Ein merkwürdiger Scharlatan
Vor 150 Jahren wurde der Schriftsteller Knut Hamsun geboren
Der Norweger Knut Hamsun (1859-1952) galt einmal als einer der bedeutendsten Schriftsteller der Welt - bis er als Nazisympathisant seinen Ruf ruinierte. Es bleibt die Frage, ob deshalb sein Werk dem Vergessen anheim fallen soll.
"Ein Fremder tauchte in der Stadt auf, ein gewisser Nagel, ein merkwürdiger und eigentümlicher Scharlatan, der eine Menge auffallender Dinge beging und ebenso plötzlich, wie er gekommen war, wieder verschwand."
So lautet der zweite Satz des Romans "Mysterien" (1892). Bei dem noch jungen Mann, von dem die Rede ist, handelt es sich um einen Typus, dem man in der Literatur des 20. Jahrhunderts häufig begegnen sollte: ein Exzentriker unbekannter Herkunft; unklar, was er vorhat. Nagel jedenfalls verliebt sich, wenn auch hoffnungslos, nichts Besonderes also, aber er macht sich auch an eine einsame und arme Witwe heran; offen bleibt, ob es sich nur um die Sympathie des Außenseiters zur Außenseiterin handelt. Im Übrigen ist sein Verhalten sprunghaft, unberechenbar, und vergeblich wartet der Leser auf eine Auflösung, am Ende begeht Nagel Selbstmord - anscheinend oder scheinbar spontan.
Schüsselwerk der modernen Literatur
Das Buch ist ein Schlüsselwerk der modernen Literatur, und sein Verfasser zählte einst zu den bedeutendsten Schriftstellern der Welt: Knut Hamsun. Die Zahl seiner Bewunderer war Legion, dazu zählte alles, was damals Rang und Namen hatte: Thomas Mann, Ernest Hemingway, Hermann Hesse und Henry Miller, Bert Brecht, Robert Musil; und die Liste könnte beliebig fortgeführt werden.
Doch nur wenige Schriftsteller ruinierten ihren Ruf so gründlich: Hamsun war am Ende seines langen Lebens Nazi. Er unterstützte schon früh - allerdings war er da schon über siebzig - die norwegischen Faschisten, später auch die deutschen Nazis. Die Engländer verabscheute er seit seiner Jugend, Deutschland verehrte er, ohne es zu kennen. Schon im Ersten Weltkrieg hatte er auf den Sieg Deutschlands gehofft, im Gegensatz zur Mehrheit der Norweger.
In den Dreißigerjahren stellte er sich auf die Seite des einheimischen Nazis Vidkun Quisling, der kaum Resonanz im Volke hatte.
Es kam noch schlimmer: Der weltbekannte Großschriftsteller, der wegen seiner Einfühlsamkeit in die menschliche Psyche berühmte Dichter, protestierte gegen die Verleihung des Friedensnobelpreises an Carl von Ossietzky, ohne eine Spur des Mitgefühls mit dem im KZ Inhaftierten erkennen zu lassen. Er wünschte und begrüßte die deutsche Besetzung seines Heimatlandes, weil sie der durch England zuvorkam. Er manövrierte sich in seinem eigenen Heimatland ins Abseits. Aber ihm war es gleichgültig, wenn er die Öffentlichkeit vor den Kopf stieß, oder nein: er liebte es, er war geradezu süchtig danach.
Treffen mit Goebbels und Hitler
Er hatte Joseph Goebbels getroffen und sich mit ihm gut verstanden, der Reichspropagandaminister äußerte sich in seinem Tagebuch begeistert von ihm. Auch zu Adolf Hitler reiste er im Krieg, aber da war er gekommen, um für die Freilassung von inhaftierten Landsleuten zu sprechen und die Ablösung des Reichskommissars für Norwegen zu erwirken. Hitler verabschiedete ihn erbost, doch der alte, fast ertaubte Mann war keineswegs kuriert. Wenige Tage nach dem Tod des "Führers" veröffentlichte er gar einen huldigenden Nachruf auf ihn.
Da musste er längst wissen, dass er zur Rechenschaft gezogen werden würde, aber er, Knut Hamsun, war nicht der Mann, einen Schritt zurückzugehen oder gar einen Fehler zuzugeben. Er saß längst wieder auf seinem Hof in Norwegen, hatte seine Zeit mit einsamer Zeitungslektüre verbracht, nur das geglaubt, was ihm in den Kram passte und Blitze in Form von Zeitungsartikeln geschleudert, die sich alle durch ihre Polemik und durch die absolute Gewissheit, dass ihr Verfasser Recht habe und im Recht sei, auszeichneten und unweigerlich seinen Ruf ruinierten.
Seine zweite Frau Marie, geborene Andersen, 22 Jahre jünger, einst norwegische Staatsschauspielerin, die ihre Karriere auf Wunsch ihres Mannes aufgegeben hatte, war gar Ortsgruppenleiterin der norwegischen Nazipartei, auch die Söhne waren Nazis. Marie empfand für Hamsun bestenfalls noch Hassliebe, sie hatte sich von ihrem Ehemann, lange ein liebender Tyrann, emanzipiert. Oder vielleicht nicht ganz? Immerhin bildete sie sich fest ein, er steige nun, als Greis, jungen Mädchen nach, dabei hockte der in seiner Kammer, kaum, dass jemand mit ihm sprach.
Hamsun wollte ein gerechtes Urteil - wobei er sich absurderweise
der Illusion hingab, dies müsse zu seinen Gunsten ausfallen.
Nach dem Krieg wanderte Marie Hamsun ins Gefängnis, er in eine psychiatrische Klinik, wo festgestellt wurde, der Schriftsteller leide "unter einer erheblichen Minderung seiner geistigen Fähigkeiten". Das Strafverfahren wurde eingestellt, Hamsun entlassen, sein Vermögen allerdings wurde beschlagnahmt. Entrüstet war er nur über den psychologischen Befund: Er sei durchaus im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte, er wolle ein gerechtes Urteil - wobei er sich absurderweise der Illusion hingab, dies müsse zu seinen Gunsten ausfallen.
Seine Frau hatte gegenüber den Psychiatern in der Klinik über ihre Ehe ausgesagt, Hamsun habe sich aufgrund ihres "Verrats" von ihr getrennt. 1950, nach ihrer Haft, fanden sie wieder zusammen, zwei Jahre später starb er 92-jährig.
Zuvor war Hamsun noch ein letztes Mal als Schriftsteller auf den Plan getreten: In "Auf überwachsenen Pfaden" (1949) schildert er seinen Aufenthalt in der Klinik und in einem Altersheim nach dem Krieg - wohl die listigste Form der Exkulpation, die sich denken lässt:
Hendrik Lund. "Christian Sinnding, Gunnar Heiberg und Knut Hamsun", 1926 (Hamsun rechts).
Listigste Form der Exkulpation
Ganz im altvertrauten Hamsun-Sound schreibt er, in der Rolle des kauzigen Alten, der nicht versteht, warum man ihm seine Aufrichtigkeit übelnehmen sollte, und der sich mit allen einfachen, aufrechten Menschen in seiner Umgebung prächtig versteht. Das Ganze ist zu kunstvoll gestaltet, ja, zu raffiniert, um der Diagnose Senilität Glauben schenken zu können.
Rund sechzig Jahre früher, 1890, war sein erster großer Erfolg erschienen, der Roman "Hunger". Auch hier steht ein Exzentriker im Mittelpunkt, ein junger Mann, der als Schriftsteller hochfliegende Pläne verfolgt, aber absolut erfolglos ist und sich so hungernd durch Christiana - das spätere Oslo - schlägt, schließlich aufgibt und nach Amerika auswandert. Dazwischen liegen seine grotesken Versuche, der Umwelt seine Lage zu verbergen: Einem Hund, der bei einem Metzger einen Knochen gestohlen hat, jagt er nach, bei einem Liebesabenteuer versagt er kläglich aus körperlicher Schwäche, bei einer Familie, die ihn aus Mitleid zum Essen eingeladen hat, beobachtet er die gleichgültige Reaktion der Eltern darauf, dass ihre kleine Tochter den hilflosen Großvater quält, indem sie mit einem Strohhalm nach seinen blinden Augen sticht. So findet er sich wieder auf der Straße, seinen Hungerhalluzination ausgesetzt. Von dem Text geht ein intensiver Sog aus, entweder liest man diesen Roman in einem Rutsch oder man wirft ihn nach wenigen Seiten in die Ecke.
Vom Onkel drangsaliert
Knut Pedersen, so Hamsuns Taufname, wächst im Norden Norwegens auf, nicht weit vom Polarkreis. Sein Vater ist Schneider, die Eltern schlagen sich mühsam durch, den neunjährigen Knut geben sie notgedrungen in die Obhut eines Onkels, einem Ladenbesitzer. Der drangsaliert den Jungen, wo er nur kann; als er ihn nicht mehr prügeln kann, versucht der bigotte Pietist den Jungen mit künftigen Höllenqualen zu schrecken.
Lesen hat der Junge gelernt, stundenlang muss er in enger Stube dem versammelten Konventikel aus Erbauungsschriften vorlesen, die er sein Leben lang hassen wird. Doch bald wächst der Junge seinem Peiniger über den Kopf, verlässt ihn mit vierzehn. Er kommt zu einem anderen Kaufmann, dort gibt es Bücher, seine Rettung, er liest, was immer ihm unterkommt. Bald schwärmt er für Björnstjerne Björnson, damals der Größte unter den norwegischen Literaten (Nobelpreis 1903), im ganzen Lande aufs höchste verehrt.
Der junge Hamsun setzt sich in den Kopf, Schriftsteller zu werden. Seine Chancen sind gleich Null, aber er geht es an: sucht nach Mäzenen, schreibt Bettelbriefe, so eindringlich, dass sie erfolgreich sind, geht, wie damals so viele Norweger, 1882 nach Amerika, schlägt sich als Wegebauarbeiter durch und eine zeitlang als Straßenbahnschaffner in Chicago. Mit einer angeblichen TBC und einer geschätzten Lebenserwartung von sechs Monaten reist er drei Jahre später zurück nach Norwegen, die TBC erweist sich als Fehldiagnose, er reist als Vortragsleser, wobei er sich mit Vorliebe mit den Größen seiner Zeit, mit Ibsen und Strindberg anlegt, schreibt die Nächte durch und säuft tagelang mit Kumpanen, wenn er etwas vollendet hat. Schließlich wieder Bettelbriefe, nochmals nach Amerika und zurück.
Zahlreiche Masken
Nach der Veröffentlichung von "Hunger" war Hamsun eine europäische Berühmtheit, und sein Ruhm wuchs beständig. Im Jahre 1920 erhielt er den Nobelpreis für "Segen der Erde" (1917). Wenn man so will, ein frühes Blut-und-Boden-Stück. Aber war das wirklich ein hohes Lied auf das einfache Leben? Hatte er da eine seiner zahlreichen Masken aufgesetzt? Jedenfalls schildert er die harten und hässlichen Seiten des Lebens eines Bergbauern so eindrücklich, dass damit wohl kaum einer auf die Scholle zu locken war.
Noch dunkler sind die Farben in "Die Weiber am Brunnen" gewählt: Der Protagonist, ein ehemaliger Seemann, durch einen Unfall seiner Männlichkeit beraubt, für seine Umwelt eine lächerliche Gestalt, schlägt sich mit unversiegbarem Lebenswillen durch seine armselige Existenz. Das Leben hat immer Recht, weil es etwas anderes für den Menschen nicht gibt: Hamsun als einer, der sich am eigenen Schopfe aus dem Sumpf seines Nihilismus ziehen will. Da wittert man Nietzsche im Hintergrund, den Hamsun, wie fast alle Intellektuellen Europas, verehrte. Aber wie anders seine Botschaft als die Friedrich Nietzsches, des genialischen sächsischen Philosophen, der, schon fast in den Wahnsinn abgedreht, vorgab, mit dem Hammer zu philosophieren: nichts von Übermensch, nichts vom Willen zur Macht, nur der mal großartige, mal elende Lebenstrieb, sonst nichts.
Nein, das Leben pflegt nicht gut auszugehen
in Knut Hamsuns Romanen.
Schon in diesem Buch hat sich Hamsuns Erzählstil geändert: Seine Exzentriker stehen nicht mehr gleichsam isoliert da, auch die kleine, überschaubare Lebenswelt, in der sie agieren, wird in vielen Verästelungen geschildert, Hamsun gestaltet Gesellschaftspanoramen, die er häufig über mehrere Bücher und Generationen verfolgt.
Wie wenig er dabei bereit war, sich nach den Erwartungen des Publikums zu richten, zeigt die Landstreicher-Trilogie (1927-33). Im ersten Band erscheint der Protagonist August als der freie ungebundene Mensch par excellence, ein Tausendsassa, in allen Sätteln gerecht; nicht zuletzt deswegen wurde das Buch ein großer Erfolg. Im zweiten Band, "August Weltumsegler", kommt der Protagonist August als Weitgereister zurück in seine Heimatstadt und wirbelt sie durcheinander, indem er als Unternehmer den Fortschritt bringen will, unter anderem eine Immobilienspekulation auslöst, die zur allgemeinen Pleite führt - das liest sich heute wie die Prophetie der Finanzkrise, vorgeführt in der Nussschale.
Der sympathische August, so bekommt man allmählich mit, ist nichts als der entwurzelte Mensch der neuen Zeit. Im dritten Band schließlich ("Nach Jahr und Tag") ist der Gealterte als Alleskönner und Handlanger beim reichsten Mann des Ortes angestellt, immer noch hat er etwas von dem Frauenhelden, der er gewesen sein will, immer noch befasst er sich mit Projekten, aber es ist doch nur noch die mühselig aufrecht erhaltene Großspurigkeit eines Mannes, der seine besten Tage unwiderruflich hinter sich hat. Am Ende kommt August auf lächerliche Art zu Tode: eine durchgehende Schafsherde reißt ihn in den Abgrund.
Horror vor dem Alter
Das Leben geht nicht gut aus bei Hamsun. Die Lebenskurve seiner Figuren senkt sich unerbittlich - wenn sie nicht früh sterben - in physischer so gut wie in sozialer Hinsicht, nicht zuletzt nehmen die geistigen Kräfte ab, bis zur vollständigen Demenz.
Hamsun hatte sein Lebtag einen Horror vor dem Alter. In "Rosa" (1909) gibt es die Gestalt des alten Friedrich Mensa, einer von vielen ähnlichen Gestalten. Mensa liegt in seiner Kammer, die er mit seinem Gestank verpestet und damit seinem Zimmergenossen, der dort gnadenhalber untergekommen ist, das Leben vergällt. Er will einfach nicht sterben. Einmal versucht der andere, ihn unter dem Vorwand der Pflege durch kalte Umschläge umzubringen, doch das wird entdeckt, und bald ist Friedrich Mensa wieder wohlauf. Hamsun schildert es mit scheinheiliger Befriedigung. Auch hier die tiefe Ambivalenz, die alle seine Bücher durchzieht, selbst seine "romantischen" Romane wie "Pan" (1895) und "Viktoria" (1898). Sie war wohl eigentlicher Ausdruck seiner selbst.
"Unbändiger Wille, sich durchzubeißen."
Nein, Hamsun gehörte wohl nicht zu denen, die das Urvertrauen mit der Muttermilch eingesogen haben. Seine frühen Verletzungen hat er mehr schlecht als recht verwunden, er machte "das Beste" daraus, nämlich den unbändigen Willen, sich durchzubeißen. Nichts scheint er mehr gescheut zu haben, als durchschaut zu werden, vielleicht, weil er seine ursprüngliche Schwäche kannte und hasste, und lieber wollte er selbst gehasst sein, als an das machtlose Kind erinnert zu werden, das er einmal gewesen war. Der Liebe traute er nie ganz, immer musste er sie auf die Probe stellen. - Und sein Glaube? An Gott glaubte er nicht recht, in seinem Sohn sah er vielleicht einen Herzensbruder, doch keinen Erlöser.
So mögen die Ingredienzien ausgesehen haben, die ihn zu der eindringlichsten Wahrhaftigkeit befähigten, wenn es um die literarischen Gestaltung von Menschen ging und zu den größten Verbohrtheiten, wenn er sich auf das Gebiet der Weltanschauungen und Ideologien begab. Mit anderen Worten: Er verwandelte seine Neurosen in Genie, ein ewiger Wanderer und komischer August, hochfahrender Autokrat und heilloser Exzentriker. Als er sesshaft wurde, als man ihn als Präzeptor und Ikone verehrte, verlor er seine Mitte. Erstarrung war sein Verhängnis. So wurde er eine tragische Figur - und war's vielleicht von Anfang an, wer weiß das schon. Seinem großen Vorbild Björnson hatte er einmal in einer Fehde zugerufen: "Sie sind alt geworden, Meister. Schade, dass sie alt geworden sind." Groteskerweise galt das am Ende für ihn. Knut Hamsun bleibt aber ein großer Schriftsteller.
LITERATURHINWEISE
Von Knut Hamsun sind u.a. lieferbar:
"Hunger": Claassen Verlag 2009, Euro 19,90, DTV 2009 Euro 9,95 (TB)
"Mysterien": DTV 2004, Euro 11,50 (TB), List-Verlag, 2009, Euro 9,95 (brosch.)
"Pan": Manesse, Euro 17,90
Erschienen in zeitzeichen August 08/2009.
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