zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Experimentierfeld Ladenkirche

"Kirche der Laien" - ein Gemeindemodell mit Zukunft?

Barbara Schneider

Einer der bedeutendsten praktisch-theologischen Entwürfe des 20. Jahrhunderts ist der des Berliner Pfarrers Ernst Lange: In Berlin-
Spandau gründete er vor 50 Jahren zusammen mit Alfred Butenuth die Ladenkirche.

(Foto: Rolf Zöllner)
(Foto: Rolf Zöllner)

Wie jeden Morgen rauscht der Verkehr zweispurig den Brunsbütteler Damm entlang. Laut ist es vor dem Eckhaus Nummer 17, in dem heute ein Beratungszentrum für Migranten untergebracht ist. Wer nicht weiß, dass hier vor über vierzig  Jahren ein Stück Kirchengeschichte geschrieben wurde, geht achtlos vorüber. In dem unscheinbaren Eckhaus hatte über vierzig Jahre lang die von den Theologen Ernst Lange (1927-1974) und Alfred Butenuth gegründete "Ladenkirche" ihren Ort - 1960 gestartet, als praktisch-theologisches Experiment, das die sich verändernden gesellschaftlichen Verhältnisse in den Blick nahm und neue Formen von Kirche ausprobierte. 2004 wurde die Ladenkirche, ökonomischen Zwängen folgend, aufgelöst und der berühmt gewordene Runde Tisch ein paar Straßenzüge weiter in die Petruskirche, auf die andere Seite der Havel, verpflanzt.

Anregungen zur Ladenkirche erhielt Lange auf einer Reise in die USA im Jahr 1954: In New York hatte er den Slum East Harlem besucht und dort die Gemeindearbeit der East Harlem Protestant Church kennengelernt. Als "Dienstgruppe", wie sich die Gemeinde nach dem New Yorker Vorbild zunächst nannte, setzte es sich die neue Gemeinde in Spandau zum Ziel, in der Nachfolge Christi und in der Art Christi, in der Welt zu leben und das Gemeindeleben zu gestalten.

           Anregungen aus den USA

Zu Pfingsten 1960 wurde die Ladenkirche mit ihrem Versammlungsraum, Büro, Küche und Toiletten und einem Raum für die Kinder eingeweiht. "Hinter dem Experiment Ladenkirche stand die Frage, wie eine Kirche der Laien in einer Großstadt gestaltet werden kann", meint der Hamburger Praktische Theologe Wolfgang Grünberg. Das große einladende Schaufenster des ehemaligen Bäckerladens erinnerte an das Vorbild der New Yorker Gemeinde.

"Wir wollten für den Frieden etwas tun", erzählt Langes Freund und Weggefährte Alfred Butenuth. Lange - Sohn einer jüdischen Mutter, dessen Eltern infolge der Nürnberger Rassengesetze geschieden worden waren - und der Kriegsheimkehrer Butenuth hatten sich 1947 in Hamburg kennengelernt. Lange studierte zu diesem Zeitpunkt Theologie, Butenuth war gelernter Maurer. "Ernst Lange war ein besonderer Mensch, der hat mich fasziniert und gewonnen", sagt Butenuth. Der Maurer wollte sich zu diesem Zeitpunkt gerade zum Baumeister weiterbilden. Aber sein Freund Lange redete auf ihn ein, bis er extern das Abitur nachholte und Theologie studierte. "Wir fingen an, über Formen anderer Geselligkeit nachzudenken", sagt Butenuth. Über zehn Jahre später wird Butenuth Langes Vikar in der Ladenkirche.

Gemeinsam entwickeln sie ein bis dahin für Deutschland neues Gemeindemodell: Die Kirche sollte im Alltag der Menschen verankert werden - in Form eines Nachbarschaftszentrums mit Besuchsdiensten in Familien und bei Vereinen, gemeinsamen Seminaren und Nachbarschaftssonntagen. Nach längerem hin und her - auch der heutige Problembezirk Neukölln war im Gespräch - gab das Konsistorium schließlich Spandau den Zuschlag. In der Nachbarschaft vom Industriegelände entlang der S-Bahn, erhielten Lange und Butenuth ihr neues Gemeindegebiet. Hier erprobten sie gemeinsam das, was später in die theologischen Lehrbücher als "Kommunikation des Evangeliums" eingehen sollte. Eine Theologie, die im Gespräch verständlich wurde und bei der die Lebenswelt der Menschen einen wichtigen Platz bekam. "Wir wollten, dass die Theologie und die Predigt von der Gemeinde und ihren Bedürfnissen ausgeht", sagt der heute 86-jährige Butenuth.

                              Theologie: Im Gespräch verständlich

Einer, der von Anfang an als Gemeindemitglied dabei war, ist Fritz Schmichowski. Nach Zweitem Weltkrieg und Kriegsgefangenschaft in Russland kommt er nach Spandau, macht hier das Abitur nach, studiert schließlich Betriebswirtschaft. In der traditionsreichen St. Nikolaikirche heiratet er. Als 1960 das Gemeindegebiet geteilt wird, wird die Ladenkirche seine neue Gemeinde. Damals waren in der Gemeinde fast ausschließlich junge Familien mit Kindern, die ähnliche Probleme hatten, sagt der heute 83-Jährige. "Wir haben nie auf den Stand geguckt, wir waren Leute, die gemeinsame Bedürfnisse hatten." Alle waren, wird Schmichowski nicht müde zu betonen, gleichberechtigt.

Gemeinsam macht sich die Gemeinde auf den Weg, gestaltet Kirche und Alltag: Nach dem Gottesdienst bleiben die Gemeindemitglieder zum Kaffeetrinken zusammen, es wird ein Predigtvorbereitungskreis eingerichtet, bei dem die Pfarrer zusammen mit den Laien den jeweiligen Predigttext besprechen. Ein Raum des Ladens wird zum Kindersaal, hier betreuen Konfirmanden während der Predigt die Kinder, spielen mit ihnen. "Da haben teilweise schon die Kinder die Eltern in den Gottesdienst gezogen, weil sie dort eine schöne Stunde hatten", sagt Schmichowski.

Aber auch außerhalb des Gottesdienstes wird die neue Gemeinde aktiv: Sie besuchen neu Hinzugezogene, regelmäßig finden im Laden Elternseminare statt. Eigenverantwortlich organisiert die Gemeinde Ausflüge bis nach Italien. Mit den Konfirmanden geht Schmichowski in die Unternehmen und Betriebe vor Ort. Die Jugendlichen sollen die Arbeitswelt kennenlernen. "Wir wollten eine Gemeinschaft haben, bei der die Bedürfnisse und Interessen der Gemeindeglieder im Mittelpunkt stehen", sagt Schmichowski. Als sein schwerbehinderter Sohn geboren wird, findet er Unterstützung in der Gemeinde, ganz praktisch. "Wir waren eine Gemeinde und haben uns gegenseitig geholfen", sagt er. "Das ist das A und O vom Laden, dass man mit seinen Anliegen und Bedürfnissen fragen konnte und über die Gemeinde Ratschläge gekriegt hat."

Verantwortung und Wertschätzung der Gemeindemitglieder sind die tragenden Säulen des Konzepts. So setzt die Gemeinde durch, dass im Kirchenkreis Spandau, anders als in den anderen Berliner Kirchenkreisen, das Superintendenten-Amt abgeschafft und durch ein Leitungsgremium ersetzt wird. Eine Veränderung, die bis heute eine Besonderheit in der Berliner Kirchenlandschaft ist. Und in der Gemeinde legen der Pfarrer und sein Vikar den Talar ab, um zu signalisieren: Geistliche und Gemeinde stehen auf einer Stufe. Ein Vierteljahr lang macht Ernst Lange sogar ein Praktikum bei der Waggonfabrik Orenstein und Koppel.

      Religiöse Sprachfähigkeit der Laien

Im Mittelpunkt des Gemeindelebens steht der Gottesdienst am Runden Tisch. Was in der Praxis bedeutet: Die Gemeindemitglieder sitzen beim Gottesdienst rund um einen Tisch, nach der Predigt als Impuls sprechen sie über den Bibeltext. "Das spezifisch Neue der Ladenkirche war das Ideal der religiösen Sprachfähigkeit der Laien und der damit gegebenen Emanzipation der mündigen Laien von den Klerikern", sagt Grünberg, der in den Siebzigerjahren Pfarrer in einer Nachbargemeinde zur Ladenkirche, in der Heerstraße Nord in Berlin-Spandau war. "Der Runde Tisch symbolisiert den Austausch der Menschen auf Augenhöhe, also Herrschaftsfreiheit."

Die Theologie auf Augenhöhe hat Konsequenzen für die Predigt. "Die Predigt ist dafür verantwortlich, dass der Hörer seine Verantwortung, das Gehörte zu verstehen, wahrnehmen kann", beschreibt Ernst Lange das Geschehen im Gesprächsgottesdienst. "An dem Gespräch um den Glauben erwächst dem Prediger neue Herausforderung zur Predigt." Oder anders formuliert: "Die Kirche soll die Predigt als eine Phase im Gespräch der Glaubenden verstehen, in dem die Theologen lange Zeit die Hörenden, Lernenden, Befragten sind, um dann Antworten aus der Tradition zu geben, die wiederum im Gespräch auf ihre Relevanz zur Sache zu prüfen sind." Die Laien sind in dem praktisch-theologischen Entwurf Langes "Sachverständige des Alltags", die ihre Lebens- und Glaubenserfahrungen im Gesprächsgottesdienst einbringen.

Weil dem Alltag eine besondere Stellung eingeräumt wird, hat die Ladenkirche immer auch eine politische Dimension. "Die Ladenkirche ist ohne das politische Engagement nicht zu denken", sagt Alfred Butenuth. "Die Kirche hat eine politische und gesellschaftliche Aufgabe." Und so beteiligte sich die Gemeinde aktiv in Bürgerinitiativen gegen das Kraftwerk Oberhavel oder den später nicht weitergeplanten Giftmüllumschlagplatz. "Die Ladenkirche hat da sehr stark hineingewirkt." In ihren Gottesdiensten nimmt die Gemeinde die weltweite Christenheit in den Blick, was eine Weltkarte im Gottesdienstraum symbolisiert. Auch der Dritte-Welt-Laden in Spandau, der im vergangenen Herbst sein 30-jähriges Bestehen feierte, entstand auf Initiative der Ladenkirche.

                                           Politisches Engagement

In den Anfangsjahren strahlt die Idee der Ladenkirche, wohl auch wegen der regen publizistischen Tätigkeit Ernst Langes, binnen kürzester Zeit aus dem engen Westberlin bis in die Gemeinden Westdeutschlands. Die Ladenkirche wird in diesen Jahren Ziel eines regen Gemeindetourismus - Busse aus Westdeutschland und zahlreiche Theologiestudenten besuchen die Gottesdienste im äußersten Zipfel Westberlins. Die Ladenkirche ist "das vielleicht berühmteste Projekt der Kirchenreform-Bewegung in Deutschland", die etwa von 1960 an die deutschen Kirchen ein Jahrzehnt belebt, aufgeschreckt und mancherorts wohl auch verändert habe, schreibt Werner Simpfendörfer in seiner Ernst-Lange-Biografie.

"Die Ladenkirche war vom Charisma Ernst Langes geprägt", sagt der Pfarrer Karsten Dierks, der seit April 2002 Pfarrer in der Gemeinde St. Nikolai in Spandau ist und in dessen Amtszeit die Aufgabe des Standorts Ladenkirche fiel. "In den restaurativen Fünfzigerjahren war Lange der Prophet der neuen Zeit." Er habe deshalb viele Leute begeistert, weil er Christsein nicht in klerikaler Weise verkündigt habe. "Das hat ihn faszinierend gemacht." Wenige Jahre nur war Ernst Lange Pfarrer der Ladenkirche. Bereits zum Sommersemester 1963 ging er als Professor für Praktische Theologie an die Kirchliche Hochschule in Berlin, wo er seine praktisch-theologischen Überlegungen nun an seine Schüler weitergab. Zwar blieb er vorerst weiterhin der Ladenkirche verbunden, musste sein Engagement jedoch auch krankheitsbedingt einschränken. In den Folgejahren wurde zunächst Butenuth Pfarrer in der Gemeinde, später folgten andere nach.

"Die Ladenkirche wurde geschlossen, als das Gespräch gut lief", meint Butenuth. Bereits seit 1998 gehört die Ladenkirche wie auch die Petruskirche zur Gemeinde St. Nikolai. Im Gemeindezentrum der Petruskirche steht seit nunmehr sechs Jahren auch der Runde Tisch. An der Wand erinnert die große Weltkarte an die Zeit im Laden, als man die Welt in die Gottesdienste in Spandau einbeziehen wollte. Sonntags treffen sich hier noch etwa zehn meist ältere Menschen zum Gesprächsgottesdienst am Runden Tisch. Geblieben ist eine religiös äußerst sprachfähige kleine Gemeinde, Menschen, die über ihren Glauben sprechen und die in dem sonntäglichen Treffen ihren Halt haben. Für Schmichowski etwa ist die Ladenkirche zur Heimat geworden und längst mehr als ein praktisch-theologisches Experimentierfeld.

"Dass die Gemeinde Dinge selbst in die Hand nimmt und diskutiert, das ist besonders und das ist geblieben", sagt Pfarrer Dierks, der heute immer wieder den Gesprächsgottesdienst am Runden Tisch leitet. Neue Gottesdienstbesucher kommen jedoch kaum, ein eigenständiges Gemeindeleben der Laden­kirchen-Gemeinde über den Gesprächsgottesdienst hinaus gibt es kaum mehr. "Das Konzept hat zu seiner Zeit vielen Augen und Ohren geöffnet", meint der Praktische Theologe Grünberg. Heute lasse sich Langes Ansatz aber nicht direkt wiederholen.

Erschienen in zeitzeichen August 08/2010.

 

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