Menschen, Tiere, Kürbisse
Die meisten Gesellschaften und Religionen kennen Opfer - blutige und unblutige
Opferrituale finden statt, um der Gottheit etwas darzubringen, für das man etwas anderes empfangen möchte: gute Ernte, Nachkommen, Rettung aus Gefahr oder Krankheit. Je lebensbedrohlicher die Situation, desto kostbarer das Opfer. Dahinter steht die Erfahrung: Der Tod des einen rettete den anderen das Leben.
"Der Höhepunkt der Zeremonie war gekommen. Die Zuschauer standen regungslos, sogar das Lärmen der Kinder war verstummt. Der Priester ergriff einen riesigen Kukri (Krummschwert). Er murmelte ein Gebet und reichte die Waffe dem Schlächter. Die Helfer zwangen den Büffel auf die Knie. Sie warfen ihm ein schwarzes Tuch über den Kopf und schoben den Hackblock unter seinen Hals. Der Schlächter hob das Opferschwert, visierte nochmals unter atemloser Spannung den Nacken des Büffels an. Ein Aufblitzen der Klinge und ein gellender Schrei der Zuschauer: der glatt abgetrennte Kopf des Tieres floh im Bogen durch die Luft und klatschte wenige Schritte vor mir auf den Boden. Das Blut schoß in starken Strahlen aus den durchtrennten Schlagadern und überschüttete Schlächter, Priester und die zurückspringenden Zuschauer. Die Helfer packten den Kadaver an den Hufen, und unter jubelndem Geschrei schleppten sie ihn um den Opferpfahl. Die Opferung war erfolgreich beendet, die große Göttin mußte zufrieden sein."
"Ein Aufblitzen der Klinge,
ein gellender Schrei der Zuschauer"
So beschrieb der Tibetologe René von Nebesky-Wojkowitz in seinem Buch Wo die Berge Götter sind (1955) das Opfer an die hinduistische Göttin Durga, das er 1951 in Darjeeling im östlichen indischen Himalaya miterlebt hatte. Und auch heute noch findet das Durga-Opfer dort jeden Herbst zum Fest der Göttin statt. In Mythen erscheint Durga als Töterin eines Büffeldämons, der die Welt bedroht, und in den Ritualen zu ihrem Fest werden Büffel geköpft, um es der Göttin gleichzutun.
Tieropfer, ja sogar Menschenopfer gab es in früheren Zeiten in fast jeder Religion, bei den Azteken und Inkas ebenso wie im alten Israel, in den Naturkulten Afrikas oder auch in Indien. Opferrituale finden statt, um der Gottheit etwas darzubringen, für das man etwas anderes empfangen möchte: gute Ernte, Nachkommen, Rettung aus Gefahr oder Krankheit. Und je lebensbedrohlicher die Situation, desto kostbarer das Opfer. Das wertvollste mögliche Opfer war ein Mensch. Menschenopfer brachte man dar, wenn es um Lebenswichtiges ging: die Rettung des Volkes, einer Gruppe oder eines wichtigen Einzelnen vor Gefahren.
Ein Beispiel für ein Menschenopfer zur Rettung der Gemeinschaft kennen wir aus der Bibel: Der auf einem Schiff vor Gott fliehende Jona muss ins Meer geworfen werden, um den Zorn Gottes von den anderen Passagieren abzuwenden. Interessanterweise schildert die Bibel, dass sich der Sturm tatsächlich sofort beruhigt und die Opferung Jonas also gewirkt hat. Auch der Tod Jesu im Christentum wird als wissentliches Opfer für die Rettung der Menschen vor dem Tod gedeutet. Für die Jünger Jesu, die einen Sinn in Jesu frühem Tod finden mussten, war dies offenbar die tröstlichste Deutung.Heutige Gegner werfen der Sühnopfertheologie und Abendmahlslehre denn gelegentlich auch vor, sich an antiken Menschenopfer- und Kannibalismusideen zu orientieren.
Angst vor Raubtieren – ein Urtrauma
Die weltweite Verbreitung des Menschenopfers und insbesondere sein paralleles, aber historisch voneinander unabhängiges Auftreten in der Alten und Neuen Welt deuten darauf hin, dass der Glaube an die Wirksamkeit des Menschenopfers auf elementaren Tatsachen der frühmenschlichen Wirklichkeit beruht.
Elementar sind zum Beispiel die Erfahrungen, die Menschen seit der Frühzeit mit einer der größten Gefahren ihrer Umwelt gemacht haben: der Bedrohung durch Raubtiere. Nach der amerikanischen Naturwissenschaftlerin Barbara Ehrenreich war die Angst, von Raubtieren gejagt und gefressen zu werden, ein menschliches Urtrauma. Wenn eine Menschengruppe von Raubtieren angegriffen wurde, dann gab es nur eine Möglichkeit der Rettung: Einer von ihnen wurde von den Raubtieren als erster erwischt oder von der Gruppe ausgeliefert. Der Tod des einen rettete den anderen das Leben. Wir alle kennen dies aus Afrikafilmen von Löwenangriffen auf Gazellen: Sobald die Löwen ein Tier geschlagen haben, grasen die überlebenden Gazellen ruhig weiter.
Wie man an den vielen raubtiergestaltigen oder über Raubtiere herrschenden Gottheiten in verschiedenen Kulturen erkennen kann, von den Jaguargöttern der mexikanischen Olmeken über die löwenbegleitete syrische Kybele und die tigerreitende Durga Indiens bis zu den zornigen tibetischen Schutzgottheiten mit ihren raubtierhaften Fangzähnen, wurde die Macht der Raubtiere über Leben und Tod als göttlich erfahren. Nach Ehrenreich ist ein Tier- oder Menschenopfer als rituelle Reinszenierung eines Raubtierangriffs zu deuten, bei dem sich der opfernde Mensch aus der Opferrolle befreit, indem er sich mit dem tötenden Raubtier identifiziert. Damit stehe das Blutritual symbolisch für den "Übergang des Menschen vom Beutetier zum beutemachenden Raubtier".
Angst vor dem eigenen Untergang
Das Blutopfer erwächst aus Angst. Wenn eine Person oder Gruppe sich selbst retten will, indem sie der verschlingenden Gottheit ein ausgewähltes Opfer darbringt, tut sie das aus Angst vor dem eigenen Untergang.
Ein Beispiel aus der europäischen Bronzezeit ist jenes archäologisch belegte Menschenopfer, das ungefähr 1700 Jahre vor Christus in Anemospilia südlich von Knossos auf Kreta dargebracht und dessen Überreste 1979 von dem griechischen Archäologenehepaar Sakellarakis ausgegraben wurde. Wie den Funden zu entnehmen ist, ahnten einige damalige Kreter offensichtlich ein großes Erdbeben voraus. So ergriff man einen Jüngling von etwa 18 Jahren, legte ihn in einem kleinen Tempel auf einen Opferaltar und schnitt ihm die Kehle durch. Das herausfließende Blut wurde von Helfern in den benachbarten Raum getragen und vor einem Götterbild deponiert.
Welche Gottheit es war, ist nicht mehr zu rekonstruieren: Denn ihr Standbild wurde in dem Erdbeben, das sie nicht verhinderte, zerstört. Der erste große Erdstoß erfolgte noch während des Opferrituals, der Priester fiel neben dem Opferaltar hin, sein Messer landete auf dem Geopferten. Einen der Helfer begrub das einstürzende Dach im Gang zwischen den beiden Räumen, und die Scherben des zweiten Blutkübels fand man neben ihm. Das hastig und sicherlich in großer Angst vollzogene Menschenopfer war umsonst gewesen, die Gottheit rettete Kreta nicht vor dem Untergang.
Rauschhafte Zustände
Aus Yucatan berichten Archäologen von einem Opferfund aus der Endphase des klassischen Maya-Reiches im 9. Jahrhundert nach Christus, bestehend aus dreißig gewaltsam abgeschlagenen Schädeln von je zehn Frauen, Männern und Kindern. Die offensichtliche Zahlensymbolik deutet darauf hin, dass es kein Kriegsmassaker, sondern ein Ritual war, - offenbar durchgeführt in Hast und großer Angst. Moderne Forschungen deuten darauf hin, dass in derselben Zeit eine große Dürre zum Untergang der Maya-Kultur beitrug, und vielleicht war dieses Opfer ein verzweifelter letzter Versuch, den Göttern Regen abzuringen.
Auch in Europa kannte man das Menschenopfer als Schutz vor Gefahr, zum Beispiel in Form des Bauopfers. Weit bekannt ist Theodor Storms Novelle Der Schimmelreiter. Sie erzählt von einem Deichgrafen, der sich weigert, beim Deichbau ein Tieropfer zu bringen, um den Deich zu sichern, und dann bei einer Sturmflut mit dem Leben bezahlt.
Während die das Menschenopfer auslösende Emotion vor allem Angst ist, werden während der Durchführung blutiger Opfer eher rauschhafte Zustände erfahren.
Wenn ein Opferpriester im Auftrag der um ihr Leben bangenden Gruppe die Waffe gegen einen Mitmenschen erhebt, verkörpert er für das Opfer die verschlingende Gottheit. Indem er sich die göttliche Entscheidung über Leben und Tod anmaßt, wendet er in einem "angstlösenden Machtrausch" (Barbara Ehrenreich) den Tod von sich und der gesamten opfernden Gemeinschaft ab. Die Selbstvergottung des opfernden Menschen kulminiert im Augenblick der Opfertötung. Er wird, wie vielen Quellen zu entnehmen ist, als ein Moment großer emotionaler Intensität, als Ekstase und Machtrausch, erfahren, der sich auf die ganze opfernde Gemeinde ausbreitet. In dem geschilderten indischen Büffelopfer bricht sich diese Intensität Bahn, als die gesamte Opfergemeinde im Augenblick der Büffeltötung laut aufschreit.
Selbstvergottung im Augenblick
der Opfertötung
Die religionsgeschichtliche Wichtigkeit dieses Augenblickes der Opfertötung ist von etlichen Forschern betont worden. Der Schweizer Altphilologe und Gewaltforscher Walter Burkert geht so weit, in der Opfertötung das menschliche "Grunderlebnis des Heiligen" zu sehen. Und ganz bestimmt ist in diesem Akt das von dem Marburger Theologen Rudolf Otto beschriebene mysterium tremendum, der unheimliche Aspekt des Heiligen, enthalten.
Eine unabdingbare Voraussetzung dafür, dass das Menschenopfer als religiös sinnvolles Handeln erlebt wurde, war die Hierarchisierung der Gesellschaft. Nur wenn man an den unterschiedlichen Wert von Menschen glaubte, war es möglich, Unterschiede zu konstruieren zwischen denen, die, und denen, für die geopfert wurde. Daher fanden- obwohl die Raubtierbedrohung zu den ältesten Menschheitserfahrungen gehört - die frühesten nachweisbaren Menschenopfer erst in der Bronzezeit statt. In ihr entwickelte sich durch Spezialisierung und Arbeitsteilung erstmals eine Aufteilung der Gesellschaft in verschiedene Schichten.
Manche traditionellen Gesellschaften verbanden die Macht über Leben und Tod untrennbar mit der Königswürde. In Tahiti protestierten denn auch Einheimische, als sie von Europäern gedrängt wurden, keine Menschen mehr zu opfern. Denn ohne Menschenopfer - wurde befürchtet - werde es auch keine Häuptlinge mehr geben.
Exekution als Menschenopfer
In der heutigen Zeit, in der die Gleichwertigkeit aller Menschen ungeachtet von Hautfarbe, Religion oder Geschlecht zum gesellschaftlichen Konsens gehört, widerspricht das Menschenopfer zutiefst der geltenden Ethik. Solange es den Glauben aber noch gibt, dass manche Menschen weniger wert sind als andere, wird auch das Menschenopfer nicht aussterben, sondern in mehr oder weniger bemäntelten Formen weiterleben.
Deutlich erkennbar als Form des Menschenopfers ist zum Beispiel die Exekution. Als ich 2001 am Hinrichtungstag eines Verbrechers in den USA das Geschehen im Fernsehen verfolgte, fühlte ich mich sofort ans Menschenopfer erinnert: ich sah einen genau vorgegebenen rituellen Ablauf mit dem Ziel, durch Tötung eines Einzelnen die Gesellschaft zu retten. Und die Medien interviewten die Angehörigen der Opfer des Verbrechers und interpretierten den Vorgang eindeutig religiös.
Ein anderes, noch dunkleres Kapitel des zeitgenössischen Menschenopfers sind bestimmte satanistische Untergrundkulte, in denen in religiösen Zeremonien Menschen, manchmal auch Kinder, rituell gefoltert und getötet werden. Die Ritualanleitungen dazu kann man ohne Einschreiten des Jugendschutzes im Buchhandel erwerben. Mir liegen einige vor, denen zum Beispiel zu entnehmen ist, dass in der Schwarzen Magie die Opfer, in denen Blut fließe, wirkungsvoller seien als solche, in denen das nicht geschehe, und dass ein Menschenopfer noch wirksamer sei als ein Tieropfer. Die dem Menschenopfer eigene Selbstvergottung des Opfernden ist in diesen Kulten besonders deutlich zu erkennen.
Eine moderne Form des Menschenopfers im Dienste eines vermeintlich höheren Ideals sind Selbstmordattentate wie im muslimischen Terrorismus oder in den Kamikaze-Flügen japanischer Soldaten im Zweiten Weltkrieg.
Opfer ohne Gewalt
Nicht nur das Menschen-, sondern auch das Tieropfer ist heute in vielen Religionen abgeschafft, im Judentum nach der Tempelzerstörung 70 nach Christus. Oder es ist durch Substitutsopfer ersetzt worden, wie den Teigfiguren im tibetischen Neujahrsfest. Manche als "Opfer" deklarierte Tiertötungen sind eher rituelle Schlachtungen zur menschlichen Ernährung, wie im islamischen Opferfest.
Ein besonders interessantes Substitutsopfer habe ich 2002 in Indien erlebt, und zwar in Darjeeling. Am selben Tag, an dem dort beim jährlichen Durga-Fest das oben geschilderte Büffelopfer stattfindet, wird in einem kleinen, von einer Priesterin geleiteten Tempel ein Ritual abgehalten, das ich "vegetarisches Büffelopfer" nenne: eine Form des Rituals, die es ermöglicht, Durga zu ehren, ohne einem Tier Gewalt antun zu müssen, entsprechend dem Tötungsverbot, das viele Hindus auch gegenüber Tieren einhalten. Im Tempelraum standen zahlreiche große und kleine Früchte, Kürbisse und anderen Gemüse, je auf vier Stöckchen als Beinen. Zwei weitere Stöckchen fungierten als Hörner: es waren symbolische Büffel. Zu monotonen Trommelschlägen tanzte sich die in das flammende Rot der Göttin gekleidete Priesterin in eine Trance, in der sie eins mit der Göttin wurde. In der rechten Hand schwang sie ein Krummschwert, mit dem sie tanzend einen der Gemüse-Büffel nach dem anderen durchhieb. Sofort nach jedem Schlag sprangen Assistenten hinzu und färbten die Schnittstellen mit rotem Pulver, um das fließende Blut anzudeuten. Später begannen auch die anderen anwesenden Frauen eine nach der anderen, zu tanzen und zerhieben ihre Büffel, was schließlich auch die Männer taten. Zum Schluss wurde aus all den Gemüsestücken ein großes, vegetarisches Opfermahl gekocht, zu dem vor allem die ärmeren Menschen des Ortes geladen waren.
Adelheid Herrmann-Pfand ist Religionswissenschaftlerin in Marburg.
Erschienen in zeitzeichen März 03/2010 .
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