zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Reichtum, Glück und Zufriedenheit

Eine Meditation

Gustav Adolf Horn

Wer Geld liebt, wird Geldes nimmer satt; und wer Reichtum liebt, wird keinen Nutzen davon haben. Das ist auch eitel. (Prediger 5,9)

Gustav Adolf Horn, Leiter des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Foto: IMK
Gustav Adolf Horn, Leiter des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Foto: IMK

Es gibt offene und versteckte Provokationen. Die Sätze aus dem Alten Testament sind auf den ersten Blick eine offene Provokation gegenüber dem Reichtum und denen, die ihn verherrlichen. Aber diese Provokation ist oft gehört und langweilig. Und außerdem: Ist diese pauschale Attacke immer frei von eigener Eitelkeit oder gar Neid? Nicht dass diese Skepsis gegenüber dem Reichtum im Grundsatz falsch wäre, aber sie entbehrt doch nicht einer gewissen Oberflächlichkeit.

Mich interessiert aber die versteckte Provokation in diesen Sätzen. Wer Geld liebt, bekommt nie genug davon und wer Reichtum liebt, wird keine Befriedigung empfinden. Es geht also nicht nur einfach um Reichtum, sondern auch um Geld. Vor allem aber geht es um die Liebe zu beiden.

Zunächst zu Geld und Reichtum. Häufig werden Geld und Reichtum synonym verwendet. Das ist nicht ganz richtig. Reichtum kann in vielfacher Gestalt bestehen. Man kann tatsächlich sehr viel Geld auf seinem Konto haben. Man kann aber auch viele Häuser, Wertpapiere Unternehmen oder Schmuck besitzen. Reichtum kann sogar völlig immateriell sein. So gibt es einen Reichtum an Bildung oder Schönheit. Beim Prediger ist sicherlich primär die materielle Seite des Reichtums angesprochen, aber nicht nur.

Die Liebe zum Geld

Geld ist also einerseits sehr viel spezieller als Reichtum, man könnte auch sagen, es ist eine spezielle Form des Reichtums. Andererseits ist Geld die Einheit, in der sich materieller Reichtums ausdrückt. Es ist die Recheneinheit des Reichtums. Geld ist aber auch mehr. Durch die Einführung des Geldes wurde wirtschaftlicher Handel schlagartig erleichtert. Man tauschte nicht mehr Äpfel gegen Birnen und diese gegen Pflaumen und hatte dann nicht mehr das Problem, den Wert des einen Gutes in der Einheit des anderen zu ermitteln. Mit Geld ist dies einfach, indem der Wert in Geldeinheiten ausgedrückt wird und damit Güter in ihrer Wertigkeit leichter vergleichbar werden. Deshalb ist Geld auch eine notwendige Voraussetzung einer modernen Volkswirtschaft. Der Prediger zielt jedoch auf die ersteren Bedeutungen von Geld.

In der Kritik steht also die Liebe zu Geld als Form und Maßeinheit des Reichtums. Es geht also um die Liebe zu Geld um des Geldes willen. Das ist denn auch der Kern der Aussage, dass der, der Geld als Selbstzweck anstrebt, nie zufrieden sein wird. Wir wissen mittlerweile, dass die Menschen genau so empfinden. Umfragen zeigen, dass Gehaltsteigerungen auf bis zu 60.000 Euro im Jahr die Zufriedenheit erhöhen, danach aber nicht mehr. Mit anderen Worten, jedes weitere Strampeln um mehr Geld macht nicht satter, sondern hungriger. Das Gleiche gilt für Reichtum. Immer mehr Reichtum um des Reichtums willen erhöht die Zufriedenheit nicht. Das gilt auch für immateriellen Reichtum.

Der falsche Schluss wäre, endlich Zufriedenheit durch noch mehr Geld und noch mehr Reichtum erlangen zu wollen. Das ist vergebliches Tun, denn Liebe um seiner selbst willen gesteht Gott nur dem Menschen zu. Bei allem anderen befindet man sich im Hamsterrad fortwährender Unzufriedenheit durch vergebliche Anstrengungen.

Politische Dimension

Diese Überlegungen zeigen aber auch, dass Geld und Reichtum nicht grundsätzlich in eine Sackgasse führen müssen. Denn im Umkehrschluss bedeuten sie, dass der, der Geld und Reichtum als Mittel für andere - gute - Zwecke betrachtet, sehr wohl satt und zufrieden werden kann. Wenn also ein Unternehmer sein Vermögen als etwas empfindet, das ihn die Lage versetzt, neue Produkte zu produzieren und Beschäftigung für viele Menschen zu schaffen, dann wird dies Zufriedenheit schaffen. Mehr als die Eitelkeit der Selbstbespiegelung im eigenen Kontoauszug es vermag.

Diese Botschaft hat auch eine politische Dimension. Eine Politik, die allein der Vermehrung des Geldes und des Reichtums dient, wird nicht erfolgreich sein, weil sie die Menschen nicht zufrieden macht. Politik muss Zwecke jenseits des Selbstzwecks anstreben. So darf sie nicht tatenlos zuschauen, wie sich die Verteilung der Einkommen und Vermögen immer zu Gunsten der ohnehin Reichen verändert. Dies gilt im nationalen, im europäischen und im globalen Maßstab. Denn damit leistet sie genau jener Tendenz Vorschub, die bei wenigen Reichtum um seiner selbst Willen erzeugt, während viele andere große Mühe haben, ihre materielle Existenz zu sichern. Auf beiden Seiten herrscht dann Unzufriedenheit. Eine Wirtschaftspolitik, die hier korrigierend eingreift, würde hingegen die Zufriedenheit aller erhöhen.

Das ist denn auch die versteckte Provokation. Geld und Reichtum sind nicht per se verdammenswert, aber sie begründen eine hohe Verantwortung für das, was man mit ihnen bewirken will. Sonst herrscht Hunger der Seele wie des Körpers und Unzufriedenheit mit allem.

 

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