zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Redekunst

Reinhard Mawick

Kann man objektiv sagen, was eine gute Predigt ist? Wohl kaum, denn die Geschmäcker sind verschieden. Die preisgekrönte Predigt des Hannoveraner Pfarrers Andreas Brummer beeindruckt in der Tat durch Kürze, Substanz und – Weite.

Reinhard Mawick
Reinhard Mawick

Ein früherer Chef von mir hatte vor zehn Jahren einen Traum. Er wollte gerne einen Predigtpreis ausloben. Einen Titel dafür hatte er schon im Kopf, und ich bin nie dahintergekommen, ob dieser Wunsch bei ihm nur bestand, weil er sich in seinen Titel so verliebt hatte. „Praymate of the year“ sollte der Wettbewerb heißen. Lustig. Bisher er diesen Plan nicht umgesetzt, aber bereits seit dem Jahr 2000 wird jährlich ein Ökumenischer Predigtpreis verliehen, den der Verlag der Deutschen Wirtschaft stiftet. Dahinter steht der Verleger Norman Rentrop, der als Synodaler in der rheinischen Kirche und der EKD kirchlich aktiv ist. Die Preisverleihung findet jedes Jahr am Buß- und Bettag vormittags um 11:00 Uhr in der Bonner Schlosskirche statt. So auch in diesem Jahr:

Zwei Menschen wurden geehrt. Der Hannoveraner Pastor Andreas Brummer für seine Predigt vom Palmsonntag 2013 und der niederländische Theologe und Dichter Huub Osterhuis (*1933) für sein Lebenswerk. Es gab zwei gewichtige Laudationes – die für Brummer hielt der Bonner Universitätsprediger und Professor für Praktische Theologie, Reinhard Schmidt-Rost, die für Osterhuis Dr. Dietmar Bader, ehemals Leiter der Bischöflichen Studienförderung des Cusanuswerkes – es sang ein Chor engagiert und schön Lieder von Huub Osterhuis und am Ende, nachdem der Juryvorsitzende Wolfgang Thielmann, Redakteur bei „Die Zeit – Christ und Welt“ gedankt und um den Segen gebeten hatte, durften beim „Lied an an das Licht“ durften alle mitsingen

Eine schöne, eine würdige, eine runde Veranstaltung mit nettem Empfang hinterher. Ausführlicher soll nun die preisgekrönte Predigt von Andreas Brummer Beachtung finden. In der Satzung haben die Verantwortlichen des Ökumenischen Predigtpeises die Preiswürdigkeit der Predigten so charakterisiert: „Die Predigten sollen zur ethischen Orientierung und spirituellen Praxis beitragen und dem Dialog zwischen Kirche, Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft dienen. Mit dieser Auszeichnung soll die wichtige Rolle der Redekunst in den auf personale Kommunikation angewiesenen Kirchen stärker ins kirchliche und öffentliche Bewusstsein gerückt werden.“

Redekunst ist ein Stichwort, das zu der Predigt von Andreas Brummer passt. Ja, es ist eine große Kunst, wenn es in einer Predigt gelingt, das Sätze beziehungsweise Satzteile im Gedächtnis bleiben. Aber der Reihe nach: Brummers preisgekrönte Predigt datiert vom 24. März 2013 – gehalten in Hannover-Döhren im Gottesdienst am Palmsonntag. Predigttext ist der berühmte Christushymnus aus dem Philipperbrief (2,5-11). Brummer verwendet eine eigene Übersetzung, die sich so liest: „Nach diesem trachtet in euch, was auch in Christus Jesus war: Welcher, obwohl er in Gottes Gestalt seinen Anfang nahm, nicht meinte, Gott gleich zu sein sei etwas, das man gierig an sich rafft; vielmehr entleerte er sich selbst, indem er die Gestalt eines Knechtes ergriff und den Menschen gleich wurde. Sodann: In der Gestalt aufgefunden wie ein Mensch, setzte er sich selbst (noch) herab, indem er hörig wurde bis in den Tod, ja bis in den Kreuzestod. Deshalb aber hat Gott ihn hochgehoben an die höchste Stelle und über alles hinweg und hat ihm einen Namen geschenkt, der über allen Namen ist, auf dass im Namen Jesu ein jeder seine Knie beuge im Himmel und auf der Erde und unter der Erde und es aus jedem Mund zustimmend herausströme: Fürwahr, Herr ist Jesus.“

Respekt. Entscheidend ist ja, dass man besser zuhört, wenn ein Bibeltext neu daherkommt, weil man eben nicht in der vertrauten Lutherübersetzung mitschwimmt. Dann schwimmt nämlich häufig auch alles mit, was immer schon zu diesem Text gesagt wurde. Wichtig ist bei einer Predigt der Einstieg, und der klingt bei Andreas Brummer so: „Damit war nicht zu rechnen. Dass jemand von oben kam. Festen Trittes, mit klarem Ziel steigt er hinab. Schielt nicht nach oben und sichert sich nicht ab nach unten. Kommt ins Gehege mit all denen, die sich abmühen, Sprosse um Sprosse höher zu klettern. Geht einfach seinen Weg. Steigt ab. Ein Mann will nach unten. Gegenverkehr auf der Lebensleiter.“

Stark! Stark gleich der erste Satz, doch noch stärker berührte mich dieser: „Ein Mann will nach unten“. Kaum gelesen, da hob sie schon an in meinem Kopf, die wunderbare Cellokantilene, die Eingangsmelodie der ZDF-Serie „Ein Mann will nach oben“ mit dem jungen Matthieu Carriere und der jungen Ursela Monn (https://www.youtube.com/watch?v=rpF9O-tTAq8) Die Serie lief 1978 sonntagabends im Fernsehen, ich war zwölf, und die 13 Folgen(!) gehören zu den schönsten Familien-Fernseherlebnissen meiner Kindheit. Was hat diese Assoziation mit Brummers Predigt zu tun? Eigentlich gar nichts. Sie zeigt nur, wie unvermutet sich Assoziationen einstellen können. Wer die Serie und den Roman von Hans Fallada nicht kennt, der merkt sich vielleicht eher die Formulierung „Gegenverkehr auf der Lebensleiter“ – denn wer hätte den nicht schon erlebt?

Einige Sätze später wird Philipperhymnus als „Loblied auf den Niedergang“ charakterisiert. Auch so eine Formulierung, die hängenbleibt. Eigentlich singt man doch dem Niedergang keine Loblieder, sondern dem Aufschwung! Wobei ja die Verheißung, dass Gott zu uns Menschen herabsteigt, etwas Schönes ist. Aber in Andreas Brummers preisgekrönter Predigt steigt Gott weiter nach unten, nach ganz, ganz unten, an uns vorbei. Das hört sich dann so an: „Es singt sich so leicht … doch der, den Paulus besingt, hält nicht an an der Sprosse der Lebensleiter, an die wir uns gerade klammern. Gewiss: Er kommt auch dort vorbei, gleichsam ein Gottesschatten in unserem Leben, ein Streiflicht des Himmels. Und doch hält er nicht an bei uns, um nun Gott unserer Wünsche zu werden. Wir sind das Ziel seiner Reise nicht. Noch nicht. Sein Abstieg geht weiter. Ein Gott will nach unten. Unsere Tiefe, wie tief sie auch sein mag, ist ihm noch nicht tief genug. Und all unsere irdischen Hütten sind ihm noch zu fest ummauert. Ins Unbehauste steigt er hinab: ... entleerte er sich selbst, indem er die Gestalt eines Knechtes ergriff.“

So hatte ich das noch nie gedacht! Die Pointe ist, dass Gott nicht zu uns hinabsteigt, sondern noch an uns vorbei. Unerhört! Wo führt das hin? Brummer: „Schau ihn dir an, antwortet Paulus in meine Fragen hinein. Schau ihn dir an, deinen heruntergekommenen Gott, wie er seinen Weg in die Tiefe geht: Hörig wurde er bis in den Tod, ja bis in den Kreuzestod. Siehst du, ein Höriger war er. Aber doch nicht ein Höriger des Todes. Ein Höriger des Lebens ist er gewesen bis in den Tod hinein. So nützt er dir.“

Natürlich, klar, er ist da gewesen, aber nicht da geblieben. Brummer predigt so: „In der Gegenrichtung auf der Lebensleiter hat er auf das Leben gehört. Hat er am Leben gehorcht. Ist diesem Leben und der Suche nach ihm hörig geworden. Hat es gesucht, es gefunden, es selbst geweckt. Selbst dort, wo Menschenwelten zusammenbrechen und Lebensleitern ihren Stand verlieren. Tiefer und tiefer ist er gestiegen, wie ein Rettungstrupp, der nach verschütteten Bergleuten sucht und nicht aufhört nach Klopfzeichen, nach Lebenszeichen auszuhorchen.“ Und dann greift, dieser Satz des Predigttextes: „Deshalb aber hat Gott ihn hochgehoben an die höchste Stelle und über alles hinweg und hat ihm einen Namen geschenkt, der über allen Namen ist“ – und schließt dann schlicht: „Das aber ist ein Loblied wert im Himmel und auf der Erde und unter der Erde.“

Danke, diese Predigt ist preiswürdig, schlicht deshalb, weil sie anregt. Anregt zu eigenen Gedanken und Assoziationen. Sie verstärkt Anstößigkeit des Predigttextes und deutet ihn erhellend im Lichte des Glaubens an die Auferstehung. Die Predigt will den Glauben dessen bilden, der sie hört. Sie sagt ihm nicht, was er tun soll, sie appelliert nicht, sie schwadroniert nicht, sie summiert nicht a là „Wir Christinnen und Christen sollten/müssen/können …“ – Welch‘ Wohltat! Und: Sie wird nicht viel mehr als zehn Minuten gedauert haben. Besser kann man am Palmsonntag kaum auf die Karwoche eingestimmt werden als es Andreas Brummer 2013 tat. Keine Frage, Hannover-Döhren war zu beneiden.

Die ganze Predigt zum Nachlesen finden Sie hier:

http://www.predigtpreis.de/nc/predigtdatenbank/predigt/article/predigt-ueber-philipper-25-11-4.html)

 

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