Ein Sänger des Himmels
Vor hundert Jahren wurde der katholische Komponist Olivier Messiaen geboren
Olivier Messiaen zählt zu den außergewöhnlichen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Seine tiefe Frömmigkeit hat das Entstehen seiner Werke wesentlich geprägt. Er war ein gläubiger Katholik mit einer hohen Sensibilität für die musikalisch-spirituellen Anlagen anderer Kulturen. Ein Portrait von Roland Mörchen.
Das Elternhaus in Avignon, in das Olivier Eugène Prosper Charles Messiaen genau zwei Wochen vor Weihnachten, am 10. Dezember 1908 hineingeboren wurde, bot ihm vor allem ein literarisches Umfeld. Der Vater, Professor für Englisch, übersetzte Shakespeare, die Mutter dichtete. Den Sohn Olivier begeisterten schon früh Märchen, deren Geschmack am Wunderbaren er sich nicht nur lebenslang bewahrte, sondern - darin J. R. R. Tolkien, dem Dichter des "Herrn der Ringe" vergleichbar - im christlichen Glauben geheimnisvoll bestätigt fand. Messiaens Schau nach innen korrespondierte mit einer Liebe zur Natur, was beides in seiner Tonkunst wirksam werden sollte. Schon früh regte sich in ihm ein Spaß an Tönen und Klängen, die er sich zunächst ohne Anleitung am Klavier zusammensuchte. In dieser Zeit konnte man bereits sein beachtliches Improvisationstalent ahnen, für das er später an der Orgel kaum weniger als für seine Kompositionen gerühmt wurde. Die Begegnung mit der Musik Claude Debussys festigte seinen Entschluss, die Musikerlaufbahn einzuschlagen. Paul Dukas und Marcel Dupré wurden seine Lehrer.
Mit 22 Jahren erhielt er das Organistenamt an Sainte-Trinité in Paris und bekleidete es bis ins hohe Alter. Historische Kirchen überwältigten ihn, besonders die mittelalterlichen Farbfenster in der Kathedrale Notre Dame. An der École Normale de Musique übernahm er Mitte der Dreißigerjahre seine erste Dozentur. 1936 war er Mitbegründer der avantgardistischen Gruppe "La Jeune France" ("Die französische Jugend"). Mehr und mehr versenkte er sich in die Geheimnisse von Rhythmus und Klang. Das Schlagzeug, dessen Spiel er selbst erlernte, wurde ein wichtiger Teil seines Instrumentariums. Messiaen erschloss dem abendländischen Kulturraum ungehörte Akkorde und Skalen und setzte Töne zu Farben in Beziehung, um auf diese Weise einzigartige Klangfarben zu erschaffen. Noch während der Zweite Weltkrieg andauerte, machte man ihn nach neunmonatiger deutscher Gefangenschaft, in der er sein "Quartett auf das Ende der Zeit" geschrieben hatte, zum Professor am Conservatoire national supérieur de musique. Hier vervollkommnete der als Modernist verschriene Messiaen seine rhythmischen, klangästhetischen und musikphilosophischen Theorien, die er an seine Schüler weitergab. Unter ihnen befanden sich Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen. Mehrmals führten ihn Kompositionskurse auch in den Westen Deutschlands. Messiaen, der ein Haus in der Nähe von Grenoble besaß, starb am 27. April 1992 in Paris, jener Stadt, in der er fast sein ganzes öffentliches Leben zugebracht hatte.
Galt die immer wieder neu studierte Rhythmik als Herzschlag seiner Kunst, so war Messiaens Glaube deren Seele. Seine Kompositionen, die von ihrem innersten Wesen her keine Aufspaltung in spezifisch "geistliche" oder "weltliche" Musikgattungen dulden, bilden eine weltumspannende Klangmystik. Das Verständnis vom mystischen Leib Christi, der den Erdkreis umfasst, war integrativer Bestandteil seines Katholizismus. Messiaen lauschte seine Werke den christologischen, ekklesiologischen, eschatologischen und eucharistischen Geheimnissen genauso ab, wie er dem Mysterium der Schöpfung einen musikalischen Widerhall gab. Vielen Werken verlieh er bezeichnende Titel, die guter programmatischer Tradition entsprachen, aber entscheidender noch die Inspirationsquelle offenlegten, der sich die Komposition verdankte: "Die Geburt des Herrn", "Verklärung unseres Herrn Jesus Christus", "Meditation über das Geheimnis der Heiligen Dreieinigkeit", "Und ich erwarte die Auferstehung der Toten", "Farben der himmlischen Stadt", "Streiflichter über das Jenseits".
So sehr durchströmte die Frömmigkeit den Tondichter, dass Scherze darüber seinen religiösen Ernst verletzten. Da verstand er wenig Spaß. Sein katholischer Glaube war voller Inbrunst und Ehrfurcht, aber keine "fröhliche Wissenschaft". Das Herz lachte ihm anderswo. Vor dem Schöpfungswunder wurde er fröhlich, besonders beim Horchen auf Vogelstimmen, in denen er das vollkommene Gotteslob zu hören meinte: einen "Abklang" der himmlischen Herrlichkeit, eine konzertante Communio von Ewigkeit zu Ewigkeit. Im Anfang war nicht allein das Wort, sondern auch der Gesang. Seine Begeisterung für die "gefiederten Sänger des Himmels", denen sich Messiaen nach Auskunft seines Bruders Alain als "rationalistischer Beobachter" zuwandte, machte aus ihm selbst einen Himmelssänger. Die Vielfalt dieser natürlichen Musikalität ahmte er in etlichen Kompositionen beharrlich nach. Genannt seien nur "Erwachen der Vögel", "Exotische Vögel", die berühmte "Turangalîla-Sinfonie", die "Pfingstmesse", das "Vogelkonzert" in seiner einzigen Oper "Der Heilige Franz von Assisi". Er widmete sich der Vogelwelt in aller Herren Ländern mit solcher Gründlichkeit, dass man ihn auch als Kapazität in der Ornithologie betrachtete. Wer kann schon von sich behaupten, siebenhundert Vögel an ihrem Zwitschern, Tirilieren, Piepen, Schlagen und Zirpen zu erkennen? Messiaen konnte es.
Weltumspannende Klangmystik
Seine Klangvision, die Naturlaute, Gregorianik und Gamelan (einheimische Orchestermusik auf Bali und Java) verarbeitet, in vollem Umfang verständlich zu machen und zu würdigen, scheitert oft an den komplexen, hochgelehrten Kompositionstechniken. In Messiaens Musik "scheinen sich Himmelsblicke von Lisztscher Süße mit bruitistischen Exzessen zu mischen", notiert das von Friedrich Herzfeld herausgegebene "Neue Ullstein Lexikon der Musik". Die Musik- und Theaterwissenschaftlerin Sigrid Neef spricht nach dem Hören der Oper "Der Heilige Franz von Assisi" von "fluktuierenden Rhythmen und der chromatisch schillernden Harmonik", womit der Komponist "einen Ausdruck des Fasslichen und des zugleich Überkomplexen" erziele. Bei genauem Studium erschließen sich die von Messiaen selbst ausführlich dargelegten Prinzipien und Mechanismen seiner Kunst, obgleich damit noch nichts über ihre Wirkung auf den Hörer ausgesagt ist. Dass seine Orgelwerke bei gewöhnlichen Gottesdienstbesuchern sowohl Kopfschütteln als auch Empörung hervorriefen, erstaunt nicht. Johann Sebastian Bach erlitt in seiner Zeit ein ähnliches Schicksal.
Neue Musik löst sogar bei Experten Faszination und Ratlosigkeit aus. Eine Harmonik, die zwar auch vertraute chromatische Bindungen kennt, aber von der "konstruktiven Freiheit" des Schaffenden auf serielle Bahnen gelenkt wird, ist nicht so unmittelbar zu erleben und viel weniger eingängig als eine sofort nachvollziehbare Melodie. Allerdings komponierte Messiaen nicht selbstbezogen. Er verstand Musik als Tröstung, die ein Urvertrauen wecken sollte. Darum suchte er Zuhörer, die auf seine Kunst gleichsam meditativ reagierten, um die spirituelle Verbindung zwischen Mensch und Gott über eine "Sprache" herzustellen, die keinen Informationswert besitzt, sondern die Seelen erhebt. Über das komponierte Echo der Natur und des Alls ("Von den Canyons zu den Sternen") sollte ein Weg zum Schöpfergott führen. In solche Stimmung versetzt zu werden, kann nicht bei jedem und nicht einmal dauernd gelingen. Messiaens Werk ist in einem Sinne exzeptionell, der die Schwierigkeiten der persönlichen Rezeption, ja das Gefühl der Fremdheit einschließt. Der katholische Mystizismus, gepaart mit scharfem Verstand, wurde auch von außermusikalischen Quellen genährt: von der Bibel, von liturgischen Texten und klassischer theologischer Literatur. Thomas von Aquin fand Eingang in das Oratorium "Verklärung unseres Herrn Jesus Christus".
Als Summe seines Schaffens kann man vielleicht die von Rolf Liebermann in Auftrag gegebene Oper "Der Heilige Franz von Assisi" betrachten. Acht Jahre arbeitete der Tondichter an diesem "Opus Sacrum" über eine zentrale Gestalt des Christentums, bis es am 29. November 1983 am Pariser Opernhaus gleichsam als vorgezogene Geburtstagsfeier des 75-jährigen Komponisten zur Uraufführung kam. Das Werk erzählt in einer eher undramatischen Form, die an sein frühes Vorbild Debussy erinnert, von Franziskus als Gottesfreund, der Menschen und Vögeln predigt. Die Angst vor dem Tod will er aller Kreatur nehmen. Messiaen schildert die Begegnung mit einem Leprakranken und einem Engel, die Stigmatisierung und das Sterben des Heiligen, die Lebensfreude und das Leiden, das Messiaen selbst im Krieg geradezu als apokalyptisch erfahren hatte. Am Ende findet Franziskus, wie bei Messiaen kaum anders zu erwarten, die letzte Wahrheit in Gott.
Erschienen in zeitzeichen 12/2008.
Auch unterwegs
Bald neu:
zeitzeichen als
Anwendung für
Smartphones
und Tablet-PCs.
zeitzeichen auf facebook
Abonnement/ Probeheft
Abonnieren Sie das Magazin zeitzeichen - als Printmagazin oder in der Online-Ausgabe. Oder bestellen Sie kostenlos und unverbindlich ein Probeexemplar.

