zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

„Luther war ein Populist“

Im Gespräch berichtet der Dramaturg John von Düffel über sein Verhältnis zu Martin Luther, wie er dessen Leben auf die Theaterbühne gebracht hat und über religiöse Stoffe im Theater

John von Düffel

Es gibt keine zweite historische Person, die so viele Werke hinterlassen hat wie Martin Luther. Hinzu kommen all die Texte, die über ihn geschrieben wurden. Und trotzdem hat es sich der Dramaturg John von Düffel zur Aufgabe gemacht, Luther auf die Bühne zu bringen. Im zeitzeichen-Gespräch spricht er über Schwierigkeiten und Herausforderungen.

Foto: Katja Sonnenberg
Foto: Katja Sonnenberg

zeitzeichen: Herr von Düffel, Ihr Theaterstück „Martinus Luther“ ist eine Auftragsarbeit. Wie haben Sie begonnen, sich der Figur Luther zu nähern?

 

JOHN VON DÜFFEL: Eine gewisse Nähe war von vornherein da, obwohl ich in einem atheistischen Haushalt aufwuchs. Die Bibel spielte bei uns zu Hause keine Rolle. In der zweiten Klasse wurde uns im Religionsunterricht aus der Lutherbibel vorgelesen, und ich dachte: „Was sind das für tolle Geschichten!“ Meine Lehrerin erzählte mir von diesem Martin Luther, und dann wollte ich ihn unbedingt kennenlernen. Ich habe die biblischen Geschichten zunächst als Literatur und als Sprachkunst wahrgenommen. Luthers Sprache hat mich schon sehr früh berührt, so dass ich mich dem Sprachschöpfer Luther sehr nahe fühlte. In den Texten steckt ja auch ein gerüttelt Maß an Dramatik und Drastik.

 

Luthers Sprache ist das eine, sein Charakter etwas anderes. Er war ja eine sehr schillernde Persönlichkeit.

 

JOHN VON DÜFFEL: Das Spannende und gleichzeitig das Schwierige an der Figur ist, dass sie sowohl eine hohe Anziehungskraft besitzt und gleichzeitig auch abstößt. Seine drastischen Worte sind eben auch problematisch. Er war nicht nur ein Denker, Philosoph und Religionsgründer, sondern auch ein Populist, ein medialer Künstler. Er bediente das Medium des Buchdrucks und beherrschte dessen Klaviatur so, wie heute ein geschickter Populist seine Medien bedienen würde. Er tat das ohne Frage aus Überzeugung. Insofern ist das Reden über die Figur tückisch, denn man verfällt von der Bewunderung oder Faszination in die Kritik und von der Kritik wieder in die Zustimmung. Man tanzt um diese Figur.

 

Dennoch galt es nun, ein Stück über Luther zu schreiben. Keine leichte Aufgabe, oder?

 

JOHN VON DÜFFEL: Sie war so groß wie bei keiner anderen Figur oder einem anderen Stoff. Es gibt keinen zweiten historischen Charakter, der so viel Eigenwerk in die Welt gesetzt hat. Allein die Umfänge sprengen ja alles, was man mit einem gesunden Maß an Lebenszeit lesen kann. Auch im Hinblick auf einen Redaktionsschluss, dem man als Schriftsteller und Dramaturg einhalten muss. Und zum zweiten ist über ihn auch noch so kolossal viel geschrieben worden, dass man erst einmal denkt, das ist ein Ozean, den werde ich nicht leertrinken. Die Frage ist, welchen Zugriff, welchen Ausschnitt wähle ich. Denn mehr kann es nicht sein. Und wie bekomme ich einen Zugang zu dieser Figur, der die Stärken des Theaters und die Besonderheiten der Figur vereint?

 

Sie haben sich dafür entschieden, zunächst den jungen Mönch Martin Luther auf die Bühne zu bringen und im zweiten Teil ihn am Ende seines Lebens zu zeigen. Was dazwischen lag, zeigen Sie nicht. Warum?

 

JOHN VON DÜFFEL: Zwischen Anfang und Ende liegt die große Mitte, die ich nicht erzähle und die im Theater auch kaum zu erzählen ist. Das wäre mit so vielen historischen Schauplätzen, mit so vielen Bildern verbunden, die das Theater niemals erreichen und darstellen kann. Wie wollen Sie den Reichstag zu Worms auf die Bühne bringen, ohne sich nachhaltig lächerlich zu machen? Insofern war klar, dass man in die engeren Räume gehen muss. Wie Luther wurde, was er für uns heute ist, hat viel mit innerem Kampf zu tun. Ich lege den Fokus auf diese innere Entwicklung, denn die kann ein Schauspieler mit einer großen Kraft und Intensität erzählen. Und das kann einen im Theater auch berühren. Genauso wie das Ende, das Sterben, ein Prozess ist, der im Theater aufrütteln kann. Das ganz, ganz Große muss man vielleicht ganz, ganz klein machen.

 

Ihre beiden Luther-Charaktere unterscheiden sich sehr voneinander.

 

JOHN VON DÜFFEL: Beim jungen Luther hat mich zunächst seine Angst fasziniert. Er wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wer er werden wird, sondern war ein Mensch in tiefer Not. Sein Vater hat seine Zukunft - Frau, Jura-Studium, gesellschaftliche Stellung - fest für ihn geplant. Martin soll diesen vom Vater bestimmten Weg gehen, basta. Doch in dem Gewitter bei Stotternheim entscheidet er sich, einer anderen Berufung zu folgen, was ihn in einen gigantischen Zwiespalt bringt. Er muss sich der großen Autorität über sein Leben verweigern. Das braucht Kraft und macht Angst.

 

Das ist eher ein psychologischer Zugriff, kein theologischer. Hat Luther nicht vor allem die Frage danach umgetrieben, wie er gerecht vor Gott werden kann?

 

JOHN VON DÜFFEL: Es ist ein psychologischer Konflikt, beschreibt aber auch ein Muster: den „Vatermord“, zu dem man fähig sein muss. Nicht um den Vater einfach zu beseitigen, sondern um sich über ihn hinwegzusetzen, wenn man gute Gründe hat. Das wiederholt sich ja bei Luther in gewisser Weise mit seinem Mentor Staupitz. Er riskiert dafür alle möglichen Sicherheiten und vielleicht auch sein Wohlergehen. Und der dritte Vatermord ist sicherlich dann die Auseinandersetzung mit dem Papst, dem damaligen Vater der Christenheit.

 

Nach all diesen Prozessen könnte man sich Luther als gereiften, stabilen und selbstbewussten Mann vorstellen. Aber bei Ihnen sehen wir einen engstirnigen, bereits etwas verfallenen Menschen, der nicht mehr so ganz von dieser Welt ist.

 

JOHN VON DÜFFEL: Für mich ist er zu diesem Zeitpunkt zunächst einmal ein von der Welt sehr enttäuschter Mann. Was ja unfassbar ist, bedenkt man seine Wirkmächtigkeit. Und gleichzeitig ist er über das, was er erreicht hat, wie man mit ihm umgegangen ist, wer ihn verraten oder verlassen hat, zutiefst von der Welt und vielen Menschen enttäuscht. Und das ist eine Figur, die irgendwann in die Tragik führt. Dahin führt der Theaterabend. Anders als bei einer Buchlektüre, bei der man vielleicht am Ende alles wie in einer Synopsis vor sich liegen hat, erlebt man im Theater eine sehr analoge, Stück für Stück voranschreitende Entwicklung. Und die Entwicklung ist von einer sehr tragischen Angst des Anfangs über das Wachsen in eine schwindelnde Höhe hin zu einer Figur, die erst wie in einer Komödie gefangen ist, die dann aber über das Sterben eine Tragik erhält. Man hat als Zuschauer nie eine sichere Position zu Luther, sondern kommt immer wieder in eine Bewegung, der Entfernung, der Annäherung, der Entfernung, der Annäherung. Das ist eigentlich die Bewegung des Abends.

 

Und das ist es, was Sie dem Reformationsjubiläum mitgeben wollen, diese Zwiespältigkeit, diese ständige Auseinandersetzung mit Luther?

 

JOHN VON DÜFFEL: Es gehört zum Risiko des Theaterlebens dazu, dass eine Figur manchmal auch radikale Ansichten vertritt. Man darf ihm nichts in den Mund legen, alles, was Luther beschädigt, ist eigentlich von ihm selbst. Ich habe versucht, das in einen Kontext zu setzen, in dem man es auf verschiedene Art und Weise hören kann. Und zwar nicht, um in der von Jubiläen so oft geforderten Haltung der Bewunderung zu verharren, sondern in eine Bewegung zu dieser Figur zu kommen und eine persönliche Haltung dazu zu entwickeln. Der Akzent des Theaters kann nur sein, eine gewisse menschliche Sicht auf diese Figur zu entwickeln, also ihn durch das Schauspielerische den Leuten nahezubringen und auch manchmal in die Entfernung zu rücken. Die Sinnlichkeit, die in seiner Sprache steckt, ist die erste Brücke zum Zuschauer. Ich habe es in der Aufführung in Münster erlebt: Ab dem ersten Wort in Luthersprache ist sofort Stille. Das heißt, die Kraft und Sinnlichkeit dieser Figur im Ringen um die Wahrheit, das ist schon ein beeindruckender Prozess. Und im Theater kann man daran teilhaben, viel mehr als wenn man das nur für sich im stillen Kämmerlein rezipiert.

 

Ihr Stück geht jetzt auf Tournee. Ein Blick in die größeren Theaterhäuser zeigt, dass das Reformationsjubiläum und Martin Luther eigentlich keine Rolle spielen. Woran liegt das?

 

JOHN VON DÜFFEL: Sie haben völlig Recht, in den großen Staatstheatern oder den Theatern der allerersten Bundesliga findet das Reformationsjubiläum nicht statt. Über die Gründe kann man viel spekulieren, jeder einzelne Intendant wird seine eigene Motivation dafür haben. Es ist so eine merkwürdige, sehr individuelle Kette von Entscheidungen, die aber so ein Gesamtbild abgibt. Vielleicht hat der eine oder andere Sorge, dass man sich durch ein Lutherstück im Reformationsjahr die Themen durch den Kalender gewissermaßen diktieren lässt. Zudem steht ja zu befürchten, dass dann im Oktober nach dem großen Medienrauschen keiner mehr etwas von Martin Luther wissen will. Jedes Theater sucht aber nach Stücken, die lange leben und immer wieder gespielt werden können. Da folgen viele Theater einem anderen Zeitzyklus. Ich bin jedoch dafür, sich dieser historischen Figur und dem Reformationsjubiläum zu stellen, weil es viele Menschen bewegen wird.

 

Ist Religion überhaupt noch ein Thema fürs Theater?

 

JOHN VON DÜFFEL: Ja, religiöse Stoffe kehren derzeit ins Theater zurück, und zwar auf einer interkulturellen Ebene. Die besondere Auseinandersetzung mit dem Christentum auf deutschen Bühnen im Zuge der Vergangenheitsbewältigung war ein bisschen verkürzt. Anfang der Neunzigerjahre antwortete ein Dramaturg auf die Frage, worum es in den Stücken geht: Faschismus. Das war immer richtig. Spätestens nach der Jahrtausendwende hatte Faschismus als Antwort ausgedient, da hieß es: Identität. Stimmte auch immer. Inzwischen hat sich das Identitätsthema von einem persönlichen zu einem kulturellem im umfassenden Sinne, also einschließlich Religion und Gesellschaft, bewegt. Und es ist kein Zufall, dass sich in der Zeit der Globalisierung die Identitätsfindung zu einer immer größeren Notwendigkeit für den Einzelnen entwickelt. Da steht das Theater vor einer großen Aufgabe, denn es ist ebenso wie die Kirchen ein Ort der Selbstverständigung. Die Art, wie eine Diskussion geführt wird, ist unterschiedlich, aber die Inhalte berühren sich.

 

Gibt es Beispiele für die Rückkehr des Religiösen auf die Bühne?

 

JOHN VON DÜFFEL: Im Deutschen Theater Berlin haben wir in der vergangenen Spielzeit zusammen mit dem Regisseur Christopher Rüping einen Abend mit dem Titel „100 Sekunden“ gestaltet. Es ging um die Frage, wofür leben, wofür sterben. Wir haben versucht zu untersuchen, mit welchen Argumentationsmustern sich Menschen im Dschihad zu einer lebendigen Bombe entwickeln, warum sie sich töten. Und wir haben versucht, das mit christlichen Opferstrukturen und Opfermythen in Verbindung zu setzen, bis hin zu den Opfern unserer Zeit. So haben wir eine Art Geschichte der Opferideologie erzählt, also der Selbstopferideologie. Es gibt außerdem den Fall Hiob, dieses großartige Buch von Joseph Roth, das eine große Berührung mit der alttestamentlichen Geschichte hat. Diese Themen liegen in der Luft. Und wir führen auch im Ensemble des Deutschen Theaters eine offene Auseinandersetzung mit sehr unterschiedlichen Glaubensrichtungen und Migrationshintergründen, um nationaler Engstirnigkeit zu begegnen.

 

Das Theater ist eher eine kirchen- und religionskritische Welt. Wie wird denn im Ensemble über Religion diskutiert?

 

JOHN VON DÜFFEL: In den Theatern hat eine Entwicklung stattgefunden. Es gab eine Zeit der Diffamierung des Bildungsbürgertums, doch inzwischen gibt es eine große Suche nach Annäherung und Einladung. Nicht zu einer Spießbürgerlichkeit, die um sich selbst kreist, sondern eine zu einer kritischen, auch selbstkritischen Bürgerlichkeit. Bürgerlichkeit ist eine der wenigen sozialen Gemeinschaftsformen, in denen Kritik und Selbstreflexion eine große Rolle spielen. Und jemand, der sich unkritisch zu sich selber verhält, gehört nicht dazu. Das gleiche gilt auch für die Religion. Es gab eine ganz starke Abgrenzungsbewegung gegenüber dem Religiösen im Theater nach 1968 bis Mitte der Neunzigerjahre. Aber inzwischen merkt man, dass man im selben Wertefeld arbeitet. Und dass eine Welt, in der keiner mehr an etwas glaubt, auch eine Welt ohne Theater ist. Das Metaphysische und das Ästhetische gehören zusammen. Wenn man sich vom Metaphysischen verabschiedet und sich dem Materialismus zuwendet, brauchen wir auch das Ästhetische nicht mehr. Bürger provozieren, Kirche provozieren, das war einmal die Einübung im Theater. Diese bloße Provokation hat sich erschöpft, vielmehr geht es nun um die Suche nach Berührungspunkten.

 

 

Das Gespräch führten Kathrin Jütte und Stephan Kosch am 23. Januar 2017 in Berlin.

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