zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Mehr Prophetie wagen

Wie ein Katholik die evangelische Kirche mit ihren Stärken und Schwächen erlebt

Matthias Drobinski

Unter dem EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber hat die evangelische Kirche ihr Profil geschärft. Das hat dem ­Protestantismus gut getan, wenn gegenüber Muslimen und Katholiken auch ein wenig mehr Gelassenheit angemessen wäre.

(Foto: Stefan Müller-Naumann)
(Foto: Stefan Müller-Naumann)

Die erste evangelische Christin in meinem Leben war die Mutter meines Vaters. Aber inmitten der katholischen Übermacht der Verwandten zählte das nicht viel. Ihre Kinder wurden katholisch erzogen. Der Protestantismus meiner Großmutter zeigte sich darin, dass sie allein mit ihrem Herrn Jesus ausmachte, was sie vielleicht besser dem griesgrämigen Opa gesagt hätte, und sie strahlte eine fröhliche, gottvertrauende Zuversicht und Ergebenheit aus.

Dann zogen wir aufs oberhessische Dorf, und die Evangelischen waren auf einmal in der Überzahl, sehr in der Überzahl. Sie staunten über unseren regelmäßigen Gottesdienstbesuch und wir über ihre Geschenke zur Konfirmation. Es waren die Siebzigerjahre, die Gemeinden wagten Ökumene. Es gab gemeinsame Bibelabende, die evangelischen Pfarrer gingen gemeinsam mit dem katholischen Amtsbruder in die Bütt, und heute weiß niemand mehr, wer bei wem das Abendmahl und die Kommunion empfing. Später gingen die evangelischen Pfarrer zur Friedensdemo, was ich klasse fand. Das war auch die Zeit, als an der Schule in Gießen die pietistischen Gruppen stark wurden, die so dicke mit Jesus waren, dass sie ihn abkumpeln durften.

Diskussionsfreude und Weltverbesserung

Wir staunten übereinander – und blieben uns fremd. Näher waren mir die Kirchentage mit ihrer Diskussionsfreude und ihren Manifestationen: Weltverbesserung! Jetzt! Beschlossen bei drei Enthaltungen. Es war nah und fremd zugleich, das Evangelische. Nah in der Sehnsucht nach Freiheit im Glauben: Bitte Protestanten, rettet uns arme Reformkatholiken! Fern in der Nüchternheit, den kargen Gottesdiensten, dem Überzeugungsstarren. Und dann, auf einmal, durfte ich über sie schreiben, die Evangelischen.

Ich begann das, als sie in der Selbstbewusstseinskrise steckten. Es war doch der evangelische Geist der Freiheit, der die friedliche Revolution in der DDR ermöglicht hatte. Es waren die evangelischen Gruppen, die den Konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Europa vorangetrieben hatten.

Doch wenig blieb von der Aufbruchstimmung rund um das Jahr 1989. Die Leute traten aus der Kirche aus, seit die Regierung einen Solidaritätszuschlag ungefähr in Höhe der Kirchesteuer erhob. Ihre Kirche, der sie bislang in Treue ferngestanden hatten, erschien ihnen bestenfalls nett zu sein, repräsentiert von Menschen, die es gut mit ihnen meinten, in Cordhosen und Schlabberrock daherkamen, aber dann doch belanglos und zu teuer waren.

Politisch unbedarft und nicht kampagnenfähig

Die evangelische Kirche stritt bitter darüber, ob homosexuelle Paare gesegnet werden dürfen oder ob sie von Abschiebung bedrohten Flüchtlingen Kirchenasyl ge­währen solle. Die Friedensethik passte auf einmal nicht mehr, als im ehemaligen Jugoslawien der Krieg ausbrach. Und dann führte die Regierung unter Helmut Kohl die Pflegeversicherung ein und der Kanzler der Einheit opferte zur Finanzierung den arbeitsfreien Buß- und Bettag, den einzigen bundesweit geltenden evangelischen Feiertag im Jahr.

Der Versuch, ihn per Volksabstimmung wieder einzuführen, scheiterte kläglich. Politisch unbedarft und im Zweifel nicht kampagnenfähig, so stand die evangelische Kirche da, nackt im kalten Wind der Säkularisierung. Sie schien die Kraft ihres Glaubens vergessen zu haben, die Stärke ihrer Theologie zwischen Martin Luther und Rudolf Bultmann, Dorothee Sölle und Ernst Lange, und nicht zu vergessen: das Anrührende ihrer Paul-Gerhardt-Lieder.

Es ist schon erstaunlich, wie sehr sich das Bild innerhalb eines guten Jahrzehnts gewandelt hat. Die Kirche, die einst nackt im Wind stand, hat sich wärmer angezogen, sie bewegt sich und hat es geschafft, der Erstarrung zu entkommen. Nein, es rennen ihr die Eintrittswilligen nicht die Tür ein, und sie werden es auch in Zukunft nicht tun. Aber der evangelischen Kirche ist es gelungen, die mentale Abwärtsspirale zu stoppen, auf der sie vor einem Jahrzehnt nach unten trudelte.

Mentale Abwärtsspirale gestoppt

Sie hat es in einigen Bereichen sogar geschafft, den Trend umzukehren. Der Prozess begann bereits unter Präses Manfred Kock, dem Ratsvorsitzenden der ekd von 1997 bis 2003. Unter seinem Nachfolger, dem Berliner Bischof Wolfgang Huber, verstärkte, beschleunigte und radikalisierte sich dieser Prozess. Keiner suchte und fand wie er die Öffentlichkeit mit seiner rhetorischen Kraft und intellektuellen Brillanz die Synode, das Kirchenparlament der EKD, und zog seine Projekte gegen alle Widerstände durch. Das Impulspapier "Kirche der Freiheit" zeigt die Stärken der Visionen Bischof Hubers, aber auch die Grenzen, die in einem solchen Vorhaben liegen - vielleicht liegen müssen.

Das Zukunftspapier des Rates der EKD vom 1. Juli 2006 - da war die Hälfte von Hubers Amtszeit herum - war eine Art Handstreich-Aktion zur Überrumpelung der bedenkenträgerischen Protestanten in Deutschland. Es wurde zunächst einer kleinen Gruppe von Journalisten vorgestellt, dann erst in die evangelische Öffentlichkeit verschickt. Das Papier propagierte zum Teil absurd unrealistische Ziele: Die Kirche solle wachsen gegen den Trend und mehr statt immer weniger Gottesdienstbesucher anziehen, und statt 23 Landeskirchen solle es am Ende nur noch zwölf geben.

Stillschweigend hat die EKD sich inzwischen von diesen Zielen verabschiedet. "Kirche der Freiheit" war ein Konzept für die Stadt, für Ballungsräume, mit der Vorstellung von den "Leuchttürmen", Gemeinden mit speziellen Schwerpunkten und Angeboten, Zentren des Protestantismus, die in die säkulare Welt strahlen - das flache Land mit seinen eigenen Stärken und Problemen blieb unterbelichtet. Das Papier misstraute den Pfarrern und hielt sie unterschwellig für unbeweglich.

Sprache der Unternehmensberater

Und es bediente sich einer Unternehmensberater-Sprache, die in der Öffentlichkeit auf Kritik stieß: "Taufquote" - das Wort hatten die Autoren des Impulspapiers gewählt, um den Pfarrern zu verdeutlichen, dass es sehr wohl Kriterien gibt, an denen sich Erfolg und Misserfolg ihrer Arbeit messen lässt. In der Öffentlichkeit aber entstand der Eindruck: Hier versucht eine Technokratentruppe, die Kirche im Stile einer Unternehmensberatung auf Vordermann zu bringen.

So stieß die Vision von der effizienten "Kirche der Freiheit" auf breite Kritik. Trotzdem hat das Impulspapier in drei Jahren einiges bewegt. Es hat in der evangelischen Kirche das Bewusstsein geweckt, dass es nicht so weiter gehen kann wie bisher, wenn die religiöse und kirchliche Landschaft in Deutschland vor einem tiefgreifenden Wandel steht. Vielleicht waren gerade die Überzeichnung und die Zuspitzung nötig, um hier etwas zu bewegen. Es hat die Überzeugung gestärkt, dass in der evangelischen Kirche die Gottesdienste berührender, die Predigten besser, die Gemeinden einladender werden müssen, dass in einem sich säkularisierenden Land die Zeit kirchlicher Insiderkultur und Selbstbespiegelung vorbei sein muss.

Bischof Huber startete den Reformprozess in einer Zeit, in der die evangelische Kirche in Deutschland neidvoll nach Rom blickte und auf die Pracht der Bilder und Riten, die mehr sagten als tausend Worte aus Hannover: Im April 2005 war Papst Johannes Paul II. nach langem Leiden gestorben. Millionen Gläubige machten sich zur größten Pilgerfahrt der Kirchengeschichte auf. Und dann wählten die Kardinäle Joseph Ratzinger, den deutschen Präfekten der Glaubenskongregation zum Papst. Der hatte zum Weltjugendtag in Köln mehr als eine Million Menschen versammelt und plante gerade seine Bayern-Reise, als Huber das Impulspapier öffentlich machte.

Neidvoller Blick nach Rom

Tatsächlich: Die evangelische Kirche entkam der Vergessensspirale. Einmal, weil die Begeisterung über den deutschen Papst bald abzunehmen begann. Dann durch einen großen und ebenfalls medienwirksamen Kirchentag in Hannover 2005 und die Eröffnung der neu aufgebauten Frauenkirche in Dresden. Und schließlich durch den Reformprozess. Die evangelische Kirche hielt einen großen Zukunftskongress in Wittenberg ab. Und im vergangenen Monat folgte in Kassel ein weiterer. Die EKD hat Zentren für Predigt, Gottesdienst und Mission geschaffen. Die ersten Landeskirchen haben fusioniert, die Struktur der evangelischen Kirche in Deutschland, die lange selbst Kirchenmitgliedern ein Rätsel war, ist transparenter und straffer geworden. Und überall werden Gemeinden zusammengelegt - weil es weniger Geld und Gläubige gibt, aber auch, damit sie zu neuen Zentren des Glaubens werden.

Ende des Monats endet Hubers Amtszeit, in der sich die evangelische Kirche geändert hat wie seit Ende der Sechzigerjahre nicht mehr. Sie wurde streitbar und auch strittig und machte sich auf einen Weg, den kein neuer Ratsvorsitzender einfach beenden kann, was auch keiner der möglichen Nachfolgerinnen und Nachfolger will. Und doch hat der Reformprozess seine Grenzen und Kosten.

Technokratische Überlegungen
tragen zur Marginalisierung bei

Zum einen trägt der Reformprozess an den Problemen jedes Konzentrations- und Zentralisierungsprozesses: Er verringert Nähe und verlängert Wege, vernachlässigt ge­wachsene Traditionen und kleine Biotope. Zentralisierungsprozesse sind großartig für alle, die sie organisieren, die in der Zentrale tätig sind sind und dorthin streben.

Für die am Rande, an der Peripherie, ist Zentralisierung dagegen schlecht. Die Kirche sieht sich aber von ihrem Auftrag her verpflichtet, die am Rande nicht zu vergessen. Keine der Landeskirchenfusionen ist oh­ne Konflikte und Ver­let­zungen über die Bühne ge­gangen, ohne die Angst der Kleineren, von den Großen marginalisiert zu werden. Ge­rade auf dem Land be­trachten vie­le Protestanten, Laien wie Pfar­rer, den Re­formprozess mit Skepsis.

Rich­tige Opposition gibt es zwar kaum noch, doch auch nicht mehr als Einsicht in die Notwendigkeit, in einen fernen, von technokratischen Überlegun­gen geprägten Pro­zess, der neue Ferne statt neuer Nähe schafft, ein Akt der Verwaltung und nicht des Glaubens. Es ist ein Zeichen, dass die berlin-brandenbur­gischen Sy­nodalen einen aus der Pe­ri­phe­rie zum Nach­folger Bi­schof Hubers ge­wählt ha­ben, Markus Dröge aus Kob­lenz, einen Mann mit Ge­mein­de­erfahrung und pastoraler Wärme.

Verstärkte Binnenorientierung

In den vergangenen Jahren hat sich die Binnenorientierung verstärkt, obwohl der Reformprozess die Kirche doch werbend und anziehend machen soll. So wurde der Kampf um das Schulfach Religion in Berlin von vielen Bürgern nicht als Dienst an der Schule und an der Gemeinschaft wahrgenommen, die ein Schulfach Religion bereichert, sondern als den Versuch, Besitzstände zu wahren und zu vergrößern.

Das kostete die Kirchen bei der Abstimmung entscheidende Stimmen und offenbarte ein Dilemma: Es wurde gerade der evangelischen Kirche und ihrem medienwirksamen Bischof Huber angekreidet, dass sie nicht anders agierten, als eine Partei, ein Politiker, (der anderen Seite, dem rot-roten Senat, wurde das ungerechterweise durchgelassen).

Es zeigt ein Bedürfnis der Menschen in- und außerhalb der Kirche: Wenn der Protestantismus politisch wird, soll er prophetisch sein, da für andere, und sich nicht im Klein-Klein der Alltagspolitik verlieren. Das wird sicher nicht einfach gehen. Aber ein bisschen mehr Prophetie wagen könnte die Kirche schon.

Und dann geht die Profilierung der evangelischen Kirche manchmal auf Kosten der Anderen, vor allem der Muslime und der Katholiken. Im Verhältnis zu den Muslimen, vor allem den islamischen Verbänden, hat die evangelische Kirche einerseits zu einer Kritikfähigkeit gefunden, die sie lange nicht besaß. Sie hat sich aber auch eine Rhetorik der Differenz angewöhnt, die ihr - der im Dialog Überlegenen - nicht unbedingt steht, die Ressentiments fördert, welche ohnehin gerade wachsen.

Profilierung auf Kosten
von Katholiken und Muslimen

Andersherum ist der Umgang mit der katholischen Kirche immer noch mit einem latenten Unterlegenheitsgefühl behaftet: Da ist diese riesige, weltweite Organisation mit ihrer klaren Hierarchie und ihrem klaren Dogmengebäude, das selbst für kritische Katholiken den Vorteil hat, dass sie wissen, wogegen sie sind. "Erkennt uns endlich an", die Forderung der evangelischen Kirche ist berechtigt, wird mitunter aber mit einem füßchenstampfenden Habitus vorgetragen, der Katholiken nervt und Beobachter von außen er­staunt, weil es so aussieht, als hieße evangelisch sein vor allem: Gott sei Dank, wir sind nicht katholisch.

Es wäre furchtbar schade, wenn das so wäre. Weil die evangelische Kirche doch - und dafür darf man Gott danken - aus den gemeinsamen Wurzeln der Christenheit heraus etwas ganz eigenes ist, mit einem eigenen Verhältnis von Glaube und Vernunft, einem eigenen Verständnis von Freiheit und Glaube und dem Mut, sich auf die Welt einzulassen mit ihren Schönheiten und Abgründen, Paradiesahnungen und Brüchen.

So steht sie da, die evangelische Kirche. Tastet sich manchmal mehr voran auf ihrem Weg als dass sie losstürmt, sucht manchmal mehr, als dass sie weiß. Sie findet zusehends zu einer eigenen Spiritualität, was sie sich lange nicht getraut hat. Und wenn sie gut ist, tut sie es vorsichtig und schüchtern, ohne Schwulst und esoterischen Zauber. Vielleicht ist das gar nicht schlecht, das Tastende, Suchende, Entdeckende. Weil es näher an Bibel und Bekenntnis ist als das allzu Selbstgewisse.

Matthias Drobinski ist katholischer Kirchenredakteur der Süd­deutschen Zeitung.

Erschienen in zeitzeichen Oktober 10/2009.

 

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