Rosa Melancholie

Die Zwölf Cellisten singen ohne Worte
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Nun spielen sie plötzlich "La Vie en rose" und alle Raffinesse tritt zurück. Mit einem Mal ist alles schlicht und still und schön.

Dass diese Musiker Virtuosen sind, müssen sie wahrhaftig nicht beweisen. Die "zwölf Cellisten der Berliner Philharmoniker" wissen genau, wann sie welche Klänge aufzurauen, wann sie die feinsten Nuancen zu akzentuieren ha­ben. Auch aus ewigen Ohrwürmern kön­nen sie noch Überraschungen kitzeln, das haben sie in mehreren Einspielungen bewiesen - in Themenalben über Engelsmusik oder südamerikanische Standards. Nun spielen sie plötzlich "La Vie en rose" und alle Raffinesse tritt zurück. Mit einem Mal ist alles schlicht und still und schön. Die sanft verwehte Überlebenshymne der Edith Piaf ist kein Schaustück, sondern tatsächlich ein Lied, hingebungsvoll und klar gesungen von zwölf ganz zurückhaltenden Streichern. Nein, das wird man vorerst nicht mehr aus dem Kopf bekommen.

Fleur de Paris heißt die die neue CD der so überaus erfolgreichen Formation, und sie kommt in fröhlichen Cover-Farben daher. Eine muntere Sommerlichkeit, die nicht davon ablenken kann, dass hier als Kern- und Schlussstück eine fahl-verhangene Komposition vorgestellt wird, die sich nicht gerade als eingängig erweist. "Figure Humaine" ist eigentlich eine Kantate für zwei unbegleitete, jeweils sechs Stimmen umfassende Chöre, die Francis Poulenc 1943 in dem von den Deutschen besetzten Paris geschrieben hat. "Liberté" lautete dann auch der Titel des letzten Satzes, der wie das gesamte Stück auf Gedichten von Paul Éluard basiert. Mit nachdenklicher Andacht gleitet das Ensemble durch eine Partitur der tiefen Bedrückungen und lichten Hoffnungen, was faszinierend ausfällt und doch einen starken Kontrast zum luftig leichten Rest der CD bildet.

Selbstbewusste Bescheidenheit

Hier wird nämlich ebenfalls ohne Worte gesungen, und zwar fast durchweg populär. Zwar stehen auch die klassischen Pavanen von Ravel und Fauré mit auf dem Programm, die eigentlichen Highlights aber bilden die einschmeichelnd aber gänzlich unaffektiert interpretierten Chansons. Das neckisch frivole "Pigalle" wird ebenso charmant herbeigezwinkert wie Michel Legrands Titelmelodie zu Godards "Une femme est une femme". Die zwölf Cellisten schlendern in selbstbewusster Bescheidenheit mit Charles Trenets "Que reste-t-il de nos amours?" durch imaginäre, nostalgisch überglänzte Boulevards und schmachten versonnen zu Debussys "Claire de lune". Und dann singen sie eben "La Vie en rose", und man ist schon sehr versucht, gleich noch einmal auf die Wiederholungstaste zu drücken. Die­se rosarote Melancholie hat mit demonstrativer Virtuosität nichts zu tun - schöner aber geht‘s nun wirklich nicht.

Fleur de Paris - Die 12 Cellisten der Berliner Philharmoniker. EMI Classics 6085012

André Mumot

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