Guter Einfluss
Absolutheitsanspruch heute
Insgesamt neun Theologen, Philosophen und Journalisten äußern sich zum Verhältnis von Religion und Politik - und bieten neben kenntnisreichen Analysen nationaler und regionaler Verhältnisse mögliche Ansatzpunkte für konstruktive Lösungswege.
Der Band ist das Ergebnis einer durch zwei Zeitungsartikel ergänzten Vortragsreihe im Rahmen des Wormser Forums Philosophie und Religion im Jahr 2007, bei dem Thesen Immanuel Kants Ausgangspunkt der einzelnen Beiträge waren. Insgesamt neun Theologen, Philosophen und Journalisten äußern sich zum Verhältnis von Religion und Politik - und bieten neben kenntnisreichen Analysen nationaler und regionaler Verhältnisse mögliche Ansatzpunkte für konstruktive Lösungswege.
Peter Steinacker bezieht sich in seinem Beitrag über "Toleranz, Absolutheitsanspruch und Kampf der Kulturen" zunächst auf die Religionskritik Karl Barths, Dietrich Bonhoeffers und Rudolf Bultmanns, die er letztlich alle in Korrespondenz zu Max Webers "Entzauberung der Welt zu ihrer Weltlichkeit" sieht. Und trotzdem, so seine These, seien Religionen unbedingt notwendig, weil sie am Kreislauf des ausweglosen Todes ansetzten und Überwindungsperspektiven formulierten. Problematisch sei dabei der Exklusivitätsanspruch des jeweilig angebotenen Heilsweges, der in Intoleranz münde und nur durch ein Modell gelöst werden könne, bei dem sich die Religionen gegenseitig den Absolutheitsanspruch zugestehen. Nur so ließen sich Relativismus und Fundamentalismus vermeiden. Dies alles, so sein Fazit, dränge zur nicht-religiösen Verfassung des Staates als dem einigenden Band.
Werner Zager, Herausgeber des Bandes, hebt in seinem Beitrag hervor, dass die Wurzeln der im Grundgesetz festgeschriebenen Rechte im christlich-jüdischen Menschenbild zu finden sind. Wie Steinacker sieht er im Grundgesetz eine gute Basis, kritisiert aber, dass ein Absolutheitsanspruch sich nicht mit den Prinzipien des säkularen Rechtsstaates vertrage. Dagegen lässt sich fragen, ob das Zubilligen des Absolutheitsanspruchs einem Anderen gegenüber mit einer radikalen Ethik nicht sehr wohl in Einklang zu bringen sei, wie sie etwa der jüdische Religionsphilosoph Emanuel Levinás vertreten hat.
Zager ist dagegen uneingeschränkt darin beizupflichten, dass die real existierende Demokratie in Deutschland einer kritischen Auseinandersetzung bedarf, weil sie Gefahr läuft, eine Parteienherrschaft zu werden.
Weitere Beiträge behandeln die Rolle des Fundamentalismus in den großen Religionen von Judentum (in Israel), Christentum (in den usa) und Islam (Pakistan).
Erfrischend unkonventionell ist der Beitrag von Ulrich Fritz Wondarzik, der "Philosophische Perspektiven zum Verhältnis von Religion und Politik" anbietet. Er sieht im Wechselspiel von Weltverantwortung und Gotteserfahrung den Schlüssel zum Verständnis der Geistesgeschichte, er nennt es das "humane Komplementaritätsprinzip". Gott ist der eigentliche Inhalt religiöser Vernunft. Es kann deshalb - mit Kant - bei allem Bemühen niemals darum gehen, die absolute Moral zu finden, sondern nur darum, sich immer auf die Suche danach zu begeben, indem Nächstenliebe oder die unbedingte Achtung des Anderen die Erkenntnis leiten. Der Einfluss der Religionen auf die Politik kann, auf diese Weise gezähmt, gut sein.
Werner Zager (Hg.): Die Macht der Religion. Wie die Religionen die Politik beeinflussen. Neukirchen-Vlyun 2008, 172 Seiten, Euro 16,90.
Erschienen in zeitzeichen 12/2008.
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