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Russischer Horror

Ein erschütternder Gulag-Roman

Udo Feist

Martin Amis holt den Bann der Fassungslosigkeit aus dem Schweigen. Dass er dabei auch an die Rechtfertigung Gottes stoßen muss, ist unvermeidlich. Ein dicht und spannend komponiertes Buch, intensiv anschaulich, drastisch lakonisch.

Theodor Adornos Diktum, wonach es unmöglich sei, nach Auschwitz noch Gedichte zu schreiben, ist mittlerweile so historisch wie geflügeltes Wort und angesichts der lyrischen Produktion seither zur rhetorischen Frage herabgesunken. Der ätzende hermeneutische Sinn ist aber geblieben. Analog dazu ist beim jüngsten Roman des Briten Martin Amis die Frage mitzudenken, ob sich nach dem Gulag (stellvertretend für den stalinistischen Terror) noch Romane schreiben ließen.

Amis beantwortet sie, indem er mit "Haus der Begegnung" explizit einen Gulag-Roman schreibt, das Unsagbare samt individuellem Horror umkreist. "Im größeren Maßstab ist Schicksal nichts als Demographie; und Demographie ist ein Ungeheuer," schreibt darin der Ich-Erzähler, ein 86-jähriger namenloser Russe, zu Beginn des 21. Jahrhunderts an die 24-jährige US-Amerikanerin Venus, seine Stieftochter. Ihn und seine Generation verstümmelte die Demographie in der spezifisch sowjetischen Spielart von Willkür und Lager-Terrorismus. Davon erzählt das dicht und spannend komponierte Buch, intensiv anschaulich, drastisch lakonisch.

"Haus der Begegnungen" ist stilisiert als sein Lebensbericht an Venus, der verstörend unter die Haut kriecht. Amis (geboren 1949) hatte sich mit seinem zornigen Stalinzeit-Großessay Koba der Schreckliche. Die zwanzig Millionen und das Gelächter (2007) darauf vorbereitet.
Was dort erdrückende Fülle der Quellen über Qual und Erniedrigung war, ist hier zur Wahrhaftigkeit der Fiktion verdichtet. Die schlichte Story vereint alle Ungeheuerlichkeiten der menschlichen Gattung. Zwei Brüder werden 1946 in dasselbe Lager verschleppt. Der Ältere (Ich-Erzähler), gutaussehend, gewandt, ist ein im Zweiten Weltkrieg dekorierter Gewaltmensch und Vergewaltiger, aber doch kein Monster, Lew, der Jüngere, ein Dichter, eher unansehnlich, schwach. Beide begehren die attraktive Jüdin Zoya.

Das Unwahrscheinliche geschieht: Sie heiratet Lew, was der Ältere kaum glauben mag, als jener es ihm bei der Ankunft im Sklavenarchipel erzählt. Trotzdem sorgt dieser für Lew, wenn auch mit gespaltenen Gefühlen, hilft ihm gegen die herrschende Lagerelite gewöhnlicher Krimineller. Und während des scheinbaren Tauwetters nach Stalins Tod begleitet er ihn auch zum "Haus der Begegnungen", der Baracke, in der Häftlinge ihre Frau treffen dürfen. Eine 'Liebeszelle', in der etwas passierte, was allen auf die Seele fiel oder sie gleich ganz erstickte. Der Erzähler legt Zeugnis davon ab, Jahrzehnte später nachdem er auf einer 'Gulag-Tour' nach dem Sowjet-Kollaps den 'Sektor' als Tourist besuchte.

Amis holt den Bann der Fassungslosigkeit aus dem Schweigen. Dass er dabei auch an die Rechtfertigung Gottes stoßen muss, ist unvermeidbar. Er lässt sie mit den Worten des Ich-Erzählers an Venus so im Raum stehen: "Du wirst dich an meinen 'Beweis' der Nicht­existenz Gottes erinnern und wie zufrieden ich damit war. Aber dieser wacklige Syllogismus lässt sich leicht zum Einsturz bringen, und alle Fragen der Theodizee lösen sich schlicht in Luft auf - wenn Gott ein Russe ist." Sarkasmus, dem ein moralischer Appell innewohnen mag.

Martin Amis: Haus der Begegnungen. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Carl Hanser Verlag, München 2008, 240 Seiten, Euro 19,90.

Erschienen in zeitzeichen 10/2008.

 

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