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Lust an der Freiheit

Margarethe von Trotta säkularisiert Hildegard von Bingen

Evamaria Bohle

Ende September ist Margarethe von Trottas Film "Visionen - aus dem Leben der Hildegard von Bingen" in die Kinos gekommen. Ein hochkarätig besetzter Klosterfim mit schönen Bildern - und ohne Visionen.

Vollmond über karger Landschaft. Blutig gegeißelte Rücken. Eine Kirche im schummrigen Kerzenlicht. Geisterhaft erscheinen die Fratzen in apokalyptischen Fresken an den kargen Wänden. Die Menschen in ihren farblosen Kleidern knien, kauern. Gefaltete Hän­de, Gesichter in Angst, in Entrückung. Man wartet auf nichts weniger als den Tod, das Ende der Welt. "Den nächsten Morgen wird keiner von uns mehr erleben", donnert der Priester. "Tut Buße!"

Szenenwechsel: Am Boden der Kirche schlummern die Dörfler aneinander geschmiegt. Es ist hell. Ein kleines Mädchen nestelt versonnen an einer Lumpenpuppe. Ein junger Mann erhebt sich, steigt über schlafende Leiber und stößt die Kirchentür auf, Tageslicht flutet hinein. Eine Vision? Er blinzelt, er kann es nicht fassen, er reckt den Arm: "Das ist die Sonne?!" - ruft er, noch zweifelnd.

Glaube als System ohne Alternative

Vision - aus dem Leben der Hildegard von Bingen hat Margarethe von Trotta ihren Film genannt, und sie braucht eingangs nur wenige eindrückliche Bilder, um die Welt zu skizzieren, in der die Geschichte ihrer Heldin spielen wird. Es ist eine fremde, ferne, von Kerzen durchflackerte Welt. Eine Welt, in der die Kirche Macht hat, auch wenn sie sich irrt. In der Bildung ein Privileg Weniger ist, und leuchtende Farben dem Adel, dem ho­hen Klerus und der Natur vorbehalten sind.

Vor allem aber entwirft sie das 12. Jahrhundert als eine Zeit, in der Glaube keine geistliche Haltung ist, für oder gegen die sich der einzelne Mensch entscheiden kann, sondern ein System ohne Alternative: Himmel, Höl­le, Fegefeuer sind mächtige Wirklichkeiten, Gebet und Buße nicht nur medita­tive Übungen des Geistes, sondern körperliche Erfahrungen von Schweiß, Schmerz und Blut. Religion hat mit Angst und Unterwerfung zu tun. Geistliches und Weltliches sind unentwirrbar ineinander verwoben.

Ihre erste Lektion im Kloster Disibodenberg bekommt die achtjährige Hildegard über die Wappen adeliger Familien, die das Kloster großzügig mit Ländereien beschenkt haben, die nächste darüber, dass Männer - auch die Klosterbrüder - sie nicht ansehen dürfen. Es ist Klischee, aber kunstvoll, wie es von Trotta gelingt, in wenigen prägnanten Szenen das Umfeld zu charakterisieren: fromm, machtbewusst und männerdominiert. Schnell gerät, wer sich nicht anpasst, in lebensbedrohlichen Konflikt mit geistlicher und weltlicher Autorität. Das ist der dunkle Hintergrund, vor dem Hildegard sich umso leuchtender abheben wird.

Diplomatisch riskant

Der Film erzählt chronologisch, erlaubt sich einen großen zeitlichen Sprung von Hildegards Kindheit in ihr 39. Lebensjahr, als sie zur Magistra der Schwes­ternschaft am Disibodenberg gewählt wird. Ihr Ruhm wächst: Hildegard, gespielt von Barbara Sukowa, wird als begabte Heilerin, Kräuterkundige und Lehrerin gezeigt, als Musiktherapeutin, Komponistin und kluge Äbtissin.

Und sie hat Visionen von Gott, kosmologische Gesichte über die Zusammenhänge des Lebens, wie sie ihrem Beichtvater, dem Mönch Volmar anvertraut. Um sie aufschreiben zu dürfen, braucht sie die Erlaubnis der Kirche, sucht diplomatisch riskant an ihren direkten Vorgesetzten vorbei die Unterstützung des einflussreichen Zisterzienserabtes Bern­hard von Clairvaux und bekommt schließlich das päpstliche Placet.

Später gründet sie, gestützt von mächtigen Gönnern und gegen den Willen ihres Abtes, ein Frauenkloster. Hildegard gewinnt und verliert eine Freundin, erkrankt, gesundet, korrespondiert mit den Mächtigen ihrer Zeit und trifft sogar Friedrich I. Barbarossa, den Devid Striesow herrlich machtbewusst in Szene setzt. Sie verheißt ihm die Kaiserwürde. Der Film endet mit dem Aufbruch zu ihrer Predigtreise.

Ein großartiges, facettenreiches Leben war das, dessen Ruhm bis in unsere Tage nachklingt, und darum ist es sehr schade, dass den Film keine wirklich großartige Idee trägt, wie und wa­rum dieses Leben heute in Szene gesetzt werden könnte. Von Trotta erzählt konventionell, und die erstaunliche Geschichte plätschert in schönen, fast zu schönen Bildern dahin - gedreht wurde unter anderem in den Klöstern Maulbronn und Eberbach. Man spürt, wie schwer es ist, gegen das Nonnenhabit, das ja die Individualität zum Verschwinden bringen soll, anzuspielen. Selbst eine so begabte Darstellerin wie Hannah Herzsprung als Hildegardvertraute Richardis von Stade ist damit gelegentlich überfordert, die anderen Schwestern, auch die, deren Rollen über das Aufsagen von Kräuternamen hinausgehen, bleiben als Persönlichkeiten fast unsichtbar.

                                                    Verletzlichkeit und Würde

Vorhersehbar ist, was geschieht - und das ist das eigentlich Irritierende bei einem Film über eine Frau, die für ihre Zeitgenossen alles anderes als vorhersehbar war. Mag sein, dass die Sympathien und Antipathien von Anfang an zu festgezurrt sind: Die Kirchenmänner sind bis auf den ebenso getreuen wie treuherzigen Bruder Volmar (Heino Ferch) von bärbeißiger und machtgieriger Strenge, Hildegard - ihrer Zeit voraus - geht den Weg einer mutigen, tatkräftigen Weisen, die - bis auf wenige Ausnahmen - ihre Gefühle wohltemperiert unter Kontrolle hat.

Und obwohl es der hochpräsenten Barbara Sukowa immer wieder gelingt, ihre Figur in einer vitalen Spannung von Verletzlichkeit und Würde zu halten, so dass einen das Nonnengewand nicht mehr ablenkt vom atmenden, denkenden und empfindenden Menschen, der sich darunter verbirgt, fragt man sich doch leise gelangweilt, warum man sich für Hildegard von Bingen heute interessieren sollte? Als Lehrstück über den Lebensweg ei­ner außergewöhnlichen Frau? Reicht das als Zugang?

Religiosität als
zeitbedingte Äußerlichkeit

Margarethe von Trotta interessiert in der Tat die unangepasste Frau, die sie in der begabten Äbtissin erkennt. Schon in den Achtzigerjahren habe sie erste Szenen geschrieben, liest man im Pressematerial. Damals feierte die preisgekrönte Regisseurin Erfolge mit Die bleierne Zeit (1981) und Rosa Luxemburg (1986), beide mit Sukowa in den Hauptrollen. Doch damals gab es für einen Filmstoff, der so von katholischer Religiosität durchdrungen war, keinen Markt und keine Geldgeber. Heute scheinen Produzenten das anders zu sehen, doch von Trotta interessiert an ihrer Heldin wie schon in den Achtzigern vor allem die Kämpferin. Deren Religiosität liest die 67-jährige Filmemacherin, die auch das Drehbuch geschrieben hat, allein als zeitbedingte Äußerlichkeit. Sie wird dem Willen zur Freiheit dienstbar gemacht.

Eine mögliche Lesart ist das sicher, trotzdem ist bedauerlich, dass das Wagnis, sich dem religiösen Geheimnis der schon früh heilig gesprochenen Hildegard mit Neugier anzunähern, nicht eingegangen wird. Ihre Visionen, diese besondere Begabung und Quelle ihrer Autorität, spielen nur am Rande eine oberflächliche Rolle. Und die religiöse Herausforderung, die ihre Gesichte damals bargen und für religiöse oder spirituell neugierige Menschen heute noch bergen, verpuffen als Mittel zum Zweck im Machtkampf mit der Institution.

Im Grunde, trotz Klosteratmosphäre, Gebetsgesten und Feuerauge am Himmel säkularisiert von Trotta die Visionen ihrer Protagonistin. Hildegard von Bingen schrumpft auf das immer noch eindrucksvolle Maß einer frühen Kämpferin für eine ganzheitliche Medizin, einen bewussten Umgang mit den Elementen und der Schöpfung, für Frauenbildung und den Mut, sich gegen eine anscheinend allmächtige Institution aufzulehnen.

Frauen haben Lust an der Freiheit -
das ist die Botschaft.

Dass Frauen eine Lust an der Freiheit haben, auch im Mittelalter, ist die Botschaft, die Margarete von Trotta von der adeligen Ausnahmenonne des 12. Jahrhunderts empfängt, und die kleidet sie in ansprechende, mitunter berührende Bilder und Klänge. Eine Annäherung an eine uns eben auch sehr ferne fromme Frau des Mittelalters ist es nicht. So ist es nicht nur bildsprachlich folgerichtig, wie von Trotta ihren Film enden lässt: die Äbtissin verlässt ihr Kloster, um auf eine Predigtreise zu gehen. Sie reitet ins Offene, in eine bessere Welt, die immer noch vor uns liegt.

Erschienen in zeitzeichen Oktober 10/2009.

 

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