zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Konsequent im Klimaschutz

Wie sich die Kirche engagiert

Frank Kürschner-Pelkmann

Ob "Grüner Hahn" oder autofreier Sonntag, zahlreiche evangeische Landeskirchen und ihre Gemeinden haben sich den Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben. Der Hamburger Journalist Frank Kürschner-Pelkmann gibt einen Überblick.

Mehr als zwanzig Landeskirchen und Werke engagieren sich in der "Klima-Allianz". (Foto:epd/Rolf Zöllner)
Mehr als zwanzig Landeskirchen und Werke engagieren sich in der "Klima-Allianz". (epd/Rolf Zöllner)

"Ich kann diesen Mist einfach nicht mehr hören!", schrieb "udo1402" in einem Internet-Forum. Was den Schreiber erboste, war das Votum der Bayerischen Landessynode im März 2008 für die Einführung eines Tempolimits von 120 Stundenkilometern auf Autobahnen. Der Beschluss der Sy­node erhielt Zustimmung, aber auch wütende Proteste.

Zahlreiche evangelische Landeskirchen, Kirchenkreise und Gemeinden engagieren sich landauf, landab für den Klimaschutz, und dies oft schon seit vielen Jahren. Vielerorts gehörten sie zu den Pionieren beim Einsatz von Solarenergie, Blockkraftwerken und besserer Wärmedämmung. Da­mit es nicht bei punktuellen Maßnahmen bleibt, haben sich mehrere hundert Gruppen - Landeskirchen, Werke und Gemeinden - der Initiative "Grüner Hahn" (in Süddeutschland "Grüner Gockel") angeschlossen. Dieses Umweltmanagementsystem beruht darauf, dass zunächst der ökologische Ist-Zustand in dem jeweiligen Umfeld analysiert wird, bevor dann eine systematische Planung erfolgt, die danach Entscheidungen über konkrete Maßnahmen nach sich zieht. Wichtig ist dabei, dass möglichst viele Gemeindemitglieder in diesen Prozess einbezogen werden. Die Erfahrung mit dem "Grünen Hahn" zeigt, dass durch gut geplanten Klimaschutz schon nach wenigen Jahren erträgliche Summen eingespart werden. Besonders die westfälische Landeskirche mit ihrem Umweltbeauftragten Klaus Breyer hat beim "Grünen Hahn" Pionierarbeit geleistet und andere zum Einstieg in das Programm motiviert.

Andere Landeskirchen haben zusätzlich Instrumente entwickelt, um Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen beim Klimaschutz finanziell zu unterstützen. So vergibt die hannoversche Landeskirche im Rahmen des Förderprogramms "Energieeinsparung in kirchlichen Gebäuden" unter anderem Zuschüsse für Heizungsoptimierung, Energieberatung und Umweltmanagement. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau hat neben einem Umweltfonds 2001 auch Richtlinien für die Berücksichtigung ökologischer und energiesparender Gesichtspunkte bei Neu- und Umbauten beschlossen. Sie müssen bei allen Ausschreibungen und Bauvorhaben berücksichtigt werden. Bestimmte Baustoffe dürfen nicht verwendet werden, wie zum Beispiel Aluminium für Fenster und Türen.

Zur weiteren Klimaschutz-Qualifizierung von Kirchengemeinden hat der Umweltbeauftragte der württembergischen Landeskirche,  Hans-Hermann Böhm, Anfang 2008 eine Broschüre veröffentlicht, in der Hilfen für ein Energie- und Umweltmanagement gegeben werden. Diese Landeskirche erstattet 50 Prozent der anerkannten Mehrkosten für Energiesparmaßnahmen. Die bayerische Landeskirche wirbt für nachhaltige Formen der Geldanlage, bei denen ein rücksichtsvoller Umgang mit der Schöpfung und ein sozial verträglicher und achtsamer Umgang mit den Beschäftigten gewährleistet werden. Kirchliche Banken wie die Evangelische Darlehensgenossenschaft beraten, wie man Energiesparinvestitionen - mit staatlicher Förderung - finanzieren kann und wie sich eigenes Geld in klimafreundliche Unternehmen und Vorhaben investieren lässt.

Ökologie und Ökonomie sind kein Widerspruch

Auch auf lokaler Ebene gibt es viele kreative Initiativen zum Klimaschutz. So werden Kirchtürme begrünt, weil da­mit Schadstoffe aus der Luft gefiltert und Staub gebunden werden können. Die von Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel bilden Menschen mit Behinderungen zu "ökoplus-Partnern" aus, die sich in ihren Wohngruppen mit viel Engagement für das Einsparen von Energie einsetzen und so auch viel Geld sparen.

Das kirchliche Klimaengagement findet zunehmend Be­achtung und Anerkennung in den Medien. Die konsequenten Schritte der Evangelische Akademie und des Predigerseminars in Wittenberg zur Energieeinsparung wurden am 30. Mai 2007 in der ARD-Sendung "Wer rettet die Welt" vorgestellt. Akademiedirektor Stephan Dorgerloh betonte in der Sendung: "Klimaschutz ist nicht allein eine Frage politischer Vorgaben und Steuerungsmechanismen. Wir alle sind gefordert, Schöpfungsverantwortung wahrzunehmen und unseren Lebensstil zukunftsfähig auszurichten, indem jeder von uns seinen Energieverbrauch minimiert und verstärkt erneuerbare Energieträger nutzt." Eine ebenfalls medienwirksame Initiative hat die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau in diesem Herbst mit der Kampagne "Volksbewegung - 2 km ohne Auto mobil" gestartet. In Baden hat Landesbischof Ulrich Fischer bereits 2004 die Schirmherrschaft für ein "Ökumenisches Windrad" im Schwarzwald übernommen. Die Erträge aus dem erzeugten Strom fließen in Projekte um­weltverträglicher Energieerzeugung in Entwicklungsländern.

Die Evangelische Kirche der Pfalz hat Mitte September 2008 eine "Klimaoffensive" gestartet. Unter anderem sollen möglichst alle Kirchengemeinden Energiebeauftragte berufen und sich an der Initiative "Grüner Gockel" beteiligen. Bärbel Schäfer, Umweltbeauftragte der Landeskirche, be­tont: "Ökologie und Ökonomie sind kein Widerspruch - im Gegenteil." So lasse sich bereits durch eine Veränderung des Nutzungsverhaltens eine Einsparung der Energiekosten von 15 Prozent erzielen. Mittlerweile zum zehnten Mal hat die pfälzische Landeskirche im September 2008 gemeinsam mit weiteren Landeskirchen, Freikirchen und katholischen Diözesen in Rheinland-Pfalz und im Saarland zu einem "Autofasten" aufgerufen, bei dem es um einen überlegten Umgang mit dem Auto und klare politische Vorgaben für umweltgerechtere Fahrzeuge geht. Scott Morrison von der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche betonte bei der Eröffnung der diesjährigen Aktion: "Wir glauben, dass Gott uns Menschen seine Schöpfung anvertraut hat, und weil sie in Not ist, handeln wir, indem wir schonend und heilend mit ihr umgehen." An dieser Initiative beteiligen sich mittlerweile auch zahlreiche Umweltschutz- und Verkehrsverbände.

Gemeinsam mit nichtkirchlichen Partnern etwas für das Klima zu tun, ist in vielen Landeskirchen und Kirchengemeinden eine be­wusste Politik. So beteiligt sich die Lippische Landeskirche an den "Altbausanierungstagen Lippe" in Detmold. Neben Stadtwerken, Handwerksbetrieben und Energieberatern bietet bei einer Messe auch die Kirche Informationen an und lud zum Beispiel 2007 unter dem Thema "Einen kühlen Kopf bewahren" zu einer kontroversen Debatte über die Absenkung der Temperaturen in Kirchen ein. Die Nordelbische Kirche war dieses Jahr bei der "new energy"-Messe in Husum vertreten, der weltweit größten Windenergie-Messe, bei der es auch um andere Formen regenerativer Energie geht. Unter dem Motto "Kirche für erneuerbare Energien" wurden praktische Beispiele aus dem kirchlichen Klima- und Energieengagement präsentiert und eine Veranstaltung durchgeführt. Die Mecklenburgische Landeskirche nutzte in diesem Jahr die landesweiten entwicklungspolitischen Tage des Eine-Welt-Netzwerkes zum Thema "Gerechtigkeit schafft gutes Klima", um mit Vorträgen zu den schmelzenden Gletschern des Kilimandscharo und den Folgen der Abholzung des Regenwaldes im Kongo eigene Akzente zu setzen. Gemeinden der Kirchenprovinz Sachsen und der Landeskirche Anhalt beteiligten sich am 8. Dezember 2007 an der Aktion "Licht aus!" und verzichteten auf die Anstrahlung ihrer Kirchen, um so in der Zeit des Klimagipfels in Bali zusammen mit vielen anderen Organisationen und Einzelpersonen Zeichen zu setzen.

Krasser Mangel an Gerechtigkeit

Die Nordelbische Kirche engagiert sich besonders intensiv in der Bewusstseinsbildungsarbeit zu Klimathemen. Um­weltbeauftragter Thomas Schaack hat diese Thematik zu einem Arbeitsschwerpunkt gemacht. Zusätzlich gibt es eine "Infostelle Klimagerechtigkeit", die auch in Schulen Bildungsarbeit betreibt; vor kurzem wurde ein Pastor zum hauptamtlichen Klimaschutzbeauftragten berufen.
Auch andernorts beraten die Umweltbeauftragten der Landeskirchen und Kirchenkreise intensiv bei klimafreundlichen Maßnahmen. Wie groß das Interesse an Klimathemen ist, erfuhr kürzlich die Vereinte Evangelische Mission in Wuppertal (VEM), als sie wegen zahlreicher Anfragen von Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen ein zweites Exemplar ihrer gerade erst eröffneten Wanderausstellung "Klima der Gerechtigkeit" produzieren musste.

Krasser Mangel an Gerechtigkeit

Die Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der EKD-Gliedkirchen dient der Vernetzung und meldet sich auch in politischen Fragen zu Wort. Sie vertritt die Auffassung, dass "die Bekämpfung des Klimawandels der zentrale Prüfstein für eine solidarische Weltgemeinschaft" sei. Die politische Einmischung ist eine unverzichtbare Dimension kirchlichen Klimaengagements. So wehren sich Kirchengemeinden, Kirchenkreise und Landeskirchen gegen den Bau neuer Kohlekraftwerke.
Auf große Resonanz in der Klima-Szene ist die Ansprache des westfälischen Präses Alfred Buß gestoßen, der bei einer Demonstration gegen den Bau eines neuen Kohlekraftwerkes in Neurath am 8. Dezember 2007 verlauten ließ: "Der von Menschen verursachte Klimawandel ist ein krasser Mangel an Gerechtigkeit gegenüber den Menschen des Südens, nachfolgenden Generationen und der Schöpfung. Mit den Großdemonstrationen wollen wir deutlich machen, dass immer mehr Menschen sich nicht mehr mit folgenlosen Absichtserklärungen zufrieden geben, sondern von der Politik konkreten Klimaschutz erwarten: Nicht irgendwann, sondern jetzt!"

Vehement lehnen Synoden, kirchliche Einrichtungen und Initiativen es ab, die Atomkraft zu einem probaten Mittel des Klimaschutzes zu stilisieren. Zum Beispiel beschloss die Lippische Landessynode am 28. November 2006: "Wir halten an der planmäßigen Abkehr von der Kernenergie, wie sie im deutschen Atomgesetz geregelt ist, und der Umsetzung der Alternativen fest." Der Landeskirchenrat wurde beauftragt, Gespräche mit lippischen Mitgliedern des Bundestages und Landtages zu führen, um diesen Beschluss zu verdeutlichen.
In heftige Debatten geraten die Kirchen immer dann, wenn es um den Ausbau von Flughäfen geht. Während bisher vor allem über Lärm versus neue Arbeitsplätze gestritten wurde, gewinnen inzwischen bei den Ausbau-Gegnern Klimaschutzfragen an Gewicht. In einem der Konflikte geht es um den Ausbau des kleinen Flughafens Kassel-Calden für über 150 Millionen Euro. Die Zeit spottete am 4. August 2005 angesichts dieser Pläne: "Unter den Wolken ... muss die Finanzierung wohl grenzenlos sein." Der Bischof von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein, äußerte sich in einem Interview im Juli 2008: "Wir haben uns als Landeskirche bewusst einer Stellungnahme zum Flughafenausbau enthalten. Auch hier gibt es unterschiedliche Positionen. Ich kann die Befürchtungen der Anrainer gut nachvollziehen und habe auch damals die Unterschriftenlisten aus meiner ehemaligen Kirchengemeinde, in der ich selbst Pfarrer gewesen bin, an den Ministerpräsidenten weitergeleitet. Ich weiß, dass auf der anderen Seite ein starker Druck seitens der Wirtschaft hinsichtlich des Flughafenausbaues vorhanden ist."

Klare Positionen nehmen Kirchen leichter in Bündnissen mit Umweltorganisationen ein. Ein herausragendes Beispiel ist das bundesweite Netzwerk "Klima-Allianz", der sich mehr als zwanzig evangelische Landeskirchen, kirchliche Einrichtungen und Werke angeschlossen haben. Zusammen mit katholischen Einrichtungen stellen sie gut ein Drittel der etwa 100 Mitglieder der Allianz, die durch Veranstaltungen, Demonstrationen und Erklärungen eine breite Öffentlichkeit erreicht. Die Kirchen sind dann in Klimafragen überzeugend, wenn sie selbst konsequente Schritte zum Klimaschutz gehen und sich gleichzeitig mit klaren Aussagen für eine Klimaschutzpolitik engagieren.

Literatur:

Wolgang Behringer: Kulturgeschichte des Klimas. Verlag C.H.Beck, München, 352 Seiten, Euro 22,90.

Rainer Grieshammer. Der Klimaknigge. Aufbau Verlag, Berlin 2008, 251 Seiten, Euro 8,95.

Erschienen in zeitzeichen 11/2008.

 

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