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Zwei Grad Celsius

Das Wetter, der Mensch und sein Klima

Kathrin Jütte

Wie stark ist unsere Gesellschaft vom Wetter und Klima geprägt? Dem Verhältnis zwischen Mensch und Klima widmet das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden eine umfangreiche Ausstellung. Ein Besuch mit Kathrin Jütte.

Stabile Stahlstreben gegen drohene Stürme: Im Deutschen Hygiene_Museum Dresden. (Foto: Kathrin Jütte)
Stabile Stahlstreben gegen drohene Stürme: Im Deutschen Hygiene_Museum Dresden. (Foto: Kathrin Jütte)

Enloge Konlotio lebt vom Fischfang in Cotonow/Benin. Tagtäglich fährt er aufs Meer hinaus, die Gezeiten und das Klima sind ihm vertraut. Seit einiger Zeit ist der junge Afrikaner besorgt. Denn: Es regnet in letzter Zeit deutlich weniger. Und bei den Sonnenauf- und -untergängen beobachtet er Veränderungen. Manchmal überspült das Meerwasser auch den Strand und nahgelegene Häuser. Dazu leidet das afrikanische Land unter nie gekannten heftigen Hitzewellen, die die Felder austrocknen. Es gibt kaum noch Fische im Meer. "Wir müssen unser Verhalten der Natur gegenüber verändern, aufhören, Bäume zu fällen, denn Bäume ziehen Regen an", sagt der Afrikaner.
Tausende Kilometer von ihm entfernt lebt José Luis Oliveros Zafra. Er arbeitet als Bauer in Spanien. In diesem Jahr hat er 100 Prozent seiner Ernte verloren. Der Grund: Wassermangel.
Auch für Olav Mathis Eira, Rentierjäger und -hüter in Norwegen, ist seine berufliche Zukunft ungewiss. Das Wetter im Norden spielt verrückt: mehr Wind, mehr Schnee, mehr Regen. In zwanzig Jahren, so schätzt er, werden viele Rentiere deswegen nicht mehr genug Nahrung finden und verhungern.
Alle drei Männer haben eins gemeinsam: Sie sind allesamt Zeugen des Klimawandels. Wie sie diesen erleben, was sie über die Ursachen denken und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen, davon berichten sie per Video in der Ausstellung "2 Grad. Das Wetter, der Mensch und sein Klima" im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden.

Jeder rede vom Wetter, keiner tue was dagegen, spottete noch einst Mark Twain. Und Friedrich Nietzsche, der Wetterfühlige, fragt 1881 in einem Brief, wie man sich davor (vor dem Wetter) schützen solle, worauf er etwas übertrieben feststellt: "Besser sich ganz aufhängen."

Zeugen des Klimawandels


In der Tat: Übers Wetter wird viel geredet, jeder ist betroffen, jeder fühlt sich fachkundig. Kein Wunder, dass Pe­ter Sloterdijk gar von uns als "Klimapub­likum" spricht. Andere nennen es "klimatologische Lagebesprechung", wenn die Bevölkerungen der modernen Nationalstaaten übers Wetter diskutieren: Es ist zu kalt, zu heiß, zu nass oder zu trocken. Dazu kommt die mediengestützte Wetterkommunikation, die inzwischen Unterhaltungswert hat. Jeder mutiert zum Wetterexperten und äußert seine Meinung zum laufenden Geschehen.

Doch das ist nur die eine Seite der Wettermedaille; es hat tagespolitische Brisanz bekommen, das Wetter. Präziser: das Klima. Seit bald fünfzehn Jahren diskutieren Wissenschaftler, was inzwischen in der breiten Bevölkerung angekommen scheint: den anthropogenen Klimawandel.

Der Physiker und Chemiker Svante Arrhenius war Ende des 19. Jahrhunderts der Erste, der zu errechnen suchte, zu welcher Temperaturänderung der Anstieg des Kohlendioxid-Anteils in der Atmosphäre führen würde. Heute, hundert Jahre später, wird diese Erwärmung wissenschaftlich kaum mehr in Frage gestellt. Der angenehmen Aussicht auf ein paar Grad mehr sind längst die Prognosen vom Aussterben der Arten und der Überflutung ganzer Küstenlandstriche gewichen. Der alte Traum vom Wettermachen scheint so nah wie nie. Doch der Preis für das, was der Meteorologe und Nobelpreisträger Paul Crutzen "Anthropozän" nennt, das Erdzeitalter, in dem die Lebensbedingungen durch den Men­schen verändert werden, ist hoch.

Der Mensch verändert "sein Klima", wie der Titel der Ausstellung hervorhebt, so fundamental, dass unkalkulierbare Folgen bevorstehen: ein nie da gewesenes Artensterben, häufige Extremwetterlagen und verschobene Klimazonen. Allüberall lakonische Experten-Töne, alarmistische Fakten. Dabei betrachtet die Ausstellung Wetter und Klima nicht vornehmlich aus einer naturwissenschaftlichen Perspektive, sondern geht "der Geschichte und den Geschichten eines Verhältnisses nach, das die westliche Welt zu dem aufgebaut hat, was sie als Wetter und Klima bezeichnet", schreibt Kuratorin Petra Lutz im Ausstellungskatalog.

Im Dresdner Hygiene-Museum werden rund dreihundert Exponate präsentiert, die Schau selbst gliedert sich in vier Räume. Klima oder Wetter? Im ersten Raum deutet sich der Unterschied an: Auf schlichten Podesten ein zerquetschter VW-Lupo, auf den am 1. März 2008 Orkantief Emma in der Dresdner Kronenstraße einen Baum kippte. Oder ein vom Orkantief "Katrina" in New Orleans zugerichtetes Verkehrsschild. Nebenan ragt eine vom Blitz zersplitterte Eiche. Der ausgestopfte Eisbär steht einsam vor blauem Hintergrund; seine Tatzen hat er eng zusammengerückt, so, als bliebe ihm nicht mehr viel Platz.

Keelings Flasche

Schaffen wir es, das Klima im Wandel so zu beeinflussen, dass der Eisbär weiterleben kann, oder ist er vom Aussterben bedroht? Diese Frage drängt sich dem Besucher auf. - Die in diesem blau gehaltenen Raum ausgestellten Exponate legen allesamt Zeugnis von Wetterextremen ab. Und davon, wie sehr der Mensch dem Wetter ausgeliefert ist, welche Macht das Wetter auf unseren Alltag hat. "Die Macht der Atmosphäre", so der Titel des Raums. Sie bekommt der Besucher zu spüren.

Weiter führt der Weg zu den Instrumenten, die es erst möglich machen, uns um Klimaveränderungen, also um messbare Veränderungen an einem Ort über dreißig Jahre lang zu sorgen. Seit der florentinische Hofmaler Evangelista Torricelli 1643 das Barometer erfand, indem er begriff, dass wir auf dem Grund eines Luftozeans leben, können wir immer mehr immer genauer messen - Luftdruck, Temperatur, CO2-Gehalt, Windgeschwindigkeit, Niederschlagsmenge, Schneehöhe. Wissenschaftliches wird präsentiert und erläutert - von Torricellis Barometer und der Kohlendioxidsammelflasche Keelings bis zu den aktuellen Satellitenbildern, die der Wetterdienst auf Monitore speist. "Beobachten und Berechnen" heißt denn auch der zweite Ausstellungsteil.

Hier zeigt sich der Wille, die Flüchtigkeit des Wetters mit raffinierten Apparaturen vorauszusagen, zu erklären und zu beherrschen. Aber auch zu dokumentieren, wie das Meteorologische Tagebuch von Johann Wolfgang von Goethe aus dem Jahr 1823 erkennen lässt. Während einer Badereise in Böhmen beauftragte der Dichter seinen Schreiber und Kammerdiener John mit der kontinuierlichen Beobachtung und Aufzeichnung der Witterung. Vor allem die Wolken interessierten ihn.
Im zweiten Saal und in den folgenden ändert sich der Darstellungsstil: Das Gerüst der Schau bilden Stangen aus Stahl. Die Objekte sind dabei in aufwändig gestaltete Stangenkonstruktionen eingefügt, die Texte dazu auf kleinen Wetterfahnenstangen platziert. Alles auf­geteilt auf so genannte thematische Wissensinseln, die sich jeweils einem Phänomen widmen, so die Sonneninsel, die Windinsel, die Friedensinsel. Das Gitterwerk aus Stahlstäben erscheint zunächst verwirrend, vermittelt aber gleichzeitig auch Transparenz - wie die Atmosphäre. Zwischen den Apparaten, Diagrammen und Bildschirmen liegen Baumscheiben, Bohrkerne und asiatische und indianische Kultfiguren. Sie stehen in starkem Kontrast zur tabellarischen Wettervorhersage und sehen Donner, Blitz und Sonnenschein als Botschaften von oben.

Im "Raum der Zivilisation" trifft man auf den Blitzableiter Benjamin Franklins, auf eine private Schneekugelsammlung und auf literarische Zeugnisse wie den Tischkalender von Gottfried Benn, der am 10. Mai 1945 notierte: "Sehr warm!" Persönliche Geschichten vom Leben mit dem Wetter stehen in dieser dritten Sequenz "Abwehr und Anpassung" im Vordergrund. Wie die des kreativen US-Bürgers. Ihm war am heißen Strand die Sonnenmilch ausgegangen. Also konstruierte er eine Zapfsäule nebst Gummischlauch und Düse, die nach Einwurf dreier Dollar-Münzen eine Sonnenmilchdusche verabreichte.
Oder die Urkunde der Wetterpatenschaft für "Kyrill 2007". Seine Kinder überraschten Kyrill Genow mit einem besonderen Geschenk. Sie machten ihn zum Wetterpaten, und so trug das elfte Tief im Jahr 2007 seinen Namen. Doch Kyrill richtete große Schäden an und Genow war entsetzt. Er hatte für einen Orkan Pate gestanden.
Der ausgestellte und zunächst kurios anmutende Regenschirm der englischen Königin Elisabeth II. führt eindringlich vor Augen, wie das Wetter ganz alltäglich unser Verhalten bestimmt.

Diese Ex­ponate tragen dem Konzept der Ausstellung Rechnung, über die naturwissenschaftliche und politische Betrachtung hinaus, den Blick für die gesellschaftliche und kulturelle Dynamik des Wetters zu schärfen.
Der Besucher kann hören, an Dutzenden Flachbildschirmen zuschauen und sich selbst einmischen, um Blitze zu erzeugen oder Windgeschwindigkeiten zu messen. Folgerichtig geht es der Schau schließlich um den Traum vom Wettermachen. Im "utopischen Raum" werden bewegliche neongrüne Wolken an die Wand projiziert. Deutlich wird, wie der Mensch begonnen hat, selbst das Wetter zu beeinflussen. Etwa indem er Hagelraketen und Silberjodid-Lösungen in den Himmel schoss - Zeugnis für die schon in früheren Jahrhunderten entwickelte Hybris, die sich in der Mitte des Raums durch den stilisierten Nachbau einer künstlichen Biosphäre 2 der Gegenwart nähert und endet mit dem Großkomplex Klimapolitik. "Can we atomize the Arctic?", fragte 1946 in einem Beitrag für das Magazin Mechanics Illustrated der erste unseco-Generaldirektor Julian Huxley und warf da­mit ernsthaft die Frage auf, ob mittels atomarer Explosionen das Eis am Nordpol abgeschmolzen werden könnte, damit die Nordwest-Passage ganzjährig befahrbar und das Klima in Mitteleuropa milder würde. Inzwischen zieht sich das Eis in der Arktis ohnehin zurück, doch die Folgen werden nicht nur ein paar zusätzliche Sonnentage sein.

Zwei Dinge vor allem macht die Ausstellung sonnenklar: Dass wir uns zu Recht ums Klima sorgen und dass wir immer noch große Verdränger sind. Denn die unbefangene Rede vom Wetter ist Schnee von gestern.



Informationen: "2 Grad. Das Wetter, der Mensch und sein Klima" ist bis zum 19. April 2009 im Deut­schen Hygiene-Museum in Dresden zu sehen, Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr. Zur Ausstel­lung ist ein um­fangreicher Katalog im Wallstein Verlag (231 Seiten, Euro 24,–) erschienen.

Erschienen in zeitzeichen 11/2008.

 

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