zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Himmlische und irdische Körper

In biblischen Geschichten ruft die Sternenästhetik Ethik hervor

Marcus A. Friedrich

Der Mensch und sein Verhältnis zu den Sternen wird in den biblischen Büchern vielfältig behandelt. Von der Schöpfungsgeschichte bis zur Apokalypse, von Abrahams Segen bis zu Jesu Geburt - die Sterne gehören zum metaphorischen Material jüdisch-christlicher Glaubensgeschichten, zeigt Marcus A. Friedrich, Pastor in Leck/ Nordfriesland.

"Der Stern von Bethlehem", Bildpostkarte nach einem Aquarell von Paul Hey (1867-1952). (Foto: akg-images)
"Der Stern von Bethlehem", Bildpostkarte nach einem Aquarell von Paul Hey (1867-1952). (Foto: akg-images)

Es ist lange Nacht im Dezember, jedenfalls im nördlichen Europa. Einige Wochen leben die Menschen im Dunkeln, bevor sie ab Weihnachten zeitlich und sinnlich das Licht der Welt wieder Tag für Tag länger erblicken können. Zweifellos war es ein genialer Einfall, damals vor etwa 1.750 Jahren, als Hippolit von Rom den Geburtstag Jesu Christi und den Feiertag des unbesiegbaren Sonnenkönigs zur Wintersonnenwende zusammenlegte und so die hellenistischen, kosmischen und atmosphärischen mit den geistlichen Bewegungen des Christentums in einen Rhythmus brachte.
Heute kann man es sich eigentlich auf der Nordhalbkugel gar nicht anders vorstellen. So sind diese Tage auch alltagsrituell geprägt von Erfahrungen der Dunkelheit und von kleinen, feinen Lichterscheinungen am dunklen Himmel: So tritt manch eine nach getaner Arbeit vor die Tür ins Dunkel, und vor dem Heimgehen hält sie kurz inne, beugt den Kopf in den Nacken, und ihr Blick wandert zum schwarzen Himmel. Wenn da oben statt regenreicher Wolken klare Sterne funkeln, dann atmet die menschliche Seele tief aus: Alles in Ordnung.
Biblisch gesehen in der Ordnung des vierten Schöpfungstages: Gott hat Licht und Dunkelheit geschieden und setzt ein starkes Licht für den Tag, ein schwaches für die Nacht, und - fast ein wenig beiläufig - die Sterne an den Himmel, so erzählt der jüdische Mythos von der Erschaffung der Welt.

Also: Alles in scheinbar bester, unverrückbarer Ordnung. Es ist zwar dunkel, aber das Licht ist nicht aus. Die Sterne funkeln ja. Tag und Stunde lassen sich mit diesem Rhythmus von Hell und Dunkel überhaupt erst bestimmen, auch darauf wird im ersten Buch Mose hingewiesen, und auch den Jahreslauf zeigt der Sternenhimmel. Er ist aber mehr als nur ein himmlisches Urwerk, das dort abläuft. Der Mensch staunt und setzt sich in Beziehung zu den Sternen in den Weiten des Himmels, des Alls. Und diese Beziehung von Kosmos und Individuum fällt in der biblischen Überlieferung vielfältig aus. 

So entspricht der grandiosen himmlischen Weite und Schönheit des Himmels oft ein "Alles hier unten ist verschwindend gering" - und das wird seit jeher persönlich genommen: "Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast, was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?" fragt der Psalmist im berühmten achten Psalm.

Diese Fragen beschäftigten auch Abraham, den ersten großen "Sternengucker" der Bibel, ein bescheidener, vielleicht auch ein melancholischer Mensch. "Herr mein Gott, was willst du mir geben? Ich gehe dahin ohne Kinder." Auch er tritt vor die Tür, legt den Kopf in den Nacken und sieht den unendlich klaren und vollen Sternenhimmel. Gott fragt: "Weißt du, wie viel Sternlein stehen?" Abraham weiß es nicht. Aber die Sterne spiegeln alles andere als Nichtigkeit und Kleinigkeit des menschlichen Daseins. Sie sollen nach Gottes Willen die vielen Nachkommen anschaulich machen, die aus Abrahams Stamm kommen werden. Allen "gebähr-imperialistischen" Phantasien zum Trotz - die Botschaft ist großartig, dass jeder Mensch, der geboren wird, wie ein Stern im Dunkel der Welt ist. Das Niemandsland, das Abraham bevorsteht, der schwarze Fleck auf der Landkarte wird ausgeleuchtet werden, durch die vielen einzelnen, großen und kleinen Leuchten. Sie werden es bewohnen und selbst persönlich erhellen, wie Sterne. Aber wodurch? Der Mensch phosphorisiert nicht.

Himmelsästhetik und Menschenethik

Es geht um ein anderes Leuchten. Man kann es mit Worten eines traditionellen Gospels umschreiben "This little light of mine, I´m gonna to let it shine", oder den Philosophen Immanuel Kant zitieren: "Der gestirnte Himmel über mir und das Sittengesetz in mir." Das sind alles Übersetzungen des Auftrags, der den Glaubenden seit Abraham mit auf den Weg ins Dunkel der Welt gegeben ist. "Du bist gesegnet, und du wirst ein Segen sein." Sternenästhetik ruft Ethik hervor, schickt den Menschen in zweierlei: Glauben und Tun des Gerechten.

Diese Sternengeschichte gibt den Auftakt für die anhaltende Verknüpfung von beseeltem Individuum und Sternenzelt, für Himmelsästhetik und Menschenethik und für die Analogien in Makro- und Mikrokosmos, in den jüdisch-christlichen Glaubensphantasien der Menschen. Die Sterne wirken dabei nicht irgendwie an sich schicksalhaft, sondern sie sind und bleiben kreative Metaphern der zweiten Bitte im Vater Unser "Dein Wille geschehe, wie im Himmel so auf Erden".

Kleiner Zwischenruf: Kann man nach allen Erkenntnissen über das kopernikanische beziehungsweise wissenschaftliche Weltbild des Alls eine derart naive Sternenkunde betreiben? Es ist heute zum Beispiel historisch-kritischer Standard, den hellen Stern über Bethlehem mit der astronomischen Überdeckung von Jupiter und Saturn des Jahres sieben vor unserer Zeitrechnung zu verbinden. Auch wenn das unter Konfirmanden immer noch ein Aha-Erlebnis ist, ist theologisch damit noch überhaupt nichts Erhellendes gesagt. Der systematische Theologe Michael Welker hat im Gespräch mit dem Prozessphilosophen Alfred N. Whitehead den so genannten "gesunden Menschenverstand" und die vorneuzeitliche Sicht im Umgang mit dem, was religiös "Himmel" genannt wird, rehabilitiert. Das ptolemäische Weltbild habe in erkenntnistheoretischer Perspektive seine Legitimität. Mit menschlichem Augenmaß betrachtet, ist und bleibt das All auch heute der für die menschlichen Sinne überdimensional große, relativ unzugängliche Bereich des Kosmos - selbst in Zeiten, in denen Sonden zum Mars fliegen. Der Mensch kommt heute wie damals an Grenzen der Vorstellungskraft im Hinblick auf den Himmel ebenso wie an Grenzen der Vorstellungskraft im Hinblick auf die Gottheit. Wenn Gott als all-mächtiger und all-gegenwärtiger Schöpfer gilt, dann auch durch seine Beheimatung in diesen unendlichen Weiten von Sternennebeln, schwarzen Löchern und Galaxien. Gottes Weite und die Weite des Himmels entsprechen einander. Deswegen gehören im ersten und zweiten Testament die Sterne zu den "Himmlischen Heeren" und werden zu Aktanten im unmittelbaren Machtbereich eines dem Menschen mehr oder weniger fernen Gottes, sie sind seine "Himmelskrieger" (Jesaja 40, 26; Richter 5, 12).

Aber die Sterne sind nicht Gott. Die Sterne sind keine Autoritäten an sich, wenngleich sie scheinbar göttliche Merkmale mitbringen. Sie haben, so ist unter anderem bei Hiob zu lesen, Gott zu loben. Immer wieder wird im ersten Testament davor gewarnt, das, was vor Augen ist, an die Stelle des Unfassbaren zu setzen. "Hebe auch nicht deine Augen auf gen Himmel, dass du die Sonne sehest und den Mond und die Sterne, das ganze Heer des Himmels, und fallest ab und betest sie an und dienst ihnen. Denn der Herr, dein Gott hat sie zugewiesen allen anderen Völkern unter dem ganzen Himmel." (5. Mose 4, 19)

           Nach den Sternen können wir nicht greifen,
       ohne uns an Gott zu vergreifen.

Klar ist benannt, was uns Menschen unterstellt ist und wem wir unterstellt sind. "Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, was ist der Mensch?", fragt Psalm acht, aber er stellt auch fest: "Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott. Du hast ihn zum Herren gemacht über Deiner Hände Werk." Zwischen Himmel und Erde sind wir aufgestellt. Indes, der Griff nach den Sternen ist gefährlich. Hybris und Allmachtsstreben werden als ein Eingriff in Gottes exklusive Räume beschrieben. Nach den Sternen können wir nicht greifen, ohne uns an Gott zu vergreifen. Und dennoch können Machthungrige es nicht lassen: "Du aber gedachtest in deinem Herzen: Ich will in den Himmel steigen und meinen Thron über die Sterne Gottes erhöhen, ich will mich setzen auf den Berg der Versammlung im fernsten Norden." (Jesaja 14, 13) Das Unmögliche zu ermöglichen und Macht im Reich der Sterne zu gewinnen, Luke Skywalker zu sein, das ist ein Stück der Faszination von "Starwars" ebenso wie von vermeintlichen Raketenabwehrschilden im All. Dabei ist ziemlich klar, was bei solchen menschlichen Verhebungen passiert: Mit der Verletzung der Grenzen endet auch der Segen für die Nächste, den Nächsten. Stattdessen: "Come on baby, drive my car, yes, I´m going to be a star, come on baby drive my car and maybe I love you"!

Dieses Sternensolo endet in einer Verfinsterung des Himmels, einer Verdunklung der Sterne, warnen die Propheten Amos, Joel, Jesaja. Am apokalyptischen Schluss scheint dann gar nichts mehr. "Des Herrn Tag ist Finsternis und nicht Licht." (Amos 5, 18) Die Beziehung zu Gott ist unterbrochen.

Manchmal scheint sich der Himmel aber auch ohne Grund, trotz einer glaubenden Gottergebenheit zu verdunkeln und die Sehnsucht nach den Lichtern am Himmel und dem Guten im Herzen zu sterben. An Hiob wird einzigartig vorgeführt, wie die totale Krise des Individuums Phantasien über die Verfinsterung des ganzen Kosmos hervorruft. So wünscht er sich: "Siehe, die Nacht sei unfruchtbar und kein Jauchzen darin. (...) Ihre Sterne sollen finster sein in ihrer Dämmerung. Die Nacht hoffe aufs Licht, doch es komme nicht, und sie sehe nicht die Wimpern der Morgenröte." (Hiob 3, 8–9) Zieht sich Gottes Güte ganz zurück, so wird sich auch der Himmel dauerhaft verfinstern. Gott sieht mich nicht, weil er sich auf den äußersten Rand zurückgezogen hat, fürchtet Hiob. Und die Folge ist zum Himmel schreiendes Unrecht.

Die Geburtsgeschichte Jesu, erzählt nach Matthäus, steht als Sternengeschichte in deutlichem Gegensatz dazu. Plötzlich, mit den drei Astronomen aus dem Morgenland, kommt Stimmung in den Himmel. "Als sie den Stern sahen, wurden sie sehr erfreut." (Matthäus 2, 10) Da bricht ein Stern aus den Ordnungen der himmlischen Bevölkerung aus und zieht eine Bahn, die es so vorher noch nie gegeben hat. Dieser Stern verändert das himmlische Gesamtbild. Er wandert als Wegweiser am Himmel entlang, und bleibt - recht grotesk - über einem Stall stehen. Das erste Mal wird ein lebendes Individuum unmittelbar und positiv mit einem Stern identifiziert - "Wir haben seinen Stern gesehen" - und so als himmlisch, göttlich gekennzeichnet. Die Verheißung des Propheten Bileam (4. Mose 24, 17) kommt Matthäus dafür wie gerufen. Sein zweites Kapitel ist die Auslegung von dessen Aussichten: "Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von nahem. Ein Stern wird aus Jakobs Stamm aufgehen."

               Der Stern von Bethlehem lässt die
         Transzendenz in der Immanenz aufleuchten.

Die Menschen sind gerufen, sich aufzumachen und Licht zu werden, denn ihr Licht kommt. Aber die Sternenkorona als Insignium der Herrschaft erhöht nicht etwa den Herrscher Jesus. Es ist umgekehrt. Der Himmel kommt auf die Erde, das Kind selbst leuchtet in der Finsternis, Gottes Sohn lässt sich mit bloßem Auge erkennen. Mit dieser Sternenwanderung wird die kosmische Ordnung erneuert. Gegenüber den Sternen-Vorstellungen der jüdischen Überlieferung passiert zu Jesu Geburt ein Quantensprung: Nicht nur im Bild der Kindschaft, auch in der Sprache der Sterne kommt der Himmel auf die Erde. Deswegen hat sich der Schweif am Stern ikonographisch durchgesetzt. Er macht genau diese Bewegung vom Himmel auf die Erde deutlich. Und wieder die Brechung im Evangelium, Jesus ist nicht der Stern, aber der Stern steht über ihm und kennzeichnet sein göttliches Wesen wie eine Korona. Es ist das theologische Verdienst von Matthäus, Christologie astrologisch oder besser astro-metaphorisch fundiert zu haben. Ein zauberhaftes Bild für das Eindringen der Transzendenz in die Immanenz der Welt. Eigentlich läge es näher, vom Freudenstern, als von der Freudensonne zu singen.

Die Nachfolgenden Christi und die Gemeinden des frühen Christentums mussten damit umgehen lernen, dass Gottes Sohn eine andere Art Star war, als sie es sich erhofft hatten. Und doch hat er den Menschen Gottes Segen näher gebracht, als sie es erwartet hatten. Denn die neue Herrschaft der Himmel durchbrach die Dimensionen von oben und unten. Das neue Himmelreich verknüpfte diesseits und jenseits. Die ersten aber starben und die große Apokalypse blieb aus, jene radikale Neuordnung der Welt, bei der sogar die Sterne vom Himmel fallen sollten (Matthäus 24, 29). Und eine Frage wurde immer dringlicher: Werde ich im himmlischen Sternenreigen dabei sein? Der Prophet Daniel hatte noch über die neue Welt gesagt: "Viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne im Himmel." (Daniel 12, 2–3) Diesmal hatte Daniel die Eindrücke des Sternenhimmels mit gerechtem Reden und Handeln in Zusammenhang gebracht.

Alles, sichtbar und unsichtbar, ist Schöpfung Gottes.

Paulus musste anders an das Problem herangehen, denn er hatte im Lichte von Jesus Christus zu buchstabieren, was Auferstehung bedeutet. Dazu entwickelte er in 1. Korinther 15 eine ästhetische Kosmologie der Differenz: "Es gibt himmlische und irdische Körper; aber eine andere Herrlichkeit haben die himmlischen und eine andere die irdischen. Eine andere ist die Schönheit der Sonne, eine andere ist die Schönheit des Mondes, und eine andere die Schönheit der Sterne, ein Gestirn unterscheidet sich nämlich von einem anderen in seiner Schönheit." Paulus zieht eine Linie von der vielfältigen Gestalt der Himmelskörper des Makrokosmos bis in den Mikrokosmos der vielfältigen menschlichen Körper hinein. Alles, sichtbar und unsichtbar, ist Schöpfung Gottes. Im irdischen Menschen hat die Schönheit des Himmlischen, Ewigen genauso ihren Raum wie in seinem Weltraum.

Kein Grund zur Sorge also, sondern ein gelassener Blick auf die schaukelnden Sterne an den Weihnachtsbäumen ist angesagt. Nicht einer, sondern viele, in vielerlei Gestalt verschieden, sind es doch alles Sterne, Zeichen der himmlischen Bevölkerung. Die alte Geschichte von Abrahams Sternensegen wird neu geschrieben. Himmel und Erde kommen nahe, Menschen wirken wie segensreiche Leuchten. Das ist auch ein Bild zur Ehre Gottes vom Frieden auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Erschienen in zeitzeichen 12/2008.

 

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