zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

„Ich lebe in der Trinität“

Gespräch mit dem Systematischen Theologen Jürgen Moltmann über seine Erkenntnisse und Erfahrungen im weiten Raum der Trinität

Jürgen Moltmann
Foto: privat
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zeitzeichen: Herr Professor Moltmann, Sie stammen aus einer säkularen Hamburger Familie. Wie sind Sie überhaupt dazu gekommen, Theologie zu studieren?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Als Luftwaffenhelfer überlebte ich 1943 nur knapp die Zerstörung meiner Heimatstadt Hamburg durch den Feuersturm der „Operation Gomorrah“ der britischen Royal Air Force, in dem 40?000 Menschen umkamen. Der Freund, der neben mir stand, wurde durch die Bombe zerrissen, die mich verschonte. In dieser Nacht schrie ich zum ersten Mal „Mein Gott, wo bist du?“, und seitdem verfolgt mich die Frage: Warum bin ich am Leben und nicht tot wie die anderen? 1945 geriet ich als 19-Jähriger in britische Kriegsgefangenschaft, die mehr als drei Jahre dauerte. Ich hatte die Schrecken des Krieges überlebt, erfuhr von den deutschen Menschheitsverbrechen in Auschwitz und war auf der Suche nach Trost im Leben und im Sterben. Den fand ich in der Gefangenschaft durch das zufällige Lesen in der Bibel und durch die unverdiente Freundlichkeit schottischer und englischer Christen. So begann ich, mich für den Glauben zu interessieren und begann 1948 in Göttingen, Theologie und Philosophie zu studieren, um herauszufinden, ob und wenn ja, welche Wahrheit in Christus liegt.

 

Und wann sind Sie im Studium auf die Trinitätslehre gestoßen?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Durch die Theologie Karl Barths. In seiner Lehre von der Selbstoffenbarung Gottes hat er gesagt: Gott ist der Offenbarer, Gott ist der Offenbarte, und Gott ist die Selbstoffenbarung seiner selbst. Das hatte ich mir zunächst zu eigen gemacht. In Göttingen waren die beiden Barthianer Hans-Joachim Iwand und Ernst Wolf meine Lehrer. Wir alle schwärmten von der Barmer Theologischen Erklärung von 1934, und der neueste Band der Kirchlichen Dogmatik von Barth wurde eifrig diskutiert.

 

Wann und wie sind Sie dann als akademischer Theologe darauf gekommen, länger und ausführlicher über die Fragen der Trinität nachzudenken?

 

JÜRGEN MOLTMANN: 1972 veröffentlichte ich das Buch „Der gekreuzigte Gott“: Darin stellte ich den Konflikt des Gottessohnes Jesus mit Gott, seinem Vater, in Gethsemane und auf Golgatha dar. Im Anschluss daran fragte ich mich aber: „Wo bleibt der Heilige Geist?“ 1975 habe ich dann ein Buch über „Kirche in der Kraft des Geistes“ geschrieben. Danach wurde mir klar, dass ich die Trinitätslehre vom Heiligen Geist her aufbauen müsste, und so schrieb ich 1981 „Trinität und Reich Gottes“. Zu der Zeit wurde die psychologische Trinitätslehre Augustins diskutiert. Der katholische Theologe Michael Schmaus hatte sie in seinem Werk „Vom Mysterium der göttlichen Dreieinigkeit“ dargestellt. Ich habe 1981 meine soziale Trinitätslehre bewusst dagegen geschrieben, übrigens im Sinne von Schmaus, der die Trinitätslehre eine „vollendete Gemeinschaftslehre“ nannte.

 

Gerade die Trinitätslehre erscheint vielen Menschen als etwas sehr Schwieriges und akademisch Abgehobenes. Was hat man sich unter einer sozialen Trinitätslehre vorzustellen?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Es gibt die Auffassung, dass die Trinitätslehre nur etwas für Theologen sei und unter den Theologen nur etwas für Spezialisten, und auch die würden sagen: Es ist ein Geheimnis. Nichts davon ist wahr!

 

Aber wie ist es dann?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Der christliche Glaube hat eine dreifältige Orientierung, schon bevor er sich selbst theologisch reflektiert. Erstens: Ich glaube nicht nur an Christus, sondern ich lebe vielmehr in ihm. Und in der Christusgemeinschaft wird der eingeborene Sohn Gottes zum Erstgeborenen unter vielen Brüdern und Schwestern, so wie es im Römerbrief (8,29) steht: „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen Geist der Kindschaft empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!“ Zweitens: Ich glaube an Gott nur um Christi willen, sonst wäre ich Atheist geblieben, denn weder die Natur noch die menschliche Geschichte hätten mich von einem Gott überzeugt, der Liebe ist - das hat allein Christus. Und schließlich drittens: In der Christusgemeinschaft erfahre ich eine ungeheure Lebensbestätigung und Lebensermutigung, die Energien des schöpferischen Geistes fließen zu mir über. Sehen Sie, da haben wir schon Jesus, Gottes Sohn, Abba, lieber Vater, und die Kräfte des Heiligen Geistes, ohne kompliziert theologisch argumentiert zu haben .

 

... und inwiefern sind diese drei Faktoren oder Orientierungen des christlichen Lebens eins?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Im Johannesevangelium lesen wir, dass Jesus spricht: „Auf dass sie alle eins sind, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir bin, dass sie in uns sein.“ So entsteht aus diesem In-Eins-Sein die Drei-Einigkeit Gottes: des Vaters und des Sohnes und des Geistes.

 

Sie sprechen immer von der Dreieinigkeit. Im deutschen Sprachraum ist auch die Bezeichnung Dreifaltigkeit verbreitet. Was ist der Unterschied?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Dreieinigkeit geht von den drei Faktoren aus, die ich genannt habe, also von Jesus, dem Sohn Gottes, von Abba, lieber Vater und von den Energien des Heiligen Geistes. Dreieiniges Denken fragt dann nach der Einheit dieser drei und kommt so auf eine Gemeinschaft im Sein. Wer Dreifaltigkeit sagt und denkt, geht hingegen von der ursprünglichen Einheit Gottes aus. Ein Pastor hat das Konfirmanden einmal so erklärt, indem er seinen Schlips genommen und drei Falten gemacht hat. Und dann hat er gesagt: Drei Falten und es ist doch ein Schlips.

 

Warum sagen Sie lieber Dreieinigkeit und verwenden diesen Begriff auch in Ihrem Werk?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Weil hinter dem Begriff Dreifaltigkeit ein falscher Gedanke der Einheit Gottes steht, der von einer numerischen Einheit Gottes. Und dann sind Vater, Sohn und Heiliger Geist eben nur drei Seinsweisen der Gottheit. So ähnlich versuchte im 19. Jahrhundert Georg Friedrich Wilhelm Hegel die Trinität aus dem Selbstbewusstsein des absoluten Geistes zu erklären. Aber das stimmt nicht, denn die trinitarische Einheit Gottes ist eine einladende Einigkeit. Im Johannesevangelium sagt Jesus, dass alle, die an ihn glauben: „eins“ seien sollen in Gott und untereinander. Das heißt für mich: Ich glaube nicht nur an die Trinität, sondern ich lebe in der Trinität, wenn ich in der Christusgemeinschaft lebe.

 

Johannes 17,21 ist ja eine ganz wichtige Stelle für alle ökumenischen Erwägungen. Ist dieses Bild der Trinität ein Vorbild dafür, wie auch die verschiedenen Konfessionen eins sein können?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Ja, heute sehe ich das so. Wir haben eine gemeinsame Taufe mit den Katholiken vereinbart, und auch die Orthodoxen stimmen zu. An der gemeinsamen Eucharistie muss noch gearbeitet werden. Und eine gemeinsame Verkündigung des Evangeliums ist selbstverständlich. Alles andere ist frei. Wenn wir in diesen drei Punkten einig sind, dann sind wir im Sinne von Johannes 17,21 eins. Dann können die Katholiken ihre Marienfrömmigkeit behalten, die Orthodoxen ihre Liturgie und wir Protestanten unsere Bibelgläubigkeit.

 

Für viele ist die offizielle Unmöglichkeit der gemeinsamen Eucharistie ein Schmerzpunkt, besonders bei den konfessionsverbindenden Ehen. Die evangelische Kirche gewährt Katholiken eucharistische Gastfreundschaft. Wäre dies umgekehrt auch die einzige Lösung für die römisch-katholische Kirche?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Ja, denn die Eucharistie ist nicht dazu da, konfessionsverbindende Ehen am Sonntagvormittag zu scheiden. Ich verstehe nicht, warum die Eucharistie, die das Ursakrament der Kirche ist, benutzt wird, um Ehedisziplin hervorzurufen. In der Eucharistie werden nicht Katholiken von Protestanten abgezählt, sondern Sünder gerechtfertigt, Leidende getröstet und Verzweifelte aufgerichtet - das ist doch wichtiger als die Konfessionszugehörigkeit.

 

Von römisch-katholischer Seite wird immer betont, beide Kirchen müssten sich noch mehr Mühe geben, um eine Lösung zu finden, aber in welche Richtung sie sich Mühe geben sollten, wird nicht deutlich.

 

JÜRGEN MOLTMANN: Ich bin 91 Jahre alt und übersehe ein Dreivierteljahrhundert. Ich habe erlebt, wie sich in den Siebziger- und Achtzigerjahren die Abendmahlsfeier in der evangelischen Kirche grundsätzlich verändert hat. Wir knien seitdem nicht mehr und empfangen das Sakrament einzeln, sondern wir stehen im Kreis um den Altar, und einer reicht es dem anderen. Ich hoffe, dass die Katholiken die Eucharistie auch in beiderlei Gestalt feiern und dass der Kelch nicht nur dem Priester vorbehalten bleibt und den Laien nur das Brot gereicht wird. So habe ich es leider in katholischen Kirchen erlebt, aber ich hoffe, dass das vorbei ist, und dass der Laienkelch auch in der römisch-katholischen Kirche regelmäßig gereicht wird.

 

Was hat für Sie das Abendmahl mit der Trinität zu tun?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Wenn ich im Abendmahlskreis stehe und einer dem anderen den Kelch und das Brot reicht, fühle ich eine Gemeinschaft, die stärker ist als alle anderen Gemeinschaften. Dann bin ich in der Trinität. Wie gesagt: Ich glaube nicht nur an die Trinität, ich erlebe die Trinität. Auch und besonders beim Abendmahl. Und um die Christusgeschichte als Gottesgeschichte zu verstehen, ist es notwendig, Gottes Sohn, Gott Vater und den Heiligen Geist als die einladenden Ströme zu erkennen, die uns in die Dreieinigkeit Gottes hineinziehen - das Abendmahl gehört auf jeden Fall dazu!

 

In Ihren Veröffentlichungen zur Trinität versuchen Sie der Gefahr zu wehren, dass Trinität letztlich doch so verstanden wird, dass die erste Person der Trinität, Gott Vater, eine gewisse Übermacht hat.

 

JÜRGEN MOLTMANN: Ernst Bloch hat einmal geschrieben, wo der große Weltenherr regiert, hat die Freiheit keinen Raum. Das träfe für eine Trinität zu, die als monotheistische Monarchie verstanden wird: Gott, der große Weltenherrscher, und alles ist von ihm abhängig! Paulus sagt dagegen: „Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“.

 

In dem Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel, das an hohen Fest- und Feiertagen in der Kirche gesprochen wird, heißt es: Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht. Die Worte „und dem Sohn“ - lateinisch: „filioque“ - sind erst im Mittelalter endgültig ins Bekenntnis eingefügt worden, aber nur in der westlichen Kirche. Der Streit darum führte letztlich zum großen Schisma zwischen West- und Ostkirche im Jahre 1054. Sie halten das Filioque dezidiert für falsch. Warum?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Weil es zu einer falschen Vorstellung von Trinität führt: Der Heilige Geist ist eben nicht nur die dritte Person, und das Filioque verurteilt ihn, nur diese dritte Person zu sein im Gegenüber von Gott, Vater und Gott, Sohn. Das läuft aber der Christusgeschichte zuwider, wie sie in den Evangelien erzählt wird: Seit der Taufe Jesu ist Gott Vater der Sender des Heiligen Geistes und Jesus ist ein Empfänger des Heiligen Geistes. Um diese Geist-Christologie in den Evangelien zu verstehen, muss man das Filioque weglassen, denn erst seit der Auferstehung ist Jesus ein Sender des Heiligen Geistes. Im Johannesevangelium sagte der auferstandene Christus, als er mitten unter die Jünger tritt: „Friede sei mit Euch! (.) Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ Dann heißt es weiter: Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist! Da hat das Filioque dann eine Berechtigung, aber vorher ist das nicht der Fall.

 

Sind solche Fragen denn heute wirklich noch wichtig?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Aber ja. Durch Europa geht eine alte Grenze, die zwischen lateinischer und orthodoxer Christenheit. Auf dem Balkan ist die sogenannte Theodosius-Linie, also die Grenze, die der römische Kaiser Theodosius bei der Reichsteilung im Jahre 395 zog, immer noch unüberwindlich. Und solange wir in der europäischen christlichen Kirche diese Grenze nicht überwinden, kann auch Europa nicht zusammenwachsen. Rumänien, Bulgarien und besonders Serbien orientieren sich heute immer stärker nach Moskau - sowohl kirchlich wie politisch, und das ist gefährlich. Zwar haben Patriarch Bartholomäus und Papst Johannes Paul II die gegenseitige Verdammung feierlich aufgehoben, aber trotzdem sind noch viele leidvolle Erinnerungen zu heilen. Ich bin der Auffassung, dass die westlichen Kirchen das Filioque aufgeben sollten. Auf einigen Konferenzen mit orthodoxen Theologen Ende der Siebzigerjahre waren wir da schon recht weit, doch leider haben wir in den Kirchen kein Echo gefunden.

 

Sie haben ja selbst einen Vorschlag für eine neue Formulierung gemacht. Er lautete so: Wir glauben an den Heiligen Geist, (...), der vom Vater des Sohnes ausgeht, und vom Vater und dem Sohn die Gestalt empfängt.

 

JÜRGEN MOLTMANN: Ja, aber das haben die orthodoxen Kollegen nicht übernommen. Sie haben folgende Formulierung vorgeschlagen: Der Geist geht vom Vater aus und leuchtet vom Sohn in die Welt. Auch eine schöne Formulierung, aber auch diese haben unsere Kirchen nicht angenommen.

 

Im Laufe Ihres theologischen Nachdenkens ist auch der ökologische Aspekt immer wichtiger geworden.

 

JÜRGEN MOLTMANN: Ja, man kann sagen, in einer Wendung wurde meine Theologie grün. Dafür steht mein Buch „Gott in der Schöpfung“, das erstmals 1985 erschien. Ich glaube, dass die Theologie die ökologischen Fragen nicht nur als Thema behandeln soll, sondern dass sie sich aufgrund dieser Fragen auch selbst umstellen sollte. Seit jeher galt: Der Mensch hat als Ebenbild Gottes eine exklusive Stellung in der Schöpfung und soll sich die Erde untertan machen. Dies kann nicht so stehenbleiben. Der Mensch muss sich vielmehr einordnen in die Entwicklung der Erde. Er kann sich auch nicht nur als Gast auf Erden verstehen. Die christliche Spiritualität hat manchmal diese gnostische Tendenz und verlässt die Erde, denn wenn ich nur Gast auf Erden bin, bin ich für das Gasthaus nicht verantwortlich.

 

Helfen Ihnen trinitarische Vorstellungen dabei, diese schöpfungstheologischen Aspekte zur Geltung zu bringen?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Ja, die Gemeinschaftsvorstellung, die die Erde als produktives Geschöpf mit einschließt. Diese Gedanken führen zu der Vermutung, dass der Personenbegriff nicht ausreicht, um die Trinitätslehre begreiflich zu machen, denn die Trinität bildet so verstanden auch Räume füreinander, zum Beispiel Lebensräume oder Bewegungsräume. Im ökologischen Zusammenhang ist mir die grundlegende Bedeutung des Sabbat neu bewusst geworden. Das räumliche Denken der Trinität ist übrigens ein wichtiger Anknüpfungspunkt an das Denken und Glauben unserer jüdischen Geschwister und zwar an die Vorstellung der Schechina - damit ist die Einwohnung Gottes gemeint, die von Anfang an in die Gottesgeschichte Israels gehört, die aber dann im Exil auf den Sabbat überging, als es keinen Tempel mehr gab, in dem Gott wohnen konnte.

 

Was bedeutet die Vorstellung der Schechina Ihrer Meinung nach im Hinblick auf ein trinitarisches Verständnis?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Franz Rosenzweig, der große jüdische Denker und Bibelübersetzer hat im 20. Jahrhundert den Gedanken, dass die Schechina Gottes mit seinem Volk nach der Zerstörung des Tempels selbst heimatlos wurde und durch die Exile dieser Welt wandert, in seinem Werk „Der Stern der Erlösung“ so gedeutet: „Gott scheidet sich von sich selbst, er gibt sich weg an sein Volk, er leidet sein Leiden mit ihm in das Elend der Fremde, er wandert mit seinen Wanderungen.“ In einer solchen Schechina-Theologie ist doch ein prägender Hintergrund der neutestamentlichen Christologie zu finden, zum Beispiel, wenn es im Johannesevangelium heißt „Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns“, oder im Kolosserbrief, in Christus „wohnte die Fülle Gottes leibhaftig“. Und diese Einwohnungen Gottes in Christus weisen über sich hinaus auf die kosmische Schechina, in der Gott sein wird „alles in allem“.

 

Aber widerspricht das nicht dem Grundbekenntnis Israels, dem Sch’ma Israel aus 5. Mose 6,4: „Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer“?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Nur wenn Sie das einer als numerische Einheit verstehen, die man abzählen kann. Nicht wenn Sie die Einheit als Gemeinschaft verstehen, wie die Trinitätstheologie.

 

Wie sehen Sie auf der Grundlage dieses Denkens eine Möglichkeit, mit dem Islam in Dialog zu treten, der ja einen sehr ausdrücklichen Monotheismus vertritt?

 

JÜRGEN MOLTMANN: Ich könnte mir durchaus vorstellen, eine koranische Trinitätslehre zu entwickeln. Nach muslimischem Verständnis ist das Wort Gottes, der Koran, ewig. Wenn das aber so ist, dann sind Gott und der Koran als das Wort Gottes zu unterscheiden, aber doch eins. Das wäre dann eine Trinitätslehre eigener Art. Allerdings hat sich im Islam die sehr strenge monotheistische Vorstellung durchgesetzt, dass Gott nichts beigefügt werden darf. Jesus, der Sohn Gottes, wie wir Christen glauben, ist keine Beifügung. Der Koran, das Wort Gottes, ist auch keine Beifügung. In Christus liegt die Differenz. Wenn ich die Trinitätslehre zur Entfaltung der Christusgeschichte als Gottesgeschichte verwende, gehe ich von der Christusgemeinschaft im Glauben aus.

 

Doch bleibt nicht eine entscheidende Differenz bestehen? Dem islamischen Denken erscheint es unvorstellbar, dass Gott sich so nahe mit den Menschen verbindet, dass er selbst Mensch wird.

 

JÜRGEN MOLTMANN: So ist es. Im Islam gibt es hundert Namen Gottes. Aber einer fehlt: Vater.

 

 

Das Gespräch führte Reinhard Mawick am 25. April in Tübingen.

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