zeitzeichen - Evangelische Kommentare zu Religion und Gesellschaft

Absurd wie die Katholikenmission

Es ist theologisch falsch, Juden zum Übertritt in die Kirche zu bewegen

Rainer Stuhlmann

Das Wort "Judenmission" ist theologisch nur sinnvoll als eine Sendung der Juden an die Völker der Welt. Insofern sind wir, die Kirche aus den (nichtjüdischen) Völkern der Welt, nicht Akteurin der Judenmission, sondern Empfängerin. Israel verdanken wir den Glauben an den lebendigen einen Gott.

(Foto: dpa/ Arno Burgi)
(Foto: dpa/ Arno Burgi)

Die missionarischen Offensiven kleiner evangelikaler, meist freikirchlich organisierter Gruppen, die es auf jüdische Einwanderer aus Russland absehen haben, provozieren seit über zehn Jahren in der Kirche die Diskussion über die Judenmission neu. Die Kirche ist gefordert, sich davon zu distanzieren und sich mit den bedrängten jüdischen Gemeinden zu solidarisieren. Und sie muss klarstellen: Die Absage an die Judenmission ist nicht nur um der Juden, sondern auch um der Christen willen nötig - und zwar aus theologischen Gründen. Denn Judenmission ist ein Zeichen kirchlicher Anmaßung und eines Christusverständnisses, das dem Zeugnis des Neuen Testamentes widerspricht.

         Gezielter Einsatz von "Judenchristen"

Trotzdem gibt es immer noch christliche Theologie, die aus der beschämenden zweitausendjährigen Geschichte christlicher Judenmission lediglich eine Konsequenz zieht: eine andere - wie sie meint bessere - Form der Judenmission. Unter Aufnahme neuerer missionstheologischer Begriffe heißt sie dann "Zeugnis", "Dialog" oder "Konvivenz", zielt aber nach wie vor - offen oder versteckt - auf die Bekehrung der Juden zu Jesus Christus und auf ihre Taufe.

Speziell deutsche Theologie folgert aus der Einsicht in die christliche Mitverantwortung für den Massenmord an den Juden nur eine gewisse, manchmal vorläufige Zurückhaltung und behauptet zugleich, Judenmission bleibe eine unverzichtbare Aufgabe der Kirche. Juden seien, wenn nicht von deutschen, dann eben von englischen oder schwedischen Christen zu missionieren. Aus der unbestreitbaren Tatsache, dass es im Neuen Testament keine Judenmission durch nichtjüdische, "heidenchristliche" Missionare gibt, werden nur missionsstrategische Konsequenzen gezogen. So werden für die Judenmission gezielt "Judenchristen" eingesetzt.

Dabei ist längst eine Absage an die Judenmission ohne Wenn und Aber gefordert. Das ist jetzt gleich zweifach, unabhängig voneinander und ungefähr zeitgleich, geschehen. Im Dezember 2008 veröffentlichte die Leitung der Evangelischen Kirche im Rheinland ("Absage an Begriff und Sache der Judenmission") und im März 2009 das Zentralkomitee der deutschen Katholiken ("Nein zur Judenmission - Ja zum Dialog zwischen Juden und Christen") entsprechende Stellungnahmen.

   Kirche aus den (nichtjüdischen) Völkern der Welt 
    ist nicht Akteurin der Judenmission, sondern Empfängerin. 
     Israel verdanken wir den Glauben an den lebendigen einen Gott.

Im Zentrum beider Texte steht eine knappe aber gründliche und allgemein verständliche biblisch-theologische Argumentation. Deren wichtigste Züge sollen hier in Erinnerung gerufen werden: Schon am Begriff "Judenmission" kann die Sache vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Das Wort "Judenmission" ist theologisch sinnvoll nur im Sinn einer Mission, einer Sendung der Juden an die Völker der Welt.

Insofern sind wir, die Kirche aus den (nichtjüdischen) Völkern der Welt, nicht Akteurin der Judenmission, sondern Empfängerin. Israel verdanken wir den Glauben an den lebendigen einen Gott, der barmherzig und gnädig ist, geduldig und von großer Güte, der dem Nichtseienden ruft, dass es sei, der die Toten erweckt, die Verworfenen erwählt und die Gottlosen rechtfertigt. Israel verdanken wir die Weisung Gottes zum Leben, die Zehn Gebote, die Gebote der Nächsten- und Feindesliebe.

Vor der EKD-Synode 1999 drückte es der Ratsvorsitzende Manfred Kock so aus: Israel ist der erste Zeuge Gottes vor der Welt und seiner Bestimmung nach "Licht der Völker" (Jesaja 42 und 49). Die Kirche hat ihre Mission unter den Völkern in Teilnahme und Teilhabe an dem Zeugendienst Israels vor der Welt zu verstehen. Israel und die Kirche sind also gemeinsame Zeugen Gottes vor der Welt. Die Beauftragung der Kirche zur Mission richtet sich eben nicht an Israel, sondern an die Nichtjuden, die "Völker", wie es in Matthäus 28 heißt. Damit ist nicht Israel gemeint - auch nicht mitgemeint. Deshalb ist die Sendung der zwölf Jünger an Israel (Matthäus 10) von der Mission unter den Völkern (Matthäus 28) zu unterscheiden.

Taufe ohne Religionswechsel

In der Sendung Jesu an Israel geht es um die Umkehr innerhalb des Bundes, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat. Davon zu unterscheiden ist die den Jüngern seit der Auferweckung des Gekreuzigten aufgetragene Mission an alle Völker. Judenmission würde dagegen - fälschlich - voraussetzen, Israel sei von Gott verworfen und auf die Stufe der Nichtjuden, der "Völker" zurückgefallen. Solche Irrtümer beherrschten die christliche Theologie, seit sie Ignatius von Antiochien und andere "Apostolische Väter" zu Beginn des zweiten Jahrhunderts lehrten, bis sie in der Mitte des 20. Jahrhunderts auch deshalb als irrig erkannt wurden, weil sie der Heiligen Schrift widersprechen.

Die Predigten der Apostel in den Synagogen waren keine Judenmission, sondern innerjüdische Auseinandersetzungen. "Messianische Juden" wollten andere Juden für die Überzeugung gewinnen, dass Jesus ihr Messias ist. Juden, die sich davon überzeugen ließen, ließen sich taufen, blieben dabei aber Juden und lebten auch weiter jüdisch. Sie wurden also nicht missioniert, ihre Taufe bedeutete keinen Religionswechsel.

Im Gegensatz dazu bedeutet die Taufe für die Angehörigen der nichtjüdischen Völker, der "Heidenvölker", sehr wohl einen Religionswechsel: Sie lassen ihre alte Religion hinter sich und bekennen sich durch den Glauben an den Messias Jesus zu dem einen Gott (vgl.
1. Thessalonicher 1). Sie sind darum zu Recht Adressaten christlicher Mission.

Der innerjüdische Dialog im Neuen Testament ist wie der heutige jüdisch-christliche Dialog zwar von ökumenischen Dialogen zu unterscheiden. Aber beide sind nichtmissionarische Dialoge. Judenmission ist daher so absurd wie Katholikenmission.

Heißt das, dass Israels Weg zum Heil ein anderer ist als der der übrigen Menschen? Es lohnt sich, unter die Lupe zu nehmen, was dazu in Römer 11 geschrieben steht: Paulus hat sich als Jude bemüht, andere Juden für den Glauben an den Messias Jesus zu gewinnen (1. Korinther 9, Römer 1 und 11). Doch am Ende muss er feststellen, dass er nur bei "einigen wenigen" erfolgreich war. Dennoch ist er von der "Rettung ganz Israels" überzeugt - nicht nur der wenigen Juden, die wie er an den gekreuzigten Jesus als den Messias glauben.

         Rettung Israels an der Kirche vorbei

Diese Erkenntnis verdankt Paulus einer besonderen Offenbarung Gottes. Danach geschieht die Rettung Israels an der Kirche vorbei. "Der Retter vom Zion" (Jesaja 59 und Römer 11) ergreift selber die Initiative. Er lässt sich ohne jede menschliche Mitwirkung schauen - und zwar zu einer Zeit, in der die Kirche nicht mehr existiert, weil bereits alle Völker dem Gott Israels die Ehre geben. Das macht jede Mission und jede Bekehrung überflüssig.

Die Rettung ganz Israels an der Kirche vorbei wird von dieser oft als Kränkung empfunden. Aber diese Beschränkung will ausgehalten und in ihrer produktiven Kraft entfaltet werden. Die Rettung ganz Israels ist in der Heiligen Schrift - schnodderig formuliert - zur Chefsache erklärt. Wenn eine Kirche die Rettung Israels zu ihren Aufgaben zählt, also Judenmission betreibt, maßt sie sich an, was nach Überzeugung von Paulus Gott selbst vorbehalten bleibt.

Die Rettung Israels an der Kirche vorbei geschieht allerdings - nach Überzeugung von Paulus - nicht am Messias Jesus vorbei. Der Apostel hofft vielmehr, dass am Ende sich für ganz Israel das ereignet, was ihm vor Damaskus widerfahren ist: Ihm dem "ungehorsamen", "ungläubigen", der Christusverkündigung gegenüber resistenten Christenverfolger offenbarte sich der Gekreuzigte selber als lebendiger Herr und Gottessohn. Und damit hat Gott sich für ihn als der erwiesen, der den Verworfenen erwählt, den Gottlosen rechtfertigt und sich am Ende aller, Juden wie Nichtjuden, erbarmt.

Steht am Ende also doch ein christlicher Triumphalismus? Nein, denn mit der offenen Formulierung "Retter vom Zion" und dem Hymnus in Römer 11, der die Unerforschlichkeit der Wege Gottes preist, wehrt Paulus einer triumphalen Auslegung und einer imperialen Handhabung des Christuszeugnisses.

   Das Christuszeugnis ist und bleibt also ein angefochtenes.

Schon 1941 schärfte Dietrich Bonhoeffer seiner Kirche ein: "Der Jude hält die Christusfrage offen." Das heißt: Solange neben Pflugscharen noch Schwerter geschmiedet werden und Lamm und Wolf so wenig friedlich miteinander grasen wie Löwen Stroh fressen, was für
die messianische Zeit verheißen, aber durch Jesu Erscheinen nicht eingetreten ist, hat die Bestreitung der Messianität Jesu mehr Plausibilität für sich als das Bekenntnis zu ihr.

Das Christuszeugnis ist und bleibt also ein angefochtenes. Das jüdische Nein zum Messias Jesus leistet Christinnen und Christen darin einen unverzichtbaren Dienst, dass es zu einer verwegenen Kreuzestheologie, theologia crucis, nötigt, die die Unverfügbarkeit des Herrn wahrt, und eine theologia gloriae verbietet, die Christus zu besitzen und argumentativ gegen das Judentum ins Feld führen zu können meint.

Wer wirklich glaubt, dass der Gekreuzigte der Herr der Welt ist, wirft sich Gott so in die Arme, dass er auch am Ende für jede Überraschung und jede Enttäuschung durch ihn offen ist und bleibt. Christliche Heilsgewissheit baut darauf, dass am Ende der Christus siegt und nicht die christliche Lehre über ihn.

Die Christenheit ist also wie das Judentum unterwegs - und noch nicht am Ziel. Sie bleibt wie das Judentum auf den Selbsterweis des kommenden Retters vom Zion angewiesen. Von daher hat sie dem Judentum nichts voraus und kann jüdischen Glauben im Vergleich mit dem christlichen Glauben nicht als defizitär bestimmen. Die Christenheit bildet vielmehr zusammen mit dem Judentum eine Solidargemeinschaft der Wartenden, in der sie beide im missionarischen Zeugnis vor den Völkern und im wechselseitigen Zeugnis voreinander dem Gott Israels die Ehre geben.

Das Zeugnis des Judentums kann die Kirche davor bewahren, alles schon christologisch zu wissen, statt mit Israel seinem kommenden Messias entgegen zu gehen. So kann wieder klar werden, dass es für eine theologisch begründete Absage an die Judenmission kein Wenn und kein Aber geben kann.

Drei Konsequenzen

Daraus folgen drei Konsequenzen. Das Nein zur Judenmission bedeutet auch ein Ja zum Dialog mit heutigen "Messianischen Juden", denjenigen, die mit ihrem Glauben an den Messias Jesus nicht Mitglieder einer christlichen Kirche werden, sondern Juden bleiben und weiter jüdisch leben - und somit eine Provokation für Juden wie Christen darstellen.

Der nichtmissionarische Dialog mit dem Judentum verändert Christinnen und Christen. Das wird auch daran sichtbar, wie sie interreligiöse Dialoge führen. So wäre das EKD-Papier "Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen" anders ausgefallen, wenn die Verfasser auch nur ansatzweise die Erneuerung des Verhältnisses von Christen und Juden dafür bedacht hätten.

Schließlich führt die Absage an die Judenmission zum umso stärkeren missionarischen Engagement gegenüber dem praktischen Atheismus in unserer Gesellschaft und den diesem korrespondierenden postchristlichen neuheidnischen Umtrieben. Hier hat die Kirche ihre missionarische Aufgabe, muss sie entschlossen missionarische Volkskirche sein.

Rainer Stuhlman ist Pfarrer in Köln und hat lange Zeit den Theologischen Ausschuss der rheinischen Landessynode geleitet.

Erschienen in zeitzeichen Juli 07/2009.

 

Auch unterwegs

Bald neu:
zeit
zeichen als
Anwendung für
Smartphones
und Tablet-PCs. 

zeitzeichen auf facebook

zeitzeichen im sozialen Netzwerk - aktuelle Kommentare, wöchentlich neu.

Abonnement/ Probeheft

Abonnieren Sie das Magazin zeitzeichen - als Printmagazin oder in der Online-Ausgabe. Oder bestellen Sie kostenlos und unverbindlich ein Probeexemplar.

Hörausgabe

zeitzeichen erscheint im DAISY-Format für blinde und sehbehinderte Menschen. 

Archiv

Hier entsteht ein Archiv mit allen Artikeln der zeitzeichen-Magazine.