Jesus war Judenmissionar
Christliche Mission zielt nicht auf die Taufe der Juden
In unserer Juliausgabe veröffentlichten wir einen Beitrag von Rainer Stuhlmann zur Judenmission, im August antwortete ihm Heinzpeter Hempelmann. Die Debatte geht weiter: Auch Theo Sundermeier reagiert auf Rainer Stuhlmann. Er hält dessen Ablehnung der Judenmission für theologisch fragwürdig.
"Mission - rette sich wer kann", so begann vor Jahren der Heidelberger Theologe Michael Welker seinen wichtigen Aufsatz zum Thema Mission. Explosionsartig flüchten heute Deutsche nach allen Seiten, wenn gar das Thema "Judenmission" angeschnitten wird. Auf Zustimmung kann allein der rechnen, der sie pauschal ablehnt. Das Verbot beruhigt das schlechte Gewissen der Deutschen. Unruhe entsteht nicht. Wer allerdings eine differenzierte Meinung zum Thema hat, schweigt gewöhnlich, da er sich nicht Angriffen aus den verschiedensten Richtungen aussetzen möchte.
Mission als Tabu
Rainer Stuhlmann schlägt in seinem Aufsatz "Absurd wie die Katholikenmission" (zz 7/2009, siehe unten) mit einem solchen groben Holzhammer auf alle ein, die eine differenzierte Meinung im Blick auf Judenmission haben, dass man geneigt ist, ebenso grob zu antworten. Doch das wäre der Sensibilität und Komplexität des Themas nicht angemessen.
Sein Pauschalurteil führt zu bemerkenswerter Reduktion notwendiger theologischer Differenzierungen. Dafür seien einige Beispiele angeführt: "Zeugnis", "Dialog", "Konvivenz", diese Begriffe wirft der Autor in einen Topf und behauptet schlichtweg, dass sie "offen oder versteckt" auf Bekehrung und Taufe bei den Angehörigen anderer Religionen und bei den Juden zielen, also nichts anderes als verkappte Mission sind, die Religionswechsel und Taufe zum Ziel haben.
Die weltweit geführte ökumenische Diskussion, die die Zusammengehörigkeit und zugleich die essentielle Unterschiedenheit dieser Begriffe und den damit verbundenen unterschiedlichen Begegnungsweisen mit Angehörigen fremder Religionen thematisiert, wird großzügig übersehen. Die Konsequenzen solcher Großzügigkeit werden daran deutlich, wie unqualifiziert Stuhlmann mit dem Dialogbegriff umgeht. Der "innerjüdische Dialog im Neuen Testament" und der "heutige jüdisch-christliche Dialog" sind zwar zu unterscheiden, beide seien aber "nichtmissionarische Dialoge", schreibt er. Aus der ökumenischen Diskussion ist mir die Vorstellung von einem "missionarischen Dialog" nicht bekannt, allein auf islamischer Seite wird solch ein interreligiöses Gespräch als "Dialog" propagiert, wie von Ahmad van Denffer, der sich dabei auf Mohammed beruft. Im christlichen Kontext würde das niemand Dialog nennen.
Konstruierte Gegensätze
Man sollte endlich zur Kenntnis nehmen, dass unter "Dialog" im jeweiligen Kontext Unterschiedliches zu verstehen ist. Der interreligiöse Dialog ist bis heute kaum über einen Informationsdialog hinausgekommen. Der Dialog mit dem Judentum hat zumal im akademischen Bereich dieses Stadium längst überschritten und das Niveau eines Glaubensdialogs erreicht, und das meint "ein sich gegenseitiges Öffnen, aus dem Verlangen heraus, vom andern zu lernen und sich von ihm bereichern zu lassen" (Ulrich Schön).
Der Dialog mit der katholischen Kirche und mit anderen christlichen Kirchen ist wieder ganz anders geartet. Hier handelt es sich um einen Konsensdialog, durch den man auf gemeinsamer Glaubensbasis zu strittigen dogmatischen Fragen einen Konsens sucht. Niemand käme auf die Idee, das als versteckte "Katholikenmission" zu verstehen.
Den Dialog mit dem Judentum also mit "Judenmission" gleichzusetzen, ist absurd.
Der Verfasser liebt es, Gegensätze zu konstruieren, um seine Argumentation zu verstärken. Das Wundersame daran ist, dass es die gegensätzliche Argumentationsfigur gar nicht gibt. Katholikenmission ist zum Beispiel kein Parallelfall zu Judenmission, denn sie gibt es im evangelischen Raum nicht.
Christen sind gewiss, dass am Ende der Tage Christus siegt und "nicht die Lehre über ihn". Was bringt dieses Argument Stuhlmanns, wenn letzteres nie behauptet wurde?
Stuhlmann ist der Überzeugung, dass das EKD-Papier "Christlicher Glaube und nichtchristliche Religionen" anders ausgefallen wäre, hätte man das neue Verhältnis zu den Juden mitgedacht. Man mag einiges an diesem Text auszusetzen haben, aber dass das Judentum nicht erwähnt wurde, zeigt gerade, welchen Respekt man der Besonderheit der jüdischen Religion und ihrem Verhältnis zum Christentum entgegenbringt, und sie deshalb gerade nicht in einer Reihe mit den anderen Religionen aufgezählt wird, wie es noch das Vatikanum II getan hat.
Besonderes Verhältnis zum Judentum
Doch genug der Einzelfragen an den Text. Es geht ja um mehr. Zu Recht wird betont, dass die Rettung Israels "Chefsache" ist. Das wird seit der Weltmissionskonferenz in Willingen mit dem auf Karl Barth zurückgehenden, missionstheologisch zentralen Begriff der "Missio dei" zum Ausdruck gebracht.
Aber das gilt in gleicher Weise für die weltweite Mission unter allen Völkern und allen Menschen. Es ist immer Gott der Sendende, nicht die Kirchen. Sie sind es nur mittelbar. Ist es an uns, Gott Vorschriften zu machen, welche Wege und Mittel er wählen und welche Richtung in seiner Mission eingeschlagen werden darf und welche nicht? Wen er zu seinen Mitarbeitern machen soll und wen nicht? Wohin er sie sendet und wohin er sie nicht senden darf?
Das Johannesevangelium ist eindeutig in seiner Aussage, dass Gott es ist, der sendet: Jesus, der erste und eigentliche Missionar, ist zu den Juden gesandt. In seiner Predigt und seinem heilenden Handeln ist er Judenmissionar. Ebenso sendet er seine Jünger ausschließlich zu den Juden (Matthäus. 10). Er ist in allem das Vorbild. Gleichwie ihn der Vater gesandt hat, so sendet er seine Jünger (Johannes 20,21), zunächst ausschließlich zu den Juden. Darin wird ihr Erstgeburtsrecht anerkannt, an dem später auch Paulus in seiner Mission stets festhält. Die Grenzen zu den Völkern werden erst nach Ostern aufgemacht. Die Reihenfolge bleibt gewahrt. "Ihr werdet meine Zeugen sein zu Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien - und bis an das Ende der Welt" (Apostelgeschichte 1,8).
Judenmission zielt nicht auf die Taufe und damit auf die Herauslösung aus dem Judenverband.
Es besteht jedoch ein wichtiger Unterschied zwischen der Völker- und der Judenmission. Das macht Matthäus 28 deutlich. Der "Missionsbefehl", den Stuhlmann zu Recht als einen Aufruf zur Völkermission versteht, enthält die Anweisung zur Taufe. Als der irdische Jesus seine Jünger aussandte, fällt das Taufen nicht in ihren Aufgabenbereich! Diese Differenz muss beachtet werden. Theologisch bedeutet sie: Die Juden haben das erste Bundessiegel. Das bleibt gültig. Sie bedürfen nicht eines zweiten, der Taufe. Judenmission zielt nicht auf die Taufe und damit auf die Herauslösung aus dem Judenverband. Es ist allein die Entscheidung der Einzelnen, ob sie einen anderen Weg einschlagen und die Taufe als Sakrament der Sündenvergebung wählen und sich einer Kirche anschließen wollen.
Jesu eigene Mission unter den Juden ist in ihrem zentralen Fokus noch nicht zur Sprache gekommen. Zwar weiß Jesus sich zum ganzen Volk gesandt, doch hat er sich in besonderer Weise den Kranken und Elenden zugewandt, denn die Gesunden, "die Starken" bedürfen nicht des Arztes (Matthäus 9,12). Er ruft nicht die Gerechten, sondern die "Mühseligen und Beladenen" zu sich und verheißt ihnen Ruhe für ihre Seelen (Matthäus 11,28f).
Fremddiagnosen sind immer eine zweifelhafte Angelegenheit. Darum sollten wir uns hüten Pauschaldiagnosen zu stellen. Weder ist es an uns das Urteil zu fällen, Juden seien verloren, noch dass alle gesund und gerecht seien. Es ist an den Menschen selbst zu sagen, ob sie krank sind oder nicht, ob sie zu den Gerechten zählen oder sich als Sünder verstehen. Sollten wir "ohne Wenn und Aber" (Stuhlmann) verhindern, dass Juden, die sich krank und elend fühlen und unter Sündenlast leiden, den Heilandsruf Jesu hören? An sie allein richtet sich die Judenmission.
Zentrifugal und zentripetal
Der eigentliche Missionsbefehl steht nicht in Matthäus 28, sondern in Matthäus 5,13 f. Er enthält zugleich eine doppelte Anweisung über das Wie der Mission. Die Doppelzusage "Ihr seid das Salz der Erde" und "Ihr seid das Licht der Welt" zeigt, dass die Mission der Jünger universalen Charakter trägt. Ihre missionarische Tätigkeit vollzieht sich in zwei Dimensionen: Die Jünger werden ausgesandt in alle Welt, so wie Salz verteilt werden muss, wenn es die Speise schmackhaft und haltbar machen soll. Licht dagegen strahlt und erleuchtet den Raum, in dem es angezündet wird. Mission geschieht also zentrifugal und zentripetal. Keines darf gegen die andere ausgespielt werden.
Ebenso wie Israel die Stadt auf dem Berge ist und die Völker anlockt, so soll die Jüngerschar, soll die Kirche, wo immer sie sich befindet, ihr Licht scheinen lassen, hell und klar und ohne Abdunkelungen. Der Befehl, sein Licht gegenüber einem bestimmten Volk unter den Scheffel zu stellen, wäre töricht, ja absurd. Wo Licht leuchtet, lockt es Menschen an, die in der Dunkelheit ihren Weg nicht finden. Mission ist Einladung, sich zum Licht aufzumachen. Das Evangelium kann nur als Einladung weitergegeben werden.
Die Gefahr, dass die Kirche statisch und unbeweglich wird, findet im Salzwort ein Gegengewicht. Wie Salz verteilt und unter die Speise gemischt werden muss, wenn es wirken soll, so sollen die Jünger in der Welt sein, überall, Leben fördern und stärken. Die zentrifugale Dimension der Mission darf nicht abgekappt werden, denn ohne sie besteht die Gefahr der kirchlichen Verkrustung. Sollte die Kirche sich einseitig als Leuchtfeuer verstehen, wird sie dem kaum entkommen.
Nikolaus Graf Zinzendorf hat seine Missionare in die Welt gesandt, "Erstlinge" aus den Völkern zu sammeln. An eine Völkerbekehrung hat er nie gedacht. Die "Erstlinge" sind ihm Zeichen der Hoffnung, dass das Kommen des Reiches Gottes nicht auf den Sankt Nimmerleinstag vertagt ist.
Gottesgeschenk
So sind auch die Messianischen Juden "Erstlinge" und stärken die Hoffnung (vergleiche Römer. 8,23 f, Luthers Übersetzung) auf die Zeit, da Christen und Juden gemeinsam im Reiche Gottes Gott das Lob bringen, das ihm zukommt. Ob Messianische Juden für Menschen in einem demokratischen Land eine Provokation sind, kann ich nicht beurteilen, für Christen aber sind sie es nicht, sondern sind Gottes Geschenk an die Christenheit, über deren Existenz sich Christen freuen dürfen. Sie sollten der Solidarität der Christen gewiss sein. In ihrer Existenz wiederholt sich die Zeit der ersten Christen, die dem Judentum treu blieben und als solche durch Christus Sündenvergebung erlangten und im Gottesfrieden lebten, der höher ist als alle Vernunft.
Stammt nicht aus diesem sozialen und gemeindlichen Kontext der nach der Zerstörung Jerusalems geflohenen Judenchristen das Matthäusevangelium, das facettenreich aufzeigt, dass Christen sehr wohl dem jüdischen Leben weiter angehören können, ja, in mancher Hinsicht die gesetzestreueren Juden sind (Matthäus 5,17 f, 20 und andere)?
Gemeinsam mit den Juden sind Christen Wartende. Sie warten auf das Kommen des Messias. Das wird von Stuhlmann zu Recht herausgestellt, so wie es vor Jahren auch in der von der VELKD und der Arnoldshainer Studie "Religionen, Religiosität und christlicher Glaube" betont worden war. Das heißt aber nicht, dass der Unterschied zur jüdischen Erwartung ausgeblendet werden sollte, der darin besteht, dass die Christen den kennen, auf den sie warten und sie der Zukunft des Gekommenen gewiss sind.
Mission - jede größere Firma spricht heute von ihrer "Mission". Merkwürdig ist, dass ausgerechnet die Kirchen, denen durch das Stiftungswort der Kirche "Ihr seid das Licht der Welt" Mission zu ihrem Sein gehört, sich mit ihr schwer tun. Wie wohltuend ist es dann zu sehen, wie unaufgeregt, sachlich nüchtern und adäquat Jürgen Wandel in der gleichen Nummer von zeitzeichen zur Meditation zum 6. Sonntag nach Trinitatis von der Sache der Mission spricht. In ihrer Mission ist die Kirche ganz und gar sie selbst. Hier bedarf es eigentlich keines neuen Befehls, hier kann es nur die Ermunterung geben "Sei, was du bist". Nein, von einer Absage an die Sache der Mission, in welche Richtung sie auch ausgesprochen wird, werden keine erneuernden Impulse ausgehen, wie Stuhlmann erhofft.
Unter Berufung auf Dietrich Bonhoeffer ist er davon überzeugt, dass die Juden die Christusfrage offenhalten. Mit gleicher Betonung wird man sagen müssen: Die Präsenz der Messianischen Juden hält die Frage der Judenmission offen, gerade auch bei uns.
Bereitschaft zur Konvivenz
Vor Jahren hielten mein Assistent Andreas Feldtkeller und ich mit dem viel zu früh verstorbenen Professor an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg, Aharon Agus, ein Seminar zum Thema "Riten". In seinem Verlauf kamen wir auf das Johannesevangelium zu sprechen. Bis zur nächsten Seminarsitzung hatte er sich intensiv damit beschäftigt und öffnete uns nun die Augen dafür, wie tief dieses Evangelium vom jüdischen Geist geprägt ist. Die angebliche antijüdische Polemik verstand er als innerjüdische Auseinandersetzung, wie sie damals und auch heute in innerjüdischen Diskussionen anzutreffen sei.
In der Passionszeit lud er mich und meine Frau zu einer Aufführung von Bachs Matthäuspassion ein, weil er in diesem Werk eine besonders tiefe Selbstdarstellung des Christentums sah. In der Pause und beim anschließenden Essen fragte er dann intensiv nach, wie bestimmte Passagen der Aufführung, aber auch des Matthäustextes zu verstehen seien. So fand ein Glaubensdialog statt, eine Offenheit der anderen Religion gegenüber, die in der Bereitschaft zur Konvivenz ihre Basis hat und zur Bereicherung des eigenen Glaubens führt.
Theo Sundermeier ist Professor emeritus für Religions- und Missionswissenschaft in Heidelberg.
Lesen Sie auch die beiden vorangehenden Artikel zur Debatte über Judenmission:
Rainer Stuhlmann: Absurd wie die Katholikenmission. Es ist theologisch falsch, Juden zum Übertritt in die Kirche zu bewegen.
Erschienen in zeitzeichen Oktober 10/2009.
Heinzpeter Hempelmann: Bleibt nur das Verstummen? Über einige Fallstricke im jüdisch-christlichen Dialog.
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