baut sie mit an ihrem neuen Zuhause. Gemeinsam mit anderen Umsiedlern und Freiwilligen aus Deutschland stampft sie Lehm in einer simplen Holzverschalung fest. Jeden Tag schaffen sie eine Hauswand. "Da konnte jeder mitmachen, ob Handwerker oder Laie, Frau oder Mann, alt oder jung."

Vom Professor bis zum Handlanger duzen sich alle, sie arbeiten gemeinsam, von früh um acht manchmal bis in die Dunkelheit, eine Campköchin sorgt für das leibliche Wohl. Am Lagerfeuer kommen sich Weißrussen und Deutsche bei Gesang und Wodka näher. Schon am Ende des Sommers wird "Richtfest" gefeiert, diese deutsche Vokabel hat sich Walentina gemerkt.

Mit dem darauffolgenden Herbst und dem eisigen Winter kamen Entbehrungen. Jede Familie musste ihr Haus selbst ausbauen, Böden und Decken einziehen, die Wände verputzen, sich um Möbel kümmern. Walentina fand Arbeit als Pflegerin im Krankenhaus des Nachbardorfes, und sie fand sich ab mit dem niedrigeren Lohn. Auch heute noch muss die Familie jeden Rubel umdrehen, bevor sie ihn ausgibt. Aber Walentina hat den Schritt nie bereut.

Das neue Dorf ist groß geworden. Fünfundzwanzig Umsiedler-Familien, die ein ähnliches Schicksal verbindet, leben in Drushnaja. Zwei Windräder stehen auf der Anhöhe, es sind die ersten in Weißrussland. Walentina zeigt auf die Blumen und Früchte in ihrem großen Garten. "Der Boden ist schlechter hier, viel zu viele Steine", meint sie. Aber dann pflückt sie einen Apfel und beißt entschlossen hinein. "Alles was hier wächst, kann ich unbesorgt essen, ich kann wieder in den Wald gehen und Beeren und Pilze sammeln, und die Kinder können wieder barfuß laufen."

Ihre eigenen Kinder sind inzwischen erwachsen. Weil das neue Haus groß genug ist, hat sie Pflegekinder aufgenommen. Doch die Ängste der Vergangenheit brechen derzeit wieder auf. Denn die weißrussische Regierung plant, ein eigenes Atomkraftwerk zu bauen, und zwar ausgerechnet im Norden des Landes. "Warum sind wir dann umgezogen?" fragt Walentina.

Literatur Melanie Arndt / Margarethe Stein­hausen (Hg.): Wir mussten völlig neu anfangen. Luther-Verlag, Bielefeld 2011, 150 Seiten, Euro 12,80.

Margarethe Steinhausen

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