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Gefahr im Innern

Fundamentalismus im Spielfilm

Martin Bauschke

Der Reiz von "Projektionen des Fundamentalismus", herausgegeben von Margrit Frölich, besteht in der Zusammenschau von theoretischer Analyse fundamentalistischen Denkens und Fühlens und dessen konkreter Darstellung im Medium des Spielfilms.

In der Flut von Literatur der letzten zehn Jahre zum Phänomen des religiösen Fundamentalismus als der Kehrseite der so genannten Renaissance der Religionen fällt dieses interessante Buch auf. Sein Reiz besteht in der Zusammenschau von theoretischer Analyse fundamentalistischen Denkens und Fühlens und dessen konkreter Darstellung im Medium des Spielfilms, wie sie 2006 auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Arnoldshain und des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik stattfand.

Die dokumentierten Beiträge umfassen zunächst eine glücklicherweise relativ knapp ausfallende allgemeine Einführung. Clemens Six skizziert die Grundstrukturen fundamentalistischen Denkens als "modernen Antimodernismus". Christian Schneider beschreibt sodann das psychologische Wesen fundamentalistischer Gesinnung, welche er im Kern als "Suspendierung des Zweifels" begreift. Dass fundamentalistisches und fanatisches Denken verschiedenen Ursprungs seien, wie Schneider behauptet, vermag nicht zu überzeugen, wenn man etwa die Analysen von Günter Hole berücksichtigt (Fanatismus. Der Drang zum Extrem und seine psychischen Wurzeln, 2004), auf den Schneider nicht eingeht.

Ungleich spannender ist der eigentliche Schwerpunkt dieses Bandes: die meist hervorragenden Beschreibungen und Analysen zeitgenössischer Filme, die in höchst unterschiedlicher Weise das Innen- und Außenleben fundamentalistischer Akteure beschreiben. Insgesamt werden zwölf neuere Filme thematisiert, die in den Jahren 1994 bis 2006 entstanden sind. Die Stärke dieser Auswahl ist ihr weiter Horizont, die Vielfalt religiöser, kultureller und gesellschaftlicher Hintergründe. Ein Bogen spannt sich vom Evangelikalismus der USA (et­wa im Oscar nominierten Dokumentarfilm Jesus Camp von Grady/Ewing 2006) über die Haredim - die Zitternden - in Jerusalem, die ultraorthodoxen Juden im Viertel Meah Shearim (in Kadosh von Amos Gitai 1999) bis mitten hinein in den Nahostkonflikt. Etwa in der heftig umstrittenen multinationalen Koproduktion Paradise Now von Hany Abu-Assad 2004, die Heike Kühn als gelungene "Parabel wider den heiligen Ernst" beschreibt.

"Der" religiöse Fundamentalismus hat trotz gemeinsamer kulturübergreifender Merkmale konkret viele verschiedene Gesichter und Schicksale. Zu begrüßen ist, dass auch hierzulande unbekannte Filme wie die von Merzak Allouache über den Fundamentalismus in Algerien berücksichtigt wurden. Viola Shafik widmet dem algerischen Regisseur eine kritische Werkanalyse und macht an seinen Filmen deutlich, was auch sonst vielerorts gilt: dass Religion bei weitem nicht ausreicht, um die Hintergründe und Entstehungsbedingungen für Fundamentalismus zu beschreiben. Besonders spannend wird es dann, wenn es wie in Nikolai Wojtkos Beitrag gelingt, zwei Filme direkt aufeinander zu beziehen. Wojtko bringt überzeugend die vergleichbare Tiefenstruktur der Filme Hexenjagd von Nicholas Hytner (1996) und The Village des indischen Regisseurs M. Night Shyalaman (2004) auf die Formel: "Draußen lauert die Gefahr, die im Inneren wütet." Wobei es für diesen typisch fundamentalistischen Projektionsakt völlig gleichgültig ist, ob die Geschichten historisch wahr und explizit religiös motiviert sind wie in Hexenjagd oder ob sie das nicht sind wie in The Village.

Dieses Buch macht jedem Interessierten Lust darauf, sich die Filme erneut anzuschauen, auch diejenigen, die man damals nicht im Kino gesehen hat. Im dvd-Zeitalter ist das jederzeit nachholbar geworden.

Margrit Frölich u.a. (Hg.): Projektionen des Fundamentalismus. Reflexionen und Gegenbilder im Film. Schüren-Verlag, Marburg 2008, 192 Seiten, Euro 19,90.

 

Erschienen in zeitzeichen 12/2008.

 

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