zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Dieser Text aus unserem Archiv stammt aus der Januarausgabe 2001.

Das Evangelium Eurer Majestät

Vorwärts mit Gott für König und Vaterland: Die Apotheose der Hohenzollern

Manfred Wichelhaus

Preußens Könige und des neuen Reiches Kaiser glaubten fest daran, dass Gott ihr Tun gewollt und ihre Person zu ihrem Werkzeug ausgewählt hat. Manfred Wichelhaus, emeritierter Theologieprofessor in Köln, zeigt, wie weit in Preußen Kirche und Monarchie auf scheinbar untrennbare Weise miteinander verbunden waren.

"Majestät brauchen Sonne" hieß der Film, der mir eine Antwort auf eine offene Frage meiner Kindertage gab: Wie guckte der Kaiser? Mein Großvater schenkte mir ein Bild des letzten Kaisers mit jenem Helm auf dem Kopf, auf dem ein Adler saß. Ich setzte mich unter das Bild und übte, wie der Kaiser zu gucken. Mein älterer Bruder schaute mir gelegentlich zu und sagte schließlich, der Kaiser gucke noch anders.

Im Film sah ich das Bild wieder. Ein anderes Bild, das die deutsche Botschaft in Paris erhielt, nannte ein französischer Betrachter eine Kriegserklärung – so guckte der Kaiser. Der Film besteht aus vielen Filmen, die von zeitgenössischen Amateuren gedreht wurden: der Kaiser zu Fuß, zu Pferde, im Wagen, auf Schiffen, auf der Jagd, an der Front, in den entsprechenden Uniformen. Im Exil kleidete er sich zivil. Da der Tonfilm noch nicht erfunden war, entstanden Filme für Zuschauer, keine Filme für Zuhörer. Die unerhörten Reden Wilhelms II. überliefern sie darum nicht. Seine Untertanen waren in der Mehrheit begeisterte Zuschauer, kritische Zuhörer blieben in der Minderheit.

Meine Familie stammt aus dem Wuppertal. Preußens Könige waren dem Tal stets nah, sie regierten im Osten auf der rechten Seite der Wupper. Schon der erste König Friedrich blieb in Erinnerung als Protektor der Protestanten in den Herzogtümern Berg und Jülich, die von katholischen Kurfürsten von der Pfalz regiert wurden; diese protegierten die Katholiken in den westlichen Landen Preußens. Für neue protestantische beziehungsweise katholische Kirchengemeinden rangen sich diese Protektoren gegenseitig die Rechte öffentlicher Religionsübung ab, gelegentlich mit militärischer Gewalt. Der fromme Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. war als Menschenfänger für seine Armee gefürchtet.

Sein Sohn Friedrich der Große prägte sich der Bevölkerung durch Messingdosen für Schnupftabak ein, die im Tal hergestellt und mit Siegesbildern seiner Kriegszüge gegen Reichsarmee, Panduren und Franzosen geschmückt waren. Friedrich Wilhelm II. wurde von seinen Untertanen an der Wuppergrenze zu einem Blick ins Tal eingeladen: Sieh hier das Wupperthal, den Sitz der Industrie;/mit Eifersucht sehn wir’s. Doch wir verzweifeln nie,/Daß, wenn wir in der Gunst des besten Königs stehen,/Auch unsre Nachbarn uns mit Eifersucht einst sehen.

Preußen nahm Westfalen und die Rheinlande 1815 in seinen Besitz. Das Geschick Preußens seit der französischen Revolution und während des napoleonischen Imperialismus veranlasste protestantische Wortführer, eine andere Sprache aufzugreifen: "Mit Mann und Roß und Wagen, so hat sie Gott geschlagen" – die Armee Napoleons im russischen Winter 1812/13 wie einst die Streitmacht des ägyptischen Pharao. Das befreite Gottesvolk zieht der Gesetzgebung und dem gelobten Land entgegen. Wirkungsvoll hat Ernst Moritz Arndt den Kampf gegen Napoleon als Heiligen Krieg ausgerufen und mit Hoffnungen auf bürgerliche Verfassungsrechte und auf ein Vaterland aller Deutschen verknüpft. Die Losung vom Heiligen Krieg überzeugte auch den saumseligen König Friedrich Wilhelm III. Er stiftete den Orden des Eisernen Kreuzes, das an das Kreuz des Deutschen Ordens aus dem Zeitalter der Kreuzzüge erinnerte. Das Evangelium Eurer Majestät Vorwärts mit Gott für König und  Vaterland: Preußens Könige und des neuen Reiches Kaiser glaubten fest daran, dass Gott ihr Tun gewollt und ihre Person zu ihrem Werkzeug ausgewählt hat.

Nach dem Sieg gründeten die verbündeten Fürsten den Deutschen Bund, versprachen aber nur vereinzelt eine Verfassung. In der Heiligen Allianz des russischen Zaren mit Österreichs Kaiser und Preußens König erstickten die Hoffnungen des neuen Gottesvolkes auf Verfassung und Einheit. Der preußische Hofprediger F.W. Krummacher nannte das deutsche Volk das Israel des neuen Bundes und setzte die Preußen mit den Stämmen Juda und Benjamin gleich.

Sie sollten sich frohlockend um den Thron des Landesvaters scharen. Seiner Krone Blitz sollte die fremden Völker erbeben lassen. Der König setzte seine monarchische Regierung im Staat wie in der evangelischen Kirche mit polizeilichen und auch militärischen Mitteln durch, um alle revolutionären Ideen zu bekämpfen.

Als Friedrich Wilhelm IV. König wurde, regte sich wieder der Geist von 1813. Der König selbst griff den alten Plan auf, dem Siegesjahr 1813 mit einem Nationaldom ein Denkmal als Symbol der Auferstehung zu setzen. Der redselige König wußte Erwartungen zu wecken und Versprechungen zu machen. Aber schon bald weckten Karikaturen Misstrauen gegen den König und seine eigentlichen Absichten. Er versprach, die Kirchengewalt wieder in die rechten Hände zurückzugeben: "Die Synoden sind die berechtigten Organe, die Meinung der Kirche auszusprechen." Aber er missachtete die Beschlüsse der Generalsynode von 1846.

In den folgenden Jahren erschütterten revolutionäre Unruhen und Umstürze Metropolen und Staaten in Europa. Die Industrialisierung hatte die traditionellen sozialen Strukturen zerstört. Der König versprach, die wirtschafts- und sozialpolitischen Forderungen und das Verfassungsbegehren in einer gewählten preußischen Nationalversammlung beraten zu lassen. Doch ließ er sie mit militärischer Gewalt aus Berlin ausweisen. Er erließ eine Verfassung nach eigenen Vorstellunge. Er lehnte seine Wahl zum Kaiser durch die deutsche Nationalversammlung in Frankfurt ab.

Die Kampagne um die Frankfurter Reichsverfassung unterdrückte er militärisch. Der König wünschte seine eigenen Vorstellungen in ein Altarwand-Bild für den neuen Dom zu bringen. Das Warten der Schöpfung auf den Anbruch des Weltgerichtes sollte anschaulich werden. Die triumphierende Kirche sollte drei Viertel der Wand füllen: Christus inmitten der himmlischen Heerscharen, verehrt von der Mutter Maria, den Aposteln und Evangelisten, Propheten, Erzvätern, Märtyrern und Bekennern. Das untere Viertel sollte die streitende Kirche darstellen: den König und sein Haus umgeben von allen Klassen seiner Untertanen, alle im unverwandten Aufblick nach dem Herrn. Peter von Cornelius entwarf ein Bild, das den König in wahrer Verantwortung vor dem himmlischen Thron als Bischof am Altar betend amtieren läßt und so die Verfassung des preußischen Königreichs veranschaulicht. Aber das Bild blieb wie der Dom ein Entwurf.

Auch der Thronfolger Wilhelm I. wünschte ein Bild seiner Vorstellungen und ließ seine Krönung in der Königsberger Schloßkirche von Adolph von Menzel malen. Gottesdienst und Bild sollten zeigen: "Die Herrscher Preußens empfangen ihre Krone von Gott." Wilhelm I. amtiert als König und Bischof am Altar, er hat sich bereits selbst gekrönt, das Zepter ergriffen und eben das Schwert erhoben, das Gott ihm anvertraut hat "zum Schutze der Frommen und Rechtschaffenen, zur Strafe der Ungerechten, der Verächter des Gesetzes und Eurer Person, oder Derer, die das Land ins Verderben bringen wollen". Schwertspitze und Fahnenspitze im Bild verweisen auf eine Instanz oberhalb des Bildes.

Der König glaubte an die Heiligkeit seines Schwertes seit dem Heiligen Krieg von 1813/14, in der Revolution 1848/49, in der ihn die Revolutionäre als "Kartätschenprinz" verächtlich gemacht hatten. Er war ein gewissenhafter Soldat. Der Verfassungsbruch, der die Aufrüstung der Armee ermöglichte, war ihm bewusst und bewegte sein Gewissen. Dass die Politik Bismarcks dem Geist von 1813 zum Durchbruch verhelfen wollte - allerdings nur in obrigkeitlicher Zähmung - , dass Freiheit, Verfassung und Einheit doch nur mit Kriegen und Umstürzen von Fürstenthronen verwirklicht werden konnten - sozusagen durch eine Revolution von oben - , rührte ihn zu Tränen, auch die ihm bevorstehende Kaiserproklamation. Die Siege von 1864, 1866 und 1870 dienten ihm zum Frieden des Gewissens und bewiesen ihm die Heiligkeit seines Schwertes und die "Wendung durch Gottes Führung". Er sagte in einem Gespräch: "Glauben Sie denn, dass ich die schwere Last dieses Krieges hätte tragen können oder dass solche Erfolge möglich gewesen wären, wenn ich nicht fest überzeugt wäre, dass die Vorsehung es gewollt und uns zu ihrem Werkzeug ausgewählt?"

Auch als oberster Bischof wirkte er soldatisch. Die Ordination der Pfarrer galt ihm als Fahneneid, Kritik am Apostolischen Glaubensbekenntnis als Fahnenflucht und der Gebrauch dieses Bekenntnisses im Gottesdienst als Gehorsam gegenüber einem königlich preußischen Gesetz. Er gab zu, "dass der Heiland es nicht selber geschrieben hat, aber er hat es doch seine Jünger so gelehrt, und es enthält gewiß die Summe der Heilstatsachen seines Lebens und gibt die Lehre seiner Apostel treu wieder. Es gibt allerdings eine Partei, welche die Religion zerstören, ja - darüber dürfen wir uns keiner Täuschung hingeben - abschaffen will... Ich will, dass meinem Volk die Religion erhalten werde!"

Der Reichsgründungskult begann schon zu seinen Lebzeiten und unter seiner Förderung: Siegessäule und Ruhmeshalle des Zeughauses in Berlin, Kaiserhaus in Goslar und Denkmal am rheinischen Niederwald. Rührselig hörte er Reden über das "Heilige evangelische Reich Deutscher Nation". Der Kult suchte das Deutsche Reich und Gottes Thron und Altar Preußen Reich aufeinander zu beziehen. Der letzte Kaiser, Wilhelm II., ließ nach dem Tod des ersten Kaisers die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche errichten. Die Eingangshalle der Kirche schafft bildnerisch die Beziehung zwischen der Geschichte Wilhelms I. und der Geschichte Jesu. Das Mittelfenster des zerstörten Chores vereinigte den Kaiser als Sedan-Sieger mit dem ersten christlichen Kaiser Konstantin bei seinem Sieg über seine Gegner und mit dem Bundesmittler Mose beim Sieg des Gottesvolkes über die Amalekiter und mit dem Herrn der Heerscharen im Heiligen Krieg, dem Gott Zebaoth selbst.

Die Darstellung der Hohenzollernherrschaft im Licht der Gottesherrschaft greift auf byzantinische Muster zurück. Sie vergegenwärtigt ausgesuchte Teile biblischer Überlieferungen und heiligt damit gegenwärtige politische Ziele. Aber sie misst die ausgesuchten biblischen Überlieferungen nicht an der Botschaft Jesu und verkennt deshalb die Aufhebung der Idee des erwählten Volkes und des Heiligen Krieges durch Jesus.

Bedenkenlos sagte Wilhelm II.: "Dann wird unser deutsches Volk der Granitblock sein, auf dem unser Herrgott seine Kulturwerke an der Welt aufbauen und vollenden kann. Dann wird auch das Dichterwort sich erfüllen, das da sagt: an deutschem Wesen wird einmal noch die Welt genesen." Der Bruder des Kaisers sagte beim Auslaufen der Flotte wegen der Besitzergreifung des ostasiatischen Hafens Kiautschou: "Mich zieht nur eines: Das Evangelium Eurer Majestät geheiligter Person im Auslande zu künden, zu predigen jedem, der es hören will, und auch denen, die es nicht hören wollen."

Der Kaiserhof veröffentlichte solche offiziellen Verlautbarungen. Der als Außenminister des republikanischen Reiches 1923 ermordete Walther Rathenau schrieb: "Nicht einen Tag lang hätte in Deutschland regiert werden können, wie regiert worden ist, ohne die Zustimmung des Volkes. Das Volk ist unschuldig, denn es fehlten ihm die Vergleiche und es fehlte ihm die treibende Not, ohne die es sich nicht bewegt. Der Feudalismus ist entschuldbar, denn er verteidigte alte Rechte; das Großbürgertum ist es nicht... Die geistige Verräterei des Großbürgertums, das seine Abkunft und Verantwortung verleugnete, das um den Preis des Reserveleutnants, des Korpsstudenten, des Regierungsassessors, des Adelsprädikats, des Herrenhaussitzes und des Kommerzienrats die Quellen der Demokratie nicht nur verstopfte, sondern vergiftete, das feil, feig und feist durch sein Werkzeug, die nationalliberale Partei, das Schicksal Deutschlands zugunsten der Reaktion entscheiden ließ: Diese Verräterei hat Deutschland zerstört, hat die Monarchie zerstört und uns vor allen Völkern verächtlich gemacht."

Der Geist von 1813 sollte auch bei Kriegsbeginn 1914 Ideen liefern. Der Kaiser wandte sich an das deutsche Volk in Sorge "um Sein oder Nichtsein deutscher Macht und deutschen Wesens: Wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Roß, und wir werden diesen Kampf bestehen auch gegen eine Welt von Feinden. Noch nie ward Deutschland überwunden, wenn es einig war. Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war".

Deutschland wurde zweimal überwunden, 1918 und 1945, weil es einig war und blieb im Glauben an seine Erwählung zur Vorherrschaft unter den Völkern und im Glauben an seine Unüberwindlichkeit im Heiligen Krieg. Durch diese Einigkeit ließ es sich ablenken vom Ausgleich der Interessen und Gegensätze uneiniger Gesellschaftsschichten im eigenen Land und von der Verwirklichung von Einheit in Freiheit und verfasster Rechtsgleichheit für alle Bürger. Die Erinnerungen an seine "Geschichte ohnegleichen" und deren Errungenschaften gehörten ihm allein und konnten nicht der Völkerwelt angeboten und mitgeteilt werden.

Nur die missionarische oder militärische Ausbreitung deutschen Wesens mit seinen Arteigenheiten und Eigenarten entsprach diesem Glauben, der am "Gott mit uns" auch festhielt, als ihm Hitler-Bewegung und Hitler-Herrschaft neuartige Bekenntnisse abverlangten.

 

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