Angst vor Unreinheit
Noch haben in den orthodoxen Kirchen die Männer das Sagen
Die Russisch-Orthodoxe Kirche stört es, dass an der Spitze der EKD eine Frau steht. Dabei ist deutlich: Auch in den orthodoxen Kirchen wird die Forderung lauter, die Stellung der Frau zu verbessern.
Der Dialog zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK) und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) konnte im vergangenen Jahr auf sein fünfzigjähriges Bestehen zurückblicken. Die offiziellen Feierlichkeiten, die für November in Berlin und für Dezember in Moskau geplant waren, wurden aber kurzerhand von beiden Seiten abgesagt. Im gleichen Atemzug stellte Erzbischof Hilarion, der Leiter des Außenamtes der ROK, die Fortsetzung des Dialoges grundsätzlich in Frage. Er begründete dies vor allem damit, dass mit Margot Käßmann eine Frau an der Spitze der EKD stehe, und man daher die Kontakte zur EKD nicht in der bisherigen Form fortführen könne.
Kirchenpolitische Erwägungen
Auch wenn man bezweifeln darf, ob damit der tatsächliche Grund für den angedrohten Abbruch der Beziehungen genannt war oder nicht eher kirchenpolitische Erwägungen und vermutlich auch persönliche Animositäten den Ausschlag gegeben haben, stellt sich die Frage: Wie ist eine solche Äußerung vor dem Hintergrund orthodoxer Theologie und Frömmigkeit zu verstehen? Und welche Bedeutung haben Frauen eigentlich in der orthodoxen Kirche, wenn die Wahl einer Bischöfin zur EKD-Ratsvorsitzenden offizieller Grund dafür sein kann, langjährige Kontakte auszusetzen?
Grundsätzlich stellt auch die orthodoxe Theologie heraus, dass die Heilszusage Christi allen Menschen gilt, unabhängig von ihrem Geschlecht. Die Taufe begründe die gleiche Würde aller Christen, ob Mann, ob Frau.
Diese Auffassung bedeutet allerdings nicht, so die 2000 veröffentlichte "Sozialkonzeption" der ROK, dass die natürlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern aufgehoben und die Berufung in gesellschaftliche und kirchliche Funktionen identisch wären. Mit Bezug auf die Schöpfungsberichte des ersten Mosebuches wird vielmehr die bleibende Verschiedenheit der Geschlechter betont, wobei mit "Verschiedenheit" nicht allein die körperlichen Besonderheiten gemeint sind, sondern zwei grundsätzlich unterschiedene Existenzweisen, die einer gegenseitigen Vervollständigung bedürfen. Die Kirche, betont die "Sozialkonzeption", erkenne die gesellschaftliche Gleichheit der Geschlechter an. Aber sie wehre sich gegen die Tendenz, die Rolle der Frau als Ehefrau und Mutter abzuwerten. Die Berufung der Frau bestehe nicht in einer mechanischen Nachahmung des Mannes und einem Wettbewerb mit diesem, sondern in der Entwicklung der der Frau von Gott gegebenen Fähigkeiten, die allein ihrem weiblichen Wesen eigen sind.
Keine Pfarrerinnen
Mit Blick auf die biblische und kirchliche Tradition wird dann begründet, warum Frauen generell nicht in den geistlichen Stand aufgenommen werden dürfen: Jesus Christus sei als Mann in die Welt gekommen, und er habe nur Männer in die apostolische Nachfolge berufen. Dem entsprechend hätten seit der frühesten Zeit der Kirche bis in die Gegenwart hinein auch nur Männer kirchliche Ämter bekleidet. Denn nur sie könnten in der Liturgie den Sohn Gottes symbolisch darstellen. Zwar hätten Frauen immer am Aufbau der Kirchengemeinden mitgewirkt und seien an liturgischem Leben, Mission, Verkündigung und religiöser Erziehung beteiligt gewesen. Aber selbst die Gottesmutter, die hochverehrt werde, habe keine im engeren, liturgischen Sinne priesterliche Funktionen übernommen. Zudem habe der Apostel Paulus den Frauen im ersten Korintherbrief ausdrücklich ein Schweigegebot für die gottesdienstliche Versammlung erteilt.
Oft werden in der Orthodoxie auch kanonische Bestimmungen angeführt, wie die Regel elf des Konzils von Laodicäa (343). Sie verbietet es den Gemeinden, weibliche Presbyter zu haben. Leitend bei diesen Bestimmungen ist dabei der alttestamentliche Gedanke der "kultischen Reinheit". Er ist auch für die sonstige Teilnahme von Frauen am gottesdienstlichen Leben maßgeblich. So ist Frauen in den orthodoxen Kirchen grundsätzlich untersagt, den Altarraum zu betreten.
Das zeigt sich bereits beim Eintritt in das kirchliche Leben: Am Ende des Sakraments der Taufe, während des Ritus der "Einkirchlichung", werden die Jungen in den Altarraum hineingetragen, Mädchen dagegen nur vor der "Königlichen Pforte" hochgehoben, der zentralen, nach Osten gerichteten Tür in der Ikonostase, der Wand, die den Altarraum vom Kirchenschiff abtrennt. Begründet wird dies damit, dass es nur Jungen möglich sei, Priester zu werden.
Idee der kultischen Reinheit
Nur einzelne, nicht mehr menstruierende Frauen dürfen nur in Ausnahmefällen den Altarraum betreten, um dort nach Ende des Gottesdienstes aufzuräumen.
Auch am Abendmahl dürfen Frauen nicht uneingeschränkt teilnehmen. So sind Frauen, die ein Kind bekommen oder auch eine Fehlgeburt erlitten haben, nicht zur Kommunion (und Beichte) zugelassen. Theoretisch dürfen sie nicht einmal die Kirche betreten. Für ihre Reinigung sind spezielle Gebete vorgesehen. Und wenn eine Wöchnerin ihr (krankes) Kind noch vor dem vierzigsten Tag taufen lassen möchte, darf sie bei der Taufe nicht anwesend sein, sondern nur aus der Entfernung die Taufe des eigenen Kindes beobachten - sofern der Priester nichts dagegen hat.
Auch unter orthodoxen Theologen stoßen diese Bestimmungen mittlerweile auf Kritik. Einige versuchen sie damit zu rechtfertigen, dass sich die Frau erholen kann, indem sie in der ersten Zeit nach der Geburt von sämtlichen kirchlichen Pflichten befreit wird.
Offiziell sind regulär menstruierende Frauen auch nicht zur Kommunion zugelassen. Diese Bestimmung wird allerdings weniger konsequent befolgt und unter orthodoxen Laien und Priestern wie auf offizieller kirchlicher Ebene (mit Berufung auf Markus 5, Apostelgeschichte 15 und die Didaskalia) in Frage gestellt.
Vor dem Hintergrund der genannten kanonischen Bestimmungen erscheint bemerkenswert, dass es innerhalb der orthodoxen Kirchen eine breite Diskussion zum Diakonat der Frau gibt, und viele immerhin ein Amt für Frauen befürworten, das sozial-karitativ ausgerichtet ist. Eine Gleichstellung mit dem sakramental verstandenen Amt des männlichen Diakonen ist aber nach wie vor umstritten. Dabei gab es im 20. Jahrhundert in Griechenland und Albanien Fälle eines sakramentalen Frauendiakonats. Und 1988 schlug eine panorthodoxe Konferenz, die auf Rhodos tagte, vor, ein solches Frauendiakonat - das von der Kirche nie aufgehoben worden war - wiederherzustellen. Ähnliche Vorschläge wurden auch auf panorthodoxen Begegnungen gemacht, vorher, wie 1976 in Rumänien, und nachher, wie vor zwei Jahren in Griechenland.
Debatte über Diakonat der Frau
Nun dürfen Frauen in orthodoxen Kirchen durchaus gottesdienstliche Funktionen übernehmen. Sie singen in Kirchenchören oder leiten diese als Kantorinnen. Und ohne Chöre kann kein Gottesdienst stattfinden. Frauen lesen Abschnitte aus der Bibel vor und auch Gebete zur und nach der Kommunion. Im kirchlichen Alltag leiten Frauen darüber hinaus Sonntagsschulen, lehren an theologischen Instituten (Universitäten, Geistlichen Akademien), arbeiten in orthodoxen Massenmedien, und sie sind sehr stark in die Sozialarbeit der Kirche einbezogen, ja organisieren diese größtenteils. Frauen wirken an der Ausstattung von Kirchenräumen und der Priestergewänder mit, sind Gemeindeälteste und vertreten den Ortspfarrer oft in Gemeindeangelegenheiten.
Eine Sonderrolle hat die Vorsteherin eines Klosters, die "Igumenia". Sie verfügt über große Autonomie in der Leitung ihres Klosters, darf dort alle Ämter besetzen. Wie der Priester trägt auch sie ein Brustkreuz, und sie wird - analog zur Anrede des Priesters als "Vater" - als "Mutter" angesprochen. Sie darf Laien segnen, und sie ist verpflichtet, mit ihren Nonnen geistliche Gespräche zu führen (im Kirchenraum kommt das einer Predigt gleich) und sich um ihr geistliches Wachstum zu kümmern.
Diese Rechte sind freilich nichtsakramentaler Natur. Die Igumenia darf zwar auch die Beichte abnehmen, aber nicht die Absolution erteilen. Das kommt allein dem Priester zu, was wiederum zu Folge hat, dass letztlich der Priester die Klosterdisziplin bestimmt. Denn er darf alle geistlichen Ratschläge der Igumenia hinterfragen und die Nonnen strafen oder belohnen.
Frauen in der theologischen Ausbildung
Noch in sowjetischen Zeiten machte die Russische Orthodoxe Kirche Frauen bei der theologischen Ausbildung Zugeständnisse. Der im vergangenen Jahr zum Patriarchen von Moskau und Russland gewählte Kirill I. richtete als Rektor der St. Petersburger Geistlichen Schulen den Studiengang Kirchenchorleitung ein und machte ihn auch für Frauen zugänglich. Seine erklärte Absicht war, Frauen über die kirchenmusikalische Grundausbildung hinaus das Theologiestudium zu ermöglichen.
Andere orthodoxe Kirchen verfügen seit vielen Jahrzehnten über eigene theologische Fakultäten an staatlichen Universitäten, an denen selbstverständlich auch Frauen Theologie studieren können.
Dass dies bis vor kurzem keine Selbstverständlichkeit war, liegt daran, dass das Theologiestudium unmittelbar mit der kirchlichen Praxis verbunden war, wobei unter "Praxis" ausschließlich der Altardienst verstanden wurde. Doch das hat sich auch in Russland in den vergangenen zwei Jahrzehnten geändert. So sind dort eine ganze Reihe von unabhängigen Studien- und Forschungseinrichtungen entstanden, an denen Laien Theologie studieren können. Und es ist Frauen mittlerweile erlaubt, sich in kirchennahen theologischen Einrichtungen einzuschreiben, obwohl sie zum Priesteramt nicht zugelassen sind.
An der Kirchenverwaltung sind Frauen nur in untergeordneter Weise beteiligt. Denn die synodalen und eparchialen Abteilungen der Verwaltung werden in der Regel von Geistlichen geleitet. Allein auf der Ebene der Sekretäre begegnen Frauen, ebenso in Ausschüssen, die in juristischer, pädagogischer und baulicher Hinsicht beratend tätig sind. Allerdings wirken nicht wenige Frauen auf der untersten kirchlichen Verwaltungsebene mit, in den Gemeinden als Kirchenälteste und in den Klöstern. Ebenso dürfen Frauen mittlerweile an den Landeskonzilen, einem weiteren Verwaltungsorgan, teilnehmen, wenn in der Regel auch nur Klostervorsteherinnen von diesem Recht Gebrauch machen.
Die hier beschriebene Rolle von Frauen wird auch unter Orthodoxen kritisch gesehen.So gab es in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe interorthodoxer Frauenkonferenzen und Konsultationen, auf denen insbesondere das Gebot kultischer Reinheit und die damit verbundenen praktischen Folgen problematisiert wurden. Die Frauenordination stand im Ansatz zur Diskussion, wohl aber wurden immer wieder dringende Empfehlungen an die Kirchenleitungen gerichtet, den Ritus der "Einkirchlichung" abzuändern, die Reinigungsgebete neu zu formulieren und die Einschränkungen bei der Teilnahme am Abendmahl aufzuheben. Mit Nachdruck wurde zudem die Wiederherstellung des sakramentalen Frauendiakonats gefordert. Viel offener noch wird in orthodoxen Internetforen diskutiert, und viel weitgehender sind hier auch die Forderungen. Sie lassen hoffen, dass es in den orthodoxen Kirchen in nicht allzu ferner Zukunft zu einer Neubestimmung der Rolle der Frau kommt, die die Ambivalenz der eigenen Tradition sowie - gegenwärtige Herausforderungen anerkennend - fragwürdig erscheinende Anachronismen überwindet.
Jennifer Wasmuth (Berlin) und Anna Briskina-Müller (Halle/Saale) sind Ostkirchenkundlerinne.
Erschienen in zeitzeichen Februar 02/2010.
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