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Wo das Übel beginnt

Der Ärger mit dem Kreuz

Helmut Kremers

Das Kreuz als Heilszeichen war schon immer skandalös. Was neu ist: Selbst viele Christen möchten es am liebsten verbannen, insbesondere das Kruzifix mit dem Corpus Christi.

(Foto: privat)

Das Kreuz als Heilszeichen war schon immer skandalös. Was neu ist: Selbst viele Christen möchten es am liebsten verbannen, insbesondere das Kruzifix mit dem Corpus Christi. Die reformierten Christen allerdings empfan­den letzteres schon immer als einen Verstoß gegen das alttestamentliche Bilderverbot. Heute kämpfen säkulare Kräfte mit einigem Erfolg dafür, das Kreuz aus öffentlichen Räumen zu verbannen.

Nicht alle Christen finden das falsch. Nicht wenige evangelikale und liberale Christen treffen sich in der Meinung, das Kreuz dürfe nicht zu einer bloßen Marke für Kultur herabsinken. Andere erinnern daran, dass es sich einst um ein Hinrichtungsinstrument handelte und würden es am liebsten abschaffen.

Auch die traditionelle Auffassung, Jesus sei für unsere Sünden gestorben, hält mancher mitsamt der ganzen Sühnopfertheologie für obsolet: Es könne doch wohl nicht sein, dass Gott seinen Sohn zu Tode foltern ließ, nur weil er angesichts der Sünden der Menschen Blut sehen wollte.

Solche Einwände erinnern immer ein wenig an die Witze über den alten Mann im Himmel. Sie können ein befreiendes Lachen auslösen. Doch jene Einwände sind bitter ernst gemeint - man huldigt damit einem erstaun­lichen Glaubensrealismus, obwohl man sonst doch Wert darauf legt, Glaubensinhalte symbolisch zu verstehen.

Symbolisch heißt aber nicht, dass es sich um eine Art theologischen Knetgummis handelt. Sondern darum, dem allzu brüchigen Wort-fürWort-Glauben zu entgehen - vor allem anderen aber darum, das Geheimnis des Glaubens als solches zu akzeptieren. Der Christ darf und soll ihm zwar nach­gehen - also Theologie treiben - aber er sollte wissen, dass es eine Illusion bleibt, es eines Tages "aufdecken" zu können, womöglich unter Vorlage eindeutiger Forschungsergebnisse.

                      Manchmal zu zügig

Die Sühnopfertheologie ist ein Versuch, den Tod Jesu auf symbolischer Ebe­ne zu verstehen. Gewiss, es gibt andere Versuche, und das ist gut so: Wir kommen dem Geheimnis nicht durch die Reduktion von Komplexität bei, sondern tun gut daran, die alten Symbole mit Respekt und Ernsthaftigkeit zu behandeln.

So bleibt es eine zweifelhafte Sache, alte symbolische Vor­stel­lungen ab­schaf­fen zu wollen. Manche Christen, auch Theologen, gehen heute gern rasch über Jesu Tod hinweg: Nur in der Auferstehung liege die eigentliche Botschaft. Sie setzen damit der Welt des Leidens - eben der, in der täglich Blut fließt - die Hoffnung entgegen, ja den optimistischen Lebens­glauben. Gut so. Aber vielleicht geht das manchmal zu zügig.

Für Luther erinnerte das Kreuz auch daran, dass der Mensch der Sünde verhaftet ist (und also dem Tode verfallen bleibt), dass er der Er­lösung bedürftig ist. Eine andere Sichtweise wäre die: Die Umstände, die zu Jesu Tod führ­ten, sind auch ein Exempel dafür, wie es unter den Menschen zu oft zugeht. Nämlich komplett heillos. Wenn Jesu Tod ein Zeichen dagegen ist, muss es als radikaler Widerspruch begriffen werden, so wie uns plötzlich das tiefe Elend der Welt wie ein Stein in die Seele fällt ange­sichts des Elends eines einzigen Menschen. Erst dann kann mit der Aufer­stehungs­botschaft Neues beginnen.

Das Übel beginnt erst, wenn Menschen mal wieder davon überzeugt sind, im Besitz der einzig wahren Theologie zu sein.

Erschienen in zeitzeichen März 03/2010.

 

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