Gift für's Volk
In Paraguay wächst der Widerstand gegen die riesigen Soja-Monokulturen
Das kleine Land Paraguay im Herzen des südamerikanischen Kontinents ist in den vergangenen Jahren zum weltweit viertgrößten Sojaexporteur aufgestiegen. Doch die Monokulturen zerstören nicht nur die Umwelt,
sondern bedrohen auch die kleinbäuerliche Landwirtschaft und vergiften die Bevölkerung.
"Noch vor dreißig Jahren war hier alles mit Wald bedeckt", erinnert sich Gerónimo Arévalo und schwenkt den Arm in einer weiten Geste über die Sojafelder, die sich in alle Himmelsrichtungen über sanfte Hügel bis zum Horizont erstrecken. Die Provinz Alto Paraná, im Osten des Landes, gehört zum fünfzig Millionen Hektar großen so genannten Sojagürtel Südamerikas. Dazu zählen neben Paraguay der Süden Brasiliens, Nord-Argentinien sowie das östliche Bolivien.
Ein Trugschluss, denn: "Mit der transgenen Soja verringert sich der Einsatz der Ackergifte nicht, im Gegenteil", betont der Agraringenieur Pedro Peralta von der Nichtregierungsorganisation CECTEC. "Heutzutage werden Chemikalien viel aggressiver versprüht, weil es in den gigantischen Monokulturen bei Krankheiten oder Plagen keine natürliche Regulation mehr gibt. Also werden mehr Fungizide, Herbizide und Pestizide eingesetzt", erklärt er weiter: "Bis zu fünf Mal zwischen der Aussaat im September und der Ernte im Januar." CECTEC, die unter anderem vom katholischen Hilfswerk misereor unterschützt werden, fördert die nachhaltige Landwirtschaft der Kleinbauern im Süden Paraguays.
Mehr Fungizide, Herbizide und Pestizide
Seit vierzehn Jahren beobachtet Pedro Peralta die Nebenwirkungen der extensiven Sojamonokulturen. Sie laugen die Böden aus, beschleunigen deren Erosion und vergiften die Gewässer. Gerade nach Regenfällen sind die Flüsse und Bäche tagelang rot gefärbt: "Fische gibt es dort schon lange nicht mehr." Doch am stärksten sei die familiäre Subsistenzwirtschaft betroffen, weil die Pflanzen auf ihren Feldern verdorrten und sie selbst krank würden.
An der Feldgrenze.
Die Sojabohnen sind rot gefärbt, weil sie mit Herbizid behandelt wurden.
Kleinbauern beim Unkraut-Jäten auf einem Maisfeld.
Das spüren auch immer mehr Kleinbauern im Norden Paraguays, wie Lucia Pavón in der Provinz San Pedro, wo sich die Sojakulturen, vor allem in brasilianischer Hand, seit zehn Jahren immer rasanter ausbreiten. Kopfschmerzen, Hautausschläge, Bauchschmerzen und Durchfall, Übelkeit mit Erbrechen sowie Missbildungen sind nur einige der Nebenwirkungen, die sie aufzählt. Schützende Grünstreifen, die für die Großproduzenten eigentlich gesetzlich vorgeschrieben sind, gibt es nicht: "Sie wollen ihre Anbaufläche nicht verkleinern sondern jeden Zentimeter mit Soja bepflanzen." In San Pedro sind bereits viele Bauern für dieses Problem sensibilisiert. Sie organisieren Demonstrationen und versuchen, sich dem Besprühen der Felder mit lebenden Mauern in den Weg zu stellen.
Polizei und Militär
schüchtern Gemeinden ein.
Doch die brasilianischen Sojabauern werden von Polizei und Militär unterstützt und heuern bewaffnete Sicherheitskräfte an, die ganze Gemeinden einschüchtern und Aktivisten bedrohen. "Für sie sind wir Kakerlaken", sagt Lucia. "Aber wenn wir aufgeben und unser Land verlassen, was bleibt uns dann noch?", fragt sie.
Genara Baez erntet in ihrem Hausgarten Gemüse für den Eigenbedarf und zum Verkauf.
Protest an einer Hauswand.
"Für die Landbevölkerung bedeuten die Ackergifte einen schleichenden Tod", bestätigt Silvia Gonzales vom Forschungsinstitut CEIDRA die Langzeitfolgen der Mittel, die vom Wind kilometerweit getragen werden. Auf einer Tagung erläutert die promovierte Wissenschaftlerin, welche Chemikalien, Pestizide und Fungizide in Paraguay zum Einsatz kommen und dass sie in Europa längst als krebserregend verboten seien. Sie versucht, gesetzliche Richtlinien zum Schutz der Landbevölkerung zu verbessern, aber die Agrar-Lobby boykottiert im Parlament immer wieder solche Gesetzesentwürfe mit dem Argument, es bestehe ausreichend Schutz.
Schleichender Tod
Selbst bei akuten Fällen wie dem Tod des 11-jährigen Silvino Talavera, der 2003 zweimal in Folge mit Pestizid besprüht wurde, verneinten Sojaunternehmer ihre Verantwortung: "Dann werden immer Beweise dafür gefordert, wodurch der Tod verursacht wurde und schließlich verkünden sie dann, dass die Betroffenen an Unterernährung, Durchfall oder Fieber starben - was genau die Symptome sind, die von Ackergiften verursacht werden. Aber es ist sehr schwer, Ursache und Wirkung wissenschaftlich nachzuweisen. Paraguay ist ein armes Land. Solche Untersuchungen dauern lange und währenddessen sterben viele Menschen." Doch die Anwältin und Soziologin gibt die Hoffnung nicht auf.
Genauso wenig wie die Mitglieder von CONAMURI, der Dachorganisation der ländlichen und indigenen Frauenverbände, durch deren breite Lobbyarbeit der Fall Silvino schließlich vor Gericht verhandelt und 2004 gewonnen wurde.
Silvia Gonzalez hält einen Vortrag über die Wirkung von Ackergiften.
Tagung zur Information der Bevölkerung.
Immer mehr Menschen wandern in die Städte ab, denn sie ertragen das Gift nicht mehr oder verlieren ihr Land, weil sie sich durch Sojaanbau verschuldet haben. In der Hauptstadt Asunción schlagen sie sich als Straßenverkäufer und Müll-Recycler durch, prostituieren sich oder betteln. Allein 90.000 Familien gaben während des vergangenen Jahrzehnts ihr Land auf.
Das Geschäft mit Soja lohnt sich, aber nur für einige Wenige - dank unbegrenztem Landerwerb, Steuerfreiheit auf das Exportgut und steigender Weltmarktpreise. Circa 300 US-Dollar bekommt ein Produzent pro Tonne. Im Jahr 2008 wurden sechs Millionen davon geerntet.
Der Bedarf der Industrieländer an Soja als Viehfutter, Nahrungsmittel wie in Form von Sojalecithin und als Energiepflanze für Agrotreibstoffe wächst stetig; auch in Deutschland, wo täglich Milchprodukte, Fleisch und Süßwaren konsumiert werden.
Monokulturen zerstören Arbeitsplätze
Und so entstehen auf den fruchtbaren Böden Paraguays weiter gigantische Monokulturen, die Arbeitsplätze zerstören, anstatt neue zu schaffen. Sie verdrängen die kleinbäuerliche Landwirtschaft und damit das traditionelle Modell der Subsistenzwirtschaft.
Diese Situation verschärft den Landkonflikt, der ohnehin das brennendste soziale Problem in Paraguay ist: 80 Prozent der Ackerfläche sind im Besitz von zwei Prozent der Bevölkerung, was eine der ungerechtesten Landkonzentrationen weltweit darstellt.
Mit der Wahl des Demokraten und ehemaligen Bischofs Fernando Lugo zum Staatspräsidenten im Jahr 2008, der die 61-jährige Alleinherrschaft der rechtskonservativen Colorado-Partei beendete, erhofften sich die Kleinbauern grundlegende Reformen.
Doch ihre Situation hat sich nicht verbessert, und sie kämpfen innerhalb zahlreicher Verbände und Organisationen weiterhin für eine Agrarreform sowie eine selbstbestimmte Landwirtschafts- und Ernährungspolitik in Paraguay.
"Wir wissen sehr gut, dass hinter der industriellen Sojaproduktion ein großes Geschäft steckt, aber für die kleinen Produzenten ist es weder rentabel noch nachhaltig, denn sie zerstört die Umwelt und damit unsere Lebensgrundlage. Unsere Zukunft kann nur in einer Landwirtschaft liegen, die das Leben verteidigt. Und dafür kämpfen wir", sagt Gerónimo Arévalo.
Frisch gesäte Soja bis zum Horizont im Süden der Provinz Alto Parana.

