zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Dieser Text aus unserem Archiv stammt aus der Januarausgabe 2001.

Toleranz und Vielfalt

Protestantismus und Preußen haben sich gegenseitig geprägt

Sebastian Engelbrecht

1947 fand Preußen ein unrühmliches Ende. Doch sein Erbe lebt in einigen Landeskirchen weiter und könnte bald eine Renaissance erfahren.

Ein Berliner CDU-Politiker aus der dritten Reihe wirbt vor Wahlen und Abstimmungen mit Bibelzitaten oder frommen Sprüchen für sich und seine Partei. Als vor vier Jahren die Brandenburger und die Berliner über die Fusion ihrer Länder abstimmen sollten, prangte an den Straßenecken - auch, aber nicht nur in der Gegend um den Hohenzollerndamm - unübersehbar die Parole: "Für ein christliches Preußen". Mit wem man auch über die Kampagne sprach, die Reaktion war Kopfschütteln. Berlin plus Brandenburg ist eben noch lange nicht Preußen. Außerdem haben die Alliierten das Land 1947 für nicht mehr existent erklärt. Und wer versteht sich zwischen Wedding und Marzahn, Wustermark und Cottbus schon noch als Christ, geschweige denn als christlicher Preuße?

Nun hat es mit der Länderfusion ohnehin nicht geklappt, und der Mann aus der dritten Reihe musste die Auferstehung Preußens verschieben. Sein Plakat blieb manchem als Lacher des Jahres in Erinnerung. Und man darf bezweifeln, dass er damit in irgend einer Weise der christlichen oder der preußischen Sache gedient hat. Ja, der preußischen Sache! Denn es lohnt, jenseits von plakativer Rückwärtsgewandheit oder polemischer Ablehnung, die Geschichte des Protestantismus in Preußen zum Thema zu machen. Oder sollte nur das von Preußen übrig geblieben sein, dass ein Freund den andern bespöttelt, er tanze "wie ein preußischer Offizier"? Und sollte sich das Kapitel "Kirche und Preußen" mit dem Schulterzucken erschöpfen, das die Amtsbezeichnung "Generalsuperintendent" für einen Regionalbischof bei vielen Zeitgenossen auslöst?

Ähnlich ungesund wie die verbreitete Angst vor einer deutschen Identität ist das ebenfalls beliebte pauschale Nein zu preußischer Geschichte und Tradition. Wo Preußen war, ist heute noch zu sehen, an der Anlage der Städte, an den Baumalleen, den Kasernen, den Gesetzen, den Bibliotheken und den Museen, den Parks, selbst in den Universitäten und in der Gesinnung - und nicht zuletzt in den Kirchen. Das gilt in Maßen selbst noch für die preußischen Gebiete, die heute zu Polen gehören, in denen man behutsam und heute immer behutsamer mit dem preußischen Erbe umgeht.

Auch der spät Geborene erlebt dort ein unheimliches, keineswegs revanchistisches Gefühl von Zugehörigkeit: in den Gründerzeitstraßen des ostpreußischen Lyck, am Frischen Preußen Protestantismus Haff zwischen Frauenburg und Tolkemit oder in der lutherischen Kirche von Breslau.

Mit Preußen verbindet den Zeitgenossen aber noch stärker seine geistige Tradition. Die bis heute vorbildliche Modernität des Landes äußerte sich in einer multikulturellen Gesellschaft aus Franzosen und Österreichern, Polen und Juden. Und nicht nur Machtinteressen bewegten die preußischen Herrscher zu ihrer Toleranzpolitik. Der Große Kurfürst holte 1671 50 jüdische Familien aus Wien an die Spree und gewährte 1685 - mit dem Edikt von Potsdam - 20 000 aus Frankreich vertriebenen Hugenotten Asyl in seinem Kurfürstentum. Andere evangelische Glaubensflüchtlinge folgten, Waldenser und Mennoniten, und 1731 auch noch 18 000 Lutheraner aus Salzburg. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts durften sogar die Katholiken im Herzen Berlins eine Kirche bauen.

Dieses Handeln ist auch darauf zurückzuführen, dass die preußischen Regenten selber einer religiösen Minderheit angehörten. Ihr Volk war lutherisch, sie selber reformiert, sogenannte Calvinisten. Zunächst war Preußens Vorläufer, die Mark Brandenburg, 1539 - unter Joachim II. - lutherisch geworden.

Doch schon 74 Jahre später, zu Weihnachten 1613, trat Kurfürst Johann Sigismund zum Calvinismus über. Auch hier waren Herrschaftsinteressen im Spiel. Johann Sigismund versprach sich von seinem Schritt auch die Erbschaft der am Niederrrhein gelegenen reformierten Herzogtümer Jülich und Kleve. Das Volk von Brandenburg weigerte sich aber, dem Kurfürsten zu folgen und schon wieder die Konfession zu wechseln. So blieben die Brandenburger dem lutherischen Glauben treu. Sigismund akzeptierte den Volkswillen, weil für ihn der Glaube ein Werk und Geschenk Gottes war und daher niemand erlaubt sei, "über die Gewissen zu herrschen". Im April 1615 kam es dennoch auf den Straßen Berlins zu Krawallen, weil der Kurfürst im Sinne des reformierten Bekenntnisses Altäre, Bilder und Kruzifixe aus der Domkirche hatte entfernen lassen. So auf die Entscheidungen der Herrscher zu reagieren, blieb nicht preußische Tradition. Bis 1848 wagten Preußens Untertanen keinen richtigen Aufstand mehr, schon gar nicht aus Glaubensgründen.

In den folgenden Jahrhunderten riefen die brandenburgischen Kurfürsten und preußischen Könige mit Vorliebe Reformierte aus Deutschland und Europa ins Land und bildeten mit Hilfe der Einwanderer eine Beamtenschicht für ihren Staatsapparat.

Nach 1615, wo es zu Krawallen um das reformierte Bekenntnis kam, wagten die preußischen Untertanen bis 1848 keinen richtigen Aufstand mehr. Das multikulturelle und multireligiöse Leben in Preußen - spätestens von Friedrich dem Großen zum innenpolitischen Programm erhoben - war nicht bloß Schmuck und Beiwerk. Es gehörte vielmehr zum Wesen Preußens, zur Bedingung seiner Existenz. Kurz nachdem Friedrich der Große 1740 die Regierung übernommen hatte, erklärte er: "Alle Religionen sind gleich und gut, wenn nur die Leute, so sie bekennen, ehrliche Leute sind. Und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land peuplieren, so wollen wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen." Als sich Kurfürst Friedrich III. vor 300 Jahren, am 18. Januar 1701, im ostpreußischen Königsberg eigenhändig die Krone auf den Kopf setzte und damit das Königreich Preußen begründete, gehörte die doppelkonfessionelle Eigenart des Landes längst zur Gewohnheit. Je drei reformierte und lutherische Geistliche waren im Dom Zeugen der Selbstkrönung. Aber sie wirkten nicht mit, wie das anglikanische Bischöfe bei der Krönung der britischen Herrscher tun.

Die von Sigismund installierte und von den folgenden Herrschern weiter gepflegte kulturelle und konfessionelle Vielfalt ist auch der Schlüssel zum Verständnis des preußischen Protestantismus. Die Bindung der preußischen Kirche an den Staat war - zumindest bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts - so eng, dass sie in ihm aufzugehen drohte. Darin kann man einen Nachteil sehen, aber nicht nur, wenn man es vor dem Hintergrund der toleranten Religionspolitik der Hohenzollern betrachtet. König Friedrich Wilhelm III. (1797-1840) versuchte zum Beispiel, die preußische Reformpolitik auch für die Kirche fruchtbar zu machen. Die Trennung von Luthertum und Calvinismus, die sich lange schlimmer befehdet hatten als Protestanten und Katholiken, sollte in einer Union beider Konfessionen aufgehoben werden. Die Unionsurkunde vom 27. September 1817 - vom König unterzeichnet - ist eines der ersten Kapitel in der Geschichte der Ökumene, ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer engeren Gemeinschaft der Christen. Der "einen, neu belebten, evangelisch-christlichen Kirche im Geiste ihres heiligen Stifters", stünde "kein in der Natur der Sache liegendes Hindernis mehr entgegen", wenn beide Seiten sie nur "ernstlich und redlich" wollten, stellt Friedrich Wilhelm fest.

Der König wollte eine evangelische Leitkonfession schaffen. Doch er scheiterte mit seinem Plan. So blieb es bei einer kirchlichen "Verwaltungsunion". Das heißt, unter dem Dach der Landeskirche existierten weiterhin lutherische, reformierte und unierte Kirchengemeinden. In den westlichen Provinzen Preußens, im Rheinland und in Westfalen, zeigten die Provinzialkirchen zwar Bereitschaft zum konfessionellen Konsens. Doch im Osten, besonders in Schlesien, wehrten sich viele Lutheraner vor allem gegen die ihnen vom König aufgenötigte Gottesdienstordnung. Das führte auch zum Einsatz polizeilicher Gewalt und zur Abspaltung der sogenannten "Altlutheraner". Viele von ihnen wanderten aus Glaubensgründen in die USA aus, andere gründeten später eine eigene Kirche, die bis heute unter dem Namen "Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche" existiert. Der Traum des Königs von einer evangelischen Union, von einem Hort konfessioneller Toleranz und einem Bollwerk gegen einen immer stärker werdenden römischen Katholizismus, ging also nicht Erfüllung.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, im Aufbruchsklima, das die antinapoleonischen Kriege und die Erweckungsbewegung geschaffen hatten, drängten die Reformkräfte in der Kirche auch auf mehr Unabhängigkeit vom Staat. Der Berliner Theologe Friedrich Schleiermacher - der euphorisch die Gemeinschaft der Glaubenden als Ausdruck des Gemeingeistes der Kirche, des Heiligen Geistes interpretierte - forderte eine synodale Verfassung für die preußische Landeskirche.

Aber die politische Reaktion, vertreten durch Friedrich Wilhelm III., hemmte die Entwicklung einer synodalen Verfassung für ganz Preußen. Erst 1876 trat neben den König als "summus episcopus", als obersten Herrn der Kirche, eine Generalsynode als gesetzgebendes Organ. Separatistische Neigungen Die Kämpfe, die in Preußen um die Verständigung von Lutheranern und Calvinisten geführt wurden und um die Emanzipation vom "Sog staatlicher Machtausbildung" (wie es der Historiker Rudolf von Thadden ausdrückt), sind Teil der spannungsgeladenen Geschichte einer Kirche, die bis heute existiert. Sie trägt seit 1954 den Namen "Evangelische Kirche der Union" (EKU). Sie umfasst die Landeskirchen Anhalts, Berlin-Brandenburgs, der Schlesischen Oberlausitz, Pommerns, des Rheinlandes, der Kirchenprovinz Sachsen und Westfalens. In der EKU, die 1817 als "Evangelische Kirche in den Königlich Preußischen Landen" gegründet wurde, ist das preußisch-protestantische Erbe sichtbar geblieben.

Zeit ihres Lebens war diese Kirche von der Behauptung angefochten, sie sei überflüssig. Separatistische Neigungen einzelner Provinzialkirchen, konfessionalistische Alleingänge und schließlich die Auflösung Preußens nach 1945 gefährdeten ihre Existenz. Doch sie hat bis heute überlebt, weil sie vom Erbe des preußischen Protestantismus zehrt und es immer wieder zu bewähren versucht. In ihr ist die Tradition der Bekennenden Kirche, die sich gegen den Eingriff des NS-Staates in kirchliche Angelegenheiten wehrte, besonders stark ausgeprägt. Nach der vom DDR-Regime erzwungenen Teilung der gesamtdeutschen EKD und der Gründung des Bundes der Evangelischen Kirchen in der DDR war die EKU die einzige kirchliche Institution, die die Protestanten Ost- und Westdeutschlands miteinander verband. Diese "emotionale Klammer" fehlt ihr heute. Nun sucht die EKU - über ihre gesetzgeberischen und administrativen Funktionen hinaus - nach einer neuen Bestimmung.

Die jüngste Initiative der Landeskirchen Schlesische Oberlausitz und Berlin-Brandenburg könnten der EKU neue Bedeutung verleihen. Unter dem Arbeitstitel "Evangelische Kirche im Osten Deutschlands" sollen danach die fünf östlichen Mitgliedskirchen der EKU zu einer Landeskirche zusammengefasst werden. Der Leiter der EKU-Kirchenkanzlei in Berlin, Wilhelm Hüffmeier, spricht von einer "Konzentration der Kräfte", die aus finanziellen Gründen heute geboten sei . Dabei bleibe die "regionale Identität" der einzelnen Landeskirchen gewahrt. Gefährdet werden könnte das EKU-Konzept durch das Vorgehen einiger EKU-Kirchen. So hat sich die unierte Kirchenprovinz Sachsen zu einer Kooperation mit der lutherischen Landeskirche Thüringens entschlossen und die der EKU angehörende pommerschen Kirche zu einer Zusammenarbeit mit den lutherischen Nachbarn in Mecklenburg und Nordelbien. Doch EKU-Präsident Hüffmeier hält das nicht für das Ende der EKU-Pläne. Er hat die Hoffnung, die anderen noch "mitzureißen", wie zum Beispiel die Kirche Anhalts, deren Kirchenleitung sich für das Modell einer EKU-Kooperation im Osten Deutschlands ausgesprochen hat. Wäre dieses Modell eine Wiederbelebung des (1850 gegründeten) "Evangelischen Oberkirchenrats" - der mächtigen Verwaltungsbehörde der preußischen Landeskirche - und eine Rückkehr zu Wilhelminismus und Zentralismus? Wer das befürchtet, hat sich nur mit der Geschichte Preußens nach 1871 beschäftigt. Dabei sahen viele konservative Preußen in der Gründung des deutschen Kaiserreiches das Ende ihres Staates und seiner Idee. Ein Kirchenzusammenschluss nach dem Modell der Ost-EKU hätte den Vorteil, dass er über das technisch und finanziell Notwendige hinaus an eine große Tradition anschließen würde. Preußen als Staat hat 1947 aufgehört zu existieren. Doch die preußische Idee kultureller und religiöser Vielfalt hat nicht abgedankt. Ihr zu neuer Blüte zu verhelfen, könnte auch Chance und Aufgabe der EKU sein.

 

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