Hundert Kilo Kiez-Honig
Inmitten von St. Pauli liegt eine grüne Oase
Noch vor ein paar Jahren war der Kirchhof auf dem Hamburger Pinnasberg nicht begehbar. Jetzt ist es dort idyllisch. Junge Familien und andere Spaziergänger finden dort Frieden und Ruhe.
Wer von der Reeperbahn Richtung Fischmarkt geht, kann sie kaum übersehen: die St. Pauli-Kirche. Sie liegt auf dem Pinnasberg, einer nicht allzu hohen Erhebung in ansonsten flacher Umgebung. Von da oben hat man freien Blick auf Hamburgs Lebensader, die Elbe. Drüben im Trockendock von Blohm+Voss liegt das aus dem Fernsehen bekannte "Traumschiff". Auch die Hafenstraße kommt in Sicht. Bei schönem Wetter herrscht hier reges Treiben; wer es sich leisten kann, tummelt sich in szenigen Bars und Cafés und genießt den Blick aufs Wasser. Andere hocken auf den Bänken vor dem Pastorat und reden beim Bier über Gott und die Welt. Jugendliche lassen sich im Antoni-Park vor der Kirche von der Sonne wärmen, sie genießen die Vorzüge des raren Grüns auf St. Pauli.
Freier Blick auf die Elbe
Sieghard Wilm ist einer von zwei Pastoren der Evangelisch-lutherischen Gemeinde von St. Pauli. In seinem schwarzen Anzug ist er eine auffällige Erscheinung zwischen all den bunten Graffitis, die überall die Wände zieren oder verunstalten, wie man will. Der Mittvierziger strahlt auf den ersten Blick die kühle Gelassenheit aus, die den Hanseaten nachgesagt wird. Auch hält man ihn gleich für einen Intellektuellen - beides setzt ihn einigermaßen in Kontrast zu einem Viertel, das man nicht so ohne weiteres mit geistigen oder gar geistlichen Fragen in Zusammenhang bringt.
Wilm wohnt hinter den roten Backsteinmauern des Pastorats, das die Kirche zur Straße hin abschirmt. Letztere liegt inmitten des ehemaligen Kirchhofs, also Friedhofs: eine so genannte Saalkirche mit rechteckigem Grundriss und einem schlanken neugotischen Kirchturm. Ein klassizistischer Bau aus rotem Backstein, wie es sich für Hamburg gehört, mit hohen Fenstern und schneeweißen Türen vor den Nebeneingängen. Mächtige Linden säumen die Längsseiten der Kirche, auch haben hier alte Straßenlaternen ein Asyl gefunden - das alles atmet die Ruhe eines Parks.
Der Antoni-Park vor der Kirche entstand in den Neunzigerjahren. Anwohner des Stadtteils, die Gemeinde und die Künstlergruppe "Parc Fiction" hatten das Projekt initiiert, um die geplante Elbuferbebauung zu stoppen. "Die St. Pauli-Kirche wäre sonst in einem Hinterhof gelandet", sagt Wilm. Heute ragen hier Palmen aus Stahl auf wellenförmigen oder kreisrunden Rasenstücken in den Himmel, ein artifizieller Palmenstrand vor der Kulisse der Elbe statt des Meeres. Dem Pfarrer und der Gemeinde steht aber noch eine weitere grüne Oase zur Verfügung: der Pastoratsgarten. Ein Tor trennt ihn von der Welt da draußen, von dem Kiez mit seinem Gewirr aus Stimmen, Farben und Gerüchen. Hier drinnen summen Hummeln, blühen Rosen, und die Bänke sind durch alte Bäume wohl beschattet.
Hummeln, Rosen
und schattige Bänke
Das Pastorat mit dem dazugehörigen Garten ist 190 Jahre alt, die älteste Anlage auf St. Pauli überhaupt. Der Garten lag jahrelang brach, die Gemeinde habe gar nicht gewusst, was sie da für einen Schatz besaß, sagt Wilm: "eine naturräumliche Erfahrung mitten in der Stadt", schwärmt er. Sein Kollege Martin Paulekun und er hätten den "Klassiker Pastoratsgarten", wie er sagt, wiederbelebt. Heute werden hier sogar ein paar Kartoffeln angebaut, und von der Minze, die hier auch gedeiht, brüht der Pastor Tee für Mitarbeiterrunden. Selbst Bienenstöcke fehlen nicht, hundert Kilogramm Honig sammeln die Bienen im Jahr. Der Erlös aus dem Kiez-Honig kommt dem Kindergarten zugute.
Hier herrschen Ruhe und Frieden, hier kann der Mensch aus- und die Seele abspannen. Das hat auch seine geistlichen Qualitäten: "Je nachdem, ob es der Situation angemessen ist, führe ich hier im Garten auch seelsorgerliche Gespräche", verrät der Pastor.
Der Antoni-Park mit Elb-Blick.
"Das ist Helenes Trompetenbaum", Wilm deutet auf das Geäst am Gartenzaun, dessen Blätter sich sehnsüchtig in Richtung Elbe zu strecken scheinen. Helene war eine alte Dame, die sich vor ihrem Tod wünschte, ihre Seele möge in diesem Baum eine Heimat finden, mit Blick über den geliebten Fluss. Auch ein Apfelbaum findet sich hier, den ein seit Jahren erwerbsloser Mann gepflanzt hat, als Symbol seiner Hoffnung auf Arbeit.
Zurück in den Kirchhof. Der war noch vor acht Jahren eine "No-Go-Area", erinnert sich Wilm, ein Hauptumschlagplatz für Drogenhandel und Prostitution. Damals ging die Zahl der Gottesdienstbesucher gegen Null. Die Menschen trauten sich einfach nicht in die Kirche. In den Neunzigerjahren fand sich eine zeitlang nicht einmal ein Pfarrer, der sich diese Aufgabe aufhalsen mochte - immerhin wurde bei Wilms Vorgänger sieben Mal ins Pfarrhaus eingebrochen. Die Gemeinde stand am Scheideweg: entweder aufgeben oder ein neues Konzept ersinnen. Man entschloss sich für Letzteres, und das bedeutete: das Grün um die Kirche herum durch Nachbarschaftsinitiativen und Sozialeinrichtungen im wahrsten Sinne des Wortes zu befrieden.
Eine ehemalige No-Go-Area
Die St.-Pauli-Pastoren schafften es, nicht ohne die Zusammenarbeit mit der Polizei. Ganz am Anfang hieß es erst einmal aufräumen: "Wir haben hier tonnenweise Glasscherben und Müll rausgekarrt", erinnert sich Wilm. Mit viel Arbeit und einer Menge Fingerspitzengefühl für die Menschen vor Ort wurde das Gelände nach und nach wieder etabliert.
Das Ganze dauerte fünf Jahre. Heute ist von den alten Zuständen kaum noch etwas zu sehen. Als erstes fallen die vielen Kinder ins Auge, die hier spielen, etwa, indem sie über eiserne Kirchenglocken kraxeln, die hier wie Artefakte einer vergessenen Zeit herumstehen. Die Eltern sitzen und plauschen derweil auf dem sanften Rasenhügel vor der Kirche.
Natürlich ist diese Idylle nicht einfach dadurch entstanden, dass man ungebetene Gäste vor die Tür setzte. "Wir mussten eine neue Identifikation mit dem Ort schaffen", erklärt der Pastor. Eine Idee war die der Anwohnergärten. In einem Teil des Gartens sind sechs Beete angelegt, die von Anwohnern, zumeist Familien mit Kindern, gepflegt und bebaut werden. Auf den zwanzig oder vierzig Quadratmeter großen Flächen wachsen Blumenstauden, aber auch Gemüse. Auf einer Boule-Bahn, errichtet über einem ehemaligen Bunker, trifft sich die Nachbarschaft zum Spielen. Seile sind über die Bäume gespannt und laden Jugendliche zum Klettern ein. "Wir arbeiten mit dem Areal auf verschiedenen Ebenen", erklärt Wilm. Dennoch geht der Pastor immer ein wenig in Hab-Acht-Haltung über das Gelände. Aufmerksam mustert er die Gäste des Parks: Ein Mann, ausgerüstet mit einer Bierflasche, hat sich auf einer steinernen Bank niedergelassen. Den behält Wilm vorsichtshalber im Auge.
Pastor Sieghard Wilm im Pastoratsgarten.
"Wir mussten eine neue Identifikation
mit dem Ort schaffen."
Meistens klappe die "natürliche Sozialkontrolle" im Kirchhof, sagt er. Wenn die Familien mit Kindern das Grün bevölkern, bleiben andere fern. Aber manchmal kommt es schon zu brenzligen Situationen. Wilm wittert ihr Entstehen schon von weitem: "Andere erkennen das vielleicht nicht, ich aber schon", sagt er. Wenn dann mal einer den Garten betritt, der offensichtlich im Sinn hat, an "alte Zeiten" anzuknüpfen, braucht es viel Fingerspitzengefühl, um das neu gewonnene Terrain vorsichtig zu verteidigen. Auf die Frage, ob man in einer solchen Situation nicht einfach die Polizei holen könne, winkt Wilm nur müde ab. Das mache mehr kaputt, als es helfe, so der Pastor. Das müsse man schon anders regeln, auch wenn man natürlich immer damit rechnen müsse, dass Situationen kippen können.
An der Kirchenmauer steht in großen Lettern "Himmelsrichtung". Ein Künstlerprojekt. Und es passt ja: "Kirchen sind wie ein Kompass, sie können Orientierung geben", sagt Pastor Wilm. Wählt man die Himmelsrichtung, die einen wieder hinausführt aus dem Garten, ist es, als verlasse man ein kleines Paradies, man versteht, weshalb die Gartenanlage vor der Elbe auch "Insel der Glückseligkeit" genannt wird.
"Insel der Glückseligkeit"
Neulich wurde der Kirchhof auf St. Pauli sogar mit einem Zertifikat des kirchlichen Gartennetzwerkes "Hortus Oecumenicus" ausgezeichnet. An der Gartenpforte findet sich seitdem ein Emaille-Schild mit der Aufschrift "Offener Garten". Der Träger des Gartennetzwerkes ist die "Ökumenische Stiftung für Schöpfungsbewahrung und Nachhaltigkeit" mit Sitz in Ratzeburg. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, kirchliche Grünanlagen, wie etwa Pfarr- und Klostergärten oder Friedhöfe, zu bewahren und als "kirchliche Kulturlandschaften" weiter zu entwickeln.
Das Netzwerk dient vor allem dem Austausch von Wissen und Erfahrungen unter den Mitgliedern. Ziel ist es, eine ökumenische Gartenroute auszuweisen, auf der Besucher spirituelle Erfahrung, ästhetisches Erleben, Erholung und Begegnung finden. Ein weiteres Projekt von Hortus Oecumenicus sind die "Gärten der Stille", offene Gärten, die den Menschen als Rückzugsort dienen sollen. Eine englische Bewegung namens "Quiet Garden" ist das Vorbild. Mit der "Aktion Rosenstock" möchte man möglichst viele Kirchengemeinden dafür gewinnen, einen Rosenstock an ihrer Kirche zu pflanzen. Es gehe eben "um einen produktiven und kreativen Umgang mit den Gärten", erläutert Arnd Heling, Pastor und Leiter der Stiftung.
Dazu zählt auch der Artenschutz, etwa der Schutz von Fledermäusen. Durch Holzkästen soll ihnen das Nisten ermöglicht werden. Hier auf St. Pauli ist eine solche Fledermausherberge - mit einer lila Kirche als Emblem - schon von Weitem sichtbar. Wer also sommers nach Sonnenuntergang im Kirchhof die schwarzen Blitze im Laternenlicht für Augentrug hält, sollte noch mal genau hinschauen: Auch sie sind ein Zeichen für die Lebendigkeit der Gemeinde und Kirche auf St. Pauli, die sogar über ein Nachtleben verfügen - allerdings eines der anderen Art.
Erschienen in zeitzeichen August 08/2010.
Verwunschen ist es auf dem Kirchhof auf St. Pauli.
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