Drei Ironien der Geschichte

Das Haus Jebensstraße 3, Berlin: Hier wurde Kirchengeschichte geschrieben
Jebensstraße 3: Treppenhaus. (Foto: HK)
Jebensstraße 3: Treppenhaus. (Foto: HK)
In der Jebensstraße gingen einst die "Kinder vom Bahnhof Zoo" auf und ab und in ihr Elend. An die besondere Kirchengeschichte des Hauses Nr. 3 erinnern heute nur noch die Inschrift über dem Eingangsportal.

Ganze drei Hausnummern weist die Jebensstraße am Bahnhof Zoo auf. Schon immer war sie eine der kürzesten Straßen Berlins. Aber immerhin waren oder sind zwei Adressen weltweit bekannt: Die Hausnummer 3, in dem lange die Evangelischen Kirche der Union residierte, und, die Nr. 2, in der sich seit 2004 das Museum für Fotographie mit der berühmten Helmut Newton Foundation befindet. Ein winziges Stück ddr gehörte freilich einst auch zur Jebensstraße: In Nr. 1 war von 1972 bis 1989 eine Passierscheinstelle eingerichtet, deren "Grepos" allmorgendlich in einer allseits belächelten Autokarawane aus Ostberlin anreisten.

Die Straße selber hatte lange Zeit einen schlechten Ruf. Hier gingen erst die "Kinder vom Bahnhof Zoo" auf und ab und in ihr Elend, später warteten Strichjungen auf Kundschaft, und als die Bahnhofstoiletten privatisiert wurden, mutierten die Bürgersteige und Häuserwände zu öffentlichen Pissoirs. Erst durch die Sanierung der Räume der Bahnhofsmission unter den Gleisen vor zwei Jahren kam in die Straße, an deren Bahnhof seit Mai 2006 kein ICE-Zug mehr hält, ein spürbarer Hauch von Nächstenliebe, die in der Caritas-Ambulanz für Wohnungslose in der ehemaligen Portierswohnung im rechten Hinterhof der Jebensstraße 3 eine Partnerin hat.

Spürbarer Hauch der Nächstenliebe

An die besondere Geschichte des Hauses der EKU erinnern heute nur noch die Inschrift über dem Eingangsportal "Evangelischer Oberkirchenrat" (EOK) und das Schild "EKU-Stiftung" im Portalrahmen. Für die einstige oberste Leitungs- und Verwaltungsbehörde der preußischen Landeskirche mit ihren damals neun Kirchenprovinzen war das Ende Januar 1912 eingeweihte Gebäude nach Entwürfen der Architekten Eduard Fürstenau und Adolf Brückner errichtet worden. Der preußische Staat finanzierte es. Erst 1966 ist es in das Eigentum der EKU übergegangen. In Fürstenaus Händen lagen schon die architektonischen Planungen für das 1907 vollendete Nachbargebäude an der Ecke zur Hardenbergstraße, das Königlich-Preußische Oberverwaltungsgericht, heute Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, lange Jahre Sitz des Bundesverwaltungsgerichts.

Eine glückliche Nachbarschaft von "Gesetz und Evangelium", nicht zuletzt weil die EKU stets erfahrene Juristen von nebenan für ihre kirchlichen Gerichte gewinnen konnte. Die beiden stattlichen Gebäude sind, wie in Zeiten des Historismus üblich, stilistisch gemischt. Das kommt besonders im teils klassizistischen, teils barocken Portal des EOK-Gebäudes mit dem noch erhaltenen "Erscheinungsbalkon", den klar konturierten Front- und Seitenfassaden mit Ochsenaugen unterm und im Walmdach zum Ausdruck. Im Innern finden sich antike Marmorsäulen vor Treppenaufgängen mit jugendstilhaften Geländern.

Im Querflügel befand sich bis Mitte der Dreißigerjahre die Dienstwohnung des EOK-Präsidenten, zu der ein geradezu pompöser Festsaal mit einer Kassettendecke im Renaissancestil gehörte. Den ersten Entwurf zu dem präsidentialen Wohntrakt kritisierte der preußische Finanzminister als "über das Maß desjenigen, was unter ähnlichen Verhältnissen gewährt worden ist" hinausgehend. Aber der damalige Präsident des EOK konnte die Bedenken unter Hinweis auf die Größe der preußischen Landeskirche mit über 10 Millionen Evangelischen in 6.059 Gemeinden, betreut von fast achttausend Geistlichen, und den entsprechenden repräsentativen Pflichten zerstreuen.

Immer auch Ort von Kunst und Kultur

Später wurde jener Festsaal der schlichte "Weiße Saal" für Andachten, Konferenzen und Festlichkeiten, wie etwa die Verleihung des Karl-Barth-Preises der EKU. Eine kleine Orgel und der Steinway-Flügel aus dem Nachlass des bedeutenden Kirchenmusiktheologen Oskar Söhngen, der schon dem EOK angehörte, sind Indizien dafür, dass das Haus der EKU immer auch Ort von Kunst und Kultur war.

Anfänglich war der Neubau für den EOK Preußens von militärischen Institutionen umgeben: dem Landwehrkasino, dem ballistischen und chemischen Laboratorium der Militärakademie und dem Generalkommando des III. Armeekorps. Es gehört zu den Ironien der Geschichte, dass das Haus nach dem Ende der EKU von der Evangelischen Seelsorge in der Bundeswehr erworben wurde. Damit kehrte - die Nachbarn waren schon längst verschwunden - das Lieblingskind Preußens, das Militär, in die Jebensstraße zurück, wenn auch in der Gestalt der Militärseelsorge. Aber die hat ihre Wurzel auch in Preußen, im hallischen Pietismus.

Der EOK hatte von hier aus nicht nur die evangelische Landeskirche geleitet. Er wirkte auch weit über deren Grenzen hinaus - in viele von Preußen gegründete Auslands- oder Auswanderergemeinden, die sich etwa am Rio La Plata, in Brasilien oder Chile der preußischen Landeskirche angeschlossen hatten oder von ihr Pfarrer erhielten. Der deutsch-brasilianische Dichterpfarrer Lindolfo Weingärtner hat gelegentlich erzählt, dass ihn als Pfarrerskind im südbrasilianischen Bundesstaat Santa Catarina "ein heiliger Schauder über den Rücken lief", wenn der Vater davon sprach, dass er ein Schreiben des EOK aus Berlin erhalten habe. Und manch Pfarrer, der von der Jebensstraße 3 in einen überseeischen Dienst ausgesandt wurde, hat bestätigt, dass ein ähnliches Gefühl ihn überkam, wenn er das Dienstgebäude betrat, in dem eine überwältigende Hoheitlichkeit herrschte und die Amtsboten und Registratoren noch bis in die fünfziger Jahre weiße Handschuhe trugen.

Spottgedicht

In der Heimat selbst sah man das durchaus anders. Davon zeugt ein Spottgedicht über den EOK aus dem Jahr 1917: "Begehrt von oben man Bescheid, / so leuchtet die Bescheidenheit / darin, daß die Behörde spricht: / Nein, das ist meines Amtes nicht. / Von unten baut sich Kirche und Staat, / Ich bin der Ober-Kirchenrat. - Geht wider Staatsdekrete man / submiß dann die Behörde an, / so mahnt sie klug: Bedenket doch, / was mir bis jetzt geblieben noch! / Das Regiment hat Welt und Staat, / ich bin der Ober-Kirchen-Rat. - Traut man ihm aber einmal zu, / daß er doch endlich etwas tu', / so mahnt zur Vorsicht sein Amtskleid. / Er spricht: Es tut mir herzlich leid; / allein begehrt nur keine Tat, / ich bin der Oberkirchen-Rat."

Die Geschichte des Hauses kann Zeugen für und wider solchen Spott aufbieten. Wiewohl bei der Neuorganisation der preußischen Landeskirche nach dem Wegfall des Staatskirchenstatus unter dem königlichen Summepiskopat im Jahr 1918 Großes geleistet worden ist, kam man nicht wirklich los von der Monarchie und an in der Weimarer Republik.

Die dunkelste Zeit des EOK bildeten aber zweifellos die Jahre zwischen 1933 und 1945. Den Zugriff auf das Haus durch den deutschchristlichen Reichsbischof Ludwig Müller, der vom Herbst 1933 bis zum Sommer 1934 in der Jebensstraße 3 wohnte, konnte der EOK zwar abwehren, doch unter der Leitung des Juristen und glühenden Nationalsozialisten Friedrich Werner blieb er eine deutschchristlich durchsetzte Behörde. Das fand nicht zuletzt darin seinen Ausdruck, dass ab April 1934 ein SS-Mann den Pförtnerdienst versah und 1936 eine Hitlerbüste im Sitzungssaal aufgestellt wurde - im Mai 1945 schaffte man sie eilig beiseite. Bei Arbeiten im Hinterhof, so wird erzählt, soll im Jahr 1972 die ramponierte Büste wiedergefunden worden sein, um dann allerdings endgültig zu verschwinden.

Hitlerbüste im Sitzungssaal

In den zwölf Jahren des "Dritten Reiches" hatte hier in der Jebensstraße 3 auch das Kirchliche Außenamt (KA) der Deutschen Evangelischen Kirche (DEK) seinen Sitz. Beide befanden sich im Gegensatz zur preußischen Bekenntniskirche, die sich in Dahlem konstituierte und von dort aus agierte und in der Persönlichkeiten wie Martin Niemöller, Hermann Ehlers, Lothar Kreyssig, Reinold von Thadden-Trieglaff, Karl Immer, Heinrich Held oder Otto Dibelius den Kurs bestimmten. Otto Dibelius kehrte 1945 als Präsident des EOK in die Jebensstraße 3 zurück, um ihr freilich Anfang der Fünfzigerjahre den Rücken zu kehren. Seine Plattform war - neben dem Berliner Bischofsamt - die EKD und wenig später dann der Ökumenische Rat der Kirchen.

An die Tradition der Bekennenden Kirche knüpfte nach dem Krieg die EKU mit ihrem Synodalpräses und Mitbegründer der Aktion Sühnezeichen Lothar Kreyssig und dem Leiter der Kirchenkanzlei Franz-Reinhold Hildebrandt an. Allerdings unter ganz neuen Maßgaben: Die verbliebenen Kirchenprovinzen, allen voran die westlichen Provinzen Rheinland und Westfalen in ihrer rabiaten Los-von-Berlin-Bewegung, hatten sich ab 1945 sukzessiv zu selbständigen Landeskirchen erklärt und billigten der neuen EKU nur noch die Qualität eines Kirchenbunds mit einer Kanzlei zu.

Es verblieben der EKU zwar essentielle Aufgaben wie die Liturgie, das Amtshandlungs- und Dienstrecht, im Osten überdies die Predigerseminare in Wittenberg, Gnadau und Brandenburg, die Aufsicht über den Berliner Dom und das Kloster Stift zum Heiligengrabe, Aufgaben in Forschung und Lehre, ökumenische Beziehungen, ab 1953 die Organisation der sogenannten Berliner Bibelwochen und manches mehr. Dennoch: Das Haus war zu groß geworden. Deshalb konnte das Haus von 1947 bis 1972 das Konsistorium der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und immer wieder andere kirchliche Einrichtungen aufnehmen, wie den Kirchbautag, das Evangelische Forum, den Kunstdienst, das Evangelische Zentralarchiv, ab 1988 sogar - gratis! - das Sekretariat der Leuenberger Kirchengemeinschaft, heute Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa mit Sitz in Wien.

Vor allem aber wurde die Jebensstraße 3 nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer ersten Anlaufstelle für vertriebene Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter aus den verlorenen Kirchenprovinzen jenseits von Oder und Neiße. Zugleich haben Theologiestudenten, Pfarrer und kirchliche Mitarbeiter aus der DDR das Haus als "Ort zum Aufatmen" (Christoph Demke) oder "Nachschubdepot" für "Waren" erlebt, "die es in der damaligen DDR entweder gar nicht gab oder die zu den "Engpassmaterialien" gehörten (Hans-Otto Furian).

Das die EKU prägende "Charisma der Großzügigkeit" (Otto Dibelius) - zweifellos auch eine Frucht des Wirtschaftswunders - hat der reformierte Pfarrer Martin Gabriel aus Halberstadt Anfang der Achtzigerjahre zu folgendem Knittelvers inspiriert: "Ist am Zoo die Jebensstraße / auch nur eine Nebenstraße, / lässt von dem, was die dort jeben, / sich bei uns doch ganz jut leben."#

Wende als Einschnitt

Einen tiefen Einschnitt bewirkte das Jahr 1961 mit dem Bau der Mauer für das Haus der EKU. Für deren östlichen Bereich musste nun, zunächst im Gemeindehaus der Ostberliner Marienkirche in der Bischofstrasse, dann in der Auguststrasse 80 in Berlin-Mitte, eine eigene Kanzlei aufgebaut werden. Doch die gemeinsame Arbeit ging schon unmittelbar nach dem 13. August 1961 mit der Fortführung der Berliner Bibelwochen entschlossen weiter, nun allerdings nur noch in Ostberlin, die westlichen Teilnehmer reisten mit Passierscheinen ein. Entsprechend verlief die gemeinsame Arbeit der Räte und der Kirchenkanzleien.

Darin vollzog sich eine zweite Ironie der Geschichte. Nach dem Ende Preußens bewirkte die deutsche Teilung die Erweckung der fast schon zerfallenen EKU zu neuem Leben. Doch die nach der Wiedervereinigung Deutschlands von Freunden der EKUku ausgegebene Parole: "Die Trennung hat uns nicht auseinandergebracht, um wie viel weniger die neu geschenkte Einheit" - erwies sich schnell als Irrtum. Schon bald nach der Zusammenführung der beiden Kanzleien in der Jebensstraße (1992) begann das Ende der eku und ihres Hauses zu dämmern. Im Jahr 2003 war es soweit. Die EKU wurde aufgelöst und als Nachfolgerin die Union Evangelischer Kirchen in der EKD (UEK) gegründet. Aber auch ihre Geschäftsstelle blieb nur noch drei Jahre in Berlin, ehe sie ins Kirchenamt der EKD integriert wurde.

Im Jahr 1922 lagen die Gewichte noch anders. Damals wurde der materiell armselige Deutsche Evangelische Kirchenbund, der Vorgänger der EKD, unter großer Beteiligung der damaligen Landeskirchen in Wittenberg gegründet. In seinem Exekutivorgan, dem Deutschen Evangelischen Kirchenausschuss, hatte der Präsident des EOK den Vorsitz, und der EOK übergab dem Kirchenbund großzügig seine gesamte weltweite Auslandsarbeit, auch erhielt das Kirchenbundesamt Räume in der Jebensstraße 3. Gut achtzig Jahre später hatte sich alles umgekehrt. Nun war es die stark gewordene EKD mit ihrem großen Kirchenamt in Hannover-Herrenhausen, welche das Amt der auf die UEK reduzierten EKU aufnahm - eine dritte Ironie der Geschichte.

Unberührt von den Ironien der Geschichte

Wo aber ist das Charisma der Großzügigkeit der EKU geblieben? Es wird in der Kirche einen neuen Träger finden. Vielleicht zog es ja schon in die EKU-Stiftung, um dort fortzuleben. Das Haus Jebensstraße 3 jedenfalls steht da, unberührt von den Ironien der Geschichte, so, als kenne und liebe es nur sich selber. Was aber "einem Hause Wert leiht, das ist das Leben darin, der Geist, der alles adelt, schön macht" (Theodor Fontane). Wie einst die theologischen Voten und das Wirken der EKU hat heute eine Zeitschrift mit einer breiten Skala aktueller Themen, inspirierenden Kontroversen und einem entschieden evangelischen Profil daran einen bedeutsamen Anteil.

Wilhelm Hüffmeier residierte bis 2006 als Präsident zuerst der EKU-, dann der UEK-Kirchenkanzlei, in der Jebens­straße 3 in Berlin. Er weiß einiges über die Geschichte des Hauses zu erzählen, in dem seit dem Jahre 2000 auch die Redaktion von zeitzeichen zu Hause ist.

Wilhelm Hüffmeier

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