Kontrastreich
Raoul Schrott überträgt die Ilias
Das Menschliche steht in der Übertragung des Schriftstellers Schrott im Vordergrund - nicht ohne Anlass, waren schon bei Homer die Götter recht menschlich. Doch diese Note bringt Schrott oft ohne Rücksicht auf den Originaltext ein. Der hohe Ton wird kontrastiert durch Schnoddrigkeiten.
Der Zorn wirkt fort - und ansteckend, mag er im Verlauf von gut 2700 Jahren auch immer menschlicher erschienen sein. Als Homer in seiner "Ilias" vom Zorn des Achill schrieb, ging es um heiligen Zorn, schließlich ist der Held ein Sohn der Göttin Thetis. Der Anlass für sein Grollen war indessen schon immer menschlich: Agamemnon, Anführer des griechischen Heers vor Troja, hat ihm seine Kriegsbeute, die junge Briseis, weggenommen, die ihm eine gute (Bett-)Genossin war. Also zürnt Achill, zieht sich zurück, was die Griechen in Bedrängnis bringt; sein Freund Patroklos kämpft in Achills Rüstung; der trojanische Prinz Hektor tötet ihn, was Achills Zorn - und Trauer - noch mehrt. Er ruht erst wieder, als er Hektor besiegt und getötet hat.
"Singe den Zorn, o Göttin", übersetzte Johann Heinrich Voß den Beginn des Epos in seiner für die Goethe-Zeit maßgeblichen Fassung. Die wohl beste zeitgenössische Übersetzung, 1975 von Wolfgang Schadewaldt vorgelegt, beginnt mit den Worten: "Den Zorn singe, Göttin (...)". Raoul Schrott aber schreibt: "von der bitternis sing, göttin - von achilleus, dem sohn des peleus/seinem verfluchten groll (...)." Sind Groll und Bitternis nicht viel menschlicher, profaner als der alte Zorn?
Überhaupt das Menschliche, es steht in der Übertragung des Schriftstellers Schrott mehr im Vordergrund, nicht ohne Anlass, immerhin waren schon bei Homer sogar die Götter recht menschlich. Doch Schrott bringt seine menschliche Note oft ohne Rücksicht auf den Originaltext ein. Und das macht Altphilologen zornig. Die wohl prägnanteste fachliche Kritik stammt von Joachim Latacz. Ein "erschütterndes Kuriosum" und eine "trivialisierende Nacherzählung" nennt er Schrotts Projekt, das er anfangs beratend begleitete. Schrott, selbst kein Altphilologe, will gar keine echte Übersetzung geben, sondern erzählt tatsächlich nach; er lässt sich vom Urtext zu einer eigenen Fassung inspirieren, so hat er es auch schon mit dem Gilgamesch-Epos gemacht.
Das Projekt ist eine Auftragsarbeit des Hessischen Rundfunks; auch deshalb wird es medial so viel diskutiert und besprochen. Fragwürdig bleibt, dass Schrott seine nachdrücklich angezweifelten Thesen über Homers Heimat nun erneut in der Einleitung ausbreitet. Zweifelhaft auch die Interpunktion: Am Zeilenende steht grundsätzlich kein Komma, wodurch sich schon am Anfang die lächerliche Lesart "des peleus seinem (...) groll" ergibt.
Der hohe Ton kommt nicht zu kurz, er wird nur oft kontrastiert durch Merkwürdigkeiten und Schnoddrigkeiten: Da ist von "vögeln" und "abmurksen" die Rede, wird Athene als "ausgeschamtes Luder" tituliert und flucht der Göttervater ein "Himmelherrgottnochmal", wo Voß und Schadewaldt vom "unmutsvollen" Zeus schrieben. Dennoch wirkt diese Ilias meist ernst und um eine zeitgemäße Neufassung Homers bemüht.
Man streitet nun, ob sie Bildungsgut bewahren hilft oder einem wankelmütigen Zeitgeschmack unterwirft. Wer sie zu Ende liest, wird Letzteres aber nicht ohne Weiteres behaupten können. Bildung, so formulierte Hans-Georg Gadamer, sei die Fähigkeit sich in den Standpunkt eines anderen zu versetzen. Homer verstehen und nahekommen kann nur, wer ihn in seiner Andersartigkeit wahrnimmt und wahrnehmbar macht. Doch bekanntlich charakterisierte Gadamer Verstehen auch als "Horizontverschmelzung". So muss der heutige Kontext immer mit berücksichtigt werden, und dafür ist Schrotts Sprache wohl nicht das schlechteste Mittel.
Homer: Ilias. Übertragen von Raoul Schrott. Kommentiert von Peter Mauritsch. Carl Hanser Verlag, München 2008. 632 Seiten, Euro 34,90.
Erschienen in zeitzeichen 11/2008.
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