zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Dem Zeitgeist sei Dank

Ohne die Vorstellung vom Sühnopfertod lässt sich Jesus besser verstehen

Burkhard Müller

Der verbreitete Gedanke, Gott habe Jesus deshalb töten müssen, um den Tod überwinden zu können, unterschätzt Gottes Möglichkeiten im Umgang mit dem Tod: Gott kann Leben schenken, ohne vorher blutig zu töten.

(Foto: akg-images)
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Theologen, die die Interpretation des Todes Jesu als Sühnopfer hinterfragen, hat der Erlanger Professor Werner Tiede in zeitzeichen 4/2010 (siehe unten) ein "arrogantes Kaputtreden der überkommenen Heilsbotschaft" vorgeworfen. Ihm antwortet der Bonner Altsuperintendent Burkhard Müller. Im Februar hatte er im WDR die Sühnopfervorstellung kritisiert und damit für heftige Diskussionen gesorgt.

Hat Gott Jesus als Sühne für meine Sünden am Kreuz sterben lassen? Ich glaube das nicht. Dies mag manchem wehtun. Und bei Werner Thiede geht die Ablehnung solch sühnopferkritischer Sätze bis ins Körperliche: "Es widert mich inzwischen nur noch an." Fremd und suspekt bleibt Thiede, was anderen Befreiung bedeutet, dass das Gottesbild von archaisch-blutigen Gewaltanteilen gereinigt wird und das schlechte Gewissen aufatmen kann.

Thiede wendet sich gegen Autoren wie Willigis Jäger, Klaus-Peter Jörns, Claus Petersen, Heiko Rohrbach und Friedrich Schorlemmer. Deren Verteidiger kann und will ich nicht sein, sondern stattdessen meine Position umreißen und Werner Thiede bitten, seinen pauschalen Vorwurf vom "arrogantem Kaputtreden" und "doktrinären Drängen nach Entmythologisieren" zu überdenken.

               Es ist nun einmal typisch für den Zeitgeist, dass er uns
      alle irgendwie erfasst, wir können ihm nicht entfliehen.

Ich verstehe die Sorge, Leute wie ich würden "zeitgeistbeflissen" das Evangelium verraten. Doch es ist nun einmal typisch für den Zeitgeist, dass er uns alle irgendwie erfasst, wir können ihm nicht entfliehen. Einen "Zeitgeist" gab es auch schon, als Anselm von Canterbury um 1.100 seine Satisfaktionslehre vom Sühneopfer Jesu für unsere Sünden erfand. Und er war deshalb so erfolgreich, weil er den damaligen Zeitgeist punktgenau traf.

Für Anselm galt erstens: Verletzte Ehre brauche nach germanischem Rechtsempfinden "Satisfaktion". Noch im 19. Jahrhundert forderten Adlige oder Offiziere "Satisfaktion", wenn sie ihre Ehre verletzt sahen: ein blutiges Pistolenduell. Vergebung rein aus Liebe und Güte? Nein! Zur Sühne für verletzte Ehre musste Blut fließen.

Zweitens: Glaube müsse logisch begründet werden. Darum beweist Anselm zwingend: Nur als Gott-Mensch habe Jesus durch seinen Tod die nötige Satisfaktion für Gottes verletzte Ehre schaffen können. Und drittens: Der neue, mittelalterliche Kreuzeskult, den es in den Jahrhunderten zuvor so nicht gegeben habe, verlange eine Konzentration des Glaubens auf das Kreuz.

Das alles leistete Anselm und garantierte damit seiner Sühnopfertheologie einen Erfolg, der bis in die Gegenwart andauert. Allerdings steht Anselms Sühnopfervorstellung heute dem Zeitgeist entgegen, ja, nun kann man mit hier den Zeitgeist bekämpfen.

       Neue Sicht der Bibel

Man kann sich von diesem aber auch helfen lassen, die Bibel und die göttliche Wahrheit besser zu verstehen. Das zeigt die Schöpfungstheologie: Jahrhunderte lang gebrauchten Christen die Bibel als eine Art Naturkundebuch. Ihr ganzes Wissen über die Welt entnahmen sie ihr.

Doch dann kamen Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler, viele andere Naturwissenschaftler und mit ihnen ein neuer Geist des Denkens. Was sie behaupteten, widersprach der Bibel. Und so wehrten sich Christen gegen die in ihren Augen gottlosen Lehren des neuen Zeitgeistes. Doch glücklicherweise sahen einige Theologen noch einmal genau in der Bibel nach. Und siehe da verführt vom Zeitgeist entdeckten sie: Die ersten Kapitel der Bibel über die Schöpfung böten keine Naturkunde.

Es gebe vielmehr einen ersten und einen zweiten Schöpfungsbericht mit je ganz eigenen Botschaften, aber ohne den Anspruch, das Weltall und das Leben naturkundlich zu beschreiben. So habe der neue Geist der Zeit die Christen zu einer neuen, besseren Sicht der Bibel verholfen. Und was wäre, wenn wir mit dem Sühnopfergedanken das gleiche machten und - angeregt vom Zeitgeist - seine Bedeutung in der Bibel untersuchten?

Als ob Jesus gekommen wäre,
                um als Sühnopfer zu sterben

Genau das haben viele Theologen getan. Und sie kamen zu der Einsicht, die Satisfaktionslehre eines Anselm sei unbiblisch. Wir finden in der Bibel sehr viele schöne Bilder und Metaphern für Jesus: "A und O", "Brot des Lebens", "Christus", "Erlöser", "Freund", "Friedefürst", "Gesalbter", "Heiland", "guter Hirte", "Hohepriester", "König der Juden", "König von Israel", "Lamm Gottes", "Licht der Welt", "Menschensohn", "Messias", "Opfer", "Retter", "Salz der Erde", "Sohn Gottes", "Wahrheit", "Weinstock" und vieles mehr.

Wir finden auch mehrere Bilder, die speziell dem Sterben Jesu einen Sinn geben wollen, und das Bild vom Sühnopfer ist eines von ihnen. Doch es kommt nur am Rande vor, geradezu in homöopathischer Verdünnung. Umso bedauerlicher, dass sich im Mittelalter ausgerechnet diese Metapher vom Rand in die Mitte drängte und die Rolle einer Zentrallehre christlichen Glaubens bekam. Denn damit wurden die vielfältigen Aussagen des Evangeliums verdrängt, sein Reichtum unterdrückt. Als ob Jesus gekommen wäre, um als Sühnopfer zu sterben.
Aber wozu ist er dann gekommen? Das Lukasevangelium bietet in seinem vierten Kapitel einen Schlüsseltext an. Da liest Jesus in der Synagoge von Nazareth aus dem Jesajabuch vor: "Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, zu verkündigen das Evangelium den Armen; er hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen, zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn." Und Jesus beginnt seine Rede mit den Worten: "Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt vor euren Ohren."

           Gott kann Leben schenken,
                              ohne vorher blutig zu töten.

Arme, Gefangene, Blinde, Zerschlagene sind also die Adressaten seines Kommens. Und das Reich Gottes, das Jesus ankündigt, bringt ihnen Heil. Später wird Jesus sagen, dass er der Arzt für die Kranken sei. Der Gedanke, er sei gekommen, um als Sühnopfer zu sterben, klingt dagegen - angesichts solcher Evangelientexte - geradezu absurd. Und der verbreitete Gedanke, Gott habe Jesus deshalb töten müssen, um den Tod überwinden zu können, unterschätzt Gottes Möglichkeiten im Umgang mit dem Tod: Gott kann Leben schenken, ohne vorher blutig zu töten.

Doch der Glaube, dass Jesus für unsere Sünden gelitten habe, steckt tief in uns. Das liegt an Liedern, liturgischen Texten, Bildern und großer Musik - wie Johann Sebastian Bachs Matthäus- und Johannespassion. Da fällt es schwer, die Sühnopferbrille abzusetzen. So werden Bibeltexte oft wie von selbst als Hinweise auf den Opfertod Jesu gedeutet, zum Beispiel Johannes 3, 16: "Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen Sohn gab."

Viele finden darin einen Beleg dafür, dass Gott Jesus in den Opfertod gegeben habe. Aber hier ist nicht an das Sterben Jesu gedacht, sondern an sein Leben. Gott gab Jesus in ein Leben inmitten der Menschen hinein, damit er dort das Licht der Welt werde. Mit dem Sterben, gar mit einem Sühnopfertod, hat diese Bibelstelle nichts zu tun. Da täuscht uns die Sühnopferbrille.

          Falsch eingefärbte Übersetzung

Oder der andere Spruch: "Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde" (Johannes 15, 13). Wieder lässt der Sühnopferreflex sofort an den Sühnopfertod Jesu denken. Das liegt auch an der falsch eingefärbten Übersetzung. Statt: "sein Leben lassen" sollte man übersetzen: "sein Leben einsetzen". An den Tod ist dabei nicht gedacht. Vielmehr beeinträchtigt die Sühnopferbrille auch hier unser Sehvermögen.

Und das Abendmahl? Auch wenn ich es aus Platzmangel nicht belegen kann: Die vier Evangelisten interpretieren in ihren Passionsgeschichten Jesu Sterben sehr verschieden. Nur der Sühnetod spielt keine Rolle. Auch Paulus, dem das Sterben Jesu sehr wichtig ist (aber bei weitem nicht so wichtig wie die Auferstehung), kennt nur scheinbar eine Sühnopfertheologie.

Und was ist mit dem Abendmahl? Ist hier nicht vom Blut die Rede, dass zur Vergebung der Sünden vergossen worden sei? Soll - mit Werner Thiede gesprochen - auch diese Kerntradition "kaputtgeredet" werden? Wieder verhilft der Blick in die Bibel zu einer besseren Einschätzung.

Viermal finden wir im Neuen Testament Einsetzungsworte zum Abendmahl: bei Matthäus, Markus, Lukas und Paulus. Sie bestehen aus vier Brotworten und vier Kelchworten, also aus insgesamt acht Worten. Und nur bei einem dieser acht Worte ist von "Sünde" die Rede - bei sieben dagegen nicht.

Vom Abendmahl zum Sündenmahl

Doch parallel zur Entwicklung der Kreuzesfrömmigkeit im Mittelalter wurde das Abendmahl immer stärker zum Sündermahl. Dabei kennt das Neue Testament ganz andere Bedeutungsinhalte: Darstellung und Bekräftigung von Gemeinschaft ("ein Leib"), Weg in die Freiheit (Passamahl), Feier der Gegenwart" Christi ("zu meinem Gedächtnis"), Aufnahme in Gottes Bund mit Israel ("Kelch des neuen Bundes") und Freude auf das kommende Reich Gottes ("bis dass er kommt"). Diese wunderbaren Inhalte werden unterdrückt, wenn beim Abendmahl der Sühnopfergedanke im Mittelpunkt steht.

Daher sollten die Kirchenleitungen die Gemeinden ermutigen, die Vielfalt des Abendmahls im Neuen Testament auch liturgisch neu zu entdecken. Und wenn dabei der Sühnopfergedanke zurücktritt, ist das kein Fehler.

Natürlich ist Jesus "für uns gestorben". Er hat sich als Selbstopfer "hingegeben", nicht als Sühnopfer für unsere Sünden. Jesus wollte für seine Jünger bis zum letzten Atemzug ein verlässlicher Zeuge der unendlichen Güte Gottes bleiben. Jesus handelte ge­mäß Gottes Willen, als er - statt zu fliehen - auch in Lebensgefahr seiner Botschaft treu blieb. Und die Jesus töteten, handelten gegen Gottes Willen und Gesetz: "Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf", stellt das Johannesevangelium fest.

Doch an Ostern gab Gott Jesus gegen seine Feinde Recht und erhob den Gekreuzigten ins göttliche Leben. Dass er zuvor gekreuzigt worden war, empfand die Mehrheit der Juden als Ärgernis: Denn ein Messias ist stark und stirbt nicht am Kreuz. Ebenso reagierten Griechen ihren Ärger ab: Für sie war Gott das ewige unbewegte Sein. Und dazu passt kein schmerzvolles Leiden am Kreuz. Für uns aber ist er die "Weisheit Gottes". Denn mit Ostern beginnt die Geschichte Jesu neu - mit einer unvergleichlichen göttlichen Autorität.


LITERATUR

Burkard Müller: Für unsere Sünden gestorben? Ein Beitrag zur aktuellen Diskussion. CMZ-Verlag, Rheinbach 2010, 169 Seiten, Euro 15,00.

Erschienen in zeitzeichen Mai 05/2010.

 

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