zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Viel Zeit bleibt nicht

Eine Ökumene der Langsamkeit können wir uns nicht leisten

Ellen Ueberschär

Das Christentum wird nur noch Relevanz haben, wenn die großen und kleinen christlichen Kirchen lernen, mit einer Stimme zu sprechen. Die Ökumene muss sich wandeln, da das Verständnis für die Wichtigkeit konfessioneller Debatten schwindet.

(Foto: KNA, EKD, AP, dpa)
(Foto: KNA, EKD, AP, dpa)

Das große Jahrhundert der Ökumene ist zu Ende. Neun Jahre nach der Jahrtausendwende macht sich die Wahrnehmung breit, dass die Ökumene eine lichte Vergangenheit hinter sich und eine trübe Zukunft vor sich habe. Ein Satz, dem die Ökumenikerinnen und Ökumeniker aller Konfessionen sofort und geschlossen widersprechen würden. Nein, der Eindruck täusche, er sei sogar falsch, es sei eine nie dagewesene Fülle von interkonfessionellen Initiativen vorhanden und im Übrigen zeige sich vor allem im Rückblick, was alles erreicht worden sei. So oder ähnlich würden ihre Entgegnungen klingen.

Es ist nur merkwürdig, dass der Mechanismus "Es ist schon viel erreicht, das berechtigt zur Hoffnung, dass noch mehr erreicht wird", nicht anspringen will. Und das könnte daran liegen, dass das 21. Jahrhundert andere Themen vorgibt als das vorangegangene. Neue Fragen drängen nach Antworten. Viel Zeit bleibt also nicht mehr, die Hausaufgaben des 20. Jahrhunderts zu erledigen.

Es sind mindestens drei Entwicklungen, die die Ökumene heute beeinflussen: Es wird erstens immer schwerer, den Menschen einsichtig zu machen, dass die im 16. Jahrhundert entstandenen Probleme nicht einfach beiseite getan werden können, sondern ausdiskutiert werden müssen. Der Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung beschreibt hochreligiöse und hochgebildete Menschen, die in ein und demselben Interview höchst inkonsistente religiöse Inhalte zu Protokoll geben: Glauben an Auferstehung und Reinkarnation oder die Überzeugung von der Gleichursprünglichkeit aller Weltreligionen stehen unproblematisch nebeneinander.

Diese und weitere Ergebnisse des Monitors trug der Münchener Soziologe Armin Nassehi vor dem Gemeinsamen Präsidium des Ökumenischen Kirchentages vor, das ihn zu seiner Auftaktveranstaltung als Redner eingeladen hatte. Weil die moderne Gesellschaft nicht mehr als konsistent erlebt und erfasst werde, so Nassehi, sei eine einheitliche Beschreibung der Welt offenbar auch für mit ihrem Glauben hochverbundene Christinnen und Christen nicht mehr vonnöten. Die Differenzen würden nicht als bedrohlich empfunden. Entsprechend sinke die Plausibilität für die Betonung dieser Differenzen.

Transkonfessionell

Dieses Phänomen findet sich nicht nur bei den gläubigen Individuen, sondern auch bei den Institutionen. Die beiden großen Kirchen sind in der Vergangenheit wie zwei Bündelungen religiöser Motive erschienen. Aber diese Bündelung funktioniert heute nicht mehr. Nicht weil die religiösen Motive verschwinden, sondern ihre eindeutige Bindung an die Inhalte und Handlungsmuster, die die Kirchen anbieten. Dem Gemeinsamen Präsidium empfahl Nassehi: "Machen Sie sich Gedanken über die Frage der Ökumene als einer Ökumene, die eine Gesellschaft sieht, die nicht areligiös ist, die nicht säkularisiert ist, die nicht den Bezug zu religiösen Fragen verloren hat, sondern diese Fragen heute ohne kirchliche Motivbündelung beantwortet." Es ist an der Zeit, die religionssoziologischen Analysen als ökumenisches Thema ernst zu nehmen.

Statt eines ökumenischen breitet sich zunehmend ein transkonfessionelles Bewusstsein aus. Das ist der zweite Aspekt, der die Ökumene beeinflusst. Insbesondere die Pfingstgemeinden und die charismatische Gemeinschaften haben wenig Verständnis für ökumenische Zusammenarbeit. Aber auch an den Rändern der traditionellen Kirchen üben Bewegungen eine hohe Anziehungskraft aus, die eine soziale oder geistliche Ökumene jenseits der Klärung theologischer Probleme leben. Sie sind stärker individualethisch ausgerichtet, neigen eher der "Praxis" zu als der "Theorie". Sie warten nicht auf die theologische Ökumene. Allen voran ist Taizé zu nennen - kaum ein junger Mensch in Deutschland, der oder die nicht einmal nach Frankreich gepilgert ist. Zu nennen sind aber auch die Fokolarbewegung, die Bewegung "Miteinander für Europa" und die Gemeinschaft von Sant'Egidio, deren Konzentration auf geistliche und soziale Aktivitäten selbst Amtsträger unterschiedlicher Konfessionen zusammenführt.

Wenn nicht mehr plausibel zu machen ist, worüber in den theologischen Debatten eigentlich geredet wird, ist das wie mit Gesetzen, denen keine soziale Realität entspricht. Sie sind schlicht unwirksam. Die Gruppe von Christinnen und Christen wächst, denen nicht mehr einsichtig ist, welchen Wert die Themen und Ergebnisse ökumenischer Dialoge auf der theologischen Ebene haben. Nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb der Kirchen verliert die Notwendigkeit an Plausibilität, die Dissense zwischen den Kirchen auszudiskutieren.

                                    Interreligiöse Konfliktthemen

Zum Dritten sind es immer weniger die interkonfessionellen Debatten als vielmehr interreligiöse Konfliktthemen, die medial und emotional aufregen. War der ökumenische Dialog das große kirchengeschichtliche Thema des 20. Jahrhunderts, so wird die interreligiöse Verständigung das Thema des 21. Jahrhunderts sein. Die Tatsache, dass der 11. September 2001 die Basis dieser Verständigung in die Zone unmenschlicher Gewalt gerückt hat, wird diesen Prozess noch lange belasten. Doch es geht nicht nur um den Dialog mit dem Islam. In der Weltgesellschaft muss vielmehr nach Regeln des Miteinanders aller Weltreligionen gesucht werden.

Auf einer internationalen Tagung zur Vorbereitung des 2. Ökumenischen Kirchentages stellte der US-Amerikaner und Vollblutökumeniker Bill Harman die provokante Frage, warum ein Amerikaner sich "nur" wegen der evangelisch-katholischen Ökumene auf den Weg machen sollte. Das sei doch das Thema der Sechziger- und Siebzigerjahre gewesen. Er würde heute kaum etwas auf dieser, sondern immer auf der "Interfaith"-Ebene tun.

Doch von den kirchlichen Amtsträgern hierzulande wird abgewinkt. Die religiöse Lage sei nicht zu vergleichen. Ist sie das wirklich nicht? Im Zeitalter der globalen Kommunikation werden veränderte kulturelle Selbstverständnisse leichter exportiert. Auch im Inland hat die säkulare Gesellschaft hohe Erwartungen an interreligiöse Gespräche und versteht immer weniger deren konfessionelle Doppelung. Hinzu kommt, dass die Kirchenmitglieder eine religiöse Praxis leben, bei der sie, wie Nassehi sagt, "den Dalai Lama, Papst Benedikt und Bischof Huber gleichberechtigt abends mit ins Bett nehmen".

"Der Dialog der Religionen
führt ein Randdasein
im Bewusstsein deutscher Kirchen"

Das schöne Wort "Interfaith" gesteht den anderen Religionen authentischen Glauben zu. Das ist eine primäre Wertschätzung, ohne die kein Dialog auskommt. Aber der Dialog der Religionen führt ein Randdasein im Bewusstsein deutscher Kirchen und wird mit der traditionellen Ökumene nicht in Verbindung gebracht. In einer jüngst erschienenen kleinen Geschichte der Ökumene des katholischen Theologen Jörg Ernesti heißt es sogar, dass das, was eine "seriöse Universitätstheologie sauber trenne", heute "ohne Bedenken vermischt" werde: "das Verhältnis zu den anderen Christen, das Gespräch mit dem Judentum und der interreligiöse Dialog".

Es verhält sich aber genau anders herum: Weder für die säkulare Gesellschaft noch für die hochverbundenen Kirchenmitglieder ist die "saubere" Trennung dessen, was die alltäglich erfahrene Komplexität ausmacht, verständlich. Nicht die komplexe Wirklichkeit ist das Problem, sondern das Verharren in den Trennungen. Wenn die These stimmt, dass das 21. Jahrhundert von der interreligiösen Frage geprägt sein wird, dann bleibt auch aus diesem Grund nicht mehr viel Zeit, die interkonfessionelle zu lösen.

Was verhindert, dass dieser Zeitdruck erkannt und die nötigen Schritte getan werden? Die Veränderungen, die den Zeitdruck erzeugen, bewirken zugleich, dass die Anstrengungen der Kirchen sich eher auf die Rückgewinnung des Profils in der eigenen Kirche und die Sorge um die Einheit der eigenen Kirche richten. Das aber verstellt den Blick für die Dringlichkeit des Gemeinsamen. Ökumene in Wort und Praxis darf nicht länger als Projektionsfläche eigenen Substanzerhalts benutzt, sondern muss in ihrem eigenständigen Wert anerkannt werden.
Die Aktiven der theologischen Ökumene fordern das seit langem, scheinen aber an das Ende ihrer Kräfte zu kommen. Auch das ist ein Grund, den Zeitdruck wahrzunehmen.

                                  Authentische Persönlichkeiten der Ökumene

Dorothea Sattler, die katholische Münsteraner Ökumenikerin, begann ihren Beitrag zur "gespannten Ökumene vor dem 2. ÖKT" mit dem Peter-Handke-Zitat: "Manchmal möchte ich den Schmerz aus mir herausschreien." Ökumene lebt von authentischen, glaubwürdigen Persönlichkeiten. Bald wird die Generation derjenigen abtreten, die ihr theologisches Leben in den Dienst der Ökumene gestellt haben. Wird es je wieder eine Generation geben, die sich mit einer solchen Leidenschaft, bis hin zur "Leidensschaft" in die theologischen Fragen vertieft?

Einer der Altmeister dieser Ökumene ist der Systematische Theologe Harding Meyer, der "Erfinder" des differenzierten Konsenses, der bei der "Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre" zur Anwendung kam. Für Meyer, aber auch für einen Theologen wie Otto Hermann Pesch wäre es eine Wertschätzung, wenn ihr beharrliches Aus-dem-Weg-Räumen der theologischen Stolpersteine zwischen den Konfessionen mit rechtlichen und kirchlichen Konsequenzen belohnt werden würde.

Pesch forderte nach dem Abschluss der römisch-katholisch-lutherischen Gespräche über die Apostolizität der Kirche eine "Gemeinsame Erklärung zum kirchlichen Amt in apostolischer Nachfolge", deren Umsetzung Konsequenzen für das Gemeinsame Abendmahl hätte. Er tat das in dem richtigen Empfinden, dass die Zeit, in der die Öffentlichkeit das noch als Erfolg wahrnehmen würde, knapper werde. Jeder theologische Konsens, dem keine praktischen und kirchlichen Schritte folgen, ist ein Schritt der Kirchen in die Selbstverdrängung aus der Öffentlichkeit.

Gemeinsames Profil

Woher soll in zehn oder zwanzig Jahren noch die Motivation für die Teilnahme an theologischen Lehrgesprächen oder an ihrer Rezeption kommen? Von den Hochreligiösen, die an Auferstehung und Reinkarnation gleichzeitig glauben, sicher nicht. Auch nicht von konservativen Gruppen, die einen "starken Glauben" mit einer abgrenzenden Profilierung verbinden. Diese sind schlagkräftig bei bestimmten moralischen Themen wie Sex vor der Ehe oder Homosexualität, interessieren sich aber wenig für theologische Grundlagengespräche.

Noch ist die Bereitschaft zur Ökumene und zu ökumenischen Fortschritten Konsens in beiden großen Kirchen. Je mehr aber der Einfluss konservativer Gruppierungen in den Kirchen steigt, desto schneller wird sich das Zeitfenster für die praktische Umsetzung ökumenischer Konsense wieder schließen.

Was ist zu tun? Das erste, unkompliziert zu verwirklichende Mittel wäre eine vorbehaltlose Unterstützung des Ökumenischen Kirchentages als ein Forum, das nicht nur die ständig gepriesene Basis-Ökumene ermutigt, sondern kirchenleitendes Handeln auf eine neue Ebene bringt. Die Gewohnheitsökumene der Wortgottesdienste und gemeinsamen Auftritte des Vorsitzenden der Bischofskonferenz und des oder der Ratsvorsitzenden, die niemand mehr als Fortschritt bewundert, muss einen Schritt nach vorn tun.

                                                       Unterstützung nötig

Auch wenn in der Frage des gemeinsamen Abendmahls Rom am Zug ist, kann in Deutschland einiges getan werden - auch in Richtung Rom. Dass evangelische Christinnen und Christen sich hier nicht direkt angesprochen fühlen, versteht sich von selbst, aber indirekt sind sie es doch. Denn die katholischen Geschwister , die in den Fragen der Anerkennung der Ämter etwas erreichen wollen, ganz zu schweigen von der Lockerung des Zölibates und der Zulassung von Frauen zum geistlichen Amt, brauchen die vorbehaltlose Unterstützung der Evangelischen. Dass es diese Unterstützung gibt, zeigen die hohen Teilnehmendenzahlen des 1. Ökumenischen Kirchentages aus den Bundesländern, in denen die Konfessionen gleich stark sind: Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen.

Wenn die Kirchen in Deutschland, denen in der weltweiten Ökumene eine zentrale Bedeutung zukommt, nicht konkret werden, laufen sie Gefahr, von der Entwicklung überrollt und marginalisiert zu werden. Nicht die Ökumene des eigenen Profils, sondern die Ökumene des gemeinsamen Profils kann dieser Gefahr vorbeugen.

Das Christentum wird nur noch dann Relevanz haben, wenn die großen und kleinen christlichen Kirchen mit einer Stimme sprechen. Und die bisherigen Erfahrungen damit waren auch in Deutschland nicht schlecht. Es gibt viele ökumenische Bewährungsfelder.

Die Zukunft wird multireligiös sein, und als solche ist sie ein ökumenisches Thema. Darin wird dann auch keine Verwässerung der Ökumene liegen, wie Ernesti meint, sondern - in Anlehnung an Papst Johannes XXIII. - ein notwendiges Aggiornamento des 21. Jahrhunderts, wie es in den Vereinigten Staaten zum religiösen Alltag gehört. Die Kirchen sollten gemeinsam überlegen, wie die multireligiöse Gesellschaft in zwanzig Jahren aussehen wird. Es ist wohlfeil, das Projekt Weltethos von Hans Küng zu kritisieren oder zu belächeln, aber keine eigene Vision vom inländischen und vom weltweiten Zusammenleben der Religionen zu entwickeln.

Wenn die ökumenische Basis, auf der im Moment alle Hoffnungen ruhen, sich vom 12. bis 16. Mai 2010 in München versammelt, dann muss sie die Kirchen auffordern, sich tiefer und ernsthafter in einen Dialog miteinander und in einen gemeinsamen Dialog mit den Religionen hineinzuarbeiten. Vielleicht wird dann der Wunsch von Elisabeth Raiser, der evangelischen Präsidentin des 1. Ökumenischen Kirchentages 2003 erfüllt, die in ihm einen "Vorhof zur Einheit" sah.

Ellen Ueberschär ist Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages.

Erschienen in zeitzeichen Januar 01/2010.

 

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