Das Verstummen der Mädchen
Wie die Fiedel zum Instrument des Teufels wurde
Sie wurden Opfer ihres Glaubens. Im norwegischen "Bible-Belt" gab es im 19. Jahrhundert eine mächtige Tradition: Weibliche Spelmannen, die mit ihren Geigen bei Festen auspielten. Ralf Neite hat die norwegische Folkmusikerin Sigrid Moldestad getroffen, die sich auf die Suche nach den verstummten Frauen am Nordfjord gemacht hat.
Die norwegische Folkmusikerin Sigrid Moldestad war zehn Jahre alt, als sie begann, Volksmusik-Weisen spielen zu lernen. Damals, zu Beginn der Achtzigerjahre, waren Geige spielende Frauen in der norwegischen Folkszene noch eine Seltenheit. Umso erstaunlicher, dass ihre Lehrer ihr von einer sehr besonderen Folktradition ihrer Heimat, der zerklüfteten Westküste Norwegens, erzählten. Dort - in den Regionen Nordfjord und Sunnmøre - lebten und leben die Menschen in kleinen Gemeinden und Dörfern fernab von großen Städten. Sie pflegen ihre eigene Kultur, sprechen noch heute eine eigene Sprache: das Nynorsk.
In den Geschichten der Lehrer tauchten viele Frauen auf. Frauen, von denen Abenteuerliches erzählt wurde: Die Kinder, Haus und Hof zurückließen, sich aufs Pferd schwangen und für mehrere Tage verschwanden, um in einem der umliegenden Dörfer eine Hochzeitsgesellschaft zu unterhalten. Die meisten dieser Geschichten spielten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, danach wurde es still um die Spielfrauen. So still, als hätte es sie nie gegeben. Selbst heute ist es noch so, dass der norwegischen Sprache kein eigener Begriff für sie geläufig ist. Mit dem Wort "Spelemann" sind Männer und Frauen gleichermaßen gemeint.
Für sie sei der männliche Begriff kein Problem, sagt Moldestad, doch das Schicksal der weiblichen Spelmannen ließ sie auch als Erwachsene nicht mehr los. Jahrelang forschte die Folkmusikerin in Archiven, sprach mit alten Menschen am Nordfjord. "Ich wollte wissen, wer diese Frauen wirklich waren, wie viele es gab - und warum sie plötzlich aufgehört hatten zu spielen." Ihre Antworten liefert sie auf ihrer neuen Solo-CD Taus. Taus hat im Norwegischen zwei Bedeutungen: Mädchen und Stille.
Warum hörten die Frauen plötzlich auf zu spielen?
In wechselnden Besetzungen mit Klavier, Drehorgel, Kontrabass, Banjo, Bouzouki, Mandoline, Gitarre und Flöte spielt sie einige der alten Stücke, die Samuline Seljeset, der "blinden Siri" oder "Bø-Mari" Stoverstein zugeschrieben werden, daneben aber auch eigene Komposition, in denen sie vom Leben der Frauen vor zweihundert Jahren erzählt.
Auf der Recherchereise zu dieser besonderen CD sind Fragen offen geblieben. Warum es in dieser abgeschiedenen Region so viele musizierende Frauen gab, darüber kann auch Modestad nur spekulieren. Möglicherweise wären die Pastoren in dieser Gegend damals noch aufgeschlossener gegenüber Tanzmusik gewesen und hätten die Entwicklung begünstigt. Außerdem war die Geige noch nicht als "Instrument des Teufels" verschrien. Aber wichtiger noch war sicher die Qualität der Musikerinnen gewesen: "Sie wurden Vorbilder für viele andere Mädchen."
Fest steht jedenfalls, dass die erste Spielfrau im Jahr 1730 erwähnt wird und dass, während im restlichen Norwegen nur vereinzelt Spielfrauen auftauchten, es in Sunnmøre und Nordfjord immer mehr wurden. Um das Jahr 1800 - das lässt sich aus den Quellen erheben - ab es unter den Spelmannen mehr Frauen- als Männernamen.
Die Spielfrauen hatten eine wichtige soziale Rolle in den ärmlichen, von kleinen Bauernhöfen geprägten Dörfern, da die Menschen bei allen gesellschaftlichen Ereignissen auf ihre Musik angewiesen waren. Wie wichtig, zeige, so Moldestad, dass es Geschichten über Spelmannen mit Behinderung gäbe, die über weite Entfernungen zu Hochzeiten und Tanzveranstaltungen getragen worden seien, damit sie dort aufspielen konnten.
Reich und satt machte die soziale Anerkennung jedoch nicht: Samuline Seljeset (1804–1872) ist ein Beispiel für die schwierigen Lebensumstände, unter denen sich die Musikerinnen ihrer Kunst widmeten: "Sie war verheiratet, hatte neun Kindern, vier davon verloren. Aber sie nahm das Pferd und ritt los, um zu spielen. Von ihrem Mann heißt es, dass er nicht sehr glücklich darüber war, mit den Kindern zurückgelassen zu werden. Wahrscheinlich wäre es für Samuline viel einfacher gewesen, zu Hause zu bleiben. War die Musik ihre Rettung? Oder etwas, das sie einfach tun musste?"
Frauen sollten still sein und
keine aktive soziale Rolle mehr übernehmen.
Zu Samulines Lebzeiten änderte sich in Norwegen die Einstellung zur Musik im Allgemeinen und zu Fiedel spielenden Frauen im Besonderen. Mit Verspätung waren pädagogische Thesen des ausgehenden 18. Jahrhunderts auch in den Norden vorgedrungen. Sigrid Moldestad nennt Jean-Jacques Rousseau als Beispiel: "Er schrieb, Frauen sollten demütig sein und hart arbeiten. Und er war auch der Meinung, dass Mädchen sehr früh daran gewöhnt werden sollten, bestraft zu werden." Es habe "dramatische Unterschiede" in der Erziehung von Mädchen und Jungen gegeben. "Die Frauen sollten den Haushalt machen, still sein und keine aktive soziale Rolle einnehmen."
1814 wurde die Union von Norwegen und Dänemark aufgelöst, es folgte eine Zeit des Wandels, in der neue politische, kulturelle und religiöse Impulse leichter Fuß fassen konnten. Auch das machte den Spielfrauen das Leben schwer.
Etwa die Ideen Hans-Nielsen Hauges (1771-1824), der sieben Jahre lang als Erweckungsprediger durch das Land zog und eine pietistische Neubesinnung des evangelisch-lutherischen Staatsglaubens forderte. "Hauge drang auf die Bekehrung und Wiedergeburt des Einzelnen sowie lebendiges Gemeinschaftsleben und betonte nachdrücklich die Notwendigkeit der guten Werke als Glaubens- und Geistesfrüchte und des ernsten Strebens nach einem Leben in der Heiligung", heißt es in Aschehoug und Gyldendals Norwegischer Enzyklopädie. Er war damit Teil einer Erweckungsbewegung, in der sich mehrere lokale Vereine für die innere Mission des Landes einsetzten. Sie schlossen sich 1868 zur Lutherstiftung zusammen, über die Erich Beyreuther in seinem Buch Die Erweckungsbewegung schreibt: "Damit nahm das lebendige kirchliche Leben weithin das Gepräge von Vereinschristentum an, wofür in anderen Ländern schwer eine Parallele zu finden ist."
Schon das Zuhören beim Geigenspiel galt als Sünde
In Nordfjord und Sunnmøre fielen die frommen Gedanken auf besonders fruchtbaren Boden. Dazu gehörte die Überzeugung, dass nicht nur das Geigenspiel, sondern schon das Zuhören und natürlich das Tanzen Sünde seien. Wer die Fiedel spielte, befand sich in der Hand des Teufels, für Frauen galt das in gesteigertem Maße. "Es gibt viele Geschichten von Frauen und Männern, die ihre Fiedeln wegwarfen, weil sie Angst hatten und die Sünden wieder gutmachen wollten, die sie durch ihre Musik begangen hatten", erzählt Moldestad. "Sie erklärten sich auf diese Weise auch tragische Ereignisse in ihrem Leben." Eine Fiedelspielerin, Lisbeth Andersdotter beispielsweise, verlor ihren Mann, der im Meer ertrank. Sie suchte einen Grund, warum sie dieses Schicksal ereilte, und sie fand eine gute Erklärung darin, dass sie die Fiedel gespielt hatte. Der Tod des Mannes war Gottes Weg, sie zu bestrafen.
Es gab kein offizielles Verbot, keine Verhaftungen oder gesetzlichen Strafen. Zusammen mit der Angst der Musiker und Musikerinnen, sich zu versündigen, reichte die gegenseitige Kontrolle der Dorfgemeinschaft völlig aus, um die Geige mit einem Bannstrahl zu belegen. Die Auswirkungen der pietistischen Gedanken waren in den einzelnen Dörfern unterschiedlich stark. Am schlimmsten sei es in der Region Sunnmøre gewesen, sagt Sigrid Moldestad. "Dort gibt es Dörfer, in denen die Volksmusik praktisch aufgehört hat zu existieren. Es gibt Geschichten über ehemalige Fiedelspielerinnen, die ihre Kinder um ihr Sterbebett versammelten und sie schwören ließen, dass sie niemals eine Fiedel anfassen würden."
Es gab kein Verbot, die Angst reichte aus.
In anderen Dörfern waren die Sitten nicht ganz so streng, die Männer musizierten zum Teil weiter. Zum Teil tradierten sich die Melodien der alten Lieder auch, indem sie gesungen statt auf der Fiedel gespielt wurden. "Das ist das Gute an der Volksmusik, sie ist nie totzukriegen", lächelt Moldestad. Doch das Geigenverbot behielt lange Gültigkeit. Bei den Recherchen zur CD habe sie mit einer über 90-jährigen Frau aus
dem Ort Hornindal gesprochen, die sich daran erinnerte, dass noch in ihrer Kindheit die Mädchen im Geheimen spielen mussten, wenn sie die Fiedel erlernen wollten. Dagegen breitete sich das Fiedelspiel unter den Männern damals schon wieder stark aus. "Es ist nicht so, dass die Tradition ganz ausstarb. Nur die Mädchen wurden stumm gemacht."
Und heute? Seit den Neunzigern sei die Folkfiedel bei Frauen wieder im Kommen, angeregt durch staatliche Programme zur Förderung der Volksmusik und große Vorbilder in der norwegischen Musikszene. "Auf den Bühnen gibt es jetzt viele selbstbewusste Frauen, die die Fiedel spielen", freut sich die 36-Jährige. Allerdings ist ihr wichtig, dass die Geschichte verstummter Spielfrauen kein norwegisches Phänomen
ist. In vielen anderen Ländern würden Frauen immer noch zum Schweigen gebracht, etwa im Iran oder in Afghanistan, betont Moldestad. "Insofern sehe ich die CD auch als wichtige Erinnerung daran, dass man nicht weit reisen muss, um solche Entdeckungen zu machen."
Erschienen in zeitzeichen 01/2009.
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