Nicht ganz so konservativ
Was von dem neugewählten Moskauer Patriarchen Kyrill zu erwarten ist
Die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROK) ist mit 150 Millionen Mitgliedern die größte orthodoxe Kirche der Welt. Welche Aufgaben auf ihr neues Oberhaupt warten, und wie er sie anpacken wird, skizziert der Züricher Ostkirchenexperte Gerd Stricker.
Mit Patriarch Kyrill, der am 28. Januar zum Oberhaupt der Russischen Orthodoxen Kirche gewählt wurde, wird es der Westen nicht leicht haben. Zwar hatte sich der Metropolit von Smolensk und Königsberg früher einmal als Aktivist in der Ökumene einen Namen gemacht. Doch seit Jahren wirft er den Kirchen im Westen vor, die biblischen Grundlagen verlassen zu haben und zur Entkirchlichung beizutragen, unter anderem durch die Frauenordination und die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare.
"Bei Patriarch Kyrill weiß der Westen immerhin,
woran er ist."
Dabei lehnt Kyrill den ökumenischen Dialog keineswegs ab. Doch für ihn ist klar: Die Orthodoxie ist die einzige wahre Kirche Christi. Der neue Patriarch legt großen Wert auf eine enge Zusammenarbeit von Staat und Kirche. Und der Ökumenische Patriarch in Konstantinopel und die Kirchen russischer Provenienz im Ausland, die sich Moskau nicht unterstellen wollen, werden vermutlich noch stärkeren Druck spüren als bisher.
Bei Patriarch Kyrill weiß der Westen aber immerhin, woran er ist. Offen, intelligent, durchsetzungsfähig und pragmatisch wird er anstehende Probleme angehen und der langen Erstarrung der Russischen Orthodoxen Kirche ein Ende bereiten. Und das Fenster zur Ökumene wird offen bleiben, wenn auch vielleicht nicht allzu weit.
Der 62-Jährige, zwanzig Jahre Außenminister des Moskauer Patriarchats und zuvor zehn Jahre Rektor der Geistlichen Akademie im damaligen Leningrad, stieg zum starken Mann in der Kirche auf, als der herzkranke Patriarch Alexei nicht mehr in der Lage war, diese wirklich zu führen. So wurde der machtbewusste Kyrill, der in allen Medien und bei vielen Veranstaltungen mit kulturellem, nationalem und auch politischem Hintergrund präsent ist, im vergangenen Dezember, nach dem Tode von Alexei, zum Verweser des Patriarchenthrons gewählt.
Vor seiner Wahl zum Patriarchen diffamierten Kyrills ungemein aktive Gegner ihn lautstark als "Manager", "Reformer" und "Modernisten", dessen Religiosität sehr zu wünschen übrig lasse. Sein Gegenkandidat war Metropolit Kliment, der als mächtiger Verwaltungschef des Patriarchats alle Fäden in der Hand hält: Er kennt jeden Bischof und seine Schwächen. Der 59-Jährige versuchte jene für sich zu mobilisieren, die den Reformwillen, die Durchsetzungskraft und die Intelligenz Kyrills fürchten. Kliments Hausmacht bestand aus Konservativen, Ultra-Orthodoxen und Anti-Ökumenikern. Auch Klöster, geistliche Akademien und Priesterseminare hatten sich mehrheitlich hinter ihn gestellt.
Satte Mehrheit
Der dritte Kandidat war Metropolit Filaret, Oberhaupt des weißrussischen Exarchats: Er sollte wegen seines Alters eine Alternative zu den beiden Gegenkandidaten bilden und als Übergangspatriarch wirken, damit in der Kirche wieder Ruhe einkehre. Aber kurz vor der Wahl trat der 73-Jährige zugunsten von Kyrill zurück.
Ende Januar kam das Landeskonzil, die höchste Vertretung der Russischen Orthodoxen Kirche, in Moskau zusammen. In ihm waren alle 195 Bischöfe sowie Vertreter der Klöster, Priester und Laien aus allen Bistümern vertreten. Insgesamt waren 702 Personen aus 64 Ländern angereist. Denn dem Moskauer Patriarchat unterstehen orthodoxe Russen in allen Nachfolgestaaten der Sowjetunion, in vielen Auslandsbistümern Europas und Amerikas sowie in der Russischen Orthodoxen Auslandskirche, die sich am 17. Mai 2007 mit dem Patriarchat vereinigt hatte.
Kyrill errang eine satte Mehrheit von 72 Prozent der Stimmen (508 von 702). Dieses Ergebnis stellt für den künftigen Patriarchen eine solide Vertrauensbasis dar, so dass er seine Vorstellungen umsetzen kann. Nach zehnjähriger Erstarrung braucht die Russische Orthodoxe Kirche nun eine Umgestaltung an Haupt und Gliedern, eine Perestroika, und zwar nach innen wie nach außen. Auf allen Ebenen müssen kirchliche Amtsträger ersetzt werden, die an ihren Ämtern kleben und nur eigenen Interessen folgen. Die völlig undurchsichtige Verwaltung ist umzustrukturieren und wieder handlungsfähig zu machen. Denn zuletzt wurden drängende Entscheidungen endlos verschleppt. Auch die Priesterausbildung bedarf einschneidender Reformen. Die Wiederherstellung der Ordnung in der Kirche ist ein Hauptwunsch vieler Gläubiger.
Viele Gläubige hoffen, dass er die Zerstrittenheit
der Kirche beendet.
Die Erwartungen an den neuen Patriarchen sind also gewaltig. Große Teile der Gläubigen hoffen, dass er mit seinem Durchsetzungsvermögen auch der extremen Gruppenbildung und den Flügelkämpfen in der Kirche entgegentritt, den ultraorthodoxen, xenophoben Strömungen Einhalt gebietet und die Zerstrittenheit der Kirche beendet.
Diese war unter Kyrills Vorgänger Alexei entstanden. Dessen Wahl 1990 hatte sich in der chaotischen Endphase von Michail Gorbatschows Perestroika vollzogen, als die sowjetischen Mechanismen, auch die der Kirchenlenkung, nicht mehr funktionierten. Früher bestimmte die oberste sowjetische Religionsbehörde einen Kandidaten, der dann in offener Abstimmung "gewählt" wurde. Am 8. Juni 1990 fiel der Kandidat des Regimes, den jeder als solchen kannte, jedoch im ersten Wahlgang durch. Als wichtigste Kriterien galten damals langjährige Erfahrung in der Leitung einer Eparchie - und keine allzu große Nähe zum kommunistischen Regime.
Metropolit Alexei von Leningrad hatte 30 Jahre lang die Eparchien Reval (Tallin) sowie Leningrad geleitet. Hinsichtlich einer Kollaboration mit dem Regime war er (trotz späterer Kollaborationsvorwürfe) weniger belastet. Und dass er väterlicherseits von lutherischen Deutschbalten abstammte - sein bürgerlicher Name lautete "Alexander Graf von
Rüdiger" -, fiel in der Hektik von 1991 nicht ins Gewicht.
Staat und Kirche
Die Behauptung, Patriarch Alexei habe das Wiedererstehen der russischen Kirche herbeigeführt, trifft so nicht zu. Vielmehr setzten die Präsidenten Boris Jelzin und Vladimir Putin nach dem Zerfall der Sowjetunion der Kirchenverfolgung ein Ende und gaben der orthodoxen Kirche, anfangs nur zögernd, Abertausende von verstaatlichten Kirchen, Klöstern und Priesterseminaren zurück, aber längst nicht alle.
Putin wollte Russland mit einer orthodoxen Gloriole versehen und ging direkt auf die Kirche zu, er wollte "sein" Russland in die Tradition des Zarenreiches stellen. Und die ROK sollte die "Russländische Föderation" legitimieren und geistlich überhöhen. Wann immer sich die Gelegenheit ergab, zeigte sich Wladimir Putin, der sich 1999 als orthodox geoutet hatte, mit einer Kerze vor einer Ikonostase oder gemeinsam mit dem Patriarchen, in dessen Amtsräumen, in Klöstern oder bei staatlichen Anlässen. Bischöfe weihen Staatsgebäude, Kriegsschiffe, Kampfflugzeuge, Panzer und Atomwaffen.
Bei öffentlichen Auftritten des Patriarchen oder der Bischöfe sind militärische Ehrenkompanien fast obligatorisch. So ermöglichte Putin jene Nähe von Staat und Kirche, die Kommentatoren zuweilen veranlasst, das Moskauer Patriarchat als "Staatskirche" zu bezeichnen.
"Der russische Staat benutzt die Kirche zu seiner Prachtentfaltung."
Viele Bischöfe und Priester sonnen sich im neuen staatlichen Wohlwollen. Und der großrussische Patriotismus findet in der orthodoxen Kirche viele Anhänger. Der russische Staat benutzt die Kirche zu seiner Prachtentfaltung, aber auch zur Hebung der Moral im Lande. Jedoch werden zentrale Wünsche der Kirche vom Staat nicht erfüllt. Mit Verweis darauf, dass in Russland Staat und Kirche getrennt seien, ist auf nationaler Ebene jegliche Form des Religionsunterrichts an den Schulen untersagt; in einzelnen Regionen gibt es ihn trotzdem.
In der Kirche selbst trat Patriarch Alexei eher als moralische Instanz denn als Kirchenpolitiker hervor. Er trat progressiven Tendenzen entgegen und begünstigte das breite konservative Spektrum. Infolge seiner Herzkrankheit entglitt ihm allmählich die Führung - er wurde zu einer Art Ikone. Es formierten sich konkurrierende Machtzentren und einander ideologisch bekämpfende Flügel und, noch zu seinen Lebzeiten, peinliche Machtkämpfe um die Nachfolge in seiner Kirche.
Erschienen in zeitzeichen 03/2009.
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