zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Die Wahrheit ist immer konkret

Eine Meditation

Andrea Nahles

Im Vertrauen auf Gott entsteht Bewegung, entstehen Spielräume. Die starke Kraft ihrer Glaubenszuversicht müssen Christen gemeinsam geltend machen , damit Solidarität und Gerechtigkeit keine Plastikwörter werden.

(Foto: SPD)
(Foto: SPD)

Sie kam nach einer öffentlichen Veranstaltung auf mich zu. Ich schätzte sie auf Ende Vierzig. Ihre Gesichtszüge waren fein, aber in das schöne Gesicht hatten sich tiefe Falten eingegraben. Ihre Augen funkelten, die Stimme zitterte vor kaum unterdrückter Wut. "Sie haben eben von Gerechtigkeit geredet und von Fairness", sagte sie. "Ich glaub' daran nicht mehr. Letzte Woche habe ich meine Kündigung erhalten. Ich werde hier nie wieder einen Job kriegen. Können Sie sich vorstellen, wie das ist? Mit zwei Kindern? Nein, können Sie nicht. Ihr Politiker kommt hier rein, und nach zwei Stunden steigt ihr wieder in euer klimatisiertes Auto." Meine Antwort wartete sie nicht ab. Sie drehte sich um und ging.

             Aus der Gesellschaft ausgemustert

Was hätte ich ihr gesagt? Argumente und Trost wären fehl am Platze gewesen. Ihre Kündigung ist eines der Ereignisse im Leben, die die Zeit eindeutig in ein Vorher und ein Nachher teilen. Das Wort "Arbeitslosigkeit" beschreibt das nur sehr unzureichend. Ja, es steht für die existenzielle Angst, die Miete nicht mehr bezahlen und die Kinder nicht mehr aus eigener Kraft ernähren zu können. Es steht aber auch für die Angst, aus dieser Gesellschaft ausgemustert zu werden. Soziologen sagen, dass Ausschluss zu unserer Gesellschaft mehr und mehr dazugehören wird. Künftig werde man viel weniger nach Oben und Unten fragen, sondern: Wer ist drin und wer ist draußen?

Die Nachrichten über Geldsummen unvorstellbarer Größe, die durch Missmanagement und Korruption vernichtet werden, verstärken noch den Eindruck, den Folgen einer entfesselten globalisierten Wirtschaft im eigenen Leben ausgeliefert zu sein. Sie verfestigen das Bild, die Wirtschaft sei eine globale Zockerbude, in der nur eines zähle: rücksichtsloser Einsatz. Ein Spiel ohne Grenzen, scheinbar ohne materielle, aber auch ohne ethische Beschränkungen, bei dem die, die am Spieltisch keinen Platz haben, am Ende die Zeche zahlen. Auf Generationen hinaus.

Politiker sind in dieser Vorstellung Statisten mit vorgegebener Rolle; ihre Aufgabe ist nur noch Schadensbegrenzung. In dieser Perspektive werden Gerechtigkeit und Solidarität zu hohlen Wörtern, die etwas zu halten vorgeben, was nicht mehr zu halten ist. Sind also diejenigen, die die Fahne einer solidarischen und gerechten Welt hochhalten, die Gestrigen, die Gutmenschen, von denen man nur noch seufzend "Es ist gut, dass es sie noch gibt, aber sie werden nichts ausrichten" sagen kann?

                                              Keine Naturereignisse

Es gibt gute Gründe, sich mit dieser apokalyptischen und in ihrer Folge zynischen Sicht der Dinge nicht abzufinden. Die Wirtschafts- und Finanzkrise und die Veränderungen durch die Globalisierung sind weder Naturereignisse noch sind ihre Spielregeln ein Naturgesetz. Dahinter stehen nicht nur Strukturen, sondern auch Menschen. Deshalb gibt es prinzipiell die Möglichkeit für Veränderungen. Für Veränderungen, die um der Menschen willen notwendig sind.

Denn Menschen haben ein berechtigtes Bedürfnis nach Sicherheit, das es erlaubt, Vertrauen zu entwickeln, Beziehungen einzugehen, zu lieben, zu genießen, zu lachen, kurz: Mensch zu sein. Dafür gilt es Bedingungen zu sichern und zu schaffen. Dafür gilt es im persönlichen Leben einzustehen.

         Hoffnung: Einspruch
                gegen das Ausgeliefertsein

Doch woher soll der Antrieb dazu kommen? Woher die Kraft? Mir kommt das Motto des Zweiten Ökumenischen Kirchentages in den Sinn: "Damit ihr Hoffnung habt". In der christlichen Hoffnung liegt ein solcher Anspruch, oder besser: ein Einspruch gegen das Ausgeliefert-Sein an die scheinbar unverrückbaren Regeln für Erfolg und Misserfolg.

Doch auch für Christinnen und Christen ist das Dach ihres Glaubens manchmal löchrig. Gerade weil heute wieder einmal deutlich wird, dass auch in der Kirche Menschen am Werk sind - Selbstlose und solche, die von Machtwillen und Eitelkeit getrieben werden - hilft es, sich klarzumachen, dass niemand den Schatz des Evangeliums einfach besitzt. "Wir ha­ben ihn nur in sehr irdenen Gefäßen", wie Paulus sagt.

Die Konsequenz aber, die der Apostel daraus zieht, ist das Gegenteil von Resignation. Die alten Worte treffen heute auch den getriebenen Ho­mo Oeconomicus mitten in sein Innerstes: "Von allen Seiten werden wir in die Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht verlassen, wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet." (2. Korinther 4,8 f.)

Die Botschaft ist klar. Wer seine Hoffnung auf Christus setzt, muss nicht erstarren vor dem, was ihm widerfährt. Im Vertrauen auf Gott entsteht Bewegung, entstehen Spielräume. Dieses Vorzeichen verändert die Wirklichkeit. Es ist kein pastorales Placebo. Die starke Kraft ihrer Glaubenszuversicht müssen Christen gemeinsam geltend machen - vielleicht neu entdecken -, auch, damit Solidarität und Gerechtigkeit keine Plastikwörter werden. Denn nur, wenn wir sie als Ziele fest im Auge haben, haben wir auch die Chance, sie zu erreichen.

                                              Kein pastorales Placebo

Ich wünsche, die Frau, die mich ansprach, hat Menschen um sich, die zu ihr sagen: "Gib dich nicht auf. Lenke deine Wut um in Kraft, Möglichkeiten zu entdecken. Du hast Rechte. Du bist nicht allein. Bei uns erhältst du Unterstützung." Die Wahrheit ist immer konkret. Daran werden wir gemessen. In der Politik und als Christen.

 

Auch unterwegs

Bald neu:
zeit
zeichen als
Anwendung für
Smartphones
und Tablet-PCs. 

zeitzeichen auf facebook

zeitzeichen im sozialen Netzwerk - aktuelle Kommentare, wöchentlich neu.

Abonnement/ Probeheft

Abonnieren Sie das Magazin zeitzeichen - als Printmagazin oder in der Online-Ausgabe. Oder bestellen Sie kostenlos und unverbindlich ein Probeexemplar.

Hörausgabe

zeitzeichen erscheint im DAISY-Format für blinde und sehbehinderte Menschen. 

Archiv

Hier entsteht ein Archiv mit allen Artikeln der zeitzeichen-Magazine.