zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Für uns gestorben

War Christi Tod ein Sühnopfer?

Unser Schwerpunkt zum Thema sowie die nachfolgenden Artikel in unserem Magazin haben unter unseren Leserinnen und Lesern großes Echo gefunden. Viele haben sich zur Debatte geäußert, Kritik geübt, zum Nachdenken angestoßen, eigene Impulse gegeben. Deshalb wollen wir die Stellungnahmen, die uns bisher erreicht haben, hier veröffentlichen.  

Auch im Juli darf die Diskussion weiter gehen: In unserem Forum, dass wir Ihnen dann zur Verfügung stellen wollen. Bis dahin können Sie uns gern weiterhin Ihre Meinung per E-Mail oder Brief schreiben.

Erschienen in zeitzeichen Juni 06/2010.

Für uns gestorben

War Christi Tod ein Sühnopfer?

Zum Zeitzeichen-Schwerpunkt vom März 2010.

Werner Thiede

Widerwärtiger Dünkel

Die Heilsbedeutung des Todes Jesu darf nicht verwässert werden

In zeitzeichen 3/2010 haben sich Theologinnen und Theologen mit dem Verständnis des Todes Jesu als Sühnopfer auseinandergesetzt. Werner Thiede reicht eine Philippika gegen die Kritiker der Sühnopfervorstellung nach.

Burkhard Müller

Dem Zeitgeist sei Dank

Ohne die Vorstellung vom Sühnopfertod lässt sich Jesus besser verstehen

Der verbreitete Gedanke, Gott habe Jesus deshalb töten müssen, um den Tod überwinden zu können, unterschätzt Gottes Möglichkeiten im Umgang mit dem Tod: Gott kann Leben schenken, ohne vorher blutig zu töten.

Heinz Joachim Held

Erlösung hat ihren Preis

Ohne Jesu Blut gibt es kein geheiltes Gottesverständnis

Man kann es als unpassend oder anstößig empfinden - das ändert nichts an dem Befund: Nach den Worten der Bibel lässt sich Jesu Tod gar nicht anders verstehen als eine Sühneopfer.

(pixelio.de)
Dr. Ursula Sommer, Wirtschaftswissenschaftlerin in Ettlingen

Nicht wesentlich

Mit besonderem Interesse habe ich den Beitrag von Burkhard Müller zum Sühneopfertod gelesen. Es st gut, dass hier eine Diskussion stattfindet. Ich habe den Eindruck, dass die tradierten Vorstellungen der Kirche mit ursächlich für den Trend der Abkehr von der Institution ist. Sie beeinträchtigen die "Glaub-Würdigkeit" der Kirche.

Meines Erachtens gilt dies auch für die Trinität. In der Auseinandersetzung mit dem Islam scheint man sich nun stärker damit zu befassen und sieht Erklärungsbedarf. Mich würde hier interessieren, ob das Christentum auf die Trinität "angewiesen" ist. Ich meine gelesen zu haben, dass es christliche Gemeinden gibt, die ohne sie auskommen. Ich würde auch gerne wissen, wie die Kirche mit dem Widerspruch zwischen Trinität und "Du sollst Dir kein Bildnis machen" umgeht.

Mir scheint das alles nicht wesentlich zu sein, aber es sichert natürlich die theologischen Arbeitsplätze, wenn ich es einmal provokant formulieren darf.

Und bezüglich des Islam: Wieviele Theologen kennen inhaltlich den Koran? Gibt es in ihm Passagen, die geradezu unvereinbar mit dem Christentum sind? Natürlich schwierig zu beantworten, denn man müsste gleichermaßen die Zeitumstände seines Entstehens berücksichtigen ...

(pixelio.de)
Siegfried Nerger, Religionspädagoge i.R. aus Obercunnersdorf

Perversion

Meinungsaustausch und Ringen um die Wahrheit ist gut und wichtig - der Artikel von Altsuperintendent Müller lässt mich doch jetzt zur Feder greifen.Dass, was mir bei ihm, und auch den Artikeln seiner Linie, auffällt ist, dass einer der Kernpunkte unseres christlichen Glaubens, die Gebote, das Gesetz, nicht auftaucht - auch nicht zwischen den Zeilen. Deshalb ist es leicht, die Sühneopferlehre zu eliminieren. (Die Überzogenheit von Anselm kam ja auch in den anderen Artikeln zum Ausdruck.) 

Grundlage unseres Glaubens bleiben das erste und zweite Hauptstück des Kleinen Katechismus. Oder mit Luther und Paulus: Gesetz und Evangelium. Oder mit Jesus, der das Gesetz nicht auflöste, sondern zur Erfüllung im Doppelgebot der Liebe aufrief. Nur dadurch bekommen wir einen Realitätsbezug zu unserer kaputten, ungerechten, stöhnenden und verlorenen Welt.

Die Intention der Gebote empfinde ich als genialste Lösung, um aus dem Elend unserer Diesseitsverfallenheit, Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit und Unzufriedenheit herauszukommen. Sie sind ja auch die Magna Charta des Reiches Gottes, wo jeder aus Dankbarkeit freiwillig und kreativ einander dient, und das Leben sich erfüllt - aber auch einmal daran gemessen wird. Deshalb bin ich stolz auf unseren Glauben, mit der wir unserer kaputten Welt eine Alternative anbieten können - so sie will - und damit als Kirche an eine Riesenaufgabe gerufen sind. Ich erinnere zugleich an die Intention des 119. Psalms und den dreifachen Gebrauchs des Gesetzes, damit ich nicht falsch verstanden werde. 

Die andere Seite aber ist, dass das natürliche Herz das Gesetz als Zwangsjacke empfindet und sich dagegen sträubt. Sein Versager- und Sündersein einzugestehen, kommt dem Sterben gleich. Und echt Kyrie eleison zu rufen und sich damit abhängig zu machen, fällt uns schwer. Diese steilen Sätze sind bei mir unterlegt mit schweren und tiefen inneren Erfahrungen, wo ich bei aller äußeren Anständigkeit und Ehrbarkeit und bei allem korrektem kirchlichen Dienst, meiner Erbärmlichkeit bei Gott gewahr wurde, aber dann Befreiung und neues Selbstbewusstsein erfuhr durch die Gnade, die durch Christi Leben und Sterben mir groß wurde. Da konnte ich nur dankbar jubeln, auch mit den alten Liedern 341 und 342 aus unserem Gesangbuch. 

Wenn nun versucht wird, dieses für natürliche Menschen immer Anstößige zu eliminieren, muss auch ich meine Stimme erheben. 

In uns ist alles auf Gerechtigkeit angelegt. Unsere Gesellschaftsordnungen. Unser ganzes Rechts- und Strafsystem samt seinem Vollzug. Unsere Pädagogik. Unser Miteinander. Auch unser Kirchenrecht. Um der Gerechtigkeit genüge zu tun, haben sich mancherlei Formen und Riten entwickelt, wie Rechtsverletzer behandelt - oder auch rehabilitiert werden. Alle rufen laut nach Recht und Gerechtigkeit - solange es nur einem nicht selber trifft! Ohne Einhaltung der Gerechtigkeit wäre Gott für mich ein Willkürherrscher, dem es nicht lohnt, zu vertrauen.

Deshalb sind für mich die Bilder und Geschehnisse von Stellvertretung, Opfer, Sühne wichtig, auch wenn Menschen durch innerlich verletzende, traumatische Lebenserfahrungen oder durch eine anselmsche Überziehung oder durch einen falschen Zeitgeist, vorerst nichts damit anfangen können und im Widerwillen hängen bleiben. Man muss ja nicht gleich den Glauben hinterfragen und gleich ummodeln wollen, sondern kann langsam und seelsorgerlich an das befreiende Geheimnis heranführen. Außerdem kannte ich die Sicht eines blutrünstigen Gottes bisher nicht - und empfinde diese als eine Perversion. Mit der Brille des Evangeliums sehe ich - und viele andere Christen - das Kreuzesgeschehen als Ausdruck von freiwilliger Hingabe, und tiefster Liebe Gottes in und durch Christus.

Ja, es ist leicht von der Billigen Gnade, die das Gesetz und die Gerechtigkeit ausklammert, zu leben, und damit eine billige und oberflächliche Kirche zu werden, die bei den Zeitgenossen nur ein müdes Lächeln hervorruft, aber für die echt Suchenden und Zerbrochenen kein Brot und keinen Halt mehr bereit hat. Ich spreche leider aus trauriger Erfahrung. Gnade ist teuer, denn sie kostet unser altes Leben. Deshalb spricht mich die Formulierung mit Christus sterben und im Geiste mit ihm leben (siehe zeitzeichen März 10 Seite 35 unten) an, wobei ich mir nicht klar bin, ob wir beide dasselbe darunter verstehen. 

Ich bin dankbar, dass Gott in allen Zeiten Menschen erweckt, die nicht nur reden und es billig besser wissen, sondern ihr Leben für die Gerechtigkeit und Barmherzigkeit einsetzen und hingeben, weil sie sich durch Gott gerecht gesprochen wissen und aus diesem Geschenk und Halt ein glaubwürdiges und kräftiges Zeugnis für unsere Welt werden - und damit Beachtung und Gehör gewinnen.

(pixelio.de)
Karl-Heinz Sommerhoff, Pfarrer in Ruhe aus Kürten-Eichhoff

Vorbei geredet

Burkhard Müllers Antwort auf Professor Thiede ist leider eine einzige Bestätigung von dessen Analyse, ein einziges Überhören und Vorbeireden mit dem peinlich bitteren Beigeschmack, die leichtfertige Streichung nicht annähernd erfasster Inhalte auch noch als Großtat der Moderne und geradezu "Kopernikanische Wende" erscheinen lassen zu wollen.

Seine Reduktionen lassen nichts mehr erkennen von der einmaligen Besonderheit der in Kreuz und Auferstehung "ein für allemal" geschehenen Gottestat in Christus und dem Hochmut des Menschen, der diese Aktion der Liebe Gottes nötig macht, sondern verflachen das alles zur glaubhaften Zeugenschaft des Menschen Jesus, der wie Sokrates und andere für seine Überzeugungen stirbt und "bis zum letzten Atemzug ein verlässlicher Zeuge der Güte Gottes" bleibt.

Liebe und Güte Gottes also auch hier. - Aber ist eine Liebe, die mich über meinen eigenen und den wahren Zustand der Welt im Unklaren lässt, die weder von Sünde noch von Gnade spricht und mir die ohne Christus heillose Störung unseres Verhältnisses zu Gott verschweigt und vorenthält, - ist diese über allem erhaben scheinende, mir nirgendwo zu nahe tretende Liebe, die nichts vom Leiden an und für uns weiß, wirklich die Liebe des um den Menschen ringenden Gottes Alten und Neuen Testamentes - oder nicht doch eher das sicher fromme Bild, das der alte Adam sich von Gott und seiner Liebe macht? - Schade, ich hätte von meinem geschätzten Studienkameraden von einst Anderes und Besseres erwartet.

(pixelio.de)
Dieter Weber aus Metzingen

Wirklich zentral

Burkhard Müller schreibt zu Recht in seinem Artikel: "Das ist das Werk Jesu Christi: das Gnadenjahr des Herrn zu verkündigen, Hilfe für die Bedrückten..." Aber dieses Werk ist nur möglich auf dem Hintergrund, dass der Prediger Jesus Christus auch zum Opfer wird, dass er die Sünden der Welt weg trägt, dass er für die Sünden der Menschen stirbt, dass in ihm Sühne zustande kommt. Beides gilt: Das Werk der Befreiung und die Sühne in Christus. 

Der Gedanke der Sühne liegt in der Bibel nicht in "homöopathischer Verdünnung" vor, wie Müller unterstellt. Er ist elementar und er taucht an wirklich zentralen Stellen der Heiligen Schrift auf. 1. Korinther 15 formuliert die Botschaft, die für Christen rettend ist. Und da heißt es u.a. (V.3): "Christus ist für unsre Sünden gestorben nach der Schrift." Im Matthäusevangelium heißt es im Zusammenhang mit der Stiftung des Heiligen Abendmahls (Kap. 26, 28): "Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden". Römer 3,25: "Gott hat Jesus Christus für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut..." Römer 4,25: "Uns soll es zugerechnet werden, wenn wir glauben an den, der unsern Herrn Jesus auferweckt hat von den Toten, welcher ist um unsrer Sünden willen dahin gegeben". Galater 1, V. 4: "Jesus Christus hat sich selbst für unsre Sünden dahin gegeben, dass er uns errette..." . Also, es ist ja wirklich nicht so, dass Paulus nicht den Sühnegedanke hat, wie Müller behauptet. 

Jesus ist der Messias, der für die Sünden der Menschen stirbt. Wir können die Aussagen über ihn nicht ohne das Alte Testament verstehen. Er ist die Erfüllung des Alten Testamentes. Ein Hinweis darauf ist die Bemerkung des frühchristlichen Bekenntnisses, das auch Paulus übernommen hat, nämlich: "Christus ist für unsre Sünden gestorben nach der Schrift." Diese Aussage weist auf das Alte Testament. Zentral wird der leidende Messias in Jesaja 52/53 beschrieben. Jesaja 53,5 heißt es: "Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt".

(Foto: pixelio.de)
Hansjürgen Günther aus Lobbach

Kulturelle Denkformen

Der Opfergedanke ist uns Europäern heute sicher fremd geworden. Es ist üblich, legitim und geschickt, in einer missionarischen Situation die biblische Bot­schaft in Denkformen der umgebenden Kultur auszudrücken. Johannes hat das zum Beispiel mit dem Logos-Begriff getan.

Solche Unternehmen haben ihre besondere Chance, aber auch Grenze. Ebenso beim Opferbegriff. Die Artikel im Märzheft würdigen meines Ermessens zu wenig diese missionarische Situation.  Die Chance besteht beim Anknüpfungspunkt für den Hörer. Die Grenze bei der Umdeutung oder "Taufe" des Begriffs: Der Logos wird Fleisch. So auch beim Opferbegriff: Er wird ge­schickt aufgenommen, aber zugleich wird die Opferlogik zweimal durchbrochen:

a) Christus geht freiwillig ans Kreuz.

b) Nicht der Mensch versöhnt Gott, sondern umgekehrt!

(pixelio.de)
Hans-Werner Mehnert, Ruhestandspfarrer aus Hermannsburg

Alte Hypothese

Werner Zager könnte doch schlicht sagen, dass ihm eine "Sühneopfervorstellung" einfach nicht gefällt. Und bei einer Kritik an der überspitzten Anselmschen Satisfaktionslehre würde ich ihm sicher zustimmen. Wenn er aber eine Argumentation aufbaut, um jedwede Sühnevorstellung im Neuen Testament als entbehrlich hinzustellen, ist ihm zu widersprechen.

Er unterstellt eine authentische und historisch sichere und damit ver­bindliche Praxis Jesu ohne Sühnevorstellung und eine spätere und damit unechte, vor allem von Paulus aufgesetzte dogmatische Konzeption einer Sühneopfer­christo­logie, die damit ad acta gelegt werden kann.
Dies ist eine nicht gerade neue Hypothese. Die Unterscheidung zwischen einem historischen Jesus und einem dogmatischen Christus ist doch bereits in der "Leben-Jesu-Forschung" gescheitert. Alle Texte des Neuen Testamentes sind vom Glauben der ersten Christen und ihren realen Erfahrungen mit dem Auf­erstandenen geprägt und immer christologisch konzipiert, einschließlich des Sühnegedankens, dass Gott selbst in Christus Versöh­nung mit der Menschheit bewirkt.

Es ist also genau umgekehrt: Von Anfang an herrscht die christologische Deutung von Tod und Auferstehung Jesu, danach erst entstehen die Evangelien, Und noch eine Anmerkung. Ist der Verfasser auf der Höhe der Zeit, wenn er die Kantsche These einer "nicht transmissibelen Verbindlichkeit von Schuld" zum Anlass nimmt, Jesu Stellvertretung am Kreuz als inakzeptabel für aufgeklärte Zeitgenossen hinzustellen?

Stellvertretung im Sinne von Übertragung von Schuld auf andere ist doch auf dem Verschiebe­bahnhof der Geschichte bis heute ein durchaus übliches Verfahren! Wer übernimmt zum Beispiel Schuld und Folgen der Finanzkrise? Doch nicht die schuldigen Banken, sondern das Volk und die nächsten Generationen. Können wir heutigen Deutschen uns mit dem Hinweis auf Kants These von unserer Schuld am Zweiten Weltkrieg und den Nazi­greueln verab­schieden? Warum soll dann freiwillige Schuld­abnahme und Stellvertre­tung durch Christus nicht möglich sein?

Gerhard Isermann

Doktrinäre Rechthaberei

Offengestanden, die Philippika des Werner Thiede wäre auch dann peinlich, wenn er Recht hätte. Solches Poltern und Abkanzeln ziemt sich nicht für einen Professor der Theologie. Aber inhalt­lich langt der Einspruch aus Erlangen ja auch nicht aus.

Werner Tiede bindet die Heils­bedeutung des Todes Jesu ("für uns gestorben") an die Vorstellung eines Sühn­opfers. Er übersieht, dass seine Gegner gerade diese Heilsbedeutung erhalten wollen, indem sie die Opferbegriffe relati­vieren.

Und er übersieht, dass schon das Neue Testament damit begonnen hat, indem es verschiedene Bilder für das Bekenntnis der Heilsbedeutung verwendet, kultische und juristische.

Darum noch einmal zur Erinnerung für Verunsicherte: Jesus starb als letztes Opfer am Versöhnungstag (Hebräer 9) oder als Opferlamm zum Passa (Johannes 1). Sein Tod war ein Lösegeld (Markus 10) oder dass Einlösen eines Schuldscheins (Kolosser 2). Diese Bilder wider­sprechen sich im Detail.

Aber sie stimmen darin überein, dass Jesus einen Tod der Treue starb, der Treue zu seiner Botschaft von der Liebe Gottes. "Das Angemessenste dürfte es demnach sein, diese Bilder und Begriffe gleichberechtigt Seite an Seite stehen zu lassen." (Friedrich Avemarie zz 03). Dann kann sich jeder oder jede an die Form halten, die ihm oder ihr nahe kommt. Das würde mehr Respekt vor der Bibel und vor denen, die sie lesen, zeigen, als die doktrinäre Rechthaberei des Werner Tiede.

August Kunas, Ruhstandspfarrer aus Berlin

Vom Feldherrnhügel herab

Der zeitgeitsbeflissene Dünkel all jener Theologen und Theologinnen, die dem Kreuzestod den überlie­ferten Tiefensinn rationalistisch absprechen, "widert" Werner Thiede, "inzwischen nur noch an." Ich räume ein: Für manchen der in seinem Visier befindlichen Theologinnen und Theologen kann das stimmen. Für alle sicher nicht.

Ich fand bei Albert Schweitzers Forschungsreise durch die "Geschichte der Leben-Jesu-Forschung", wie er auf Forscher gestoßen war, die ihrer neuen Er­kenntnis zu bis dahin unumstößlichen Wahrheiten über Jesus nicht leichten Herzens vertreten haben. Von daher verbietet sich meines Erachtens ein solcher Rund­umschlag im Blick auf die von Ihnen Gemeinten.

Thiede urteilt von einer dogmatischen Position aus wie von einem Feldherrnhügel, auf dem er sich sicher fühlt, der aber in neuester Zeit sehr um­kämpft ist. Umkämpft von solchen, die zu einem anderen Verständnis des Kreuzestodes Jesu gekommen sind als die gedeutet habenden Vor­paulinen, als Paulus und die Nachpaulinen. Die zu diesem anderen Verständnis gekommen sind aus neuen religionsgeschichtlichen, aus religionsgeschichtlich-kulturellen Erkenntnissen, die dann schließlich auch zu neuen exegetischen Ergebnissen geführt haben.

Den Weg, der zu diesen neuen Ergebnissen geführt hat, nimmt Thiede leider nicht auf. Er gibt nur die für ihn ent­scheidenden Teile dieser Ergebnisse wieder, um den "Dünkel" oder die "Kokettiererei mit der intellektuellen Redlichkeit" bei den von ihnen Gemeinten zu begründen.
Ich sehe indessen in dieser Nichtaufnahme des Weges, den die Gemeinten gegangen sind, auch die Gefahr, dass es nur zu
einem gebrochenen Urteil über das Ergebnis der Vertreter der neuen Kreuzestodtheologinnen und -theologen kommen kann. Die damit verbundene Anwiderung überzeugt darum nicht. Man sollte mehr zu verstehen suchen, wie jemand zur neuen Sicht bei einer alten Aussage gekommen ist. Der Leser könnte sich dann auch eher ein eigenes Urteil bilden.

(pixelio.de)
Hildebrand Henatsch, Ruhestandspastorin aus Hamburg

Ein Hoffnungszeichen

Wie man die Kritik der Sühnopfervorstellung in der Be­mühung um eine zeitgemäße Interpretation der Heilsbotschaft Jesu Christi als "widerwärtigen Dünkel" und als "arrogantes Kaputtreden" der Heilsbotschaft abqualifizieren kann, ist mir unver­ständlich. Es geht doch hier nicht um ein "Kokettieren" mit der intellektuellen Redlichkeit, sondern in der Tat darum, sich intellektuell redlich der Herausforderung einer zeitgemäßen Inter­preta­tion der biblischen Botschaft zu bemühen. Die Autoren der neutestament­lichen Schriften haben doch auch die Botschaft Jesus Christi - sein Leben, sein Sterben am Kreuz - zeitgemäß verstanden, das heißt, im Horizont des antiken Weltbildes und im Rahmen vorgegebener religiöser Vorstellungen zur Sprache gebracht.

Die Sühnopfervorstellung als Interpretation der Heilsbedeutung Jesus Christi, wie sie Paulus verwendet, bringt das Gegenüber des Men­schen vor Gott in der Sprache des antiken, des jüdischen und heidnischen Opferkultes zum Ausdruck. Schon in der Verkündigung Jesu, wie sie in den Evangelien bezeugt wird, ist diese Opfertheologie über­wunden. Die Gnade Gottes bedarf hier keiner Sühne, sondern als voraussetzungslose Güte und Annahme des schuldigen Menschen (siehe Gleichnis vom verlorenen Sohn) eröffnet und ermöglicht sie die Umkehr und Erneuerung des Men­schen. Der Jesus der Evangelien opfert sich nicht für unsere Sünden, sondern er ruft in seine Nachfolge, - ruft heraus aus der Ver­strickung in Eigensucht und Selbst­recht­fertigung auf seinen Weg der Liebe und Ver­gebung.

Wie Thiede die Kreuzigung, diese grauenvolle, qualvolle Hinrichtung Jesu, als "von reiner Liebe motiviertes Geschehen" verstehen kann, in dem Gott sich selbst in seinem Sohn hingibt, ist mir unver­ständlich und erscheint mir ein sadomasochistisches Konstrukt von Liebe zu sein.

Mir gibt die Kreuzigung Jesu Christi zu verstehen, dass Gottes Liebe nicht an ihr Ende kommt. Hier wird der Gekreuzigte zum Hoffnungszeichen.

Dr. Anne Schmidt aus Nürnberg

Geist statt Buchstabe

Erstens: Die Wortwahl "widerwärtiger Dünkel" darf nicht toleriert werden, wenn Christen angesprochen werden, die sich ehrlich darum bemühen, die christliche Botschaft in unserer Zeit zur Geltung zu bringen. Zweitens: Das Zitieren einzelner Bibelstellen zur Be­gründung von Glaubenssätzen sollte nicht mehr praktiziert werden. Es fiele leicht, entsprechende GegenBibelstellen zu zitieren.

Es geht um den Geist, nicht um einzelne Buchstaben. Drittens: In der Dogmatik müsste eine versöhnte Vielfalt herrschen. Weil
die Men­schen verschieden sind, kann und soll man sie nicht auf einheitliche dog­ma­tische Aussagen ver­pflichten. Viertens: Die Energie, die auf die Erwiderung in der dogmatischen Frage aufgewandt wurde, wäre sehr viel besser in ethischen Fragen ein­gesetzt, das heißt es sollte im Christentum - seit Jesus - nicht um Lehrmeinungen gehen, sondern um Nachfolge.

Prof. Dr. Bernd Schmidt aus Nürnberg

Richtiger Ton?

"Dieser zeitbeflissene Dünkel ..., dieses arrogante Kaputtreden..., dieses Kokettierten mit der intellektuellen Redlich­keit..., dieses doktrinäre Drängen nach Entmythologisierung..." - Ist das der Ton, der ent­gegen­kommendes Verständnis und gegenseitige Toleranz bezeichnet?

Ist sich der Autor so sicher, dass sein Weg der einzig gangbare ist, um ein in unserer Zeit vertretbares Christsein zu ermöglichen? Der
Artikel verrät auch im Folgenden durchgängig eine aggressive Einseitigkeit, die betroffen und unglücklich macht. In zz 03/10 wurden zum Thema "Für uns gestorben / War der Tod Jesu ein Sühnopfer?" zwei Beiträge veröffentlicht, die unter­schiedliche Vorstellungen erläutert haben. Dieses Vorgehen zeigt das Bemühen, eine offene und vorurteilsfreie Diskussion um ein gewiss schwieriges Thema zu er­möglichen. Es ist daher nicht verständlich, warum in zz 04/10 hierzu nochmals ein einzelner Beitrag veröffentlicht wurde, der doch eher dem konservativen Funda­mentalismus zuzuordnen ist und das dazu in einem Umfang von drei vollen Seiten.

Prof. Enno Silomon aus Hannover

Neuerliches Angewidertsein

Ich finde es bedauerlich und nicht nachvollziehbar, dass zz den Artikel "Widerwärtiger Dünkel" von Herrn Thiede als Sachbeitrag "nachgereicht" hat. Als Leserstimme wäre dieses Pamphlet akzeptabel gewesen. So aber entbindet es neuerliches Angewidertsein, nämlich gegen die Art und Weise, wie Werner Thiede praktiziert, was er den geschmähten Kolleginnen und Kollegen dünkelhaft vorwirft.

Auch er kokettiert mit der intellektuellen Redlichkeit, die Andersdenkenden recht deutlich abge­sprochen wird. Und er zitiert in diesem Bemühen um Verstehen und Erfassen eines der tiefsten Geheim­nisse des christlichen Glaubens doch auch nur Stimmen der Auslegungstradition und bleibt das Anteilgeben an der eigenen Glaubenssicht schuldig. Ich glaube, dass Theologie­treiben als Auseinandersetzung zur Lebensgestaltung in der Kirche nur noch wenig beiträgt und deshalb kaum Zukunft hat.

Jochen Vollmer aus Reutlingen

Allzu lieblose Apologie

Werner Thiedes Apologie der Sühnetoddeutung im
trinitarischen Horizont ist lieblos, weil sie von vielen Christen und Christinnen nicht nachvollzogen werden kann. Sie gibt die Universalität des Evangeliums preis. Thiede fragt nicht, ob seine Deutung des Todes Jesu der Botschaft Jesu entspricht.

Jesus hat am Sühnekult des Tempels vorbei und vor (!) seinem Kreuzestod Gottes Vergebungsgüte bedin­gungslos für den Sünder in Anspruch genommen. Am Kreuz von Golgatha ist - vor allen theologischen Kon­strukten - ein Mensch, der Gott angerufen hat, und nicht Gott selbst, unter unsäglichen Qualen gestorben.

Wenn Thiede die Kritiker der Sühnopfertheologie nur noch anwidern, dann ist dies keine gute Voraussetzung für die Bezeugung des Evangeliums gegenüber den Zeitgenossen, die mit eben dieser Sühnetoddeutung die größten Schwierigkeiten haben. Wie Paulus den Menschen aus der Völker­welt das Evangelium be­zeugt hat, ohne ihnen die Annahme der Tora zur Bedingung zu machen, so müssen wir heute das Evangelium bezeugen, ohne unsere Zeitgenossen auf die Sühnetoddeutung festzulegen.

Dr. Erich Rüpper, Ruhestandspfarrer aus Hamburg

Missverstandene Opfertheologie

Eine sich dem Zeitgeist anbiedernde Theologen­schaft begleitet die Kirche in ihrer Geschichte. Waren es zur Zeit des Nationalsozialismus die Deutschen Christen, die das Wirken Gottes in der Erscheinung des Führers priesen, so biedern sich zur Zeit nicht wenige dem modernen Men­schen an, dem man ange­blich die sogenannte Opfertheologie nicht zumuten kann. Werner Thiede hat hierzu das Notwendige gesagt.

Die Kehrseite der missverstandenen Opfertheologie ist, das ich - der Mensch - Sünder bin und der Vergebung Gottes be­darf. Da aber dieses Thema auf Kanzeln und im privaten Leben tabu ist, und ich mir selber meine Sünden ver­gebe, in hart­näckigen Fällen zum Psychiater gehe, ist auch eine Opfer­theologie obsolet, nur ein Ärgernis.

(pixelio.de)
Klaus-Peter Lehmann

Keine heidnische Magie

Man müsste im Neuen Testament gewaltig streichen, wollte man leugnen, dass es hier um Opfer geht. Hier wie im Alten Testament geht es darum: An welchen Gott binde ich mein Leben?

Die Passion Jesu gilt als Lösegeld für die vielen Völker, als Lamm, das die Sünde der Welt trägt. Der Messias Jesus will den Exodus der Menschheit aus ihrer ungerechten Götzenwelt (1. Thessalonicher 1,9). Die Tür zur Frei­heit ist geöffnet, in ihren Raum müssen wir selber hineingehen.

Ob dieses Zusammen von Gottes gnädigem, heteronomem Tun und der autonomen Ant­wort der Menschen in einer "Sühn­opfer"-Theologie gewahrt bleibt, wage ich trotz der Ausführungen von Christoph Morgner zu bezweifeln. Die heidnische Magie, die diesem Begriff anhaftet, lässt sich nicht abwaschen.

So steht auch - Zentralstelle für den angeblichen Sühnopfertod Jesu (Römer 3,24 f.; Luther 1984) - im Griechischen wie auch bei Luther 1545: Gnadenstuhl. Es handelt sich um den Deckel auf der Toralade im Heiligen Zelt. Von dorther sprach Gott mit Moses (2. Mose 25,22). Beim Opfer geht es um die menschliche Antwort auf sei­ne Begegnung mit dem barmherzigen Gott Israels und seiner Forderung nach Gerechtigkeit.

Martin Böpel, em. Studienrat aus Oststeinbek

Bitte Toleranz

Seien Sie doch bitte etwas toleranter, lieber Herr Thiede! In derselben Ausgabe, in der Ihr Sühnopfer-Rechtferti­gungs­artikel steht, wird an den Humanisten Melanchthon erinnert und an seine Offenheit für die (nicht-christ­lichen) Klassiker der Antike, die Neu­gier und das Faible für fremde Kulturen, für die verschiedenen besonnenen Haltungen zu sich und der Welt.

Wenn Sie mit Zorn auf die Gedanken von Men­schen wie Heiko Rohrbach, Klaus-Peter Jörns, Claus Petersen, Willigis Jäger, Friedrich Schorlemmer reagieren, de­nen ich Besonnenheit und ernsthaftes geistiges Ringen keineswegs abspre­chen kann, dann fallen Sie hinter Melanch­thon zurück.

Blicken Sie doch mal der Tatsache ins Auge, dass es gebildete Christen gibt, die Ihrem Sühn­opfer-Verständnis, trotz aller biblisch-begründeter Orthodoxie, nicht (mehr) so viel abgewinnen können wie Sie. Ich habe mich Ende der Sech­ziger­jahre ebenfalls sehr mit diesem theologi­schen Streit um die Rechtfertigungslehre befasst, es war ja damals mit Karl Barth und der "liberalen Theologie" nicht anders, und ich muss sa­gen, es haben mich bestimmte Anlie­gen beider Lager überzeugt.

Die hohe Schule eines theologischen Denkens, das zu dem Schluss kommt, Gott selber habe sich in Christus aus lauter Liebe zu den Menschen zum Opfer gemacht, kann ich immer noch schwer nachvollziehen.

Andererseits ist mir wohl klar, dass Jesu Tod und Auferstehung als etwas sehr Zentrales, ein Geschehen "für uns" (ohne unser Ver­dienst oder Mitwir­kung) gesehen werden muss. Ich zitiere noch einmal aus dem Artikel von Petra Bahr: "Auch die christliche Lehre von der Rechtferti­gung aus Gnade bleibt ein theore­tisches Konstrukt, wenn die Erfahrung unbedingten Angenommenseins mit der je eigenen Lebensge­schich­te und den je eigenen Bildungs­erfolgen nicht ernst genommen werden." Besser kann ich meinen Appell für  mehr Toleranz auch nicht begründen.

 

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